Ins Verderben

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- Kurzgeschichte -


Ohne zu frühstücken ging Anja aus dem Haus. Sie hatte eine schlaflose Nacht hinter sich, aber auch eine Idee, die immer mehr Besitz von ihr nahm. Sie wusste, es war nur ein Strohhalm, aber sie klammerte sich daran.

Die junge Frau las nochmal die kurze SMS von Alexander, die sie am Nachmittag vor vier Tagen bekommen hatte: „Süße, ich kann heute früher abhauen, bin in fünfzehn Minuten bei dir.“ Einfache Worte, einfache Sätze. Einfache Handlung – die zwei Kilometer Entfernung vom Arbeitsplatz bis zur Wohnung seiner Freundin zurückzulegen. Aber so einfach es auch war – Alex kam nie an. Warum? Was geschah an diesem Tag?

Es war ja nicht mal der berühmt berüchtigte Gang zum Kiosk, um Zigaretten zu holen! Nein, er ging nicht von ihr, er wollte zu ihr. Und dann löste er sich einfach in Luft auf?

Anja fuhr bis zur Arbeitsstätte des 25-jährigen, stellte ihr Auto ab und machte sich zu Fuß auf den Rückweg. Sie wollte dieselbe Strecke gehen, auf der ihr Freund verschwunden war. Es war vielleicht der letzte kurze Abschnitt seines Lebens und möglicherweise fand sie doch einen kleinen Anhaltspunkt, etwas, was die Polizei übersehen haben konnte.

Als sie an der Stelle angelangte, wo am Straßenrand ein alter Nussbaum stand, packte sie plötzlich eine starke Unruhe, gemischt mit dunkler Ahnung – hier muss es gewesen sein, hier war etwas passiert … Anjas Atem beschleunigte, ihr Herz zog sich schmerzlich zusammen, die Sehnsucht nach dem Verschwundenen wuchs ins Unermessliche.

Sie betrachtete den Baumstamm … Da! … Da war etwas! Sie streckte vorsichtig die Hand aus und berührte den merkwürdigen, gräulich glänzenden Kreis, der – so perfekt wie er war – völlig fehl am Platz wirkte. Die Fläche unter ihren Fingern fühlte sich heiß und vibrierend an; ein unangenehmes Ziehen und Kribbeln breitete sich in Anjas Körper aus und für einen Moment wurde ihr schwarz vor Augen. Dann war der Spuk vorbei. Sie nahm rasch die Hand weg und drehte sich um.

Die Umgebung hatte sich merklich verändert. Die Farben waren viel intensiver geworden. Die Sonne strahlte vom blauen Himmel … War er nicht eben noch mit schwarzen Wolken verhangen? Anja blickte zu ihrem Haus, das nur noch wenige Meter entfernt war. Das Gebäude sah ebenfalls unnatürlich neu aus … Dann weiteten sich ihre Augen … Alex rannte aus dem Hof auf sie zu. Vor Überraschung und Freude hörte sie seine warnenden Rufe nicht, auch sein entsetztes Gesicht nahm sie nicht wahr, lief ihm entgegen und fiel ihm weinend um den Hals …

***

Jenseits dieses, akribisch nach Original erschaffenen Wohnsektors, stand eine Gruppe von Aliens und beobachtete das Szenario. Sie wieherten vor Begeisterung. Denn sie hatten nicht nur ein Exemplar dieser merkwürdigen Spezies Mensch, sondern gleich zwei davon und das Beste – ein Männchen und ein Weibchen im günstigsten Fortpflanzungsalter. Dadurch würden sich die experimentellen Möglichkeiten um Vielfaches erhöhen. Es war der alte Mror, der vorschlug, noch ein paar Tage zu warten, um auch das Weibchen zu kriegen.

„Ich hab euch doch gesagt – Menschen sind primitiv und diese ihre ‚Liebe‘ macht sie auch noch abhängig und blind; sie laufen wie von selbst in das eigene Verderben und … uns in die Falle.“

Der technisch so komplizierte und kostspielige Einsatz hatte sich mehr als doppelt gelohnt und sie konnten jetzt abziehen.
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