Wenn Dome Feuer speien

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Foto: Erler
„Konnte man bei uns noch elender und trostloser leben, als man in Herne oder in den grauen Häuserzeilen dieser Zechenorte lebte? Hier sah man beim Durchwandern der Straßen kein frohes Gesicht, man hörte kein Lachen, doch torkelte hin und wieder ein Angetrunkener über den Weg.“

Nicht gerade schmeichelhafte Worte fand August Winnig in „Das Buch Wanderschaft“ für unsere Stadt. Niedergeschrieben hat der Maurer, SPD-Politiker und Schriftsteller diese Sätze 1941. Nach Herne kam er, weil er Arbeit suchte.Begeistert war er von der Gegend offenbar nicht: „Ich sah den gewaltigen Verbrauch an Menschen und Erdschätzen, der jetzt schon ein Raubbau war . . . und konnte dazu nur den Kopf schütteln.“
Winnigs Text findet sich in dem neuen Buch „Prominente Porträts – Das Ruhrgebiet in autobiografischen Texten“, das etliche Berühmtheiten auf seinen Seiten vereint.
In Briefen, Erinnerungen oder autobiografischen Texten schreiben Klaus Mehnert, Peter von Zahn, Tisa von der Schulenburg, Walter Dirks, Will Quadflieg und andere über ihre Erfahrungen und Erlebnisse, die sie in Geschichte und Gegenwart zwischen Rhein und Ruhr gemacht haben: Kindheit und Jugend, Maloche und Muße, über oder unter Tage, vor der Klasse oder hinter dem Mikrofon, Paradies oder Hölle, legal oder illegal, einheimisch oder zugereist. Sie alle, ob Schriftsteller oder Politiker, Künstler oder Medienleute, Schauspieler oder Wirtschaftsführer, vereinigen sich in vielen verschiedenen Versuchen, um 100 Jahre Leben und Arbeit vor Ort zu erfassen und für die Nachgeborenen zu dokumentieren.
So kommt Maurice Ravel zu Wort, der fasziniert war von „Schlössern aus Gusseisen“, „glühenden Kathedralen“ und „Domen, die Flammen und rötliche oder bläuliche Feuerkörper speien“.
Erich Honecker, der sich „Illegal im Ruhrgebiet“ aufhielt, warf 1934 Flugblätter aus dem obersten Stockwerk des Essener Kaufhauses Althoff am Limbecker Platz. Kurt Weil berichtet in einem Brief an Lotte Lenya („mein Tütilein“) vom „giftigen Qualm des Ruhrtales“ und einem Bergwerksbesuch („pechschwarz in die Badewanne“).
Claire Walldoff, die aus Gelsenkirchen stammt, erzählt „vom stillen Weinen der Angehörigen der Bergleute. Die schlagenden Wetter unter der Erde forderten bei den häufigen Katastrophen . . . oft ihre Opfer“. Und Heinz Rühmann, der darf natürlich nicht fehlen, spricht von seinem Vater, der in Wanne die Bahnhofswirtschaft gepachtet hatte. „Sie war eine Goldgrube.“
Ein unterhaltsames Buch, in dem viel Geschichte steckt. Wer sich fürs Ruhrgebiet interessiert, wird sich gerne darin festlesen. Eine Fortsetzung ist übrigens schon geplant.

„Prominente Porträts – Das Ruhrgebiet in autobiografischen Texten“, herausgegeben von Dirk Hallenberger, Verlag Henselowsky Boschmann, 160 Seiten, ISBN 978-3-942094-32-0, 9,90 Euro.
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