Naschteller für Ruhrgebiets-Krimifans: Killer, Kerzen, Currywurst

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Edelfeder aus Datteln: Christiane Dickerhoff hat mit ihrer "Spreewald"-Romanserie um die Mordermittlerin Klaudia Wagner beachtlichen Erfolg und schreibt unter dem Pseudonym Anne Beckenridge zudem historische Krimis. (Foto: Ilona Voss)
 
"Killer, Kerzen, Currywurst", erschienen im Prolibris Verlag Kassel. 199 Seiten. 12 Euro. ISBN: 978-3-95475- 156-3. (Foto: Prolibris)
 
Irene Scharenberg (Duisburg) hat mit ihrer Serie über Kommissar Pielkötter Erfolg. (Foto: privat)

Einen Roman mit 1000 Seiten rauszuhauen, bedeutet nicht automatisch Qualität. Manche Schreiber geraden nämlich einfach nur ins Schwafeln. Auch darum ist die Gattung Kurzgeschichte eine Königsdisziplin, denn die Kreativen müssen sofort zu fesseln verstehen. "Killer, Kerzen, Currywurst" ist eine druckfrische Kurzgeschichten-Sammlung von ausgesuchter Güte. Ein pikanter Teller für Krimi-Nachkatzen, sehr zu empfehlen.



Die Autoren und Autorinnen sind sarkastisch-ironisch oder betreiben Milieu- und Charakterstudien, die berühren, ohne unter Zuckerguss zu ersticken. Die Adventszeit ist das verbindende Glied. Man begleitet die Protagonisten durch Bottrop und Bochum, Kettwig und Wattenscheid, erlebt den Raubüberfall aufs Centro, lernt eine moderne Hexe in Unna kennen und freut sich über die Entlarvung eines bigotten Moralapostels in Essen. Sehr schön ist auch die Lösung, die eine arme, alleinerziehende Mutter in Dortmund findet, um einem widerwärtigen Sexerpresser das Handwerk zu legen.

Kleine Appetitanreger

Die Frau mit der Axt in der Brust: Christiane Dieckerhoff, in Datteln lebende Erfolgsautorin mit kriminellen Vorlieben, steuerte auch für diesen Sampler erstklassigen Stoff bei. "Ein Licht verbrennt" spielt - natürlich - in der Kanalstadt. Eine Frau erinnert sich an "die Frau mit der Axt in der Brust". Dieckerhoff schreibt wunderbar. Sie lässt die Aushilfe in einem Imbiss die Geschichte erzählen, als säße man einer patenten, gestandenen Frau aus dem Pott bei einer Tasse Kaffee gegenüber. Das wirkt authentisch bis zur letzten Zeile. Das berühmte Kino im Kopf stellt sich wie von alleine ein.
Der wundersame Parka: Irene Scharenberg aus Duisburg schafft es, mit  "Der Überraschungsgast" einen "Rosenkrieg" zu beschreiben, eine liebevolle Vater-Sohn-Beziehung zu charakterisieren und zugleich weihnachtliche Rührung aufkommen zu lassen. Merke: Mit Aldipizza und "Stairways to Heaven" als Musikkonserve machste nix falsch Heilig Abend.
Leg dich nicht mit Manta Claus an: Wer ein armes Schwein von Mini-Jobber überfällt, der sich als Weihnachtsmann verdingt, kann kein guter Mensch sein, Ist Claus, Manta-Claus genannt, auch nicht. Überfälle, Drogenhandel, Verfolgungsjagden durch Bottrop und ein witziges Ende geben diesem Kurzgeschichten-Band die Prise Pfeffer, frisch aus der Mühle. Die beiden Friedrich-Glauser-Preisträger Karr & Wehner aus Essen, machen mal wieder gemeinsame Sache. Ihre Story "Code Red - Einsatz für Manta-Claus"  ist lakonisch, rasant und schnodderig, wäre auch als Film hitverdächtig.
Damian, die Nervensäge, wird  "Der kleine Rotter von Hugenpoet": Den Dreikäsehoch in der Geschichte von Gesine Schulz aus Essen sollte man besser nicht enttäuschen. Er hat seine Augen und Ohren überall... auch auf dem Luxus-Nikolausmarkt in Kettwig. Bis die Handschellen zuschnappen, ist es eine herrlich absurde, aber in sich stimmige Geschichte.
Lumpenlösung: Thomas Schweres, der Frauenversteher, stammt aus Essen und lässt seine Romane in Dortmund und Gelsenkirchen spielen. In "Homestory" empfinden Leser mit seiner Hauptfigur, eine auf widerwärtigste Weise ausgebeutete Putzfrau in Dortmund-Dorstfeld, viel Sympathie. Diesmal verrate ich sogar das Ende: Die Gerechtigkeit siegt,
Spenden willkommen: Auch Mischa Bach aus Essen lässt in "Umwege zum Ruhm" das Schicksal walten, um Fieslinge zu bestrafen. Bei der Kinderaufführung von der "Kleinen grünen Hexe im Stadtwald" im Grillo-Theater treffen ein lokaler VIP und ein Taschendieb, ein Erpresser und Tierschutzaktivisten aufeinander. Klingt nach einem wirren Durcheinander, ist tatsächlich aber ein feinsinniger Spaß. Gut komponiert, nicht konstruiert.
"Countdown" von Ursula Sternberg aus Duisburg mit Wohnsitz Essen ist herrlich fies. Wie in dem Hollywood-Hit "Falling Down" mit Michael Douglas mutiert in dieser Story eine Frau in Oberhausen zur ausgeflippten Rächerin auf der A40. Der weihnachtliche Stress allüberall, die nervtötende Musik und die bemützte Meute um sie herum, treiben die Protagonistin in den Wahnsinn. Dazu ihr Abzählreim  - das ist große Kunst.
Dass ein Polizeibeamter Krimis schreibt, ist durchaus ungewöhnlich. Lehrer und Juristen sind da überaus stärker in der Krimizunft vertreten. So gesehen ist Mike Steinhausen (in Hattingen lebend, aus Essen stammend und dort arbeitend) eine Ausnahme. In "Katzenjammer" kann er seine Profi-Kenntnisse aber sehr schön einbringen, in dem er in der Geschichte eines scheinbar natürlichen Todesfalls während des Weihnachtsmarktes in Mülheim en passant löst, nur durchs Anstrengen der kleinen grauen Zellen nach Besichtigung des (Tat-) Ortes und eines kurzen Blicks auf die Hinterbliebenen. Klassischer Krimi-Spaß: Wer war's, wie gelang es und warum überhaupt?
Held auf der Harley: Joe dreht mit seiner geliehenen Kamera am CentrO, er will bei den Oberhausener Kurzfilmtagen groß rauskommen. Stattdessen bekommt er dabei drei falsche Weihnachtsmänner vor die Linse, ein bewaffnetes Räuber-Trio. Die Kerle machen auf ihn Jagd. Arnd Federspiel setzt in "Drei Weihnachtsmänner für ein Halleluja" auf rasante Unterhaltung. Showdown auf dem menschenleeren Weihnachtsmarkt, inklusive hübscher Maid. Oberhausen ist der Wilde Westen.
Geregeltes Leben: Berührend beschreibt Peter Märkert in "Die Tankstelle", wie ein aus der Haft entlassener Mann in Bochum zwar versucht, im bürgerlichen Leben wieder Fuß zu fassen. Auf krude Weise erfüllt sich sein Traum von einem sorgenfreien Leben. Der Autor kennt als Sozialarbeiter im Vollzug und Bewährungshelfer die Szene. Seine Story ist ein eindrucksvolles Psychogramm und ein Stück Gesellschaftskritik.
Stadtführer vergessen nicht: Herbert Knorr erteilt in "Unna soll leuchten" einer auf Luxus fixierten Frau (keine Dame), die anderen nach dem Leben trachtet, eine Lehre. Die Geschichte in der Geschichte in der Geschichte spricht durch schwarzen Humor an. Da sieht man Ruhrgebiets-Tourismus doch mit ganz anderen Augen. Danke dafür.
Müll rausbringen ist Männersache: Almuth Heuner nimmt die Leser mit in die Zeit, als Wanne-Eickel (und Wattenscheid, Werden, Buer...) ihre Eigenständigkeit verloren. In "Roter Mond"  hat die Tochter eines Politikers, der vehement gegen die Gemeindegebietsreform zu Felde zieht, einen schlimmen Verdacht gegen ihren Daddy. Gänsehaut-Geschichte, obwohl wenig Blut fließt. Das zeugt von Können.
Zu Sterben ist keiner zu doof: Wenn eine Frau ihren Sohn in Wattenscheid nach Gunter Gabriel (Heintje wäre auch möglich gewesen) benennt, muss sie sich nicht wundern, wenn der Knabe später Mordgelüste bekommt. Vor allem, wenn Muttern ihn überhaupt nervt und stresst. Da kann man doch schon mal das Erben des Häuschens beschleunigen... Christiane Bogenstahl hat in "Heidschi Bumbeidschi" einige Überraschungen auf Lager. 

Buch-Tipp:

Almuth Heuner (Hrsg.): Killer, Kerzen, Currywurst. Kriminelle Weihnachtsgeschichten aus dem Ruhrgebiet, erschienen im Prolibris Verlag Kassel. 199 Seiten. 12 Euro. ISBN: 978-3-95475- 156-3.
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4 Kommentare
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ANA´ stasia Tell aus Essen-Ruhr | 06.12.2017 | 13:33  
Kerstin Halstenbach aus Herten | 06.12.2017 | 13:43  
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ANA´ stasia Tell aus Essen-Ruhr | 06.12.2017 | 16:35  
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 09.12.2017 | 09:17  
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