Erfahrungen in der Rollstuhlsport-Gruppe der Felsenmeerschule

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„Neuling“ Karola Schröter (mit Ball) hat es schwer, sich gegen die erfahrenen Rollstuhl-Sportler durchzusetzen.
 
Auch Alltagstraining - wie Bremsen und Befahren von Gefälle- und Steigungsstrecken wird im Sportunterricht geübt.

Man kennt das - vor allem, wenn man „vom Dorf“ kommt: Ein neues Mitglied taucht im Verein auf. Eine Weile wird es kritisch begutachtet und alle halten ein wenig Abstand, denn „sicher ist sicher“. Und wenn der oder die Neue dann noch ein wenig anders scheint als der Rest der Gruppe, wird es doppelt schwer, „warm“ zu werden mit ihnen. Aber dann kommt es doch ganz anders und man erkennt, dass es Menschen gibt, denen „anders zu sein“ unwichtig ist.

Ein wenig nervös erreiche ich die Felsenmeerschule in Hemer. Als Gast darf ich eine Stunde Teil der Ballsportgruppe sein. Grund meiner Nervosität ist nicht der bevorstehende Umgang mit einem Ball, sondern die Tatsache, dass sich das Ganze in einem Rollstuhl sitzend abspielt.
Kaum dort angekommen, verpasst man mir einen solchen und zwar einen extra für Ballsport geeigneten mit Schutzfußbügel. Erst einmal geht es zum Aufwärmen für alle in der Sporthalle darum, im Kreis zu fahren - mal vorwärts, mal rückwärts. Dass ich dabei mehrfach überrundet werde, nehme ich nur nebenbei wahr, denn ich habe damit zu kämpfen, beim Rückwärtsfahren nicht vor die Wand zu fahren.

Heile unten angelangt


Dann geht es auch schon nach draußen. Aufgabe: Den Weg vor der Schule hinunter und wieder herauf. Eine Schülerin bemerkt mein erschrockenes Gesicht und gibt mir den Tipp, mich beim Herabfahren nicht nach vorne zu lehnen. Während ich den Berg in Zeitlupengeschwindigkeit hinabrutsche, rast der Rest fröhlich an mir vorbei, dass es mir die Frisur durcheinander wirbelt. Heile unten angelangt - bereits jetzt merkend, dass sich die erste Blase an meinem Daumen bildet - wende ich in dem Rollstuhl und versuche, mich den kleinen Berg hinaufzurollen. Von irgendwoher schallt es „Versuch es rückwärts, sonst bleibst du weiter auf der Stelle stehen“. Der Versuch war noch weniger elegant. Dann rast eine Schülerin heran, bremst vor mir und fordert mich auf, mich bei ihr hinten an dem Stuhl festzuhalten, sie würde mich dann schon hochziehen. Ungläubiges Staunen meinerseits, ist das Mädchen doch „etwa die Hälfte von mir“. Irgendwann hab ich es dann alleine unter Schweißausbrüchen den Berg hinauf geschafft, mich aber direkt festgefahren und bin dazu noch in Schräglage geraten. Wieder einmal umgehend kommen Schüler angefahren und ziehen mich raus aus der Lage. Klar, ich hätte auch einfach aufstehen können, aber blamieren wollte ich mich vor den jungen Sportlern auf keinen Fall.

"Ich bin einfach zu langsam"


In der Halle dann geht es direkt weiter. Endlich kommt ein Ball ins Spiel. Ein Softball in der Größe eines Fußballs muss von einer Seite zur anderen gebracht und in Ringen versenkt werden. Der Versuch, mit meinem Team mitzuhalten, scheitert allerdings kläglich. Ich bin einfach zu langsam. Und die ersten zwei Minuten traut sich auch nicht wirklich jemand, mich anzuspielen - mein Handicap in Form der absoluten Nicht-Kontrolle über mein Fortbewegungsmittel ist wohl einfach zu groß. Aber auf einmal gelangt doch der Ball zu mir. Ich darf mitspielen.
Dann kommt der „Riesenball“ ins Spiel - dem einen oder anderen aus der Krankengymnastik bekannt. Zwei neue Teams werden gewählt, und ich bleibe nicht wie beim ersten Mal als Letzte übrig. Und auch angespielt werde ich wieder. Dieses Mal möchte ich es richtig gut machen für mein Team. Die Chance dafür ist da, der mächtige Ball rollt Richtung Tor. Nur ein Stoß und ich kann ihn versenken - falls die Torwartfrau nicht hält. Noch einmal Schwung geholt in dem Stuhl, die rechte Hand vom Rad gelöst und ausgestreckt, um den Ball zu erreichen, passiert es plötzlich: Anstatt einen Treffer zu landen, zieht es mich nach links, vorbei am Ball in die entgegengesetzte Richtung. Wie eigentlich beim anfänglichen Aufwärmen gelernt, hatte ich nicht bedacht, dass ich durch das Lösen der rechten Hand und das Festhalten an dem Rad mit der linken auch automatisch in diese Richtung lenke. Eigentlich auch logisch. Trotz dieser Peinlichkeit kein Gelächter von meinem Team oder den Gegnern. Im Gegenteil. Sofort gibt es wieder nette Tipps von meinen jungen Sportkollegen.
Am Ende habe ich einiges mehr gelernt, als ich zuvor erwartet hatte und den Beweis bekommen: Inklusion funktioniert, wenn man liebe Menschen um sich herum hat, die einen unterstützen bei dem, was man tut. Die Schüler der Felsenmeerschule haben mich akzeptiert, obwohl ich irgendwie anders und ihnen unbekannt war. Obwohl ich es nicht mal geschafft habe, beim Ballspielen geradeaus zu fahren, mich vorwärts wie eine Schnecke bewegt habe und übrigens beim Durchfahren einer Tür steckengeblieben bin, haben diese ganzen „Handicaps“ niemanden gestört. Mein „Anders sein“ hat keine Rolle gespielt. Und ich hatte so viel Spaß dabei, dass dies nicht mein erster und letzter Versuch im Rollstuhl-Ballsport gewesen sein soll.

Text von Karola Schröter

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