90 Jahre Blinden- und Sehbehindertenverein: Nicht aus den Augen verlieren

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Mitglieder des Blindenvereines Hattingen/Sprockhövel. Foto: Pielorz
  Hattingen: Diergardts Kühler Grund |

Der Blinden- und Sehbehindertenverein Hattingen/Sprockhövel ist neunzig Jahre alt. Gegründet wurde er am 1. April 1926. Heute hat der Verein 31 Mitglieder und trifft sich regelmäßig zu Veranstaltungen. Neben der Jahreshauptversammlung gibt es einen Sommerausflug, ein Grünkohlessen und eine Adventsfeier. Außerdem treffen sich einige Mitglieder zum Kegeln oder zum Laufen, früher ging man auch schwimmen. 26 der insgesamt 31 Mitglieder sind über 60 Jahre alt. Einige von ihnen sehen nichts mehr, andere sind nur sehbehindert. Der Verein freut sich aber auch über sehende Mitglieder, die Aufgaben im Verein, zum Beispiel die Schriftführung, übernehmen würden. Vorsitzender des Vereines ist seit 2007 Ingo Arnst, der die Nachfolge von Heinz Hennen und Wilma Großeberkenbusch antrat.

Die heute achtzigjährige Wilma Großerberkenbusch erkrankte mit zehn Monaten an Hirnhautentzündung und erblindete in der Folge davon im Alter von vier Jahren. „Das wusste man damals aber nicht, wie das eben alles zusammenhing“, erzählt sie. Sie sei damals schon mit sehenden Menschen zur Schule gegangen. „Ich wurde schon inklusiv beschult, wie das heute heißt“. Mit 15 Jahren habe sie Lesen und Schreiben gelernt, habe eine Ausbildung zur Bürokauffrau absolviert und viele Jahre in einem Hattinger Unternehmen gearbeitet. „Als Urlaubsvertretung sogar noch bis zu meinem 65. Lebensjahr“, sagt sie stolz. In der Blindenschule habe man sie auf den Verein aufmerksam gemacht. „Ist ja alles lange her. Wir mussten für das Blindengeld noch kämpfen“, erzählt sie. Das ist zum Ausgleich blindheitsbedingter Mehraufwendungen gedacht und abhängig von landesrechtlichen Regelungen und unabhängig von Einkommen und Vermögen. In NRW gibt es je nach Alter des Betroffenen monatlich zwischen 305 und 473 Euro. Oft reicht der Betrag aber nicht aus für die Hilfen, die man nutzen könnte. „Ich habe beispielsweise eine sprechende Küchenwaage. Die kostet ein Vielfaches wie die normale Waage. Ich lebe nach dem Tod meines Mannes allein in meiner Wohnung, ich koche und backe noch und bin vor kurzem auch noch alleine mit dem Bus unterwegs gewesen“, erzählt Wilma Großeberkenbusch.
Sie habe es mit dem Verein auch durchgesetzt, dass Tiefkühllieferanten eine Hör-CD gestaltet haben, die die Angebote auch für Blinde deutlich macht. „Hilfe brauche ich bei Flecken oder beim Fensterputzen, weil ich nicht mehr auf eine Leiter steige“.

Gemeinsam Erfahrungen austauschen

Gabriele Trede (56) ist noch sehend und im Vorstand des Vereines. Sie trägt Kontaktlinsen und ihre Sehbehinderung begann bereits im Kindesalter. Die Blindenschrift hat sie erst mit 50 Jahren erlernt. „Es wurde einfach wichtig. Ich habe Konditorin gelernt und viele Jahre in dem Beruf gearbeitet. Zuletzt habe ich im Krankenhaus gearbeitet, bin aber seit einem Jahr erwerbsunfähig, weil ich die Patienten nicht mehr erkennen konnte. Seit zehn Jahren bin ich im Verein, der mir oft mit Rat und Tat zur Seite gestanden hat. Ich habe viel gelernt. So gibt es beispielsweise Bücher als Hörbücher für Blinde, die man unabhängig vom Verein bei der Westdeutschen Blindenhörbücherei in Münster ausleihen kann. Die Erfahrungen der Vereinsmitglieder sind wichtig und es ist auch schön, persönlichen Kontakt mit ihnen zu haben.“
Das ist auch Kristin Thobor (28) wichtig. Sie ist das jüngste Vereinsmitglied und gern unter Menschen. Sie ist Diabetikerin und aufgrund dieser Erkrankung und eines „Grünen Stars“ sieht sie nur noch wenig. Die Blindenschrift zu lernen, fällt der jungen Frau schwer. „Die Zuckererkrankung schädigt die Nervenbahnen und durch die Messungen an den Fingerspitzen bildet sich dort oft Hornhaut, die das Tastvermögen für die Blindenschrift deutlich erschweren.“ Mit 23 Jahren erfuhr sie ihre Diagnose, machte gerade eine Ausbildung zur pharmazeutisch-technischen Assistentin. Die musste sie abbrechen. Viele Operationen und Lasereingriffe folgten, lange Krankenhausaufenthalte kamen dazu. Heute ist sie erwerbsunfähig. Tapfer versucht sie aber, dem Leben positive Seiten abzugewinnen – auch mit der Hilfe des Vereines, in dem sie Menschen trifft, mit denen sie etwas unternehmen kann.
Vorsitzender Ingo Arnst ist sich sicher: „Wir sind ja eine Selbsthilfegruppe. Wir müssen uns also selbst helfen. Jeder, der eine Brille trägt, kann theoretisch bei uns Mitglied werden. Das durchschnittliche Landesalter liegt nämlich bei 67 Jahren und wir freuen uns sehr über jüngere und auch sehende Mitglieder.“ Er selbst ist davon überzeugt, dass man bei aller Sinnhaftigkeit der Inklusion nicht-sehende Menschen nicht sofort und immer mit sehenden Menschen beschulen kann. „Ich möchte die Spezialschulen nicht missen“, sagt er. Wichtig ist aber auch: Die Inklusion ist nicht nur eine Aufgabe der Schulen, sondern der Gesellschaft. Sehende und nicht-sehende Menschen sollen wie selbstverständlich einander begegnen und sich helfen. Für die sehbehinderten oder blinden Menschen ist wichtig: Sie wollen Teil der Gesellschaft sein und dazu gehören. Man darf sie nicht aus den Augen verlieren.
Zur neunzigjährigen Feier des Vereines kamen Vertreter verschiedener Bezirksverbände sowie Dirk Glaser, Bürgermeister der Stadt Hattingen, und Werner Sauerwein als Stellvertreter von Sprockhövels erkranktem Bürgermeister Ulli Winkelmann.
Kontakt: Blinden- und Sehbehindertenverein Hattingen/Sprockhövel, Vorsitzender Ingo Arnst, Lüggersegge 27, 45527 Hattingen; Telefon 02324/962373, E-Mail: hattingen-sprockhoevel@bsvw.de;
Eine Beratung bei der Beratungsstelle „Wir sehen weiter“ findet in der Klinik Blankenstein, Im Vogelsang 5 bis 11, in Hattingen statt. Termine können unter Telefon 02324/681744 vereinbart werden.
Außerdem gibt es einen offenen Stammtisch für Mitglieder und Nichtmitglieder des Vereines am zweiten Mittwoch des Monats ab 16.30 Uhr in der Gaststätte Osteck, Oststraße 16, 45525 Hattingen.
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