Die unsichtbare Mauer- Neujahrsempfang bei der Lebenshilfe KV Mettmann

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Dr. Peter Schmidt
 
Simon Köhnes
 
von links: Dr. Peter Schmidt, Nicole Reinhold-Dünchheim (Vorsitzende des Lebenshilfe e.V. KV Mettmann), Stephan Brune (Stellv. Vorsitzender des Lebenshilfe e.V. KV Mettmann)
Dr. Peter Schmidt berichtete auf dem Neujahrsempfang der Lebenshilfe aus seinem Leben als betroffener Autist.

Kreis Mettmann (jste). Zum Neujahrsempfang der Lebenshilfe e.V. Kreisvereinigung Mettmann konnte die 1. Vorsitzende Nicole Dünchheim neben den Mitgliedern und Freunden der Lebenshilfe, Mitarbeitern und Bewohnern auch wieder zahlreiche Damen und Herren aus dem öffentlichen Leben begrüßen, unter ihnen das „Ehrenmitglied auf Lebenszeit“ und langjährige Vorsitzende Hilde Weidenfeld mit ihrem Ehemann Walter sowie die ehemaligen Vorstandsmitglieder Karl Grone, Johannes Ehlen, Marion Brockerhoff, Edgar Geisler und Helmut Müssig. Dünchheim bedankte sich bei ihren derzeitigen Vorstandskollegen für die gute Zusammenarbeit im vergangenen Jahr und die Unterstützung des Neujahrsempfangs seit fünf Jahren durch den Gastgeber, das Ärztezentrum des St. Marienkrankenhauses Ratingen, vertreten durch den Geschäftsführer Ralf Hermsen.

Dünchheim machte einige Anmerkungen zum abgelaufenen Jahr. Obwohl der Alltag Vorstand, Geschäftsleitung und Leitungsteam oft an die Grenzen bringe, sei immer ein Ansprechpartner da, um gemeinsam nach Wegen und Lösungen zu suchen, um die täglichen Herausforderungen in den Griff zu bekommen. „Das ist keineswegs selbstverständlich, sondern eine ganz besondere Qualität der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Lebenshilfe. Für mich ist das ein ganz wesentlicher Grund, mich gerne in der Lebenshilfe zu engagieren. Herzlichen Dank Euch und Ihnen allen für diese Unterstützung.“

Erfolgreiche Special Olympics Wettbewerbe
Ein Highlight seien 2014 die Nationalen Special Olympics Wettbewerbe in Düsseldorf gewesen, an denen alle Bewohner als Sportler, bei wettbewerbsfreien Angeboten oder als Zuschauer dabei sein konnten und 44 Medaillen errungen wurden. „Wir danken unseren Sponsoren Alice Thormälen, der Flughafengesellschaft Düsseldorf, vertreten durch Felicitas Daum, und dem Geschäftsführer des Autohauses Jungmann, Lars Glindemann, für finanzielle Unterstützung und Sachspenden.“
Die Vorsitzende kündigte an, dass 2015 die beiden Sportlerinnen Sandra Edler und Sandra Petzoldt von der Lebenshilfe-Sportabteilung in der Disziplin Rollerskating mit ihrer Trainerin Gudrun Kronenberg an den Special Olympics Weltsommerspielen in Los Angeles/USA teilnehmen. Auch dafür gebe es die Unterstützung durch das Autohaus Jungmann als Sponsor.

Krisenmanagement bewältigt
Das hauptamtliche Team der Lebenshilfe habe im vergangenen Jahr ein ausgezeichnetes Krisenmanagement gezeigt, als es im Wohnheim Heiligenhaus eine schlimme Scarbies-Epidemie gegeben habe. Die Mitarbeiter hätten unter Leitung von Jörg Dornieden mit Unterstützung von Gesundheitsamt und Ärzten in Einsätzen bis in die Nacht das Schlimmste bewältigt.

Neue Aufgaben anpacken
„Das Leben der uns anvertrauten Menschen mit Behinderung auch 2015 weiterhin lebenswerter, vielfältiger und schöner zu gestalten, wird unsere Aufgabe bleiben.“
Nach den gesetzlichen Vorgaben müssten bis 2018 insgesamt 80% der Zimmer als Einzelzimmer vorgehalten werden, was vor allem Velbert und Langenfeld betreffe.
Die Realisierung werde mit dem Landschaftsverband diskutiert. Um die älteren Bewohner fachgerecht pflegen und versorgen zu können, werde geprüft, einen ambulanten Pflegedienst aufzubauen. Auch in Fragen der Kooperation mit den benachbarten Lebenshilfen wolle man weiterkommen, um voneinander zu lernen. „Bei der Zusammenarbeit mit den örtlichen Krankenhäusern geht es darum, dass unsere Schützlinge auch im Fall eines Krankenhausaufenthaltes von unseren Lebenshilfe-Mitarbeitern betreut werden dürfen“, wünscht sich Dünchheim. Dafür müsste ein Dickicht von Bürokratie und juristischen Fragestellungen geklärt werden. Ihre Ausführungen schloss sie mit einem Zitat der Behindertenbeauftragten der Bundesregierung, Verena Bentele: „Die Zukunft soll man nicht voraussagen wollen, sondern möglich machen.“

Niemand ausgrenzen oder diskriminieren
Der 2. stellv. Ratinger Bürgermeister Rainer Vogt betonte in seinem Grußwort, dass die Lebenshilfe „Menschen mit Behinderungen vom Rand der Gesellschaft in die Mitte geholt und wo es geht, integriert hat.“ Er berichtete, dass ihn beim ökumenischen Neujahrsempfang in Ratingen die Jahreslosung 2015 der christlichen Kirchen tief bewegt habe: „Nehmet einander an, wie Christus euch angenommen hat, zu Gottes Lob.“ Sie rufe uns alle dazu auf, niemanden zurückzulassen, auszugrenzen oder zu diskriminieren, egal ob es sich um Flüchtlinge aus anderen Kulturkreisen, Homosexuelle, Menschen mit Behinderungen oder andere Minderheiten in unserer Gesellschaft handele. „Und all denjenigen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, dafür zu kämpfen, dass diese Losung kein frommer Wunsch bleibt, sondern mit Leben gefüllt wird, gebührt unsere Anerkennung und unser Dank.“

Hoch interessanter Gastvortrag von Dr. Peter Schmidt
Faszinierend, lebendig, spannend und mit Humor gewürzt berichtete Dr. Peter Schmidt als Gastredner des Neujahrsempfangs und betroffener Autist über sein Leben in der Kindheit, Jugend und im Arbeitsleben. Der studierte und promovierte Geophysiker arbeitete zunächst wissenschaftlich in seinem Beruf und sattelte dann als IT-Consultant um. Schmidt ist verheiratet, hat zwei Kinder und erfuhr seine Diagnose „Asperger Syndrom“ erst 2007 mit 41 Jahren. „Wer ohne Wege gehen will, muss ohne Wegweiser auskommen“, ist sein Motto seit den jungen Jahren. Sich selbst vergleicht er mit einem Vogel, der beständig gegen etwas Unsichtbares - eine Mauer aus Glas - fliegt. „Schon als Kind war ich nicht einsichtig, dass es Sachen gibt, die ich nicht kann; Schuhe zubinden konnte ich erst in der Schule, im Laufen und Springen war ich spitze, andere Sportarten konnte ich überhaupt nicht.“ Es habe ein halbes Jahr gedauert, bis er wusste, wer zu seiner Klasse gehörte. „Ich war ‚sozial blind‘, so als wenn man zu einem Blinden sagt: Kannst du nicht genauer hingucken.“ Mit solchen Beispielen versuchte Schmidt den Zuhörern klar zu machen, dass Autisten eine andere Wahrnehmung haben. „Ich war in der Schule der Junge, der lange Zeit nur Einsen und Vieren schrieb.“ Schon frühzeitig hat sich Schmidt ein Erkennungssymbol zugelegt, das man auch auf Gedrucktem wiederfindet, nämlich eine Flagge mit Stern – „ich war ja der Junge vom Saturn“. Als es darum ging, Bausteine in einen Kasten zu sortieren, hat Schmidt einen Turm daraus gebaut, ähnlich wie der Eiffelturm. Der erste Eindruck in der Schule war deshalb: „Der ist etwas Besonderes“ versus „Der ist irgendwie komisch“.
Autisten freundliche Schulen haben Platz für Rituale, die nicht stören, aber Halt geben. Dazu gehörten auch stereotype Beschäftigungen. So habe er als Schüler Autonummern gesammelt, 80 Hefte hat er damit gefüllt.

Andere Wahrnehmung erfordert anderes Verständnis
Autismus äußere sich in einer kommunikativen Andersartigkeit mit Problemen im zwischenmenschlichen Bereich, abweichendem Sozialverhalten und stereotypen Beschäftigungen. Darüber hinaus findet man noch weitere Merkmale, die aber für sich allein genommen noch keinen Autismus darstellen. Ein „wörtliches“ Verstehen kann z. B. aus fehlender Erfahrung resultieren, nerdig sein auf eine Hochbegabung hinweisen, lärmempfindlich sein eine Hochsensibilität anzeigen und Angst vor Menschen in einer sozialen Phobie begründet sein.

Die andere Wahrnehmung zeigte sich auch im Berufsleben. „Mein Chef sagte oft: ‚Sie haben sich einen Bärendienst erwiesen‘, wenn ich den Kunden die Wahrheit erzählt habe, ohne ihn vorher zu fragen, im besten Glauben, das Richtige zu tun.“ Deshalb sagt Schmidt: „Es muss damit gerechnet werden, dass ich in bester Absicht auch (für andere) unschöne, aber überprüfbare Wahrheiten unverpackt sende.“ Verständnisvolle Kollegen (Chefs, Mitarbeiter, Kunden) sollten bestimmte Verhaltensweisen akzeptieren, zumindest aber tolerieren und gegebenenfalls Sonderrechte einräumen. Sein Fazit: „Einerseits lasse ich mich kaum in ein vorhandenes Schema pressen, andererseits wollte ich auch immer dazugehören, also Teil eines Ganzen sein.“ Deshalb wünscht er sich Integration, wo immer dies möglich ist, und Sonderbehandlung, wann immer es nötig ist. „Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, kann ich gute Ergebnisse erzielen.“ Schmidt kämpft dafür, dass Autisten auch einen Freiraum im Arbeitsleben haben. So erzählt er zum Beispiel: „Wenn ich früher mit dem Team essen war, machte ich danach manchmal eine Stunde Pause, denn die Kantine war für mich keine Pause und keine Erholung.“

Inklusion auch für Menschen mit Autismus
Autismus bezeichnet Schmidt als eine unsichtbare Behinderung. In seinem Buch „Kein Anschluss unter diesen Kollegen – Ein Autist im Job“ schreibt er zur vieldiskutierten Inklusion: „Inklusion bedeutet, jeden einzelnen Menschen so anzunehmen, wie er ist, und Normen so zu erweitern, dass Vielfalt Platz findet. Inklusion heißt dagegen nicht, Menschen so lange umzuformen, bis sie in eine vorhandene Norm passen.“ Schmidt wünscht sich die Berücksichtigung von Individualität, dass Menschen nicht austauschbar werden und für Kinder mehr Lebenspraxis in der Wahrnehmung und im Konfliktmanagement.

Den musikalischen Rahmen bestritt der 16jährige Musikschüler Simon Köhnes mit seiner akustischen Gitarre, der bereits erfolgreich an zahlreichen Wettbewerben teilgenommen hat.

Text und Fotos: Jürgen Steinbrücker.
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