Denkt euch, ich habe den Osterhasen gesehen!

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Denkt euch, ich habe den Osterhasen gesehen!
Immer wenn die Osterzeit naht, muss ich an das Osterfest 1956 denken. Damals war ich vier Jahre alt und ein sehr aufgewecktes Kind, wie sich die Erwachsenen immer wieder seufzend bestätigten. Es war der Ostersamstag, ich war wie gewohnt früh erwacht, kletterte aus meinem Kinderbettchen und tappte auf nackten Füßchen in das Schlafzimmer meiner Eltern. Die lagen noch im tiefen Schlummer. Ein heller Schein lockte mich ans Fenster. „Es schneit, es schneit“, jubelte ich los, ohne daran zu denken, dass meine Eltern noch fest schliefen. Entsetzt fuhren sie in die Höhe. Verschlafen tastete mein Vater sich zum Fenster. Er blickte hinaus und lachte. „Das sind Blütenblätter“, meinte er. „Der Wind schüttelt sie vom Kirschbaum. Komm schnell unter meine Decke, deine Füße sind ja eiskalt.“ Das ließ ich mir nicht zweimal sagen und huschte unter sein warmes Federbett. Vater kam auch dazu und ich kuschelte mich an ihn. Verschmitzt grinsend tastete sich ein kleines meiner immer noch eiskalten Füßchen unter Muttis Decke und drückte sich gegen ihren warmen Rücken. Mit einem Schrei fuhr sie hoch. „Du“, begann sie, „ihr“, schimpfte sie weiter, als sie Vati lachen sah. „Na wartet, das fordert Rache.“ Nun lachte sie auch und begann mich zu kitzeln. Natürlich machte Vati mit, immer auf die Kleinen, ich flüchtete in mein Bett. Nicht lange, da kamen meine Eltern, inzwischen schon angezogen und forderten: „Raus aus den Federn, es ist Ostersamstag und die Sonne scheint.“

Mein Waschwasser stand schon bereit, wir hatten noch kein fließendes Wasser in der Wohnung, auf dem Flur befanden sich ein Hahn und ein Waschbecken für uns, unsere Nachbarin und eine Familie die auch auf dieser Etage wohnte. Dort holten wir das Wasser und es wurde auf dem Ofen erhitzt. Dann kam es in die Schüssel, in der schon kaltes Wasser war. Klein Gitte wurde auf einen Stuhl gestellt und vor ihr auf dem Küchentisch stand die Waschschüssel, Seife lag daneben und ein Handtuch ebenfalls. Einen Waschlappen in die Hand und auf ging es und wehe es war nicht ordentlich, dann kam Mutter mit der Bürste, also Hände, Gesicht, Arme, Hals und Ohren ordentlich gerubbelt. „Soll ich dir helfen“, wollte Mutter wissen? „Nein, ich bin doch schon groß“, gab ich im Brustton der Überzeugung von mir. Grinsend beobachtete Mutter dann meine roten Ärmchen. Sie kam mit meiner Wäsche. Erst das Hemdchen und Schlüpferchen, dann das Leibchen darüber, an dem hingen vier Strippen, an denen wurden die Strümpfe befestigt. Ein Kleidchen darüber und die Hausschuhe an, dann wurden meine Haare gekämmt. Einen schnurgraden Scheitel bekam ich gezogen und dann flocht Mutti meine Zöpfchen. „Wie viele“, fragte ich wie jeden Morgen aufgeregt und heute war es soweit. „Vier“, sagte Mutter. „Vier“, jubelte ich, „endlich.“ Wir sprachen von den Flechten, die Mutter mühsam in meine dünnen Zöpfchen flocht. Endlich war ich fertig, ein Klecks Nivea auf die Wangen und ein sauberes Mädchen strahlte in den beginnenden Tag.

In der Zwischenzeit hatte Vati Brötchen, Käse, Butter und Kaffee gekauft und es gab das Wochenendfrühstück. Das war immer ein besonderes Ritual bei uns. Für mich gab es schwarzen Tee und die Erwachsenen bekamen Nescaffee, den gab es in kleinen Tüten. Jeder bekam ein Brötchen, etwas Butter und eine Scheibe Käse, so schmausten wir jeden Samstagmorgen. Der Rest des Tages war ziemlich langweilig, überall war ich im Wege. Wir müssen dem Osterhasen helfen hörte ich. Sicher war dass eine Ausrede, was der schon für eine Hilfe brauchen würde. Morgens schaute ich mir meine Comic Hefte an. Am Nachmittag schien die Sonne so herrlich, dass ich beschloss ein wenig in den Garten zu gehen. Meine Eltern atmeten auf, Mutter zog mir eine dicke Jacke und feste Schuhe an, denn warm war es noch nicht, so zog ich los.

Es roch schon richtig nach Frühling, ich warf die Kirschblütenblätter hoch und ließ es schneien. Die Weidenkätzchen trugen dicke pelzige samtweiche silbergraue Kätzchen. Das Gras war saftig und hellgrün, wie frisch gewaschen, ich schlenderte herum. Weiter hinten blühte schon der Forsythienstrauch. Endlich zeigte die Welt wieder Farbe, ich taumelte herum, wie ein kleiner Schmetterling. Plötzlich blieb ich wie fest genagelt stehen. Ein Ei war vor meine Füße gerollt. Ein richtiges, wahrhaftiges knallrotes Osterei. Erstaunt bückte ich mich danach und blickte mich um. Da, die Blätter des Busches vor mir bewegten sich.


Vorsichtig schlich ich dorthin und bog die Zweige auseinander. Das konnte doch nicht sein, oder? Erstaunt blickte ich in zwei weit aufgerissene Augenpaare. Da stand doch tatsächlich ein Hasenpärchen. Er trug ein gelbes Hemd mit kurzen Armen und dazu eine blaue Latzhose, die über und über mit Farbklecksen verziert war. Seine Frau trug einen gelben Pulli und ein rotes Latzröckchen, das auch schon einige Farbkleckse abbekommen hatte. Sie schmiegte sich ängstlich an ihren Mann. Der legte seinen Kopf ein wenig schief und blickte mich herausfordernd an. „Was willst du denn hier? Weißt du etwa nicht, dass man die Osterhasen am Ostersamstag nicht stören darf? Wir haben schließlich alle Hände voll zu tun.“ Seine Frau nickte dazu. „Lieber Osterhase, ich wollte ganz sicher nicht stören“, entgegnete ich höflich und es schien, als wuchs er bei meinen Worten ein Stückchen. Er hakte die Finger unter die Träger seiner Latzhose und blickte mich forschend an. „Nun“, fragte er und wippte auf den Zehenspitzen. „Oh bitte lieber Herr Hase, lassen sie mich doch zusehen, ich bin auch ganz leise und störe nicht, ich bin doch noch klein und muss viel lernen.“ „Ha“, entgegnete er, „Leise, ein kleines Mädchen und leise, das ist doch schon ein Widerspruch in sich.“ Streng blickte er mich an. Seine Frau legte begütigend ihre Hand auf seinen Arm. „Lass sie doch Holger“, meinte sie. „Meinst du wirklich“, antwortete er mit leichtem Zweifel in der Stimme. „Komm schon“, bat Frau Hase und zog mich an meinem Kleidchen in das Gebüsch. Erstaunt schaute ich mich um. Frau Hase formte an einem kleinen Tisch Gelee Eier und auf einem Feuerchen kochte Fondant Masse, wie sie mir auf meine fragenden Blicke hin erklärte. Plötzlich teilte sich das Gebüsch und ein weiteres Häschen kam mit einer niedlichen Schubkarre voller Eier angefahren. „Dieser Hahn“, schimpfte er. „Die Hühner sind ja nett und geben gerne ihre Eier, aber dieser blöde Hahn führt sich jedes Mal auf, als gehörten sie ihm.“ „Wirst du dich wohl benehmen, wir haben Besuch“, wies Hase Hubert auf mich. Der kleine Hase riss seine Augen auf. „Ein Menschenkind, ist das nicht verboten“, wollte er wissen? „Es ist auch verboten zu naschen, deine Mutter sieht alles“, Frau Hase wies auf den verräterischen Schokofleck auf der Hose des kleinen Hasen. Der schlug betroffen die Augen nieder. Die drei waren also eine Familie. „Dein Gesicht ist ein einziges Fragezeichen, frag schon, bevor du platzt“, lachte Mutter Hase freundlich zu mir hinüber. „Beliefert ihr alle Kinder“, platzte es aus mir heraus? Mutter Hase lachte wieder. „Oh nein, das wäre ja gar nicht möglich, jedes Haus hat eine Hasen Familie, dazu müssen wir dann noch einige Waldwege mit Eiern versehen. Schau“, sie führte mich zu einer Karte, die an einer kleinen Wand im hinteren Teil des Busches hing. „Auf diesem Weg sind gelbe Kreuzchen, das bedeutet es ist unser Bezirk, deshalb tragen wir die gelben Pullis, es ist alles geregelt.“ „Ihr müsst heute noch die ganzen Eier verteilen“, wollte ich mitleidig wissen. „Soll ich euch helfen?“ „Das ist sehr lieb von dir, aber nicht nötig, sie her. Das ist ein Eierverteiler.“ Sie hielt ein komisches Gebilde hoch, es sah aus, wie ein kleiner Rucksack und unten hing eine Art Schlauch hinunter. An der Seite eine Kanüle mit einem Kopf zum Drücken. Sie schnallte den Rucksack um und machte einige Schritte, dabei sprach sie: „Ostern kommt, das wird ein Schmaus, drum fällt nun ein Ei heraus.“ Dabei drückte sie den Kopf und plumps purzelte aus dem Schlauch am Sack ein Ei heraus. Das sah so drollig aus, das ich laut lachen musste, was mir gleich einen bösen Blick von Vater Hase eintrug, der die ganze Zeit über seinen Eiern saß und diese färbte. „Aber ihr könnt doch nicht die ganzen Eier in den Wald schleppen, wenn ich alleine daran denke, wie viele ich im letzten Jahr gefunden habe und meine Cousins und die anderen Kinder.“ Es machte mich echt betroffen, wie schwer die armen Hasen arbeiten mussten, ich saß auf der Erde und kämpfte mit den Tränen. Mama Hase stellte sich neben mich und tätschelte meine Wange. „Du bist ein gutes Kind, aber keine Sorge, schon am Karfreitag fährt der Großvater hinaus und legt Eier Depots an. Mit einem Leiterwagen legt er am Wegesrand die Eier in Erdlöcher, zwischen Wurzeln und unter Grasbüschel, wenn der Rucksack leer ist, können wir ihn wieder auffüllen. Ein Strahlen überzog mein Gesicht. „Toll, das ist wirklich toll. Meine Eltern werden staunen, wenn ich ihnen das berichte.“ Mutter Hase guckte ganz erschrocken. „Oh nein“, wisperte sie. „Das darfst du nicht, du darfst uns nicht verraten, hörst du? Wir Hasen und ihr Menschen sind Feinde, sie jagen uns, sie schlachten uns und sie essen uns.“ Betroffen schaute ich Mutter Hase an. „Ich nicht, ich essen keine Hasen“, erwiderte ich. „Du nicht, aber viele andere, du darfst nie darüber reden, was du hier gesehen hast, bitte versprich das.“ Eindringlich sah sie mich an und in ihren braunen Augen standen Tränen. „Schon gut“, ich nahm Mutter Hase in den Arm, „Ich verspreche es, von mir erfährt niemand etwas über euch.“ Dieses Versprechen habe ich über 50 Jahre gehalten, nun kann ich darüber reden, denn wer glaubt schon noch an den Osterhasen?
© By Gitte
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10 Kommentare
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Gitte Hedderich aus Herten | 12.03.2016 | 08:25  
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 12.03.2016 | 09:13  
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Gitte Hedderich aus Herten | 12.03.2016 | 11:39  
48.185
Luzie Schröter aus Fröndenberg/Ruhr | 12.03.2016 | 13:26  
48.185
Luzie Schröter aus Fröndenberg/Ruhr | 12.03.2016 | 13:49  
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Gitte Hedderich aus Herten | 12.03.2016 | 15:05  
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Thorsten Ottofrickenstein aus Menden (Sauerland) | 13.03.2016 | 23:18  
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Gitte Hedderich aus Herten | 14.03.2016 | 06:33  
10.146
Elisabeth Jagusch aus Schermbeck | 14.03.2016 | 16:55  
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Gitte Hedderich aus Herten | 14.03.2016 | 18:40  
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