Kunst für Querdenker

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Schemenhaft hat sich Sabrina Schmidt in ihren Werke inszeniert. (Foto: Thomas Schmidt/Stadt Herne)

Querdenker-Kunst von der Technischen Universität Dortmund ist in den Flottmann-Hallen zu sehen: Die Spannbreite der Arbeiten von 17 Studenten reicht von skurril über ungewöhnlich bis zu überraschend.

Sabrina Schmidt hat sich vor einer undurchsichtigen Folie fotografiert. Sie erscheint dahinter ganz schemenhaft. Ihre Aufnahmen verbreiten eine milchige, fast magische Aura. "Eigentlich ist es ja ein Selfie", sagt Schmidt, "obwohl ich Selfies schrecklich finde". Aber hier geht es um mehr: "Ich betreibe Ich-Forschung. Das beste Forschungsfeld bin ich selbst, weil über mich noch gar nicht geforscht wurde." Die Anlehnung an wissenschaftliche Forschung zeichnet alle Arbeiten aus. Mit dem Unterschied, dass nicht wie in der Wissenschaft Objektivität im Mittelpunkt steht, sondern wie in der Kunst üblich: Subjektivität.

"Für die Flottmann-Hallen war es in den 30 Jahren ihres Bestehens wichtig, immer wieder mal Kunsthochschulen einzuladen", sagt Kuratorin Jutta Laurinat. Die Studenten gehören dem Atelier "Plastik und Interdisziplinäres Arbeiten" von Professorin Ursula Bertram an. Bertram ist eine der Gründerinnen der Querdenkerfabrik "ID Factory". Dort und in dem "Young Lab" entwickeln die Teilnehmer "Positionen non-linearen Denkens". Wichtig ist dabei das interdisziplinäre Denken und Handeln, der Blick über den Tellerrand, die Zusammenarbeit mit anderen Fachgebieten. "Unsere Studenten lernen Innovationsfähigkeit, sie erfinden ständig Neues", sagt Bertram. Einer der Lehrbeauftragten ist der Herner Künstler Erich Füllgrabe, dem Publikum der Flottmann-Hallen wohlbekannt durch seine wissenschaftlichen Performances als Professor mit österreichischem Akzent. Und wenn man sich seine selbst konstruierten Maschinen ins Gedächtnis ruft, fragt man sich: Passt Füllgrabe gut zu diesen Studenten oder ist es eher umgekehrt?

Einige Arbeiten werfen einen Blick hinter die Fassaden der Medienwelt. Die an einer Achse rotierenden Megafone von Julia Batzdorf geben einen schrillen Sirenenton von sich. "Der Betrachter wird durch die Rotation gleichsam in einen anderen Raum hineinkatapultiert", sagt die Künstlerin. Schwarze Eimer hängen wie Lautsprecher an einer Wand. Die Eimerböden funktionieren wie Membrane, die Geräuschkulissen von dahinter liegenden Handys abspielen. Live-Aufnahmen von vielen Orten der Welt werden dazu geschaltet. Oanh Nguyen hat dort Wanzen platzieren lassen. "Mezzo-Kommunikation" nennt sie ihr Kunstwerk.

Einem riesigen Flugzeugtriebwerk aus hunderten Holzteilen gleicht die Arbeit von Ulvis Müller. Vogelköpfe sammelt und präpariert Claudia Schluckebier. Sie gleichen milchigen Gebilden aus industrieller Fertigung. "Claudia tötet keine Vögel", so Bertram, "sie geht nur mit offenen Augen durch die Welt und findet töte Vögel." Ein Schwarm mit Luft gefüllter Schwimmflügel schwebt in Reih und Glied unter den Köpfen des Betrachters. "Wir speichern doch alles", sagt Lisa Jarzynski, "warum speichern wir keine Luft?"

Ein Wohnzimmer aus den Fünfzigerjahren hat Ellen Prieditis in einer Ecke der Hallen aufgebaut. Sie befasst sich mit "dem Prozess der Erinnerung". Nach ihrer Meinung gibt "Erinnerung nicht wahrhaft wieder, was geschehen ist". Das Wissen aus der Vergangenheit sei häufig eine Fassade. Den thematischen Impuls, über Erinnerung und Wahrnehmung nachzudenken, habe ihre Demenz erkrankte Oma gegeben.

Der Betrachter fragt sich bei vielen Werken: Ist es tatsächlich ein wissenschaftliches Experiment oder ein Fake? Eine überdimensionale Schaukelbadewanne aus Holz präsentiert Richard Opoku-Agyemang und nennt sie Werkzeug für Kommunikation: "Nur wenn zwei Personen kommunizieren und gleichzeitig in die Wanne einsteigen, kippt der Behälter nicht." Die Zuschauer können es ausprobieren.

Quelle: Presseamt Stadt Herne
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