Jolka

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- Aus dem Buch "In der sibirischen Kälte" -

Winter in Sibirien …
Wer diese Worte hört, bekommt wahrscheinlich umgehend Gänsehaut und denkt sogleich an Eis, Frost, Pelzmantel, dicke Mützen und vermummte Gesichter.

Ja, der Winter in Sibirien konnte sehr kalt sein – das ist er sicherlich auch jetzt noch – 40° unter null war da keine Seltenheit. Und Schnee gab es von November an bis in den März hinein jede Menge – geradezu Berge, die sich auf der Dorfstraße auftürmten.
Wir Kinder freuten uns immer, wenn der Winter wieder begann. Kein Frost konnte uns erschrecken, an den waren wir gewöhnt; er nahm uns nicht den Spaß an den Schneehügeln mit Tunneln und Höhlen, an den Schneeballschlachten, den Schlittenfahrten. Außerdem standen uns zwei wunderbare Feste bevor, die es nur im Winter gab, die man sich ohne Schnee gar nicht vorzustellen vermochte – Weihnachten und das Neujahrsfest.
Im atheistischen Russland meiner Zeit wurde Weihnachten nicht gefeiert und wenn, dann nur im Familienkreis. Dagegen wurde das Neujahrsfest ganz groß geschrieben. Und wie die Kinder in Deutschland Weihnachten kaum erwarten können, fieberten auch wir – die kleinen Sibirier – voller Vorfreude Neujahr entgegen, warteten auf Djed Moros (Väterchen Frost) und selbstverständlich auf Geschenke. Kann man sich den Weihnachtsmann ohne Geschenke vorstellen? Mit Sicherheit nicht. So war auch Djed Moros ohne seinen geheimnisvollen großen Geschenke-Sack undenkbar.
Die Vorbereitungen für das Neujahrsfest (Jolka) begannen schon Anfang Dezember. In jedem Jahr veranstaltete die Grundschule für alle Dorfbewohner ein Konzert. Es fand gewöhnlich im Dorf-Klub statt. Ähnlich einem Gemeinde- oder Kulturhaus, bestand der Klub aus einem Saal, der schnell zum Kino-Raum oder in eine Spiel- und Sporthalle umgewandelt werden konnte, auch die Dorfverwaltung und die Post befanden sich in diesem Gebäude. Zu diesem Fest also wurde im Saal ein geschmückter, von Lichterketten umwundener Tannenbaum (Jolka) aufgestellt.
Es war ein aufregender Moment für die Kleinen, wenn zu Beginn des Festes alle im Chor nach Djed Moros riefen, der dann plötzlich auf der Bühne erschien – selbstverständlich in Begleitung seiner Enkelin Snjegurotschka (Schneemädchen) – und mit tiefer Stimme feierlich die magische Formel aufsagte: „Jolotschka saschgisj!“ (Tannenbäumchen leuchte!). Mit einem Mal verwandelte sich der auch ohnehin schon schöne Tannenbaum in ein leuchtendes, funkelndes, glitzerndes Prachtwerk. Die Kinder schrien vergnügt und klatschten in die Hände, was das Zeug hielt.
Dann wurde für Djed Moros gesungen, getanzt, wurden Gedichte deklamiert und Sketche aufgeführt. Der gutmütige, weißbärtige alte Mann belohnte jeden Künstler mit einer Kleinigkeit, die er aus den Tiefen seines roten Beutels herausholte.
Die meisten Kinder waren als Märchenfiguren verkleidet: Es gab Hasen, Füchse, Wölfe, Bären und jede Menge Schneeflöckchen. Das Kostüm eines Schneeflöckchens bestand aus einem weißen Kleid, verziert mit silbernen Sternchen und Ähnlichem, und – was ganz wichtig war – einer Krone. Es gab Kronen zu kaufen, aber viel aufregender war es, selbst eine zu kreieren. Eine einfache Anleitung dazu (aus meiner Kindheit): Man nehme ein Stück Pappe, zeichne darauf die Konturen einer Krone, schneide sie aus, klebe darauf eine Schicht Watte und auf die Watte, kunstvoll verteilt, alle möglichen glitzernden Teilchen (Perlen, Sternchen und die winzigen Scherben einer zerbrochenen Weihnachtskugel), befestige an beiden Enden des Streifens ein Elastikbändchen … fertig ist das Schmuckstück – die Schneeflöckchen-Krone.
Zum Abschluss des Jolka-Festes gab es die lang ersehnten Geschenke. Djeduschka Moros und Snjegurotschka verteilten Papiersäckchen mit Süßigkeiten an alle Kinder des Dorfes. Ob sie nun zur Schule gingen oder noch Babys waren, spielte dabei keine Rolle.
Wie kamen die Geschenke zustande, wer bezahlte sie? Das muss ich etwas eingehender erklären. Normalerweise zahlte jede Familie einen gewissen Beitrag an die Schule, je nach Anzahl ihrer Kinder, sagen wir je 3 Rubel. Das Elternkomitee hatte dann die Aufgabe, die Süßigkeiten zu besorgen. Das war keine leichte Sache. Eine große Auswahl an Bonbons, Pralinen und Schokolade gab es in Russland nicht. Wenn ich als Kind einen solchen Überfluss an Süßem wie hier im Supermarkt gesehen hätte, ich glaube, mein kleines Herz hätte das gar nicht verkraftet.
Zum Neujahr erhielten die Schulen allerdings einige Einkaufsmöglichkeiten mehr. Die erstandenen Leckereien wurden gerecht zugeteilt, so dass jedes Kind das Gleiche bekam – in Säckchen verpackt, die von den Schülern zu Hause hergestellt wurden. Wir benutzten dafür die Doppel-Blätter aus einem Schulheft, die wir an drei Seiten vernähten und dann mit Buntstiften bemalten. Aber ich erinnere mich auch noch an Tüten, die einfach aus Zeitungspapier angefertigt waren. Diese Bastelei war eine angenehme Hausaufgabe – man bekam ja schon bald von Väterchen Frost die prall gefüllte Papiertüte zurück. Erst später wurde das Papier durch Zellophan ersetzt und die Schüler mussten keine Säckchen mehr basteln.
War das aufregend, das Päckchen vom Djed Moros persönlich überreicht zu bekommen, den Inhalt dann zu Hause auf der Decke auszubreiten und ihn zu begutachten. So viele Köstlichkeiten auf einem Haufen – das gab es selten; und es waren auch immer welche dabei, die ich noch gar nicht kannte. Außer Konfekt befanden sich häufig Walnüsse (die mich nicht sonderlich interessierten) oder ein Apfel darin, manchmal sogar (oh Wunder!) eine Apfelsine.
Wenn ich heute meine Enkelkinder beobachte, wie sie die Pakete auspacken, die unter dem Weihnachtsbaum liegen, dann denke ich an die vergleichsweise bescheidene Tüte, die ich als Kind auspacken durfte. Ich kann jedoch keinen Unterschied zwischen damals und jetzt feststellen, was die Freude und Begeisterung betrifft. Wie meine Enkel im Jahr 2015 ihre vielen Geschenke bewundern, so bewunderte auch ich damals – im Jahr 1963 – die Anzahl der Schätze, die in ein einziges Papiersäckchen passten.

www.rosa-andersrum.de
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