Hattinger Bürgermeisterin Dagmar Goch tauscht Traumjob gegen Ruhestand

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Macht „klar Schiff“ in ihrem Amtszimmer im Hattinger Rathaus: Noch-Bürgermeisterin Dr. Dagmar Goch. Foto: Römer
 
So sah die spätere Bürgermeisterin Ende der 80er Jahre ihrem Büro als Kulturbeauftragte der Stadt Hattingen aus. Foto: STADTSPIEGEL-Archiv
 
Ein Schreibtischbild von Dr. Dagmar Goch, Bürgermeisterin der Stadt Hattingen, aus dem Jahre 2007. Das Motiv aus der Hattinger Altstadt im Hintergrund hängt dort immer noch. Foto: STADTSPIEGEL-Archiv
Hattingen: Rathaus |

Ein Traumjob sei das Bürgermeisteramt für sie gewesen, daraus macht Dagmar Goch kein Hehl. Doch auch der schönste Traum geht einmal vorbei. Am kommenden Dienstag hat die Hattinger Bürgermeisterin ihren letzten offiziellen Arbeitstag.

„Hören Sie mal, wie das hier hallt“, sagt sie nach der Begrüßung in ihrem Amtszimmer und verweist auf die große Kiste voller Papiere und Akten auf einem Rollwagen. „Ich bin fleißig beim Aussortieren und Aufräumen.“
38 Jahre lang hat Dagmar Goch in einer Stadtverwaltung gearbeitet. Bis auf zwölf Jahre in Herne, wo sie Kulturdezernentin war, immer in Hattingen. Ab 1977 arbeitete sie nach ihrer Referendarzeit – sie hat Deutsch und Englisch auf Lehramt studiert – bei der Volkshochschule, die sie von 1984 bis 1992 leitete. Ihren langen Haarzopf, den sie bis dahin immer getragen hatte, den ließ sie erst in ihrer Herner Zeit abschneiden.
Zurück von dort kam sie nicht nur mit modischer Kurzhaarfrisur, sondern ab dem 13. Oktober 2004 auch als hauptamtliche Bürgermeisterin der Stadt Hattingen. Die Wahl hatte sie für ihre Partei, die SPD, gegen ihren späteren Ersten Beigeordneten und Kämmerer Dr. Frank Burbulla erst in der Stichwahl gewonnen. Trotzdem arbeiteten beide hinterher gerne und gut zusammen.
Geblieben sind aus den 26 Hattinger Jahren für Dagmar Goch zwei Aktenordner, die sie aus ihrem Büro mit nach Hause nehmen wird: einer voller Ausschnitte von Zeitungsartikeln über sie, ein weiterer mit Urkunden von Weiterbildungsmaßnahmen. Und ein aus silbernem Metall gefertigter Papierkorb. Den hatte sie sich zu ihrem 50. Geburtstag von ihren Herner Kollegen schenken lassen. Der Rest an Ordnern aus ihrem Büro – außer den Wandbildern – wird verbrannt oder wandert ins Archiv.
Die moderne Büro-Einrichtung in Stahlrohr und dunkler Glasplattenoptik bleibt für ihren Nachfolger Dirk Glaser. Sie stammt noch aus Herne, von wo Dagmar Goch sie mitgebracht hat.

"Ruhestand? Ich fühle mich momentan eher orientierungslos!"

Und jetzt der Ruhestand, die letzte Etappe vor dem Grab, wie sie lachend meint. Freut sie sich aufs Nichtstun? „Nein, überhaupt nicht!“, entgegnet sie energisch. „Ich fühle mich momentan eher orientierungslos. Von Morgens bis Abends Zeit zu haben ist mir fremd. Auch im Urlaub habe ich immer dafür gesorgt, dass jeder Tag durchgeplant ist. Als Bürgermeisterin lag mein Leben in der Hand von Birgit Motzkus aus meinem Vorzimmer. Jetzt muss ich alles selbst managen.“
Das Bürgermeisteramt habe sie immer mit Freude erfüllt, sie habe „machen“ können. Dass dazu nicht immer nur positive Erfahrungen gehören, sondern auch manche Angriffe, das sei eben so und müsse man wegzustecken lernen.
Dagmar Goch: „Neben dem Verlust der Gestaltungsmöglichkeit werde ich mein Team, meine Kollegen vermissen, mit denen ich den Tag verbracht habe. Das schweißt zusammen. Besonders in schwierigen Situationen und die hatten wir ja durch unsere finanziellen Nöte genug. Aber wir haben nie reagiert, sondern dennoch immer agiert und aus meiner Sicht auch viel für den Bürger erreicht: das Reschop Carré, die neue Heggerstraße und vieles mehr. Wir haben entgegen aller Prognosen sogar Bevölkerungszuwachs zu verzeichnen, weil wir der Stadt ein gutes Image gegeben haben. Wir haben zwar eine tolle historische Altstadt und das Hügelland, aber man muss erst etwas daraus machen. Und das ist uns gelungen.“

"Es ist mir gelungen, aus Hattingen eine Bürgerstadt zu machen"

Stolz ist Dagmar Goch auch hierauf: „In meinem Wahlprogramm hatte ich versprochen, aus dieser Stadt eine Bürgerstadt zu machen. Das ist gelungen. Jeder, der mich sprechen wollte, konnte das. Ich bin in die Stadtteile gegangen, habe mir vor Lebensmittelmärkten die Sorgen und Nöte der Hattinger angehört und versucht zu helfen. Neubürgerempfänge hat es gegeben, ich habe Mitmach-Aktionen angestoßen, die Freiwilligen-Agentur, die Weihnachtsbäckerei. Ich habe alles unternommen, um dieses Rathaus zu öffnen, weg vom reinen Verwaltungsmief. Das ist gelungen. Die Bürger bringen sich ein, haben viel selbst auf freiwilliger Basis in die Hand genommen, ein solidarisches Miteinander geschaffen, das ein Vorbild für unsere Jugend ist und sich hoffentlich weiter so entwickelt.“
Spuren, die sie in ihrer elfjährigen Amtszeit hinterlassen hat, sieht sie in der neuen Stadtbibliothek im Carré in der doppelten Funktion als Bildungseinrichtung und gut angenommenem Bürgertreff, was immer auch nur über engagierte Mitarbeiter gehe. Spuren seien aber auch die Stadttore, die ihrer Kenntnis nach genau wie die Eisenmänner bei den Stadtführungen immer auf großes Echo stießen. „Man muss eine Stadt auch lebendig und spannend halten. Dank unserer breit und gut aufgestellten Wirtschaftsförderung können wir neben den anderen Städten im Ruhrgebiet gut bestehen und sind bei den Arbeitslosenzahlen sogar weit unter dem Landesdurchschnitt. Obwohl viele das anfangs befürchteten, haben wir trotz des Reschop Carrés eine niedrige Leerstandsquote, weil viele Menschen in Hattingen einkaufen. Weitere wichtige Wirtschaftsfaktoren sind Hattingen als Gesundheitsstadt und das Stadtmarketing.“
Die Abgänge von Kone und Air Products seien für die Stadt fatal gewesen, zeigten aber, wie wenig Rat und Verwaltung bewirken könnten wenn große Konzerne Beschlüsse gefasst hätten. Aber glücklicherweise sei das leerstehende Karstadt-Gebäude ja inzwischen durch Kaufland mit neuem Leben gefüllt.

Jetzt erst einmal sechs Monate nach Berlin

Apropos Leben: Das „neue“ Leben von Dagmar Goch wird demnächst tatsächlich durch neues Leben gefüllt werden. Ihre Tochter erwartet im November ein Kind. Deshalb zieht Dagmar Goch jetzt für ein halbes Jahr zu ihr nach Berlin. Das Bürgermeisteramt sei keines für eine Familie, zu der neben der Tochter auch noch ihr Mann und ihr Sohn gehören, meint sie schmunzelnd, denn die komme immer zu kurz: „Aber jetzt bei meinem vierten Enkel, da nehme ich mir Zeit. Ich habe sie ja jetzt.“
Das geht schon am Montag los, wenn in ihrem Büro „alles auf links“ gedreht wird, denn Grundreinigung ist angesagt. Da hat sich Dagmar Goch einen Tag Urlaub genommen: Ihre zurzeit noch drei Enkel kommen aus Berlin zu Besuch. Der Dienstag ist ihr letzter Arbeitstag und sie möchte sich von allen Mitarbeitern in der Verwaltung verabschieden.
Ab Mittwoch heißt der neue Bürgermeister dann Dirk Glaser. Ihrem Nachfolger rät Dagmar Goch, aus Sicht der Bürger auf Probleme zu schauen und sich vor einer Entscheidung immer alle Positionen anzuhören und gleich wichtig zu nehmen, sich aber nie vereinnahmen zu lassen und nie Scheuklappen zu tragen.
Dirk Glaser wird am Donnerstag, 22. Oktober, 17 Uhr, in der öffentlichen Sitzung der Stadtverordneten vereidigt, die er anschließend auch zum ersten Mal als Bürgermeister leiten wird.
Und Dr. Dagmar Goch wird offiziell in den Ruhestand verabschiedet. Dann ist endgültig Schluss mit dem Traumjob.
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