Besinnliches von Arne Stolorz: "Mit Vergänglichkeit leben lernen"

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Arne Stolorz, Pfarrer der Ev. Kirchengemeinde Sprockhövel

Eines der wunderbarsten Gedichte überhaupt, das der Stimmung dieser Wochen eine Sprache gibt, ist Rainer Maria Rilkes „Herbst“:

Die Blätter fallen, fallen wie von weit, /als welkten in den Himmeln ferne Gärten; /sie fallen mit verneinender Gebärde. /Und in den Nächten fällt die schwere Erde /aus allen Sternen in die Einsamkeit. /Wir alle fallen. Diese Hand da fällt. /Und sieh dir andre an: es ist in allen. /Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen /unendlich sanft in seinen Händen hält.
Dieses Gedicht erzählt vom Fallen. Am Anfang vom Fallen der Blätter. Von dem, was wir seit einigen Wochen in der Natur beobachten können.
Das Fallen der Blätter im Herbst stellt uns den Lebenskreislauf der Natur deutlich vor Augen. Es steht eine Zeit bevor, in der die Natur ruht. Vor dem Fallen der Blätter haben die Bäume nochmals ihre schönste Farbenpracht entfaltet; als ob sie sagen wollten: „Lasst euch wärmen von den vielen Farben, die in der Herbstsonne warm leuchten. Bewahrt diese Farben in euren Herzen, um den Winter zu überstehen.“

Die Erinnerung an Herbstfarben

Die Erinnerung an die Herbstfarben soll uns durch dunkle Wintertage tragen, sie soll uns stärken, bis ein neuer Frühling kommt. Der Kreislauf von Erwachen und Ruhen, von Geborenwerden und Sterben, von Leben und Tod beginnt von vorn. Die ganze Natur ist von diesem Kreislauf geprägt.
Rilke schreibt: Und in den Nächten fällt die schwere Erde aus allen Sternen in die Einsamkeit. Ein bedrückendes, aber auch faszinierendes Bild. Des Nachts, wenn wir den Sternenhimmel betrachten, wird uns bewusst, dass die Erde eines von Millionen kleinen Blättern ist, die fallen, die in die Tiefen des Universums, in die Einsamkeit der Unendlichkeit fallen. Vergänglichkeit nicht nur der Natur, sondern alles Geschaffenen überhaupt wird hier zum Ausdruck gebracht. Die Erde fällt, fällt in den Weiten des Universums.
Und weiter: Wir alle fallen. Diese Hand da fällt. Nicht nur die Blätter vom Baum, nicht nur die Erde im Universum, sondern auch wir. Wir fallen. Wir sind vergänglich. Das wird uns gerade jetzt am Totensonntag mit der Erinnerung an die im zurückliegenden Kirchenjahr Verstorbenen schmerzlich bewusst.
Mit Rilkes Worten: Auch wir Menschen sind fallende Blätter. Auch wir sind in den Kreislauf der Natur, in den Kreislauf von Geborenwerden und Sterben eingebunden. Immer wieder begegnen wir mitten im Leben dem Fallen, dem Sterben, der Vergänglichkeit. Immer wieder werden wir daran erinnert, dass das Sterben zum Leben dazu gehört.

Trostlos und bedrückend

Trostlos und bedrückend wirken die Bilder, die Rilke da zeichnet. Und doch spüre ich auch Trost in diesen Worten: Und sieh dir andre an: es ist in allen. In unserer Trauer, in unserem Fallen verlieren wir den Blick für die Not der Menschen um uns herum. Aber wir sind nicht allein. Es ist in allen. Und das verbindet uns. Und das Wissen darum, dass wir in diesem Fallen verbunden sind, eine Schicksalsgemeinschaft sind, hat auch etwas Tröstliches.
Doch das ist noch nicht das Ende des Gedichtes.
Aus dem Ende des Gedichtes spricht das Vertrauen, dass es jemanden gibt, der über diesem Fallen steht, der der Vergänglichkeit nicht unterworfen ist. Unser Fallen hält er dadurch nicht auf. Im Gegenteil – er hat es so eingerichtet, dass alles diesem Kreislauf von Entstehen und Vergehen, von Geborenwerden und Sterben unterworfen ist. Das Fallen, das Vergehen gehört zum Leben dazu.
Doch wir sind im Fallen nicht auf uns alleine gestellt. Der ewige Gott ist da und hält jegliches Fallen unendlich sanft in seinen Händen. Die Verstorbenen, die uns vorausgegangen sind, schließt er sanft in seine Arme, und wir dürfen uns gehalten wissen in Gottes Hand. Unendlich sanft – so, dass wir es bisweilen kaum spüren, kaum glauben können. Unendlich sanft – so, dass wir in allem unserem Fallen nicht plötzlich auf einem harten Boden aufprallen.
Mit der Vergänglichkeit müssen wir leben lernen. Das Vertrauen, das wir in unserer Vergänglichkeit unendlich sanft gehalten werden, und die Hoffnung, dass nach jeglichem Herbst wieder ein neuer Frühling erwacht, möge uns trösten und uns helfen, auch dunkle Zeiten in unserem Leben durchzustehen.
Arne Stolorz, Pfarrer
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