Es fährt ein Zug nach Nirgendwo

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Es fährt ein Zug nach Nirgendwo!
Samstagmorgen auf einem Bahnhof der den Namen eigentlich gar nicht verdient. Ein Gleis auf einer Brücke und eisiger Wind. Mir war ist nicht wohl, ich muss zur Beerdigung meiner letzten Großtante, nun gibt es niemanden mehr von den Alten. Das Taxi war zu Früh und nun stehe ich hier und muss noch eine Viertel Stunde frieren. Außer mir ist niemand hier, allein im Niemandsland. Erschöpft lasse ich mich auf einen der Kalten Metall Sitze nieder. In der letzten Nacht habe ich schlecht geschlafen, um vier Uhr war ich wach und um fünf bin ich dann aufgestanden und habe noch die vielen Kleinigkeiten erledigt, die im Haushalt so anfallen. Seltsam ist mir zu Mute, so als wäre ich in Watte gepackt. Wie in Trance sitze ich da, endlich kommt ein junges Mädchen, sie trägt Kopfhörer und beachtet mich nicht. Seltsam, in der Richtung, aus der der Zug erwartet wird bedeckt Nebel die Gleise, endlich kommt er, ich höre sein Tuten. Mühsam erhebe ich mich und steige ein. Warum bleibt das Mädchen zurück? Vielleicht wartet sie auf jemanden der hier aussteigen wollte. Beim Einsteigen bemerke ich einen Mann. Er ist ungewöhnlich bleich, sicher geht es ihm auch nicht gut. Da ich lieber allein bin, wähle ich die andere Richtung und suche mir einen Fensterplatz in Fahrtrichtung. Als ich hinaus blicke, sehe ich mein Gesicht in der Scheibe. Oh weh ich sehe schrecklich aus, ich bin genauso bleich wie der andere Passagier.

Der Zug fährt los, ich warte auf das Rattern und Stoßen, aber er fährt heute seltsam leicht, so als gleite er. Na mir soll es Recht sein, in einer halben Stunde bin ich in Essen, wo meine Cousine mich erwartet, die liebe Susi, alle Termine hat sie verschoben um mich pünktlich zur Beerdigung zu bringen. Minuten vergehen, der nächste Bahnhof, Buer-Nord. Warum vermindert sich die Fahrtgeschwindigkeit nicht? Er hält nicht, hoffentlich kein Defekt. Leute stehen auf dem Bahnhof, aber seltsam, keiner regt sich auf weil der Zug nicht hält, sie wirken irgendwie teilnahmslos, so als bemerkten sie den Zug nicht. Nun bin ich aber gespannt, was am nächsten Bahnhof geschieht. Das gleiche Phänomen, auch in Gladbeck-West fährt die S-Bahn durch. Unruhe erfasst mich, was wenn er auch in Essen nicht hält, was soll denn das? Während ich noch überlege haben wir das nächste Ziel erreicht. Bottrop und nun wird der Zug langsamer. Soll ich aussteigen? Aber dann schaffe ich es nicht und Susi steht vergeblich in Essen und wartet, ach was es wird schon gut gehen. Von allen Menschen, die hier auf dem Bahnhof stehen steigt nur ein Fahrgast ein und der ist so bleich wie wir. Nun graust es mich aber doch. Der Zug fährt weiter. Nur einmal hält er noch, in Essen-Borbeck und wieder nehmen wir einen Fahrgast auf. Dann fahren wir in einen dunklen Tunnel. Halt mal, wieso ist hier ein Tunnel? Was geht hier vor? Sicher träume ich das Ganze, ich kneife mich in den Arm. Autsch das schmerzt, ich träume also nicht.

Langsam wird es hell, wir lassen den Tunnel hinter uns. Was ist denn das? Seit wann wachsen hier solche herrlichen Blumen? Die Sonne strahlt vom Himmel, zumindest das Wetter spielt mit und mit einem Male fühle ich mich wesentlich besser. Als ich nun in die Scheibe schaue, ängstlich zuerst, sehe ich ein strahlendes Gesicht. Neugierig blicke ich zu meinen Mitfahrern, auch die sehen plötzlich erstaunlich gut aus. Was hat das zu bedeuten? War der Tunnel der Eingang zu einem Jungbrunnen? Meine Laune steigt, eigentlich unrecht auf dem Weg zu einer Beerdigung gute Laune zu haben, oder nicht? Auch die anderen sind merklich fröhlicher geworden, so als sei uns allen eine Last von den Schultern genommen worden die uns niederdrückte. Da kommt ein Bahnhof in Sicht, eine Frau steht dort. Eigentlich musste dass Bottrop-Boy sein. Der Zug hält genau vor ihr und sie steigt ein. Sie kommt auf mich zu und ich habe das seltsame Gefühl sie zu kennen. „Hallo Gitte“, begrüßt sie mich und da trifft mich die Erkenntnis wie ein Blitz. „Tante Hilde? Wie ist das möglich? Ich bin auf dem Weg zu deiner Beerdigung, bist du denn nicht tot?“ „Wir gehen zu meiner Beerdigung, als Ehrengäste sozusagen“, antwortet meine Tante und lächelt dabei. „Das verstehe ich nicht“, erwidere ich ihr. „Nur Geduld“, meint sie. Der nächste Bahnhof kommt in Sicht und er ist überfüllt von Menschen.

Tante Hilde nimmt meinen Arm, „Komm bittet sie, wir verlassen den Zug und als ich aufblicke schaue ich geradewegs in die Augen meines über alles geliebten und so sehr vermissten Großvaters. Er schließt mich in seine Arme. „Willkommen in der Ewigkeit“, spricht er. Ewigkeit? Was sagt er denn da? Als ich mich umblickte, sehe ich in lauter bekannte Gesichter, meine Mutter ist da und mein Vater, Onkel und Tanten, alle die bereits verstorbenen Verwandten. Die Erkenntnis trifft mich wie ein Schlag. Ich bin tot. Selbstmitleid will mich erfassen. Da beginnt Opa zu lachen und alle lachen mit. Du hast keine Grund traurig zu sein, hier ist niemand traurig, nie wieder, komm her, dann zeige ich dir trauriges.

Opa hält mir seine Hand vor das Gesicht und plötzlich kann ich darin sehen wie in einem Kino. Der Hassler Bahnhof erscheint, dort liegt jemand am Boden. Das bin ja ich. „Arme Frau“, sagt ein Arzt. „Aber vielleicht ist es besser so, hätte sie den Schlaganfall überlebt, dann sicher mit immensen Folgeschäden. Dort wo sie nun ist geht es ihr sicher besser.“

„Ach je“, ich nahm Opas Hand. „Nun habe ich Susi völlig vergessen, die Arme wartet auf mich, kann ich ihr irgendwie Bescheid geben?“ „Aber sicher darfst du das.“ Opas Arm wischte durch die Luft und plötzlich war er eine Taube. Erstaunt blickte ich an mir hinunter und sehe blendend weißes Gefieder. Opa erhob sich in die Luft und ich folgte ihm. Wir flogen durch dichten Nebel und dann tauchte der Essener Bahnhof unter uns auf. Suchend flog ich ihn entlang. Da stand sie und wartete, ich flog eine Schleife und zupfte mit meinem Schnabel eine Rose aus dem Kübel eines Blumenhändlers. Dann flog ich auf den Arm meiner Cousine. Opa flog immer um sie herum. Susi starrte mich an. „Gitte, bist du das.“ Ich nickte gurrend und als ich sah dass sie weinte streichelte ich mit meinem Flügel ihre Wange. Dann flog ich hinter Opa her der schon auf mich wartete. Nun war ich frei.


© By Gitte
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11 Kommentare
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 10.06.2016 | 07:36  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 10.06.2016 | 07:43  
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Gitte Hedderich aus Herten | 10.06.2016 | 08:49  
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Christiane Bienemann aus Kleve | 10.06.2016 | 08:51  
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Christian Tiemeßen aus Emmerich am Rhein | 10.06.2016 | 09:15  
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Gitte Hedderich aus Herten | 10.06.2016 | 14:36  
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Renate Smirnow-Klaskala aus Essen-Nord | 10.06.2016 | 15:01  
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Gitte Hedderich aus Herten | 10.06.2016 | 18:43  
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Melanie Busche aus Menden (Sauerland) | 11.06.2016 | 14:42  
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Gitte Hedderich aus Herten | 11.06.2016 | 14:49  
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Melanie Busche aus Menden (Sauerland) | 11.06.2016 | 15:38  
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