Stadtarchiv nimmt den Ball auf

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Von lebendiger Stadtgeschichte sprach Ralf Piorr (2. von rechts) bei der Vorstellung des Fußballarchivs. (Foto: Stefan Kuhn)

Nicht ohne Grund wählte der DFB Dortmund als Standort für sein Fußballmuseum aus. In keiner zweiten Region ist die Begeisterung für die schönste Nebensache der Welt ähnlich stark ausgeprägt wie im Ruhrgebiet. Nun nimmt auch das Stadtarchiv Herne den Ball auf.

Als Bewahrer ihrer eigenen Geschichte fallen Fußballvereine trotz zahlreicher Traditionsmannschaften nicht unbedingt auf. Oft horten ältere Mitglieder Fotos, Unterlagen und Protokolle. Nach ihrem Tod landen diese Unterlagen jedoch oft auf dem Müll, weil keiner der Hinterbliebenen deren Wert erkennt. Andere Dokumente vergammeln in feuchten Kellern.

Genau diese Erfahrung machte der Historiker und Publizist Ralf Piorr, unter anderem Herausgeber des Fußball-Lexikons "Der Pott ist rund". Ein Schlüsselerlebnis war vor 13 Jahren der Fund eines Koffers mit Dokumenten aus den Zwanzigerjahren. Leider stand das Gepäck offensichtlich eine längere Zeit im Wasser. Ein Teil der Papiere war also stark beschädigt.

Mit einem Archiv zur Geschichte des Fußballs soll das Herzstück Herner Sportgeschichte konserviert werden. Piorr arbeitete dafür mit dem Stadtarchiv und dem Emschertal-Museum zusammen. Die Sammlung umfasst vor allem Schriftstücke aus dem Zeitraum 1920 bis 1980. Das vermutlich wertvollste zeitgeschichtliche Dokument hat dabei allerdings keinen direkten Herner Bezug: Ein Programmheft vom am 2. Juli 1922 in der Nachbarstadt Bochum ausgetragenen Länderspiel Deutschland gegen Ungarn dürfte unter Sammlern Preise von mehr als 300 Euro erzielen, so die Schätzung von Piorr.

Was einst auf Papier gedruckt oder notiert wurde, geht ins Stadtarchiv. Anderes wandert ins Emschertal-Museum, so unter anderem ein schwarz-rotes Trikot des TB Eickel aus den Sechzigerjahren und die hellblaue Kluft des Schiedsrichters Thorsten Kinhöfer von 2011.

Beim Studium der Unterlagen wird Stadtgeschichte lebendig: Mit den Worten "In dieser schweren Zeit, in der die Franzosen einmarschiert sind..." leitet kurz nach dem Ersten Weltkrieg ein Schreiben die offizielle Auflösung des SC Westfalia ein, so wie es die Besatzer gefordert hatten. Auf der Rückseite findet sich ein handschriftlicher Vermerk, dass der Spielbetrieb inoffiziell fortgeführt wird. Piorrs Fazit: "Das sind Schmuckstücke der Lokalgeschichte, die in ihrer Bedeutung weit über den Fußball hinausgehen."

Die Sammlung soll ausgebaut werden. Dafür sei die Zusammenarbeit mit den Vereinen vonnöten, betont Reinhold Spohn, Vorsitzender des Fußballkreises und stellvertretender Vorsitzender des Stadtsportbundes. Piorr hofft vor allem auf Rückmeldungen von den Vereinen, die einst von Migranten gegründet wurden. Zu deren Geschichte ist dem Stadtarchiv bisher überhaupt noch kein Material zugespielt worden.
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