Endlich ein eigenes Zuhause

Anzeige
Am vergangenen Dienstag zog Susanne Teichert in das neue Wittekindshofer Wohnhaus, das nach 18 Monaten Bauzeit fertiggestellt ist. (Foto: Anke Marholdt)
 
Susanne Teichert freut sich ebenso wie Monika Krawietz, dass im neuen Wohnhaus zusammen gekocht wird. (Foto: Anke Marholdt)

Es ist ein Umzug um die Ecke, aber ein Riesenschritt für Familie Teichert. Fast 50 Jahre hat Susanne Teichert bei ihren Eltern gelebt. Seit wenigen Tagen lebt sie im neuen Wohnhaus der Diakonischen Stiftung an der Bielefelder Straße.

"Am Ende der Schulzeit war der Auszug aus dem Elternhaus bei Mitschülern ein Thema, aber da war noch nicht so weit", sagt Ingrid Teichert. Für ihre Mutter kam die Wende erst vor drei Jahren: "Ich bin zusammengebrochen und es ging gar nichts mehr. Wir waren froh, dass wir kurzfristig einen Platz für Susanne bekommen haben. Aber es war ein Altenheim und sie war erst Mitte 40." Als Ingrid Teichert sich wieder erholt hatte, kehrte ihre Tochter zurück.

Nach dem Ende der Schulzeit besuchte Susanne Teichert zunächst eine Werkstatt für behinderte Menschen. Später lebte sie den ganzen Tag bei ihren Eltern. Sie kann sich alleine beschäftigen, Kataloge anschauen, puzzeln oder Steckspiele machen und natürlich Fernsehen gucken und Musik hören. "Sie hilft mir aber auch in der Küche, dann hat sie Abwechslung", berichtet ihre Mutter und hat damit das passende Stichwort geliefert: "Ich kann Kartoffeln schälen", erklärt Susanne Teichert. Sie wiederholt alles, was ihr wichtig ist. Mit Kennerblick mustert sie die Schälmesser in der Küche des neuen Wohnhauses und lächelt: "Ich kann Kartoffeln schälen."

"Wir werden regelmäßig zusammen kochen. In unserem Wohn-Esszimmer mit angegliederter Küche haben wir viel Platz auch für die Frauen und Männer, die mit Rollstuhl im Haus unterwegs sein werden", versichert Dörte Sauer, die als Bereichsleitung für das Wohnangebot für Erwachsene im Obergeschoss des Neubaus verantwortlich ist. In den vergangenen Wochen hat sie zusammen mit ihren Mitarbeitern alles vorbereitet für den Einzug: "Vieles wollen wir zusammen mit den zwölf Bewohnern gestalten. Trotzdem haben wir erste Bilder aufgehängt, Bücher ins Regal gestellt und Grünpflanzen besorgt, denn es soll vom ersten Tag an wohnlich sein", sagt Sauer.

Dass sich die Mühe gelohnt hat, bestätigt Susanne Teichert bei einem Besuch: "Hier will ich bleiben." Sie freut sich, dass vertraute Kuscheltiere von Zuhause bereits in ihr neues Zimmer eingezogen sind. Sie tauscht die graphitfarbige Fußmatte in ihrem Badezimmer gegen eine gelbe Matte mit Enten, die ihre Mutter extra für sie gekauft hat. Sie stellt den Leuchtbaum mit Schmetterlingen auf ihren Nachttisch und hat Platz auf dem kleinen Schrank geschaffen: "Hier kommt mein Fernseher hin", sagt Susanne Teichert und ergänzt: "Ich bring mein Radio und meinen Plattenspieler mit."

In dieser Woche zogen elf Erwachsene bereits in das neue Wohnhaus ein: Die Mehrheit kommt direkt aus dem Elternhaus. Die meisten sind deutlich jünger als Susanne Teichert. "Ein junger Mann wird erst noch die Schule abschließen und folgt im Sommer“, berichtet Sauer, die die zukünftigen Bewohner in ihrem bisherigen Lebensumfeld besucht hat, um ihre individuellen Bedürfnisse besser kennen zu lernen. Sie war jahrelang als Pflegefachkraft auf der Intensivstation eines Krankenhauses tätig und hat in den vergangenen Jahren in einem Wohnhaus in Eickel gearbeitet. Dort lernte sie auch Susanne Teichert bereits kennen, die ein paar Tage zu Gast war.

An diese Zeit denkt ihre Mutter gerne zurück: "Es war eine wunderbare Zeit. Ich war in Rom. Ich habe zum ersten Mal so eine Reise gemacht. Ich habe viel Lob bekommen, weil ich mir endlich auch mal etwas gegönnt habe", berichtet Ingrid Teichert. Jetzt zieht ihre Tochter aus. Sie weiß, dass das für alle Seiten gut ist, trotzdem fällt ihr der Auszug schwer: „Sie ist ganz in der Nähe, das ist das Wichtigste.“
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.