Reise in die Vergangenheit!

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Reise in die Vergangenheit!
Wir schreiben das Jahr 2006 und immer wieder taucht das Thema Krieg auf. In meinem Forum diskutierten wir über eine 80 jährige Dame, die wegen ihrer früheren Arbeit als KZ Aufseherin aus den USA ausgewiesen wurde. Soll, muss, oder darf man sie noch bestrafen, für Verbrechen, die so lange Zeit zurück liegen? Einmal in der Woche arbeite ich nun beim Besuchs Dienst des Krankenhauses und auch dort tauchte gestern das Thema im Gespräch mit einer älteren Dame wieder auf. Können wir uns überhaupt eine Vorstellung jener Zeit machen? Sicher nicht, man muss glaube ich diese mörderische Angst um das eigenen Leben und das seiner Lieben selbst erlebt haben, um es einigermaßen nachvollziehen zu können. Als ich zu Bett ging, konnte ich nicht abschalten, immer wieder glitten meine Gedanken zu diesem Thema und immer wieder erwachte ich. Aber dann glitt ich doch endlich in den Tiefschlaf.


1944!
Warum nur hatte ich im Sitzen geschlafen. Halbwach schob ich einen meiner langen blonden Zöpfe beiseite. Zöpfe? Ich trug längst keine Zöpfe mehr, ich war vierundfünfzig Jahre alt und blond war ich nie. „Na Inge, hast du eine Weile schlafen können?“ Verwirrt blickte ich in das Gesicht einer verhärmten kleinen Frau, die mich liebevoll betrachtete und eine meiner Haarsträhnen aus meinem Gesicht schob. „Komm erst einmal richtig zu dir“, bat sie mich lächelnd. Verwirrt sah ich mich um, wir befanden uns mit vielen anderen Menschen in einem großen Raum, dessen Wänden nackte Ziegeln hatten. Von der Decke baumelte eine einzelne kahle Glühbirne, die ein diffuses Licht verbreitete. Entlang der Mauern saßen und lagen meist stumpf in eine Richtung blickende altmodisch gekleidete Menschen. Als ich an mir herabsah, erblickte ich einen blauen Faltenrock über weißen Knie Strümpfen. Inge? Die Gedanken überschlugen sich in meinem Kopf, wieso Inge, ich hieß Gitte. Nun einmal langsam, erst einmal die Gedanken sortieren. Neben uns führte eine Treppe zu einer großen Eisentüre, die sich nun öffnete und einige Menschen hereinließ. Die erste war eine ziemlich kleine, wie es schien äußerst resolute Frau. Sie trug ein kleines, cirka sechsjähriges Mädchen auf dem Arm und ein etwa neunjähriger Junge hielt sich an ihrem Mantelsaum fest. Dahinter kam vermutlich ihr Mann herein, der ein ungefähr zehnjähriges Mädel an der Hand führte. Die Frau schimpfte unentwegt. „Das Balg bringt mich ins Grab, nie hört sie wenn man ihr etwas sagt. Geh nur Mutter, mir passiert schon nichts. Soll sie doch bleiben, wenn sie ihr Leben unbedingt aufs Spiel setzen will“, schimpfte sie böse vor sich hin. „Schließlich habe ich noch andere Kinder, für die ich leben muss.“ „Bitte beruhige dich doch Guste“, versuchte ihr Mann, dem der Auftritt seiner Frau sichtlich peinlich war diese zu beruhigen. „Unserer Waltraud geschieht schon nichts.“ „Ja ja, nimm sie nur in Schutz, deine Erstgeborene, du wirst schon sehen, was du davon hast“, grantelte die Guste genannte Frau weiter und ihr Mann senkte beschämt den Kopf, denn einige Gesichter hatten sich neugierig den Neuankömmlingen zugewendet. Guste, Waltraud, Moment einmal, in meinem Kopf begannen die Gedanken zu rotieren. Guste hatte meine Oma geheißen und Waltraud meine Mutter. Neugierig betrachtete ich die gerade herein gekommene Familie, so neugierig, dass die Frau an meiner Seite mich in die Rippen stupste. „Es ist unhöflich Leute so anzustarren Inge“, flüsterte sie mir zu. So blickte ich zu Boden, während die Gedanken in meinem Kopf kreisten. Das hier, wo ich aufgewacht war, war augenscheinlich ein Bunker, wenn diese Frau, die Guste genannt wurde nun tatsächlich meine Oma war, dann musste der Mann an ihrer Seite mein Opa Willy sein. Das kleine Mädchen auf ihrem Arm meine Tante Edith, 1938 geboren und das Nesthäkchen, der Junge an ihrem Mantel mein Onkel Heinz, geboren 1935 und das große Mädchen Mutters zweitälteste Schwester Anni, von 1934. War meine Mutter jene Waltraud, die ihre Mutter so in Rage gebracht hatte? Demnach hätten wir das Jahr 1944, ein Jahr vor dem Kriegsende und meine Mutter wäre vierzehn Jahre alt, etwa so alt, wie ich nun, stelle ich fest, als ich an mir herabschaute und dann wusste ich es, wusste plötzlich wer ich war, ich war Inge, Inge Strupina, Mutters Freundin. „Was hast du Kind“, wollte die besorgte Frau an meiner Seite wissen? „Du bist ganz blass, hier trink einen Schluck.“ Sie reichte mir eine Flasche, aus der ich gierig einen Schluck nahm. Dankbar spürte ich warmen Tee in meinem Mund, der auch den schalen Geschmack milderte, der sich dort ausgebreitet hatte. Jemand räusperte sich. „Vielleicht sollten wir mal hören, ob wir nach draußen können, ich schalte mal das Radio ein.“ Ein älterer Mann stand auf und montierte den Antennendraht in die Lüsterklemme der Deckenlampe, danach schaltete er den Volksempfänger ein, der nach einigen krächzenden Geräuschen tatsächlich eine abgehackte Stimme ertönen ließ. Abdrehen Richtung Köln………..schwere Bombardements in Essen, Nähe Krupp Gelände. „Es scheint überstanden zu sein, sehen wir nach, wie es draußen aussieht“, meinte der Besitzer des Volksempfängers.

Waltraud!
Plötzlich wurde die Türe aufgerissen. Ein hellblondes Mädel fegte wie ein Wirbelwind herein. „Na ihr Keller Asseln, wollt ihr nicht wieder ans Licht kommen.“ Dabei grinste sie verschmitzt und nahm ihr kleines Schwesterchen aus Oma Gustes Arm. Sie tanzte mit ihr im Kreis herum und die kleine Edith jauchzt fröhlich dabei. Aus Opa Willys Augen leuchtete der Stolz, während seine Frau seufzte. Stumm und fasziniert betrachtete ich die Frau, die meine Mutter ist, dass sie ein hübsches Mädel war, hatte ich gewusst, aber sie so voller Leben, so sprühend vor Esprit zu sehen nahm mir den Atem. Ihre klassische griechische Nase hatte ich immer schon bewundert, auch ihre stahlblauen Augen, aber ihr helles Blond und ihre unbändige Lebensfreude waren ihr mit den Jahren abhanden gekommen. Ein feuchter Kuss traf meine Wange. Erschreckt fuhr ich aus meinen Gedanken auf. „Na Ingekind, so traurig? Es ist vorbei und uns hat es nicht erwischt, freue dich doch.“ Edith hatte sie an der einen und mich an der anderen Hand und zog uns die Treppe hinauf ins helle Tageslicht.
Erstaunt und unsicher schaute ich mich um. Na klar, das ist die Probsteistraße, ein wenig ungewohnt, mit dem Kolpinghaus auf der anderen Seite und ohne glatte Asphaltirrung, aber zweifellos, in diesem Bunker also waren wir und im Kolpinghaus wird zwölf Jahre später eine Weihnachtsfeier stattfinden, an der wir alle teilnehmen, wir zumindest überleben diesen Krieg. Der Gedanke tröstet mich.

Schokolade!
„He, magst du ein Stück Schokolade“, flüstert Waltraud in mein Ohr. „Wo um alles in der Welt hast du Schokolade her“, frage ich erstaunt. Waltraud strahlt mich an. „Du weißt doch, ich bin seit neustem Jungschar Führerin, in der BDM. Neulich trafen wir uns zur Besprechung mit den Pimpfen. Werner, deren Führer betrachtete mich nachdenklich, Blond und blauäugig, rein arisch also“, überlegte er laut, „genau wie ich, wir bekämen wunderbare Kinder.“ Waltraud kicherte. „Nun Kinder will ich keine von ihm, Schokolade schon, schau nur einen ganzen Riegel gab er mir. Vier Stück, einen für dich, einen für mich, einen für Edith und einen für Anni.“ „Du hast Heinz vergessen“, machte ich sie aufmerksam. „Heinz bekommt keinen, Heinz ist ein Schweinepriester“, antwortete Waltraud. „Was ist er, ein Schweinepriester?“ Vor Verblüffung hatte ich dieses ungewöhnliche Wort laut heraus gesagt, was leider zur Folge hatte, das meine Großeltern aufmerksam wurden. „Also Waltraud, das geht zu weit“, rügte Oma Auguste sie nun und auch Opa schenkte ihr einen enttäuschten Blick, der sie verlegen zu Boden schauen ließ. „Wenn es doch wahr ist“, murmelte sie, aber nun sehr leise. Also nimm schon.“ Mit diesen Worten drückte sie mir ein Stückchen Schokolade in die Hand, das ich schnell im Mund verschwinden ließ. Verständnis innig grinsten wir uns an, die Schokolade schmeckte himmlisch, nun merkte ich erst, welchen Hunger ich hatte.


Marmelade!
„Mutter“, Waltraud hatte sich bei Oma eingehakt. „was hältst du davon, wenn wir nun nach Hause gehen und ein Glas deiner köstlichen Marmelade essen?“ „Du hast Ideen, weshalb sollten wir mitten in der Woche Marmelade essen“, wollte Oma verblüfft wissen. „Also erst einmal sind wir mal wieder davon gekommen, hätten Bomben heute unser Haus getroffen, wäre die Marmelade futsch. Zweitens hätte es uns treffen können, dann hätten die Nachbarn diese herrliche Marmelade verspeist und drittens fährst du doch Morgen mit Edith in die Mutter und Kind Kur, also müssen wir Abschied feiern.“ Oma musste nun doch schmunzeln, so ganz konnte sie sich der Logik ihrer Ältesten nicht verschließen und auch Opa grinste sich eins. „Also gut“ gab sie seufzend nach. „Darf Inge mitkommen, ich muss noch etwas mit ihr besprechen“, bat Waltraud und hängte sich wieder in meinen Arm. „Gerne, sie scheint die Vernünftigere von euch beiden zu sein“, antwortete Oma. „Wenn du sich da mal nicht täuscht, du kennst doch das Sprichwort vom stillen Wasser“, fragte Waltraud schmunzelnd. „Wollen sie auch mitkommen, Frau Strupina“, wendete sich Oma nun an meine jetzige Mutter? „Nein Dankeschön Frau Glosse, mich treibt es heim, Mutter ist nach dem Alarm in den Keller gegangen, sie ist nicht mehr so gut zu Fuß, ich muss nach ihr sehen, sonst macht sie sich Sorgen. Bitte komm nicht so spät heim Inge, in diesen Zeiten sollte nach Einbruch der Dunkelheit kein junges Mädchen mehr auf der Straße sein“, bat sie mich. „Selbstverständlich Mutsch“ antwortete ich ihr und küsste sie zum Abschied auf die Wange. Inzwischen hatten wir die Brückstraße erreicht, meine Mutter wendete sich nun nach Rechts, der Stadt zu, wo wir wohnten und wir nach links, Richtung Porthofsplatz, wo die Familie Glosse ihre Wohnung hatte.

Eine Idee!
Nachdem wir zwei Gläsern der wirklich köstlichen Marmelade verspeist hatten, rückte Waltraud mit ihren Plänen raus. „Mutti, du fährst mit Edith morgen zur Kur, Vati, du hast eine Einberufung nach Dänemark, die Kleinen sind bei unseren kinderlosen Nachbarn gut untergebracht, da dachte ich, Inge und ich gehen auf Hamstertour. Was haltet ihr davon? Unsere Vorräte sind aufgebraucht und auch wenn wir in der nächsten Zeit nicht hier sind, sollten wir an später denken, wer weiß schon, wie lange dieser Krieg noch dauert?“ Opa und Oma blickten sich verblüfft an, was diesem Kind so im Kopf herum ging, war es in der einen Minute noch unglaublich kindisch, überraschte sie dann plötzlich mit sehr vernünftigen Gedanken. „Das ist eine gute Idee Waltraud, ihr könnt den Leiterwagen aus dem Keller mitnehmen, dann können wir Lindemanns, unseren Nachbarn etwas mitgeben und uns so für die Aufsicht über Heinz und Anni bedanken“, meinte Opa. „Was sagst denn du dazu Inge“, wendete sich Waltraud nun an mich? „Eine sehr gute Idee“ bestätigte ich. „Nun werde ich nach Hause gehen, ich will Mutter nicht so lange warten lassen, außerdem werde ich früh zu Bett gehen, denn ich denke, wir werden zeitig losgehen, um welche Uhrzeit dachtest du“, frage ich Waltraud? „Stimmt, wir sollten sehr früh aufbrechen, ich werde etwa gegen fünf Uhr bei dir sein.“ Nachdem ich mich verabschiedet hatte machte ich mich eilig auf den Weg, ich wusste zwar, wo Inge wohnt, war aber dennoch unsicher. Nachdem ich die Brückstraße hinunter gelaufen war, bog ich in die Hufergasse ein. Nach einigen Metern kam ich an eine Toreinfahrt, die ich öffnete. Dahinter befand sich ein Hof, den ich durchquerte. An der Rückseite lehnte eine Leiter, die zu einer Art Galerie führte, die um das Haus herumlief. An deren Ende fand ich eine hölzerne Türe, die ich öffnete und dann befand mich in unserer Wohnung. Erleichtert atmete ich auf, meine Erinnerung hatte mich richtig geführt. Mutter war froh als sie mich gesund wieder sah und ich blickte mich erst einmal um. An der Rückwand und links befanden sich Fenster, aus denen man auf die Brückstraße sah, denn unsere Wohnung befand sich über einem Lebensmittel Geschäft, dem Otto Mess. Den Werbespruch kannte damals jeder: Otto Mess, mit zwei ss, mit zwei o, macht uns froh. Vor den Fenstern stand ein Sofa und davor ein klobiger Holztisch, mit einer Wachstuchdecke, an dem noch drei Stühle standen. In der Ecke hinter mir befand ein Lehnstuhl, indem eine alte, dunkel gekleidete Frau saß, die nun ihre Arme nach mir ausstreckte. Das war sicher meine Oma, ich eilte zu ihr und begrüßte sie, dann berichtete ich von Waltrauds und meinen Plänen, morgen auf Hamstertour zu gehen. „Darum werde ich mich nun zu Bett begeben, damit ich morgen frisch bin“, erklärte ich. Wortlos zog Mutter nun eine Schüssel unter dem Tisch hervor, stellte sie darauf und füllte sie mit Wasser, das sie in einem Krug aus einem Kran an der Rückseite Raumes holte, wo sich hinter einem Plastik Vorhang auch mein Bett befand. Der andere Raum war das Schlafzimmer für Mutter und Oma. Schnell wusch ich mich, dann kleidete ich mich aus und legte die Sachen ordentlich auf einen Stuhl, der vor meinem Bett stand, danach schlüpfte ich hinein. Mutter kam und sah mich traurig an. Sie kniete sich vor mein Bett. „Hast du nicht etwas vergessen“, fragte sie mich? Sofort stand ich wieder auf und kniete mich neben sie. Da ich keine Anstalten machte, begann sie seufzend zu beten:

Müde bin ich, geh zur Ruh,
schließe beide Augen zu.
Vater, lass die Augen dein
über meinem Bette sein.
Hab ich Unrecht heut getan,
sieh es, lieber Gott, nicht an,
deine Gnad und Jesu Blut
machen allen Schaden gut.
Alle, die mir sind verwandt,
Gott, lass ruhn in deiner Hand;
alle Menschen, groß und klein,
sollen dir befohlen sein.
Kranken Herzen sende Ruh´,
müde Augen schließe zu.
Gott im Himmel halte Wacht,
gib uns eine gute Nacht.

Amen
Nach wenigen Worten floss das Gebet meiner Kinderzeit wieder aus meinem Munde, ich hatte es später durch den 23. Psalm ersetzt, als ich mich zu alt dafür glaubte und noch später wählte ich dann meine eigenen Worte um mit Gott zu reden. Zum Schluss bat Mutter um Schutz und Segen für unser Vorhaben und das Waltraud und ich gesund wieder kommen mögen. Danach legte ich mich nieder und nach Mutters Kuss schlief ich tief und fest ein, ein tiefer und gesunder Schlaf, wie ihn nur die Jugend kennt.

„Schläfst du altes Faultier etwas noch“, klang es wenig später an mein Ohr. Der Vorhang wurde beiseite gefegt und da stand Waltraud lachend und vor Temperament sprühend vor mir, ich blinzelte und musste mich erst einmal wieder zurecht finden. Dann sprang ich aus dem Bett und absolvierte mit dem auf dem Tisch bereit stehenden Wasser eine Katzenwäsche. Danach schnell in die Kleider. Waltraud trug ihre Zöpfe aufgesteckt. „Das ist praktischer, erklärte sie mir.“ Nervös nestelte ich an meinen Haaren herum, bis Mutter lächelnd sagte sie: „Setz dich her, ich mach das schon und geschickt löste sie die Flechten, flocht sie neu und steckte sie ebenfalls auf. Dann nestelte sie das goldene Kreuz mit der Kette von ihrem Hals und legte es mir um. Sie küsste mich auf die Stirne und meinte: „Der Herr soll euch heil zurückkommen lassen.“ Auch Oma humpelte nun herbei, umarmte mich und wünschte Segen zu unserem Vorhaben. Mit einem Kloß im Hals kletterte ich hinter Waltraud die Leiter hinunter. An der Toreinfahrt wendete ich mich noch einmal um und winkte den beiden Frauen, die in der Türe standen und uns hinterher winkten. Wir nahmen die Deichsel jeder mit einer Hand und zogen den Wagen hinter uns her.

Hamstern!
„An welchen Weg hast du gedacht“, wollte ich von Waltraud wissen? „Lass uns erst einmal Richtung Heidhausen gehen, da kommen wir an zahlreichen Höfen vorbei“, meinte sie. Am Schwarzen nahm Waltraud Kopftücher und alte graue Kittel vom Wagen. Sie reichte mir einen und sagte: „Zieh ihn an.“ „Warum denn das“, wollte ich wissen. „Wir sehen nicht abgerissen genug aus, je Ärmer, um so eher bekommen wir etwas und unsere Haare verstecken wir unter den Tüchern, die Bauern sollen ja nicht auf dumme Ideen kommen.“ „Wie meinst du das“, fragte ich nach. „Du wirst schon sehen“, entgegnete sie nur „und nun komm weiter. Es war nicht einfach, der Weg ging ständig bergauf und der Karren schien immer mehr zu wiegen. Als ich mir seufzend den Schweiß von der Stirne wischte, grinste Waltraud und meinte: „Denk an den Rückweg.“ „Dann haben wir, so Gott will noch geladen“, sagte ich. „Aber dann geht es bergab“, grinste sie. Wo sie Recht hat, hat sie Recht, dachte ich und spuckte in die Hände. Auf dem ersten Hof hatten wir kein Glück, die Bäuerin jagte uns schimpfend davon. Auf dem zweiten wachte ein Hund und wir trauten uns gar nicht in die Nähe des Hauses. „Das fängt ja gut an“, stöhnte ich. „Nun mal nicht so ungeduldig, was hast du denn erwartet? Das sind die ersten Höfe gleich hinter der Stadt, was glaubst du, wer hier alles betteln kommt“, beruhigte mich Waltraud. Bein nächsten Hof hatten wir dann Glück, es waren einige Äpfel von Vorjahr übrig geblieben und die bekamen wir, sie hatten zwar einige braune Stellen, aber die konnte man ausschneiden, oder wenn wir mehr bekamen konnten wir Apfelmus kochen. Außerdem gab es für jede ein Brot und ein Glas Milch. Wir bedankten uns und zogen gestärkt weiter unseres Weges.

Auf den nächsten Hof kam uns der Bauer entgegen. Er musterte uns genau und mich beschlich ein ungutes Gefühl. Als Waltraud ihn fragte: „Haben sie etwas zu Essen für uns, wir sind sechs Geschwister zu Hause?“ Grinste er schäbig. Er schob ihr Tuch ein wenig nach hinten und als er ihr Blondhaar sah, pfiff er durch die Zähne. „Du kannst einiges von mir bekommen, meine Schöne, zum Beispiel einen ganzen Sack Kartoffeln, allerdings musst du mir ein wenig die Zeit vertreiben, im Heu, ich gehe schon vor, wenn du willst, komm nach.“ „He, erst will ich sehen, ob du überhaupt einen Sack voller Kartoffeln hast“, rief Waltraud hinter ihm her. „Hältst du mich für einen Gauner“, tönte es von oben und er lachte hässlich? „Dort in der Ecke steht er.“ Er wies in eine Ecke der Scheune und Waltraud vergewisserte sich, dass auch Kartoffeln in dem Sack waren. Der Bauer lachte dröhnend. „Du bist ja eine ganz Misstrauische.“ „Sobald ich oben bin, schnappst du dir einen leeren Sack und folgst mir. Dann ziehst du ihn ihm über den Kopf“, raunte sie mir zu. „Das kann ich nicht“, sagte ich flehend. Waltraud sah mich ernst an. „Du musst, oder willst du, das ich meine Unschuld für einen Sack Kartoffeln verliere?“ Mir brach der Angstschweiß aus, aber es half nichts. Als Waltraud oben war und der Kerl nach ihr griff, schnappte ich den Sack, rannte die Leiter hinauf und zog ihn über seinen Kopf. Eine Schrecksekunde lang hielt er still, dann begann er sich zu wehren, aber Waltraud hatte schon die Schleife aus ihrem Zopf gelöst und fesselte damit seine Hände. „Danke für den Sack Kartoffeln“, lachte sie und unter den Flüchen des Bauern kletterten wir die Leiter hinab, schnappten uns den Sack, wuchteten ihn auf den Wagen und verließen so schnell wir konnten den Hof.

Auf den nächsten Hof trafen wir in der Küche eine in Tränen aufgelöste Bäuerin vor. Waltraud eilte zu ihr, legte den Arm um ihre Schultern und fragte behutsam: „Kann ich etwas für sie tun?“ Schluchzend reichte sie ihr einen Brief. Es war eine Mitteilung von der Front, ihr Sohn war unter den Gefallenen. „Warum“, fragte sie und „Wofür?“ Uns kamen gleichfalls die Tränen und wir wendeten uns zur Türe. „Halt, wartet“, rief uns sie Frau leise zurück. Sie begann den Schrank auszuräumen, Schinken, Butter, Gläser mit Wurst und Schmalz. „Nehmt Kinder“ sagte sie, „ich glaube ihr habt mehr Verwendung dafür als ich.“ Normalerweise wäre uns nun das Wasser im Munde zusammen gelaufen, aber wir standen und rührten uns nicht. „Nun nehmt schon“, forderte sie uns erneut auf. „Der für den die Sachen bestimmt waren, kommt nicht mehr.“ Wieder liefen ihr dicke Tränen über das Gesicht. Sie wickelte alles in Zeitungspapier. „Versteckt es unter euren anderen Sachen“, riet sie uns, sonst nimmt man es euch noch ab.“ Wir umarmten die Unglückliche noch einmal zum Abschied und zogen unseren nun schwer beladenen Wagen schweigend heimwärts. Ich glaube, hätte es den jungen Mann wieder lebendig gemacht, wir hätten frohen Herzens auf die guten Gaben verzichtet.

Daheim, zogen wir den Wagen in den Hof auf dem Porthofsplatz. Dort luden wir ihn ab und trugen die Sachen in den Keller. Ein Glas Schmalz nahmen wir mit hinauf und schenkten es den netten Nachbarn, für die Beaufsichtigung der beiden Kinder. Sie hatten noch Brot und wir schmausten gemeinsam. Waltraud nahm die Kinder mit hinüber und ich ging heim zu Mutter und Oma, die sich sehr freuten, mich wohlbehalten zurückbekommen zu haben, auch sie bekamen fürs Erste ein Glas Schmalz.

Auf zu neuen Abenteuern!
Am nächsten Tag sortierten wir erst einmal die Vorräte und ließen es uns dann wohl gehen. Mit den Nachbarn und meiner Mutter feierten wir ein Fest. Waltraud buk dazu Apfel Pfannkuchen. Das Fett bruzzelte in der Pfanne und der Plattenspieler dudelte Sambesi. „Brauchst du Hilfe, beim herumdrehen der Pfannkuchen“, bot meine Mutter an. Aber Waltraud wäre nicht Waltraud gewesen, wenn sie nicht ihren eigenen Stil gehabt hätte. „Oh, ich hab mal gesehen, wie das geht“, sie wartete eine besonders schmissige Stelle ab, warf den Pfannkuchen in die Luft und erwartet ihn zurück. Indes, sie wartete umsonst. Als wir dann unsere Blicke zur Decke hoben, sahen wir ihn dort kleben. Unendlich langsam löste er sich und fiel hinab. Zurück blieb ein Fettfleck. Oh je was nun? Waltraud lachte. „Ihr werdet euch euer Essen verdienen müssen, nach dem Schmausen wird die Decke neu geweißt, sonst zieht Mutter mir die Ohren lang.
Mitten im allgemeinen Gelächter schellte es. Der Postbote brachte einen Eilbrief. Waltraud betrachtete ihn misstrauisch, sie drehte ihn hin und her, unschlüssig ihn zu öffnen, Eilbriefe bedeuteten meist nichts Gutes. „Nun mach schon“, riet ich ihr, „dann hast du Gewissheit.“ Zögernd öffnete sie ihn und las. Gespannt warteten wir auf ihren Bericht. „Der Brief ist von Mutter“, berichtete sie endlich, „Sie ist mit Edith in Genkinngen, das ist in Baden-Württemberg. Die beiden haben Quartier bei einer Wirts Familie bekommen. Mutter ist an der Ruhr erkrankt und ich soll mit den Kindern zu ihr kommen. Inge, bitte sorge ein wenig für Ordnung, ich werde einige Sachen zusammen packen und morgen früh machen wir uns auf den Weg. Willst du uns begleiten?“ „Darf ich Mutter,“ wendete ich mich an sie. „Aber sicher, ihr seid Freundinnen und Waltraud braucht dich jetzt, es wird nicht einfach sein, mit zwei Kindern unterwegs, in dieser Zeit.“
Am nächsten Morgen erwartete ich Waltraud, Anni und Heinz schon auf der Straße. Mutter und Oma winkten aus dem Fenster und wir liefen zum Bahnhof. Zuerst fuhren wir zum Essener Hauptbahnhof, dort stiegen wir um, in den Zug nach Stuttgart, dort mussten wir umsteigen, nach Reutlingen und dann endlich ging es Richtung Genkinngen. Am Abend trafen wir müde und erschöpft dort ein. Als wir das Gasthaus erreichten, wurde dort ein Fenster aufgerissen. „Waltraud, Waltraud, gut das du hier bist.“ Edith schrie ihre Freude heraus und kam gleich darauf aus der Türe geflitzt und hing am Hals ihrer großen Schwester. Sie weinte und sah sehr erschöpft aus. „Wie geht es Mutti“, wollte Waltraud sogleich wissen? „Sie schläft sehr viel“, antwortete Edith und begrüßte dann ihre anderen Geschwister. Sie führte uns in die Küche und zeigte uns ihren „Arbeitsplatz.“ Eigentlich hatte Oma als Gegenleistung für Kost und Logis spülen sollen, aber da sie ernsthaft erkrankt war, versah nun Edith diesen Dienst. Man hatte der Kleinen einen großen Stein vor das steinerne Spülbecken gelegt, auf dem stand sie und spülte die Geschirr Berge, die im Wirtshaus anfielen. „Du legst dich jetzt mit Heinz und Anni ein wenig hin und ich versehe deinen Spüldienst, wenn du aufwachst, dann unterhalten wir uns“, ordnete Waltraud an und Edith gehorchte bereitwillig. „Bitte bring die Kinder zu Bett Inge“, bat sie mich und ich kam ihrer Bitte gerne nach, die Kinder waren allesamt völlig erschöpft. Danach gesellte ich mich wieder zu Waltraud und während sie spülte, trocknete ich das Geschirr ab. Dankbar lächelnd nahm sie meine Hilfe an. Da wir beide auch sehr müde waren, sprachen wir nicht viel miteinander. Später legten wir uns zu den Kindern und wir schliefen alle bis zum anderen Tag.

Am folgenden Tag setzten wir uns alle um Omas Lager. War das eine Freude, außer Opa war nun die ganze Familie zusammen, dass ich auch dazu gehörte wussten sie zwar nicht, aber was macht das schon?
Leise berichtete Oma von ihrer Reise. Unterwegs wurden sie von Tieffliegern beschossen. Alle flohen in das nah gelegene Waldstück. Vor den beiden rannte ein Mann und eine der Kugeln traf ihn in die Ferse, er blutete stark und schrie wie am Spieß. Edith war danach völlig verängstigt, was ja zu verstehen war, sie würde diese Szene in ihrem Leben nicht vergessen. Am Nachmittag entstand großer Lärm in der Gaststätte. Amerikaner waren eingetroffen und wollten hier Essen. Sie ließen alle Kinder zusammen holen, auch uns holte man dazu. Wir sollten uns alle an der Wand aufstellen. Edith schrie und gebärdete sich wie wild. Kurzerhand hielt Waltraud ihr den Mund zu und zog sie neben sich. Das arme Kind war wie gelähmt vor Entsetzen und blickte bleich mit riesengroßen Augen auf die Soldaten. Wie erstarrt war sie, als einer davon die Reihe der Kinder abschritt und Schokolade verteilte, die sie zitternd vor Angst entgegen nahm. Als Waltraud sie später fragte, warum sie so geschrien hätte, sagte sie, sie hätte geglaubt, man wolle sie erschießen.

Glückliches Zusammentreffen!
Einige Tage vergingen, Edith hatte sich wieder beruhigt und half beim Spülen. Waltraud tat ihr den Gefallen, es war gut für ihr Selbstbewusstsein. Plötzlich schrie sie, nachdem sie aus dem Fenster geblickt hatte „Vater, Vater, seht nur, da kommt Vater.“ Waltraud stürmte zum Fenster, aber was sie sah, war ein Soldat in seinem grauen Wehrmachts Mantel, der wohl eine Gesichts Verletzung hatte. Sie nahm Edith in den Arm. „Nur ein Soldat“ wollte sie sie trösten. Aber Edith machte sich ungestüm frei von ihr und raste zur Türe. Der Soldat trat ein, breitete die Arme aus, in die Edith dann flog. Es war tatsächlich Opa. Er hatte eine schlimme Gesichts Verletzung. Zum Heizdienst eingeteilt, in Dänemark hatte er eine Schaufel Kohlen in den Ofen geworfen. Leider hatte man Eier Handgranaten in die Kohlen gemischt und der Ofen flog ihm um die Ohren. So schlimm es war, aber es war Glück im Unglück, denn sein Soldatentum endete damit und wir hatten ihn zwar verletzt, aber lebend wieder. War das eine Wiedersehensfreude.

Abschied!
Wir schwatzen und schwatzen und konnten kein Ende bekommen. Plötzlich gellten die Sirenen, nun hatte der Krieg also auch hier hin gefunden. „In die Keller, alle in die Keller“ rief die Wirtin aufgeregt. Waltraud schnappte sich Edith, ich nahm Heinz an die Hand und der wiederum Anni. Opa stützte die kranke Oma. Der Keller war brechend voll, er war ja nicht für Massen Veranstaltungen eingerichtet. Zwischen Wein und Einmach- Gläsern saßen wir nun und warteten. Lange würde er ja nicht mehr dauern, der Krieg, etwas über ein halbes Jahr noch, aber das wusste hier niemand.
„Meine Puppe, meine Puppe“, weinte Edith plötzlich auf. Opa hatte aus Dänemark eine Lumpen Puppe mitgebracht und Edith hatte sie nicht mehr aus der Hand gelegt, beim überstürzten Aufbruch in den Keller musste sie ihr allerdings abhanden gekommen sein. „Ich hole sie dir“, sprach ich und stand auf. „Bleib hier, der Alarm ist noch nicht vorbei“, meinte Waltraud und hielt mich am Kleid fest. „Was soll schon passieren“, meine ich sorglos und stieg die Treppe hinauf. Die Türe schloss ich wieder hinter mir und begab mich in die Küche. Plötzlich hörte ich einen ohrenbetäubenden Knall und ein grellweißer Blitz blendete mich. Ich fühlte mich in die Höhe gehoben und ein reißender Schmerz durchfuhr mich. Grell tönte ein Schrei in meinen Ohren und dann begriff ich, dass ich es war, die da schrie.


„Gitte, Gitte“, um Himmels Willen, wach endlich auf. Das muss ja ein fürchterlicher Alptraum gewesen sein, den du hattest.“ Mein Mann rüttelte mich hin und her. Benommen fand ich in die Gegenwart zurück. Hatte ich das wirklich alles geträumt?

© By Gitte
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7 Kommentare
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Christiane Bienemann aus Kleve | 13.05.2016 | 07:21  
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Renate Smirnow-Klaskala aus Essen-Nord | 13.05.2016 | 12:33  
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Melanie Busche aus Menden (Sauerland) | 13.05.2016 | 16:57  
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Gitte Hedderich aus Herten | 13.05.2016 | 18:31  
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Christiane Bienemann aus Kleve | 15.05.2016 | 11:11  
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Gitte Hedderich aus Herten | 15.05.2016 | 15:50  
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