IHK Mittleres Ruhrgebiet lud zum Neujahrsempfang

Anzeige
An der Gesprächsrunde nahmen (von links) Christina Philipps, Kerstin Groß, Tom-Arne. Rüsen, Wilfried Neuhaus-Galladé, Anja Graf und Stefan Postert teil. (Foto: PicturePeople)
 
Wilfried Neuhaus-Galladé sieht die Region auf einem guten Weg. (Foto: PicturePeople)

Bunte Luftballons, die wie ein Feuerwerk den Raum des Bochumer Schauspielhauses erfüllten. Zwei Moderatoren, die schon vor ihrem Auftritt aus dem Off für Staunen bei den Gästen sorgten. Und vier Gäste, die an vielen Stellen der Diskussion einen tiefen Blick in ihr persönliches Ich zuließen...

600 Repräsentanten aus Wirtschaft und Politik sowie Wissenschaft und Verwaltung erlebten den traditionellen Jahresempfang der Industrie- und Handelskammer alles andere als traditionell. Und sie hatten dabei sichtlich Vergnügen...

Dies lag nicht zuletzt an Christina Philipps (Geschäftsführerin des Bochumer Unternehmens Philipps), Anja Graf (Prokuristin von Graf's Reisen), Professor Tom-Arne Rüsen (Direktor des Wittener Instituts für Familienunternehmen) und IHK-Präsident Wilfried Neuhaus-Galladé, die unter der Moderation der beiden IHK-Kompetenzfeldmanager Kerstin Groß und Stefan Postert Antworten auf die Frage suchten und fanden, wie die Nachfolge in einem Familienunternehmen organisiert werden sollte, damit weder Unternehmen noch Familie Schaden erleiden.

Die Fakten: Ein Drittel der nordrhein-westfälischen Familienunternehmer ist älter als 55 Jahre – und muss sich deshalb über die Nachfolge Gedanken machen. Gibt es Kinder, die Lust und Fähigkeit besitzen, das Unternehmen zu führen? Ist das Unternehmen so aufgestellt, dass auch die nächste Generation wirtschaftlich erfolgreich sein kann? Wie findet man einen geeigneten Nachfolger, wenn die Familientradition nicht fortgeführt werden kann? Und so brennend (und existenziell) diese Fragen auch sind – ein Großteil der Unternehmer beschäftigt sich erst damit, wenn die Übergabe unmittelbar bevor steht. Nicht selten ist damit Scheitern programmiert.

Ein gut aufgestelltes Unternehmen, so die Erfahrung Rüsens, findet in der Regel einen Nachfolger. Allerdings bedeute dies nicht zwangsläufig, dass eine Übernahme in der Familie gelinge. Die große Herausforderung in einem Familienunternehmen bestehe darin, zwischen Unternehmen und Familie zu unterscheiden. „Ein Familienunternehmen ist zunächst ein Unternehmen und muss so agieren. Eine Familie tickt anders.“ In der Logik einer Familie ist Gerechtigkeit gegenüber den Kindern das oberste Gebot. In der Logik des Unternehmens ist allein entscheidend, wer am besten geeignet ist, das Unternehmen zu führen. Rüsen: „Viele Unternehmensübergaben scheitern wegen des Ärgers in der Familie.“

Bei Neuhaus-Galladé (60), in siebter Generation Chef des 1745 gegründeten Familienunternehmens, steht die Frage der Nachfolge seit längerem im Fokus. Zwei Prämissen habe er sich gesetzt: Es sei sein höchster Antrieb, „dieses Unternehmen für die Familie zu erhalten“. Und: „Ich will nicht, dass über die Nachfolge die Familie auseinander bricht.“ Gerade deshalb müsse auch bei Neuhaus die „Nachfolge nach der Logik des Unternehmens und nicht nach der Logik der Familie“ erfolgen. Eine Familien-Verfassung solle dafür sorgen, dass alle gesetzten Ziele erreicht werden könnten.

Christina Philipps, seit zehn Jahren gemeinsam mit ihrem Bruder in unternehmerischer Verantwortung, kam zu der Einschätzung, dass die Übergabe eines Unternehmens einen realistischen und keinen emotionalen Blick auf potenzielle Nachfolger verlange. Im eigenen Unternehmen habe sie gelernt, dass es sinnvoll sei, wenn Senioren und Junioren eine gewisse Zeit gemeinsam in Verantwortung sind. Die Erfahrung des Senior-Chefs sei wichtig, aber ebenso sein Mut unverzichtbar, die Frische der Jugend zuzulassen. Aber für den, der sein Unternehmen in neue Hände lege, sei die Übergabe immer ein emotionales Thema. Dafür müssten Nachfolger Verständnis haben.

Mut, auch den Mut zu scheitern, war das Stichwort für Anja Graf. Unternehmer zu sein, verlange eben diesen. In einem Familienunternehmen – dies sei anders als in jedem Konzern – gebe es offene Türen, man fälle schnelle Entscheidungen. Beides sei auch extrem wichtig für die Mitarbeiter. Dies alles könne man nur leisten, wenn man mit Herzblut Unternehmer sei.

Ein Unternehmer-Gen gebe es nicht, machte Wissenschaftler Tom-Arne Rüsen klar. Erfolgreicher Unternehmer sein zu können, sei entscheidend eine Frage der Haltung. Und hinter dem Begriff Haltung stecken die Schlagworte des Abends: Herzblut, Mut, Verantwortung. Der Applaus zeigte, dass Talkgäste und Moderatoren durch ihre Offenheit den Nerv der Gäste getroffen hatten. IHK-Präsident Wilfried Neuhaus-Galladé hatte zuvor seine Rede zu vielfältigen Appellen genutzt. Seine wichtigste Botschaft: „Bilden Sie aus. Investieren Sie in Ihren Nachwuchs. Helfen Sie den jungen Menschen, ihre Defizite abzubauen. Geben Sie ihnen eine Chance.“

Es helfe nichts, über angebliche Defizite der Schulabgänger zu lamentieren. Es helfe auch nichts, darüber zu lamentieren, dass man Ausbildungsplätze anbiete, aber niemand sie wolle. „Haben wir denn bei den Schülern für uns geworben? Haben wir ihnen denn gesagt, wie attraktiv unsere Jobs sind und welche Aufstiegschancen sie haben? Sind wir bereit, Bewerbern mit Defiziten zu helfen? Wir müssen dies alles tun. Für die Zukunft unserer Unternehmen“, so der Präsident.

Ebenso sei es wichtig, viel stärker mit den Hochschulen der Region zu kooperieren. Es gelinge immer noch nicht, das Gros der erfolgreichen Absolventen in der Region zu halten. Es gehe darum, in den Hochschulen „für uns, für unsere Betriebe, für unsere guten Arbeitsplätze und die Karrieren, die wir ermöglichen“ zu werben. Ohne mehr Ausbildung und ohne das Werben um den akademischen Nachwuchs „gehen uns die Fachkräfte“ aus. Vor diesem Hintergrund lobte Neuhaus-Galladé das Sprach- und Qualifizierungszentrum für Zugewanderte, das im Herbst vergangenen Jahres seine Arbeit in der früheren Opel-Lehrwerkstatt in Bochum aufgenommen hat und in den nächsten drei Jahren etwa 1500 Zugewanderte fit für einen Job oder eine Ausbildung machen will. „Das kann langfristig in vielen Fällen die bereits skizzierte Fachkräfteproblematik der Unternehmen mildern – es wird aber auf jeden Fall die Chancen zur Integration und auf ein friedliches Miteinander in unserer Gesellschaft erhöhen. Und dies ist jede Mühe wert.“

Die Städte des Kammerbezirks seien auf einem guten Weg, so der IHK-Präsident. In Bochum werde auf dem Gelände des ehemaligen Opel-Werk 1 ein „Leuchtturm“ gebaut, der weit ausstrahlen werde. Herne vermarkte sich konsequent und erfolgreich als Logistikstandort. In Witten zeichne sich endlich die Chance ab, zusätzliche Gewerbeflächen für die Neuansiedlung oder Expansion von Unternehmen anzubieten.

Lob gab es am Ende vom Präsidenten auch für die IHK selbst: Sie habe sich vor etwa zwei Jahren auf den Weg gemacht, „alte Strukturen zu überwinden, aus dem Trott der Gewohnheit auszubrechen, sich für neue Ideen zu öffnen“. Wenn sich im Rahmen der vierten industriellen Revolution die Welt ein weiteres Mal verändere, müsse dies auch eine IHK tun. „Den Kopf in den Sand zu stecken, geht nicht. Wer sich nicht auf diese modernen Zeiten einlässt, wird bald Teil der Geschichte sein. Der Satz gilt für Menschen, der Satz gilt für Unternehmen. Der Satz gilt für Institutionen. Er gilt eben auch für eine IHK“, so Neuhaus-Galladé.
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.