Ein Haus ohne Geschichte?

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In der Zeit des Kalten Krieges und der Kommunistenverfolgung erfüllte das Gefängnis seinen Zweck. (Foto: Stefan Kuhn)
 
Seit 1991 steht das Hafthaus in der Liste der denkmalgeschützten Bauwerke. (Foto: Stefan Kuhn)

Nur zweimal hat das Gerichtsgefängnis am Bergelmanns Hof, das sogenannte Hafthaus, in den vergangenen Jahren ein begrenztes öffentliches Interesse hervorgerufen. Zu Weihnachten 1993 hatte sich in dem zeitweilig als Abschiebegefängnis genutzten Gebäude der Sudanese Thomas Emanuel Tout in einer Zelle erhängt.

Im Zuge der geplanten Zusammenlegung der beiden Herner Amtsgerichte zu einem Justizzentrum sollte der sich an das Gerichtsgebäude anschließende Zellentrakt des ehemaligen Gefängnisses abgerissen werden, so dass auch das Arbeitsgericht seinen Sitz hierher verlegen konnte.

Diese Überlegungen scheiterten im 2010 aus Kostengründen und wohl auch wegen öffentlicher Kritik. Seitdem ist es ruhig geworden um das inzwischen ungenutzte und leer stehende Bauwerk, dessen Geschichte nie auf sonderliches Interesse gestoßen ist. Bisher gibt kein Hinweisschild oder eine Gedenktafel Auskunft über die fast 100-jährige Zwingburg. Dabei steht zu vermuten, dass der schmucklose Ziegelbau lokalhistorisch und sozialgeschichtlich von nicht geringer Bedeutung ist.

Der Abriss war vorgesehen, obwohl das Gebäude seit dem 12. Juni 1991 in die Liste der denkmalgeschützten Bauwerke eingetragen ist. Aber das hat nicht viel zu bedeuten, wie am Beispiel des ebenfalls unter Denkmalschutz stehenden ehemaligen Amtshauses Baukau an der Bismarckstraße seinerzeit zu besichtigen war. Dieses in Privatbesitz befindliche Gebäude stand jahrelang leer, wurde dem Verfall preisgegeben bis es nicht mehr zu retten war und nur noch abgerissen werden konnte.

Am 15. Oktober 1892 wurde das Amtsgericht Herne in einem ersten Gerichtsgebäude zunächst an der Bahnhofstraße mit seinem Richter Jost feierlich eröffnet. Drei Jahre später waren schon zwei Richter beim Amtsgericht tätig, im Jahre 1909 war die Zahl auf fünf angewachsen.

Dies führte dazu, dass das vorhandene Gebäude schon bald nicht mehr den Anforderungen genügte. So wurde bereits in den Jahren 1911 und 1912 im Zusammenhang mit dem Neubau des Herner Rathauses auch die Errichtung eines neuen Gerichtsgebäudes beschlossen. Mit dem Bau des angeschlossenen Gerichtsgefängnisses wurde im Oktober 1915, mit dem Bau des jetzigen Amtsgerichts im Februar 1916 begonnen. Das neue Gerichtsgebäude wurde im Juli 1921 unter dem damaligen Aufsichtsrichter Middelanis bezogen. Offenbar fällt die erstmalige Nutzung des Gefängnisses noch vor Fertigstellung des Gerichts mit dem Beginn der Revolution im November 1918 zusammen. Wenn dem so ist, würde das Herner Gefängnis 2018 auf eine 100-jährige Existenz zurückblicken.

Bekannt ist, dass die Aktivisten der aufstrebende Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung infolge von Streikbewegungen und politisch-sozialer Auseinandersetzungen nicht selten mit drakonischen Strafen, darunter auch Gefängnishaft überzogen wurden. Wo die Verurteilten unter welchen Haftbedingungen einsaßen und welche Rolle das Gerichtsgefängnis dabei einnahm, bleibt im Dunkeln. Es ist naheliegend, dass die Urteile im Landgericht Bochum oder im Amtsgericht Herne gesprochen wurden und die Verurteilten nach 1921 im Anschluss in aller Regel auch im Hafthaus eingesperrt wurden. Ebenso nahe liegt die Nutzung des Hafthauses in der Zeit der Ruhrbesetzung (1923/24) durch die französische Besatzung. Allerdings sind hierzu wie für die gesamte Zeit der Weimarer Republik aussagekräftige Quellen kaum aufgearbeitet.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit spielte das Hafthaus auch unmittelbar nach der Machtübertragung auf die Faschisten im Januar 1933 und spätestens im Rahmen der systematischen Verfolgungswellen nach dem Reichstagsbrand eine zentrale Rolle im Repressionsgetriebe der Nazis. Bekannt ist, dass am 28. Februar 1933, dem Tag nach dem Reichstagsbrand eine mehrere hundert Mann starke Formation aus SA, SS und Stahlhelm in unserer Stadt in Aktion trat. Durch weiße Armbinden als „Hilfspolizei“ gekennzeichnet und in ihrem Vorgehen durch den Bochumer Polizeipräsidenten gedeckt, nahm sie Dutzende von Kommunisten in „Schutzhaft“, schlug und folterte sie.

Neben Viktor Reuter wurden der Ortsvorsitzende des Gemeindearbeiterverbandes Ernst Radeke und der Betriebsratsvorsitzende der Stadtverwaltung und Stadtverordnete Otto Kuhn festgenommen und misshandelt. In der Nacht zum 11. März 1933 wurden in Herne führende Sozialdemokraten, unter ihnen der SPD-Listenführer zur Kommunalwahl Karl Hölkeskamp, der Parteisekretär Heinrich Crämer, der Sekretär des Metallarbeiterverbandes Zapp, der Rechtsanwalt Löbenstein und der Kaufmann Julius Romann aus den Betten verhaftet und den letzten Tag vor der Kommunalwahl im Gefängnis festgehalten. Naheliegend, dass es sich um das Herner Gefängnis handelt.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Antifaschisten, nachdem sie von SA und Polizei aufgegriffen waren und nicht selten die berüchtigten Folterkeller durchlaufen hatten, zunächst im örtlichen Gerichtsgefängnis und in den Zellen des Polizeipräsidiums festgesetzt wurden, um dann in der Folge häufig in Konzentrationslager oder Zuchthäuser verbracht zu werden.

So ist es dem stadtbekannten Kommunisten und Stadtverordneten Viktor Reuter ergangen, der nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 von einem Polizisten auf der Straße erkannt und festgenommen wurde. Er musste vier Monate in den Gefängnissen Herne, Hamborn und Brauweiler ohne Anklage verbringen. Am 22. April 1933 wurden die Eheleute Wilhelm und Elfriede Eichhofer, beide KPD-Mitglieder, in ihrer Wohnung am Grenzweg von der Gestapo verhaftet. Während Elfriede mit einem weiteren Verhafteten ins Hafthaus gebracht wurde, gelangte Wilhelm, aktiver Gewerkschafter und Betriebsrat im Herner Reichsbahnausbesserungswerk, ins Polizeigefängnis Recklinghausen.

Am 27. Oktober 1933 trat der Recklinghausener Kommunist und Vater von vier Kindern, Karl Rudolf im Gerichtsgefängnis Herne seine Haft an, bevor er vom Oberlandesgericht Hamm in einem Massenprozess wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Nicht anders erging es rassisch verfolgten, wie zum Beispiel Sinti und Roma, die im März 1943 aufgegriffen wurden, eine Nacht im Herner Polizeigefängnis verbrachten und am folgenden Tag vom Güterbahnhof Bochum-Nord ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert wurden.

Nach Kriegsbeginn diente das Gefängnis vornehmlich als Sammelstätte für flüchtige Ostarbeiterinnen des gesamten rheinisch-westfälischen Industriegebiets. Die Gestapo-Leitstelle Düsseldorf hatte im Mai 1942 verfügt, dass „entwichene und wiederergriffene Russinnen“ generell nicht in ein Arbeitserziehungslager eingewiesen, sondern für 21 Tage in vorläufige Schutzhaft genommen und zur Verbüßung ins Herner Gefängnis eingeliefert werden sollten.

Offenbar war das Gerichtsgefängnis in nicht unwesentlicher Weise in die Repressionsmaschinerie der Stapostelle Dortmund-Hörde eingebunden. Diese bestand aus drei Abteilungen: Verwaltung, Exekutive und Abwehr. Zur Exekutive gehörte das Referat „Fremdarbeiter“, das für die Bearbeitung von Angelegenheiten der ausländischen Arbeitskräfte zuständig war. Dieses Referat wurde wahrscheinlich Anfang 1942 in das „Westarbeiterreferat“ und das „Ostarbeiterreferat“ aufgeteilt. Es ist erwiesen, dass von der Stapostelle zahlreiche Verfahren wegen vermeintlicher Sittlichkeitsverbrechen insbesondere gegen Polen durchgeführt worden sind, die in fast allen Fällen in „Sonderbehandlungen“ mündeten. In 99 Prozent der Fälle wurde diesem Mordgesuch entsprochen. Der jeweilige Schlussbericht mit dem Antrag auf „Sonderbehandlung“ der Gefangenen, unterschrieben vom Stapoleiter oder dessen Stellvertreter, wurde schließlich an das RSHA Berlin geschickt, das über den Antrag entschied. Das dauerte meist sehr lange. Erst nach Monaten kam ein Fernschreiben aus Berlin, das in fast allen Fällen mit dem Satz schloss: „Sonderbehandlung genehmigt“, unterschrieben von Reinhard Heydrich oder später Heinrich Müller. In der Zwischenzeit wurden die Häftlinge aus dem Gefängnis Steinwache, das stets überfüllt war, in das Polizeigefängnis in Herne verlegt oder in ein Arbeitserziehungslager der Gestapo gebracht.

Auch die Opfer einer Massenexekution in den letzten Kriegsmonaten, durchweg russische Männer, wurden am Morgen des 5. Februar 1945 aus den Polizeigefängnissen Herne, Bochum, Dortmund und Hagen abgeholt und auf einem Lastwagen ins Arbeitserziehungslager Hunswinkel gebracht.

Anlässlich einer Fleckfieberepidemie im Polizeigefängnis Herne mahnte der Polizeipräsident in Bochum in einem Schreiben vom 9. Dezember 1943 an den Chef des Sanitätswesens der Ordnungspolizei in Berlin: „Die Polizeigefängnisse erfüllten im Frieden vollauf ihren Zweck; bei der überaus starken Inanspruchnahme durch vagabundierende ausländische Arbeiter bilden sie jedoch eine dauernde Gefährdung der Gesundheit der Bevölkerung, da sie nirgends isoliert stehen.“

Im Oktober 1944 wurde der Vertreter der Bekennenden Kirche und seit 1929 in Holsterhausen tätige evangelische Pfarrer Ludwig Steil nach Bombenangriffen auf Dortmund von der dortigen „Steinwache“ ins Polizeigefängnis nach Herne verlegt. Hier konnte ihn seine Frau besuchen und mit Essen versorgen. Obwohl Steils Frau von der Gestapo zugesagt worden war, dass ihr Mann nach rund acht Wochen entlassen würde, wurde er am 5. Dezember 1944 mit einem nächtlichen Zwischenstopp in Bochum auf den Transport ins Konzentrationslager Dachau geschickt. Nach dreiwöchigem Transport unter menschenunwürdigen Bedingungen, wobei die Gefangenen aneinandergefesselt waren, traf Steil mit seinen Leidensgefährten am 23. Dezember in Dachau ein. Infolge des Transports und Gefangenschaft mit unzureichender Versorgung geschwächt, verstarb Steil am 17. Januar 1945.

Mit Steil kam aus dem Herner Gefängnis ein 21-jähriger Holländer mit dem Vornamen Jan, der während des Transports mit dem Pfarrer zusammengefesselt war und der große Angst vor dem Konzentrationslager hatte. Steil habe dem Holländer, dessen Identität und Schicksal ungeklärt sind, während des Transports stets Mut zugesprochen.

Zusammen mit der ebenfalls verhafteten Kirchensekretärin Nanda Herbermann und dem Jesuiten Albert Maring wurde der Jesuitenpater Augustin Benninghaus von Gestapo-Beamten in das Polizeigefängnis Herne verbracht. Benninghaus hatte sich kritisch über den NS-Staat geäußert. Wegen staatsfeindlicher Äußerungen wurde er 1941 von der Gestapo in sogenannte Schutzhaft genommen und über das Zuchthaus in Münster ins Gefängnis nach Bochum und dann ins Polizeigefängnis Herne gebracht. Von hier brachten ihn die Faschisten zunächst ins Konzentrationslager Sachsenhausen und schließlich in das Konzentrationslager Dachau, wo er am 20. Juli 1942 den Hungertod starb.

Pater Albert Maring, Schriftleiter der katholischen Zeitschrift „Die Burg“ und Mitarbeiter der „Katholischen Korrespondenz“, starb am 8. April 1943 im Konzentrationslager Dachau. Das Schicksal der ebenfalls in Herne einsitzenden von Nanda Herbermann ist bisher nicht geklärt.

Für Herne hat der Arbeitskreis „Rosa Winkel“ eine Lokalstudie vorgelegt. Danach sind von den etwa 80 Mitgliedern des Herner Gebetskreises und den circa 25 der Gruppe in Wanne-Eickel fünf Männer und zwei Frauen hingerichtet oder in Lagern ums Leben gekommen. 60 Personen wurden zu Haftstrafen verurteilt. Viele Herner Zeugen Jehovas landeten im Konzentrationslager. Wie viele dieser Opfer zunächst das Herner Gefängnis durchliefen, ist nicht bekannt.

Auch in der Zeit des Kalten Krieges und der Kommunistenverfolgung erfüllte das Gefängnis seinen Zweck. Am 16. August 1962 war Klaus Kunold als Mitglied der FDJ Westdeutschlands und der KPD in Bochum wegen „Staatsgefährdung“ zu einem Jahr und drei Monaten Gefängnis verurteilt worden, weil er kommunistische Zeitungen und Flugblätter verteilt hatte. Seine Strafe saß Kunold in Bochum, Dortmund, Münster und zuletzt im Herner Gefängnis ab.

Text von Norbert Arndt (gekürzte Fassung)
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3 Kommentare
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Volker Dau aus Bochum | 16.06.2017 | 21:16  
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Volker Dau aus Bochum | 19.06.2017 | 09:21  
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Detlef Albrecht aus Menden (Sauerland) | 19.06.2017 | 13:52  
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