Hattingen: Bürgermeister Dirk Glaser seit einem Jahr in Amt und Würden

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Seit einem Jahr ist dies der Schreibtisch von Bürgermeister Dirk Glaser - wenn er denn hier sitzt. Weit über 800 Termine hat das Stadtoberhaupt im Laufe des vergangenen Jahres wahrgenommen. Foto: Römer
Hattingen: Rathaus |

58,38 Prozent. Das war ein deutliches Ergebnis bei der Bürgermeisterwahl 2015. Zum ersten Mal hatte mit Dirk Glaser ein Parteiloser das Amt des Bürgermeisters der Stadt Hattingen errungen. Gleichzeitig wurde durch ihn die jahrzehntelange "Vorherrschaft" von SPD-Bürgermeistern gebrochen - der Unterstützung von CDU, Grüne und FDP sei Dank.

Seit dem 21. Oktober 2015 ist er nun Bürgermeister der Stadt Hattingen, ein "Bürger-Bürgermeister", wie sich Dirk Glaser gerne selbst bezeichnet. Dass der 58jährige nah an den Bürgern seiner Heimatstadt ist, wo er 1979 am Gymnasium Holthausen Abitur machte, zeigt ein Blick in seinen Terminkalender: Unter den genau 831 Terminen seines ersten Jahres im Amt stehen 180 Gespräche mit Bürgern und 107 Wochenend-Termine, die zum großen Teil ebenfalls eng mit der Bürger-Begegnung verknüpft sind, unzählige Gespräche auf der Straße.
Im Lokalkompass-Interview blickt der erste Bürger der Stadt zurück auf sein erstes Amtsjahr.

Lokalkompass: Herr Glaser, wie haben Sie und Ihr privates Umfeld Ihr erstes Jahr als Bürgermeister wahrgenommen?
Dirk Glaser:
Es war ein faszinierendes Jahr mit neuen Erkenntnissen und Kontakten auf allen Ebenen in einem unglaublich schnellen Rhythmus. Im Stundentakt gibt es für mich völlig neue Themen. Aber ich habe meinen Entschluss, Bürgermeister meiner Heimatstadt zu werden, nicht bereut - auch wenn die Aufgabe bei all ihrem Reiz sehr arbeitsintensiv ist. Wenn andere Feierabend oder Wochenende haben, bin ich meistens immer noch bei der Arbeit. Das ist für mein familiäres Umfeld zwar nicht einfach, aber durch meine frühere Tätigkeit als Filmemacher ihm auch nicht unbekannt. Da war ich oft wochenlang überhaupt nicht da. Jetzt bleibe ich wenigstens in der Gegend.
Gewöhnungsbedürftig war für mich trotz meiner Aufgabe früher als Geschäftsführer der Südwestfalen Agentur GmbH mit Sitz in Olpe, die die Regionale 2013 organisierte, dass ich plötzlich für vieles Verantwortung trage: für Straßen, Finanzen, für Grundsteuern, für Grünanlagen, Wirtschaftsförderung, Bildung – für alles eben. Darauf sprechen mich die Hattinger auch zum Glück direkt und ohne Scheu an und ich kann mit Unterstützung meines Teams aus erfahrenen, motivierten Fachleuten die Belange angehen.

Wie fühlt sich denn der "Bürger-Bürgermeister" bei den Hattingern wahrgenommen?
Mit unseren Mitbürgern habe ich bei den vielen Bürgergesprächen überwiegend gute Erfahrungen gemacht. Für alle ansprechbar zu sein, das ist mir auch nach wie vor wichtig. Ich stelle mich jedem Gespräch und erhalte als Rückmeldung, dass die Menschen das gut finden. Als Hattinger sind mir ein Teil ihrer Sorgen und Aufreger ja auch nicht ganz unbekannt.

Im Schulterschluss mit der Hattinger CDU, den Grünen und der FDP sind Sie im Wahlkampf mit dem Ziel angetreten für "solide Finanzen durch zielgerichtete Haushaltsführung" zu sorgen. Sind Sie auf einem guten Weg zum Erreichen des Ziels?
Ich stehe nach wie vor zu diesem Ziel. Dazu haben wir in allen Fachbereichen zusätzliche Sparmaßnahmen ergriffen. Unsere Verwaltung hat keinen Wasserkopf, wie viele behaupten. Wir haben über 650 Stellen und ich weiß von Überlastungen, denn die Anforderungen steigen ständig seitens des Gesetzgebers durch neue Vorschriften oder Überprüfungen, die auch noch sorgfältigst protokolliert werden müssen. Das alles stellt uns teilweise vor Riesenprobleme und beschäftigt mich sehr. Viele rufen nach Stellenabbau. Aber wir können doch nicht einfach Leute entlassen. Arbeit haben wir, wie erwähnt, genug. In den vergangenen Jahren haben wir in der Stadtverwaltung 75 Stellen abgebaut, doch durch gesetzliche Verordnungen sind auch wieder welche hinzugekommen - beispielsweise im Bereich der Kindergärten oder bei der Feuerwehr.
Und wir dürfen ja nicht vergessen, dass wir uns in einem unglaublich engen finanziellen Korsett bewegen. Da stehen wir in der Pflicht zu sparen. Wir haben jetzt gerade unseren Haushalt 2017 eingebracht, über den die Politik jetzt noch entscheiden muss. Damit werden wir wieder das Sparziel für 2017 erreichen.
Dabei haben wir ja nur noch sechs Prozent an freiwilligen Leistungen. Der Städte- und Gemeindebund hält schon 15 Prozent für zu wenig. Unsere zwei Schwimmbäder und die Stadtbibliothek gehören dazu. Die werden wir auch nicht anpacken. Sie zählen für mich zur Lebensqualität in einer Stadt.

Sehen Sie denn noch anderswo Sparpotenzial?
O ja. Wir müssen die interkommunale Zusammenarbeit stärken, denn anderen Gemeinden geht es finanziell ebenfalls schlecht. Da sind wir mit zwei anderen Gemeinden auf einem guten Weg und starten mit einem gemeinsamen Rechnungsprüfungsamt. Daraus ergeben sich Einsparungen, eine bessere gegenseitige Vertretung und bessere Fortbildung der Mitarbeiter. In Zukunft wollen wir das auch auf andere Bereiche ohne Publikumsverkehr ausdehnen. Aber so etwas geht nicht von heute auf morgen.

Eine "Service-Optimierung für Bürger durch Digitalisierung" war ebenfalls eines Ihrer Wahlversprechen. Gehört dazu aber nicht auch im weitesten Sinne eine Übertragung der Sitzungen per Internet?
Wir sind ja dran am digitalen Bürgerbüro, das wird momentan entwickelt. In 2017 werden wir erste Ergebnisse vorweisen und dann hoffe ich auf eine schnelle Umsetzung.
Übertragungen der Sitzungen könnte ich mir persönlich gut vorstellen. Doch sobald nur einer der Mandatsträger dagegen ist, geht es eben nicht. Andererseits bin ich aber überzeugt davon, dass das irgendwann einmal kommen wird.

Und was wird aus der angekündigten Verbindung der beiden Industriegebiete Beul I und Beul II in Höhe der Bruchstraße?
Ich halte das für eine gute Sache. Deshalb sind wir momentan darüber im Gespräch mit den Eigentümern auch des früheren REWE-Zentrallagers. An der Entwicklung der Fläche arbeiten wir mit vielen Partnern. Zum Beispiel hat die Hochschule Kaiserslautern kreative Ideen eingebracht.

Die Stadtverwaltung ist ja immer noch der größte Arbeitgeber in Hattingen. Hier sollte es neue Arbeitszeitmodelle geben und eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf für die Mitarbeiter. Wie steht es damit?
Wir haben in diesem Jahr ein Ideenmanagment eingeführt. Damit suchen wir aus dem Kreis der Mitarbeiter Verbesserungsvorschläge, die bei ihrer Umsetzung honoriert werden.
Heimarbeit ist ein Thema, das in diesen Zusammenhang gehört. Wo es möglich ist, sind wir da im Gespräch.
Ein ganz wichtiges Thema in der Verwaltung ist der Punkt Gesundheit. Das haben wir aufgegriffen, denn wir haben einen enorm hohen Krankenstand - ein Problem vieler Stadtverwaltungen.
In die Zukunft gerichtet benötigen wir selbstverständlich für den Nachwuchs attraktive Arbeitsplätze. So viel zahlen wie die freie Wirtschaft, das können wir ja nicht. Aber die Arbeit in einer Stadtverwaltung wie der unseren ist je nach dem Talent des Einzelnen ja durchaus reizvoll.

Was, Herr Glaser, haben Sie sich als nächste Ziele konkret auf die Fahne geschrieben?
Für mich ist ein ganz wichtiger Punkt der interkommunalen Zusammenarbeit, in Sachen Finanzen für die Kommunen auch auf Bundesebene und überhaupt an allen Fronten zu kämpfen, damit das Finanzierungssystem der Gemeinden strukturell verändert wird.
Auch im Ausbau von Hattingen als touristischem Standort sehe ich durchaus noch Potenzial. Weiteres Gewerbe in Hattingen anzusiedeln ist sehr wichtig für die Stadt. Da sehe ich noch einige Möglichkeiten auf dem angesprochenen O&K-Gelände, dem REWE-Zentrallager oder auch anderen Flächen im Gebiet der Stadt. Leider sind wir nicht überall Eigentümer, aber mit denen im Gespräch.
Ebenfalls nicht aus dem Blick verlieren dürfen wir, Hattingen als Wohnort attraktiver zu machen. Da gibt es ja bereits gute Projekte wie die kommende Bebauung des Elsche-Grundstücks in der Südstadt oder die Renovierung der Südstadt durch die HWG, die sich ebenfalls im Eickhof in Niederwenigern engagiert.
Damit zusammen hängt auch unsere Unterstützung für die Bewerbung des Ennepe-Ruhr-Kreises und der Stadt Hagen gemeinsam um die Regionale 2022 oder 2025. Auch die Landesgartenschau im Ruhrgebiet 2027 wird nicht ohne Hattingen funktionieren.
Darüber hinaus verlieren wir die Probleme der Hattinger natürlich nicht aus dem Blick. Daher werden wir uns punktuell und im Rahmen unserer finanziellen Möglichkeiten um die Stadtstraßen und die Grünpflege kümmern. Das werden wir in engem Kontakt mit den Ortsteilen über die Ortsbürgermeister unter Beteiligung der Bürger machen.
Mein persönliches Ziel ist es nach wie vor, dass Hattingen langfristig wieder finanziell gesund dasteht. Außerdem freue ich mich über jeden Neubürgerempfang. Ich finde es klasse, wenn Leute nach Hattingen ziehen, weil sie es hier bei uns gut finden.


HINTERGRUND-INFOS

Dirk Glaser, geboren am 9. Juni 1958 in Bochum, aufgewachsen in Hattingen, wo seit 1979 sein Lebensmittelpunkt ist, Düsseldorf und Solothurn, Schweiz.
Studium der Publizistik, Politik und Sinologie in Bochum, parallel dazu Tätigkeit als Radio- und Fernsehjournalist für den WDR und Aufbau einer Produktionsfirma zunächst in Bochum. Zahlreiche Dokumentarfilme als Autor und Regisseur für das öffentlich-rechtliche Fernsehen.
Hörfunk- und Fernsehmoderator beim WDR (14 Jahre "Lokalzeit Südwestfalen"), Buchautor, Dozent, Moderator zahlreicher Veranstaltungen.
Geschäftsführer der Südwestfalen Agentur GmbH in Olpe mit 5 Landkreisen und 59 Kommunen.
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Martina Janßen aus Hattingen | 24.10.2016 | 23:19  
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