Herner, aber lustig

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"Amoklauf in der Waldorfschule" nennt sich die aktuelle Veröffentlichung von Michael Holtschulte. Das Cartoon-Buch, in dem auch der bekannte Sensemann aus der "Tot, aber lustig"-Reihe vorkommt, ist im Verlag Lappan erschienen. (Foto: Sabrina Didschuneit)

Bei ihm wird selbst der Sensenmann zur Witzfigur: Mit Cartoons macht Michael Holtschulte Karriere. Populär wurde der gebürtige Herner mit satirischen Zeichnungen, die er unter dem Titel "Tot, aber lustig" veröffentlichte. Die gleichnamige Facebook-Seite finden mittlerweile mehr als 300000 Freunde des schwarzen Humors gut.

Wer mit Zeichnungen Karriere machen möchte, braucht neben Talent ganz bestimmt auch einen langen Atem und darf sich von Rückschlägen nicht entmutigen lassen. Im Jahr 2004 veröffentlichte Michael Holtschulte über Toonster das erste Buch unter dem Titel "Tot, aber lustig". Seiner Einschätzung nach dürfte es sich um den erfolgreichsten Titel des Verlages handeln. Ein lukratives Geschäft also? "Ich habe nicht einen Cent dafür bekommen", erinnert sich der 37-Jährige. Ohnehin sei dieses Buch zu früh gekommen, stellt er fest. "Wenn ich diese Zeichnungen heute sehe, dann schäme ich mich ein wenig."

Er unternahm jedenfalls einen neuen Anlauf und veröffentlichte zum Teil auch im Selbstverlag. "Zum Glück habe ich weitergemacht", sagt Holtschulte heute. Brotlos ist seine Kunst definitiv nicht mehr. Er arbeitet seit 2007 als selbstständiger Cartoonist, Karikaturist und Illustrator. Seine Bibliographie umfasst mittlerweile mehr als ein Dutzend Bücher, die nur einen kleinen Teil seines Schaffens ausmachen. "Ich gehöre zu den wenigen Cartoonisten, die von ihren Cartoons leben können", sagt der Schalke-Fan, der mit seiner Freundin in Herten lebt.

Der Alltag von Michael Holtschulte entspricht nicht unbedingt dem Bild, das wir so gerne von Künstlern pflegen. Spätestens um halb Acht sitzt er am Schreibtisch und zeichnet mehrere Stunden. "Morgens funktioniert das am besten, weil man in dieser Zeit kaum angerufen wird", so seine Erfahrung. Vormittags erledigt er in der Regel geschäftliche Angelegenheiten, ehe er Stift und Papier wieder in die Hand nimmt. Letztendlich sei seine Arbeit ein Non-Stop-Job, schließlich müsse er ja seine komplette Umgebung auf Ideen abscannen, so Holtschulte.

Was ihm einfällt, landet entweder ganz klassisch zunächst im Notizbuch oder ganz zeitgemäß auf dem iPhone. Angst, dass ihm die Ideen ausgehen können, hat Holtschulte nicht. "Ich habe immer etwas zum Abarbeiten." Vorgegeben sind in der Regel die Themen, die er für Zeitungen und Zeitschriften zeichnet. Hier ist es vor allem das politische Zeitgeschehen, das er oft in sehr bissige Karikaturen übersetzt.

Auch auf einen Karikaturisten muss die Gegenwart mit ihren Trumps, Putins und Erdogans allerdings geradezu grotesk wirken. Holtschulte will da gar nicht widersprechen, denn vor allem der amerikanische Präsident "hat der Karikatur das Feld der Überzeichnung weggenommen".

Oder eben auch der despotenhaft regierende Mann in Ankara. Nach der Böhmermann-Affäre (der Satiriker hatte den türkischen Präsidenten in einem Fernsehbeitrag unter anderem als Sodomisten verspottet) erteilten viele Redaktionen mehre Wochen lang fast nur noch Aufträge zu diesem Thema. "Viele Witze waren da schon gemacht worden, zum Teil auch doofe."

Holtschultes Karikatur zum Thema erschien im April vergangenen Jahres in der Süddeutschen Zeitung. Sie zeigt eine an Erdogan erinnernde Person vor drei türkischen Flaggen. Die Sprechblasen in diesem Bild sind ebenso schwarz übermalt wie einige weitere Details, unter anderem eine erhobene linke Hand. Auf dieser Zeichnung klebt ein Post-It-Zettel mit einer Botschaft: "Hallo, hier die überarbeitete Karikatur für Donnerstag. Dürfte so wohl überhaupt keinen Ärger geben... Liebe Grüße, Michael."

Das Motiv "Kein Ärger mit Erdogan" schaffte es in die Auswahlliste zum Deutschen Karikaturenpreis 2016. Übrigens keine Premiere für Holtschulte. 2013 erhielt er sogar den Publikumspreis für einen Cartoon mit dem Titel "Moses teilt das Meer". Das Erdogan-Motiv sei jedenfalls "total oft nachgedruckt" worden. Angst, dass er mit seinen Ideen anecken könne, hat der 37-Jährige jedenfalls nicht. "Man sollte immer Haltung zeigen", betont er. Und er könne mit seiner Arbeit eben nicht nicht politisch sein.

Die aktuelle Veröffentlichung "Amoklauf in der Waldorfschule", die im Verlag Lappan erschienen ist, ist vielleicht doch eine Spur weniger politisch. Wer die 96 Seiten durchblättert, wird auf das ein oder andere bekannte Motiv stoßen. Holtschulte selbst versteht die Veröffentlichung als ein "Best of" seines bisherigen Schaffens. Neue Cartoons teilen sich den Platz mit überarbeiteten älteren. Da er sich zeichnerisch über die Jahre weiterentwickelt habe, sei es ihm wichtig gewesen, einzelne Motive neu zu bearbeiten. Der Titel Buches mag für eine Werkschau ungewöhnlich sein, ist aber letztendlich ein Zugeständnis an den Verleger. "Er sagte, dass man damit mal was machen müsste", so Holtschulte.

Noch bis zum 1. Mai ist die Kunst des Herteners als Einzelausstellung in der "Caricatura" in Kassel zu sehen. Für ihn ein Ritterschlag: "Das ist wie die Hall of Fame des Rock'n'Roll", stellt der Musikliebhaber fest, der in seiner Freizeit gerne Gitarre spielt und Heavy Metal hört. "Ich hatte schon mal kleinere Ausstellungen in Kassel, aber das ist jetzt ein echter Höhepunkt."

Ganz gut für jemanden, dessen Bewerbung für ein Grafikstudium einst scheiterte, weil in der Mappe "ein Roter Faden fehlte". Letztendlich führte ihn der Umweg über ein Studium der Germanistik und Psychologie am Ende doch ans Ziel.
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