Serie "Alt werden": Auch Behinderte werden älter

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Bewohnerin Marlis, Geschäftsführer Uwe Tillmann vom Tom-Mutters-Haus und die älteste Bewohnerin, Karin. Foto: Pielorz
Hattingen: Tom-Mutters-Haus |

Der medizinische Fortschritt macht es möglich: Auch Menschen mit Handicap werden immer älter. Und das stellt ganz besondere Anforderungen an Betreuer und die Einrichtungen, in denen diese Menschen leben.

Im Tom-Mutters-Haus der Lebenshilfe in der Schulstraße wohnen zur Zeit 21 Erwachsene zwischen 25 und 75 Jahren. Geschäftsführer Uwe Tillmann erklärt: „Ein Mensch mit Handicap muss nach der Gesetzgebung zwanzig Jahre gearbeitet haben, um eine EU-Rente zu bekommen. Früher haben unsere Bewohner in den Werkstätten für Behinderte gearbeitet und waren tagsüber nicht in der Einrichtung. Weil sie in der Regel nicht so alt wurden, kamen nur wenige von ihnen in den Genuss der Rente. Jetzt sind es bei uns schon sieben Erwachsene, die ihre Arbeitszeit erfüllt haben, Rente beziehen und den Tag völlig neu strukturieren müssen. Das hat auch Konsequenzen für die Einrichtung und ihre Angebote und natürlich auch Auswirkungen auf den Personalschlüssel. Statistisch betrachtet wird ein Pfleger auf zwölf verrentete Menschen mit Handicap gerechnet. Doch nicht erfasst wird damit, wie viel Betreuungs- und Pflegeaufwand pro Rentner tatsächlich erforderlich ist.“
Natürlich können die Menschen freiwillig länger als zwanzig Jahre arbeiten. „Das machen auch viele und bei manchen ist es auch so, dass sie das ruhig machen können. Es ist nicht zwingend einzusehen, warum junge Menschen mit Handicap nur zwanzig Jahre arbeiten müssen, um eine Rente zu beziehen. Das ist von Fall zu Fall absolut unterschiedlich. Man muss ja deutlich sagen, in der Regel wollen die Menschen nicht in einer Einrichtung wie die unsere leben. Sie tun dies, weil ihre Lebensumstände das notwendig machen. Sie haben alle eine gewisse Individualität und sie müssen sich einer Tagesstruktur unterordnen, die wir so persönlich wie möglich zu gestalten versuchen. Wer noch arbeitet, der muss natürlich zu einem bestimmten Zeitpunkt morgens angekleidet sein und gefrühstückt haben, weil er dann von einem Bus abgeholt wird. Wer nicht mehr arbeitet, hat durchaus die Möglichkeit, länger zu schlafen und zu einem späteren Zeitpunkt zu frühstücken.“

Anforderungen an Tagesstruktur ändern sich

Jeder Bewohner hat ein eigenes Zimmer, die meisten von ihnen mit einem eigenen Bad. Karin (75) ist die älteste Bewohnerin und lebt mit ihren zwei Wellensittichen zusammen. Sie kümmert sich gut um die Tiere. „Ich lese noch jeden Tag die Zeitung“, sagt sie. „Und ich spiele ,Mensch ärgere dich nicht‘ und ich gehe alleine in die Stadt und kaufe ein. Ich habe mir Schuhe und eine Hose gekauft“. Auch Marlis ist noch alleine unterwegs, hat sogar einen Freund und besucht diesen in der Stadt. Oder er kommt zu ihr und beide schauen gemeinsam Fernsehen. „Es gibt eine Tagesstruktur, aber keinen Zwang. Wir versuchen, die nicht mehr berufstätigen Bewohner einzubinden. Zum Beispiel beim Kochen. „Ja, gestern gab es Kartoffeln, Frikadellen und Kohlrabi“, berichtet Marlis. Sie hat geholfen. Oder sie gehen mit einem Mitarbeiter zum Einkaufen. „Die Welt hat sich hier in unseren Einrichtungen verändert. Dieses Haus hier wurde 1999 gebaut, da waren alle Bewohner körperlich recht fit. Heute, aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung, haben wir natürlich auch viele Hilfsmittel wie Rollatoren oder Rollstühle. Und wir haben auch mehr Menschen mit Demenz. Es ist nicht so, wie die Werbung es suggerieren will – hier sind nicht immer alle glücklich. Hier leben Menschen mit Ängsten und Sorgen und ihren persönlichen Marotten. Und manchmal haben die einfach keinen Bock auf irgendwas, sie wollen sich nicht unterhalten, sie wollen allein in ihrem Zimmer sitzen und auch nicht immer von uns bespaßt werden“, so Tillmann.
Früher, so sagt er, da habe ein Verweis „GB“ im Schwerbehindertenausweis für „geistig-behindert“ ausgereicht, um einen stationären Platz zu bekommen. Heute sei das anders, viele würden ambulant betreut. Andere wiederum lebten in der stationären Einrichtung. „Wer ambulant lebt, verursacht rund ein Drittel weniger Kosten“, so Tillmann. Die berechnen sich nach Schweregrad der Behinderung, nach Pflegeaufwand und sind in verschiedene Leistungsgruppen und Hilfebedarfsgruppen unterteilt. „Ich finde, dass hier in Deutschland schon ein großer finanzieller Aufwand betrieben wird, um behinderten Menschen ein gutes Leben zu ermöglichen. Wir stehen an der Spitze im Verhältnis zu vielen anderen Ländern. Ich weiß, manche sehen das anders. Aber für mich ist das so. Die Angehörigen werden im Vergleich zur Pflege in einer Altenhilfeeinrichtung nur sehr gering finanziell einbezogen.“
Auch Ausflüge und sogar kleine Freizeiten gehören zum Lebensalltag. „Morgen geht es in den Zoo“, verkündet Karin. Sie freut sich darauf und es sind nicht die großen Tiere, die sie begeistern. „Ich freue mich auf die Vögel“, sagt sie und berichtet von ihren beiden Wellensittichen „Peter“ und „Rocky“. Auch Meerschweinchen hat es im Tom-Mutters-Haus schon gegeben und ein Aquarium. „Mit Hunden und Katzen wäre das schwierig, aber Tiere, die bei den Bewohnern auf dem Zimmer leben können, das geht gut“, so Uwe Tillmann. Dann werden die Ausflugsziele aufgezählt: Berger Hof, Schokoloadenmuseum in Köln, Allwetterzoo Münster, Kemnader See, Baldeneysee, aber auch Freizeiten nach Holland. „Unsere Türen sind nicht verschlossen. Und wir bemühen uns, den Bewohnern individuell bei ihrer Lebensgestaltung zu helfen. Dabei wird akzeptiert, wenn ein Angebot von uns einfach mal nicht angenommen wird. So etwas kommt vor. Wir basteln auch mit den Bewohnern, wir sitzen mit ihnen zusammen, aber manche mögen sich auch mal zurückziehen.“
„Ich gucke gern Rosamunde Pilcher“, verkündet Karin. Fußball dagegen will sie nicht sehen. Eine Bewohnerin liebt Märchen und kennt sie fast alle auswendig. „Es ist eigentlich bezogen auf die letzten Jahre eine neue Erfahrung, dass Menschen mit Handicap ein hohes Alter erreichen. Sie sind auch im Alter Bestandteil unserer Gesellschaft und haben ihre Bedürfnisse und Wünsche. Wir müssen ständig lernen, damit umzugehen und unsere Strukturen dem anzupassen.“
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