Der große Irrtum des Xaver Kroatzenbichl

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Der große Irrtum des Xaver Kroatzenbichl!
Mürrisch saß Xaver und brummelte vor sich hin, immer Harfe zupfen, immer Hosianna singen, na das war auf Dauer nix für ein gestandenes Mannsbild. Wenn er so zurück dachte, an seine Erden zeit, mei war das eine Gaudi gewesen, er war ein Großbauer und konnte das Personal tanzen lassen. Wenn er anschaffte, dann flogen die Füße.

Etwas kitzelte seinen Nacken, er fasste nach hinten und hörte ein:
„Autsch, lass los, du Depp.“ Kasperl war auch ein richtiger bayrischer Lausbub gewesen, bis er zur Winterzeit in den reißenden Wildbach gefallen war und sich eine Lungenentzündung geholt hatte, die ihn hierher brachte in den weiß blauen Teil des Himmels, die bayrische Zone. Nicht dass er zu Lebzeiten besonders brav gewesen wäre, er aber hatte ein gutes Herz. Zu guter Letzt hatte er sogar den Katzenbabys das Leben gerettet, die sein Vater hatte ersaufen wollen: Kaum, dass sich der Vater abgewandt hatte, war er hinter ihm her gehechtet und hatte den Sack mit den vier niedlichen Babys aus dem See geholt. Er verschenkte sie an Touristen, die hatten meist ein weicheres Herz, als die bayrischen Stur köpfe, zu denen auch sein Vater zählte.

Nun stand er hier, um Xaver seine Milch zu bringen und der zog ihn zum Dank an seinem Flügel mit dem er seinen Nacken gekitzelt hatte.
„Was ziehst denn du für ein Gesicht“, wollte er wissen?
„Wahr ist´s“, nörgelte Xaver.
„Was soll i allweil mit a Milli, a Maß will i, a frisch gzapftes.“ Genießerisch fuhr er sich mit der Zungenspitze über die Lippen, alleine der Gedanke an ein frisches Weißbier ließ ihm das Wasser im Mund zusammen laufen.
„Du g´scherter Hammel du“, schimpfte nun auch Kasper los, vor Aufregung und Ärger ebenfalls in die Bayrische Mundart verfallend. Erschrocken hielt er seinen Flügel vor den Mund, denn Fluchen, das war hier verboten.
„Nun muss ich deinethalben zu Petrus, du Lackel“, schimpfte er weiter, denn nun war die Sünde ja schon getan und es war eh´ nix mehr zu ändern.
„Na pfüati, i holt di net“, Xaver wedelte mit der Hand, Kasper sollte verschwinden. Dem kleinen Engel standen die Tränen in den Augen, es war nicht immer einfach alle Regeln zu befolgen.

Seufzend trollte er sich zu Petrus. Streng blickte der auf ihn herab. Kasper sank das kleine Herzchen in den Bauch, denn statt seiner Krachledernen hatte er ein weißes Engelsgewand an. Er blickte zu Boden und eine Träne rollte über seine rosige Wange, so sah er auch nicht, dass der heilige Petrus schmunzelnd auf ihn herabblickte. Er fasste ihn unter das Kinn und hob sein Engelsgesichtchen an, so dass er ihn ansehen musste.
„Na, was hast du denn ausgefressen“, ermunterte er ihn zum Sprechen.
„Geflucht hab ich Heiliger Petrus“, gestand Kasper kleinlaut,
Petrus nahm sein Kinn in die Hand und versuchte streng auf den kleinen Sünder herab zu sehen.
„Warum hast du das getan, Kasper“, fragte er nun.
„Weißt Petrus, der Xaver, der ist halt so unglücklich, heim will er eine Maß trinken, sagt er.“ Nun musste Petrus doch lächeln und als Kasper das bemerkte, lächelte er gleich mit.
„Schick ihn mir doch gleich einmal her, Kasper“, bat Petrus ihn.
„Bekomme ich keine Strafe?“, wollte Kasper wissen.
„Nein, du bist ja freiwillig zu mir gekommen und hast deine Sünde gebeichtet, für diesmal wollen wir es gut sein lassen“, sprach Petrus. Flink wendete Kasper sich ab und flog schnell zu Xaver.
„Du sollst zu Petrus kommen“, verkündete er mit wichtiger Mine.
„Hast du gepetzt“, wollte Xaver wissen.
„Na ich hab ihm nur erzählt was los war“, entgegnete Kasper mit beleidigter Miene, als ob er eine Petze wäre, das wäre ja noch schöner.

Seufzend machte Xaver sich auf den Weg. Er flog ein wenig unsicher, was erstens an seiner Statur lag, denn er war eben ein kerniges Mannsbild und zum zweiten daran, dass er lieber saß statt flog, dass war auch schon zu Lebzeiten so gewesen. Die Engel, denen er begegnete schmunzelten wegen seiner holprigen Flugweise. Xaver tat, als sähe er das nicht. Auch die Landung war ein wenig rustikal, er plumpste vor Petrus auf den Boden, worauf auch dieser wieder schmunzeln musste.
„Du bist also unzufrieden hier und möchtest lieber Bier, statt Milch“, begann der Heilige. „Hat er also doch gepetzt“, entfuhr es Xaver. Petrus hob die Hand um ihn zum Schweigen zu bringen.
„Du möchtest also auf die Erde zurück“.
„Ja, ginge denn das“, fragte Xaver verdattert?
„Das ließe sich machen, du bist nun seit zwanzig Jahren hier, dein Sohn war zwanzig Jahre alt, als du gestorben bist, er ist nun in dem Alter, das du damals hattest, ich kann dir vier Wochen Urlaub genehmigen, du tauschst deinen Körper mit dem deines Sohnes, in deiner Abwesenheit ist er dann hier.“
Xaver riss Mund und Augen auf.
„Geht das gleich“, wollte er wissen, er meinte schon das Bier zu riechen und verdrehte träumerisch die Augen.
„Stell es dir nicht so einfach vor“, mahnte Petrus, du musst die vier Wochen durchhalten, wir haben in dieser Zeit keinen Kontakt miteinander, du bist ganz auf dich gestellt.“
„Wann geht es los“, wollte Xaver ungeduldig wissen?
Petrus seufzte.
„Stell dich hierher“, bat er. Er hüllte Xaver in eine Wolke.

„Au“, Xaver staunte, es hatte ihm jemand ziemlich unsanft in die Rippen geboxt.
„Steh endlich auf, die Küh´ warten aufs Melken“, hörte er eine keifende Stimme.
Er rieb sich die Augen,
„Wer bist denn du“, stammelte er verdattert.
„Na wer schon, dein dich liebendes Eheweib und nun troll dich in den Stall, sonst helf ich dir“, keifte die Stimme weiter.
Es hatte geklappt, Xaver ließ einen hellen Jodler los und umarmte das keifende Weib. Die schaute völlig verdattert.
„Nun hat´s ihm das Hirn zerissen“, murmelte sie und verschwand in die Küche.

Xaver zog sich an und schaute sich dabei um, er lag in seiner alten Schlafkammer, die nun seinem Sohn gehörte und das Weib musste seine Schwiegertochter sein. Na da hatte Jörgl sich ja eine schöne Xanthippe ausgesucht.

Er stiefelte zum Brunnen und ließ sich das eiskalte Wasser über den Nacken rinnen. Als er den Kopf hob, sah er eine alte, verhutzelte Frau auf den Brunnen zu kommen, sein Herz krampfte sich zusammen, war das etwa seine Gusti, seine immer fröhliche kleine Frau? Nun hatte auch sie ihn erblickt.
„Na Jörgl, hat´s di a aussigschmissen das Veverl?“
Er stutze einen Moment, richtig, er steckte ja im Körper seines Sohnes, aber wie anders hatte er sich seine Rückkehr gedacht, die Erde war eben doch ein Jammertal, hatte er das vergessen?
„Was machst denn hier am Brunnen, Mutterl“, wollte er wissen.
Verwundert schaute sie ihn an und schüttelte den Kopf.
„Sag, bist nit ganz bei dir heut, Wasser hol ich für den Morgenkaffee.“
„Du frühstückst mit uns, dass wäre ja noch schöner“, stieß er nun empört hervor.
Gusti seufzte tief.
„Du weißt doch, dass gestattet das Veverl nie, es will ja junge frische Leut um sich haben und kein verblühtes Gemüse“.
Traurig strich sie ihm übers Haar.
„Bist ein guter Junge, aber lass nur, das gibt nur wieder Ärger.“
Xaver hielt sie am Ärmel fest, als sie sich abwenden wollte.
„Ja wo sammer denn, i bin hier der Bauer, der anschafft was geschieht, i geh zum Melken und dann hol i di und es wird gemeinsam a Brotzeit ghaltn!.“

Gusti schaute erstaunt in das Gesicht ihres vermeintlichen Sohnes.
„Du bist aber heut energisch, willst das wirklich riskieren“, fragte sie zweifelnd.
Wütend und mit Tränen in den Augen stampfte Xaver in den Stall, wie gut, dass er gekommen war, hier lag wohl so einiges im Argen. Die Arbeit ging ihm immer noch flink von der Hand. Nachdem das Vieh gemolken war, stellte er die Kannen zum Abholen bereit und holte Gusti aus dem Austraghäusel, in das man sie wohl verbannt hatte. Die sah ihm mit großen Augen entgegen.

„Auf geht’s“, winkte er ihr zu und reichte ihr die Hand. Verwundert folgte sie ihm in das Hauptgebäude. Das Frühstück stand schon auf dem Tisch. Veverl nahm die Kanne vom Herd und wandte sich um.
„Was will die Alte hier“, herrschte sie ihren Mann an.
„Die Alte ist mein Mutterl und sie wird ab heut mit uns Frühstücken, hast mi?“ Veverl wollte aufbrausen, verstummte aber als sie die zornfunkelnden Augen ihres vermeintlichen Mannes sah. Mit gesenktem Kopf nahm Gusti Platz und Xaver reichte ihr eine Semmel. Dann sprach er das Morgengebet und wünschte er eine gesegnete Mahlzeit. Als er Gusti ansah, bemerkte er Tränen über ihr von Runzeln gezeichnetes Gesicht rinnen.
„Warum weinst denn, Mutterl“, wollte er wissen?
„Schön hast gebetet, fast wie dein Vater, Gott hab ihn selig“, murmelte sie.
Veverl schüttelte den Kopf, was heut nur mit Jörg los war, sonst war er immer Wachs in ihren Händen gewesen. Nach dem Frühstück begann die Arbeit, es war, als sei Xaver nie fort gewesen. Am Abend holte er sich das heiß ersehnte Bier aus dem Kühlschrank, um ins Dorf zu gehen, dazu war er viel zu müde.
„I geh noch ein wenig zum Mutterl“, sagte er Veverl Bescheid.
„Wennst meinst, i geh zu Bett“, bekam er zu hören. Er zuckte die Schultern, sollte sie doch beleidigt sein.

Als er das kleine Austragshäusel betrat, schaute Gusti überrascht von ihrer Näharbeit auf.
„Ja Jörgl, was machst denn hier“, fragte sie entgeistert.
„Noch ein bissl reden möcht i mit dir, Mutterl“, entgegnete er und setzte sich zu ihr. Nach einer Weile des Schweigens fragte er:
„Sag Mutterl, wie denkst du wird es sein, droben beim lieben Herrgott“, er beobachtete sie gespannt.
Nachdenklich blickte sie ihn an.
„Ein wenig merkwürdig bist du ja heute“, meinte sie sinnend. Dann aber antwortete sie und ihre Augen bekamen einen leuchtenden Glanz dabei.
„Beim lieben Herrgott droben, da wartet mein Xaverl auf mich und ich freue mich so sehr, ihn wieder zu sehen.
Xaver senkte die Augen, wenn Gusti wüsste das er hier bei ihr saß.
„Wenn ich doch nur endlich zu ihm könnte“, seufzte sie.
„Schön ist es dort, alles singt und jubiliert, spielt Harfe, oder fliegt im hellen Sonnenlicht umher und freut sich an aller Herrlichkeit“, rutschte es ihm raus.
Gusti sah ihn prüfend an.
„Es freut mich, mein Bub, dass du so einen starken Glauben entwickelt hast“, sprach sie. Xaver verabschiedete sich, denn er hatte Angst, sich doch noch zu verraten.

Die nächsten Tage verliefen fast in demselben Gleichmaß, Tag um Tag verrann und das Bier war Xaver gar nicht mehr wichtig. Als der letzte Tag anbrach, verbrachte er den Abend wieder bei Gusti. Er wollte sie nicht verlassen. Als sie einschlief, nahm er sie in seine Arme und schlief gemeinsam mit ihr ein.

Xaver erwachte, behutsam richtete er sich auf, sollte Petrus ihn vergessen haben? Immer noch hielt er seine Gusti in seinen Armen. Er schlug die Augen auf und sah……..einige Engel, die auf ihn hernieder grinsten, unter ihnen stand Kaspar. Dahinter der heilige Petrus. Verstört blickte Xaver von einem zum Anderen. Liebende soll man nicht trennen, schmunzelte Petrus, du durftest dein Weib behalten, ich hoffe nun schmeckt dir die himmlische Milch besser?!
Das glaubte Xaver auch und er freute sich, wenn Gusti erstaunt erwachen würde, der himmlische Schlaf hatte ihre Züge verjüngt, die Gramesfalten waren fast verschwunden, nun erst war er richtig im Himmel.


© By Gitte
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5 Kommentare
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 22.07.2016 | 07:18  
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 22.07.2016 | 08:57  
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Gitte Hedderich aus Herten | 22.07.2016 | 12:35  
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Christiane Bienemann aus Kleve | 23.07.2016 | 09:51  
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Gitte Hedderich aus Herten | 24.07.2016 | 17:32  
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