Abiturienten: Lernen fürs Leben statt sofort an die Uni

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Till Linke (21), Bundesfreiwilliger an der OGS Wiesengrund in Iserlohn.
 
Lea Karoline Gorges (18), Bundesfreiwillige an der Waldschule MK in Letmathe.

Eigentlich hatte der jetzt 21-jährige Till Linke nach seinem Abitur am Stennergymnasium in Iserlohn ganz andere Pläne. Anders als bei seiner ehemaligen Mitschülerin Lea Karoline Gorges. Bei der 18-Jährigen hat sich ihr Wunsch noch verstärkt. Beide haben nach dem Abitur einen ähnlich ungewöhnlichen Weg eingeschlagen. Statt schnell ein Studium zu beginnen, um so jung wie möglich einen Abschluss zu erreichen, wollen sie lernen - aber fürs Leben und haben dies bis heute nicht bereut.

Die beiden Abiturienten haben sich im vergangenem Jahr für den Bundesfreiwilligendienst BFD entschieden. „Ich wollte einfach erst einmal reinschnuppern in die Berufswelt und sehen, ob meine Entscheidung die richtige ist“, erinnert sich Till Linke. Sie war es nicht.
Der 21-Jährige hat einen ganz besonderen Werdegang hinter sich. Er war Hauptschüler, wechselte noch in der fünften Klasse zur Realschule und erlangte dort seinen Abschluss mit Qualifikation. Weiter ging es zum Stennergymnasium; dort schafft er das Abitur. Sein Berufswunsch: Grundschullehrer. Den BFD gibt es seit 2011 wegen der Abschaffung der Wehrpflicht; er ersetzt den Zivildienst. Eine gute Gelegenheit für den Abiturienten, Berufsalltag kennenzulernen. Die Stadt Iserlohn informiert, hilft bei der Suche nach Plätzen in den Bereichen Pflege, Haustechnik und Ergotherapie des Seniorenzentrums Waldstadt Iserlohn sowie im Kulturbereich Iserlohn und im Bereich Kinder-Jugend-Schule und betreut die Bundesfreiwilligen. „In der OGS Wiesengrund habe ich dann mal angerufen und wurde noch am gleichen Tag zum Vorstellungsgespräch eingeladen - mit Erfolg. Eine perfekte Gelegenheit, in seinen Wunschberuf reinzuschnuppern. „Ich bin hier in ein echt tolles Team gekommen. Es macht total viel Spaß. Ich habe allerdings schnell gemerkt, dass das nichts für mich ist, aber mir die Arbeit mit den Kindern an sich richtig viel Spaß macht. Als Erzieher kann ich mich besser auf die Kinder einlassen und mich um sie kümmern als als Lehrer.“ „Unsere Bundesfreiwilligen, die wir hier haben, leisten immer tolle Arbeit. Der Vorteil ist nämlich, dass sie freiwillig zu uns kommen und daher auch motiviert sind; so etwas ist Gold wert“, sagt OGS-Leiter Marcel Tetzlaff.

Keine Zeit mit einem Studium vergeudet

Zu den täglichen Aufgaben des 21-Jährigen gehören unter anderem die Pausenaufsicht, die Arbeit in den Lernbüros, in denen die Unterrichtslerninhalte vertieft werden, Betreuung beim Mittagessen. Aber auch eigene Ideen sind gefragt. So versucht Till, den Kindern Hockey und andere Sportarten näher zu bringen.
Auch wenn die Bezahlung einem schlechten Taschengeld gleicht, er 21-Jährige ist froh, dass er diesen Weg eingeschlagen hat und somit keine Zeit mit einem Studium vergeudet, dass er niemals gebraucht hätte. Denn sein Wunsch, Erzieher zu werden, bleibt.
Bei seiner Mitschülerin Lea Karoline Gorges, die seit September 2014 in der Waldschule MK in Letmathe ihren Bundesfreiwilligendienst absolviert, hat sich der Berufswunsch Grundschullehrerin noch verstärkt. „Mein Entschluss für den BFD lag einfach daran, dass ich nicht schon wieder ‚nur‘ Theorie lernen wollte. Ich möchte hier erst mal Erfahrungen sammeln vor dem Studium und noch selbstständiger werden, und sehen, wie es ist, zu arbeiten. Für die Waldschule habe ich mich entschieden, weil ich immer schon gerne draußen war und im Wald.“ Sie baut mit den Kindern Insektenhotels, bastelt Tiere nach, macht Führungen, besucht mit den Pädagogen Schulen, und auch die Büroarbeit wie E-Mails beantworten und Einladungen verschicken gehören dazu.

Berufsentscheidung schwer ohne Praxis

Die 18-Jährige schwärmt: „Es macht riesig viel Spaß. Jeden Tag gibt es etwas anderes zu tun und man kommt rum und lernt andere Städte kennen, ist oft im Wald unterwegs und dadurch sogar noch körperlich fit. Richtig gut sind hier auch die Sprachcamps. Kinder, die sich wegen der wenigen Sprachkenntnisse bisher nicht getraut haben, Deutsch zu sprechen, sprudeln hier auf einmal los. Denn bei Spielen im Wald müssen sie sich ja mit den deutschsprachigen Kindern austauschen.“ Daher hat sich die 18-Jährige auch vorgenommen, das in ihr Studium zu involvieren. Viel gelernt habe sie außerdem über den Wald und dessen Pflanzen und Bewohner: „Klar, manches wusste ich hier vorher, ehrlich gesagt, auch nicht. Aber es gibt wirklich Kinder aus den vierten Klassen, die noch nie im Wald gewesen sind - und erst auch gar keinen Lust haben, dort hineinzugehen.“
Beiden haben diese Erlebnisse etwas gebracht und die Erkenntnis, dass ein Sprung in die Berufswelt oder die Entscheidung für einen Beruf ohne Praxiserfahrung schwer ist. Mit Sicherheit könnte solch ein Reinschnuppern in Berufe die Zahl der Studienabbrecher minimieren.
Informationen zum BFD gibt es im Netz unter www.bundes-freiwilligendienst.de sowie bei der Stadt Iserlohn unter www.iserlohn.de.
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