1936: Holocaust in Heiligenhaus

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Luise Jacobs stellte viele Dokumente zum Schicksal ihres jüdischen Vaters, der 1936 in Heiligenhaus festgenommen und abgeführt wurde, in ihrem Buch „Der Mann mit dem Hut“ zusammen. (Foto: Ulrich Bangert)
Die Nacht vom 5. auf den 6. Dezember 1936 kann Luise Jacobs nicht vergessen: Es ist die Nacht, als ihr jüdischer Vater Artur in der elterlichen Wohnung an der Albert-Kiekert-Straße festgenommen und abgeführt wird.
Sichtlich ergriffen liest sie vor, was sie als Dreijährige erlebt und was sich für immer in ihre Erinnerung festgefressen hat. Luise Jacobs hat ein Buch über das Schicksal ihres Vaters und ihrer Familie geschrieben, das sie jetzt im Lesecafé der Stadtbücherei vor Schülern der Gesamtschule vorstellte.
Unter den Zuhörern kommt die Frage auf, wie es nur drei Jahre nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten dazu kam, dass die Heiligenhauser Bevölkerung dem Treiben tatenlos zusah. Eine Antwort gibt das Buch: Großvater Salomon Jacobs hatte zwar den Spitznamen „Blechjud“, aber er war beliebt, seine Klempnerarbeiten waren begehrt, er war Mitbegründer der Feuerwehr und samstagmittags traf man sich bei ihm im Garten, um über Politik zu reden, das Anwesen hieß im Volksmund „Reichstag“.
Nach dem Ersten Weltkrieg änderte sich die Situation: Die antijüdische Stimmung wuchs, es kamen immer weniger Kunden, schließlich blieben sie ganz weg. Die „Arier“, die dennoch Kontakte zu Juden pflegten, wurden massiv von den braunen Machthabern eingeschüchtert. Das musste auch Wilhelm Kuhlmann erfahren, der Salomon Jacobs nach dessen natürlichen Tod im September 1935 als bester Freund auf dem jüdischen Friedhof in Velbert die letzte Ehre erwies. Er wurde von der Polizei vorgeladen und erhielt eine eindeutige Warnung: „Wenn du Dich noch einmal mit diesen Scheißjuden einlässt, fährst Du ins KZ und zwar ohne Rückfahrkarte.“
„Nach der Machtergreifung war Heiligenhaus ziemlich dicht dabei“, stellte Bürgermeister Dr. Jan Heinisch fest und fordert die Gesamtschüler auf, sich in der unmittelbaren Umgebung ihrer Schule umzusehen. „Da sind die Reste des Ehrenmals zu sehen, einem Aufmarschplatz der Nazis, der ziemlich früh errichtet wurde.“
„Mit ihrem Buch leisten Sie einen Beitrag gegen das Vergessen“, wandte sich Heinisch an Luise Jacobs. „Sie haben viele Bausteine zu einem Bild zusammengetragen.“
In ihrem Buch „Der Mann mit dem Hut – für Artur Jacobs begann der Holocaust 1936 in Heiligenhaus“ hat die Autorin viele Dokumente zum Schicksal ihres Vaters zusammengestellt, dazu Briefe ihrer katholischen Mutter. Vier Monate nach der Reichskristallnacht verließ Luise Jacobs mit ihrer Mutter Maria und ihren beiden Geschwistern Heiligenhaus. In dem Buch beschreibt sie, wie sie in den Niederlanden das Dritte Reich überstand und vom Tod ihres Vaters erfuhr. „Ich hoffe, dass besonders viele junge Menschen dieses Buch lesen“, wünscht sich Luise Jacobs und gab gleich mehrere Exemplare an die Stadtbücherei.
„Der Mann mit dem Hut“ ist im Klartext Verlag Essen erschienen und über den Buchhandel erhältlich.
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