Arbeitslos!

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Arbeitslos!
Wieder eine neue Woche ohne Perspektive. Sarah zog missgelaunt die Decke ihres Daunenbettes ein wenig höher. Warum sollte sie aufstehen? Ein neuer Tag voller Langeweile wartete auf sie. Welches Datum haben wir, überlegte sie? Der 26., also noch 5 Tage bis das Geld von Arbeitsamt kam, die paar Kröten Hartz4. Seufzend quälte sie sich endlich aus dem Bett und schlurfte ins Bad. Erst mal einen heiße Dusche, dann Zähneputzen, mal sehen wie die neue exotische Zahnpasta schmeckte. Danach in die Küche und die Kaffeemaschine in Gang gesetzt. Ach je, Donnerstag, gleich kamen die Zeitungen, die sie um einen miesen Lohn austrug um einige Pfennige nebenher zu verdienen. So konnte sie sich wenigstens am Wochenende die Disko leisten. Elendes Leben dachte sie bei sich. Krögers nebenan hatten schon wieder ein neues Auto, während sie bei ihren Freunden Kniefälle machen musste, wenn sie mal einen Ausflug machen wollte. Na klasse, die Sonne schien warm, auch das noch, sie würde schwitzen bei der Arbeit. Igitt, wie sie das alles hasste, nur Routine, tägliches Einerlei und keine Aussicht auf Besserung. Beim letzten Mal hatte dieser unverschämte Beamte doch tatsächlich gesagt, sie solle sich eine Putzstelle suchen, dann ginge es ihr auch besser, schließlich sei sie jung und gesund. Was dem wohl einfiel, das war doch wohl unter ihren Niveau, da war sie eindeutig überqualifiziert. Sollte sie etwa in einer Kolonne arbeiten und Büros putzen? Ein Blick in den Kühlschrank hob ihre Laune nicht, kein Nutella mehr da, ach nein, sie hatte ja beim letzten Mal zu einer Billig Marke gegriffen, weil sie sich über den Preis geärgert hatte und die schmeckte ihr überhaupt nicht. Cola war auch alle, sie würde einkaufen müssen und das würde wieder ein Loch in ihr schmales Budget reißen. Erneut seufzte Sarah. Ihre Freundin hatte beim letzten Treffen eine Flasche Amarula gestiftet, lecker aber fast unerschwinglich, oder doch? Sie würde heute einfach mal großzügig sein und sich ein feudales Essen genehmigen. Kein Kaviar, nein aber ein Zigeunerschnitzel mit Pommes von der Frittenbude, was soll der Geiz, man lebt eh nur einmal. Warm ist es hier ging es ihr durch den Sinn. Sie schaute nach der Heizung, ach vergessen abzudrehen gestern, da war es kalt gewesen, unter 22 Grad in der Wohnung. Sie stellte die Heizung auf Null, was sollte es, zahlte ja eh das Amt, sollten sie doch bluten die Schweine, die sie so kurz hielten, so das sie sich ständig Gedanken machen musste, wollte sie nur ein wenig Spaß haben vom Leben. Sie dachte wieder an ihre Nachbarn. So wie Krögers würde sie jedenfalls nicht werden. Sie war davon erwacht, als der Alte sich um 5 Uhr zur Arbeit aufmachte, er war leise gewesen, aber sie war dennoch aufgewacht, als die Haustüre mit leisem Klick ins Schloss glitt. So doof musste man sein, sich für ein paar Kröten so kaputt machen zu lassen. Die letzte Zeit hustete er ständig und seine Frau lief mit zerfurchter Sorgen Mine umher. Sie Sarah hätte dem Chef schon längst die Klamotten vor die Füße geworfen, vierzig Jahre Maloche und wozu, für ein neues Auto? Ne nicht mit ihr. Die Zeitungen lagen vor ihrer Türe, mürrisch machte sie sich daran sie einzupacken und dann begann sie ihre Tour. Das herrliche Wetter beeindruckte sie nicht, sie nahm nicht die bunten Blumen in den Gärten wahr, oder die Schmetterlinge die in flirrenden Sonnenlicht herum taumelten, auch nicht den Sommerduft und die freundlichen Gesichter der Menschen denen sie begegnete. Um die Mittagszeit war sie endlich fertig und im Imbiss gönnte sie sich die vorgenommene Mahlzeit. Zu Hause fühlte sie sich erschöpft und das gute Essen tat das Seine dazu sie schläfrig zu machen. Wie hatte ihr Vater immer gesagt? Nach dem Essen sollst du ruh´n, oder tausend Schritte tun. Er war auch so ein Typ wie Kröger gewesen, der sich ausbeuten ließ und kurz vor erreichen der Rente ins Gras gebissen hatte. Die tausend Schritte hatte sie schon gemacht, also legte sie sich nun etwas nieder.


Schnell schlief sie ein und als sie erwachte fror sie entsetzlich. Was war das, war ihre Decke herunter gefallen? Schlaftrunken wollte sie sich einwickeln, aber sie wurde gerüttelt. „Wach endlich auf, es ist fünf Uhr früh, der Tag hat begonnen.“ Protestierend fuhr Sarah hoch. „Was soll denn das, fünf Uhr und wo bin ich überhaupt?“ Sie sah in ein freundliches Frauengesicht. „Wir haben dich gestern völlig erschöpft vor dem Hauseingang entdeckt, scheinbar hast du gar nicht mitbekommen, das der Vater dich herauf getragen und ins Bett gelegt hat? Du wärst draußen jämmerlich erfroren, so eine Unvernunft, bei diesem Wetter in so leichter Kleidung herum zu laufen und etwas freizügig ist sie auch. Missbilligend musterte sie Sarah, die schon wieder aufbegehren wollte, aber seltsam, der strenge gebietende Frauenblick verschlug ihr, die sie doch sonst nicht auf den Mund gefallen war die Sprache. Wortlos erhob sie sich, unter den prüfenden, ernsten Blicken von fünf Kindern, die wie die Orgelpfeifen neugierigen Blickes vor ihrem Bette standen. „Zu Tisch, wir sind spät dran durch unseren Gast“, sprach die Frau und alle folgten ihr wortlos in den angrenzenden Raum, einer altmodischen Wohnküche, wie Sarah erstaunt feststellte. In der Mitte stand ein großer Holztisch und an dem hatte schon der Familienvater, ein streng blickender Herr mit ergrauten Schläfen Platz genommen. Sein Alter konnte Sarah schwer schätzen. „Wie heißt du“, richtete er seine Frage an Sarah und sie antwortete ihm. „Guten Morgen Sarah, guten Morgen Fritz, guten Morgen Franz, guten Morgen Marie, guten Morgen Elsa, guten Morgen Resi“, begrüße er jedes der eingetretenen Kinder mit Namen. Ein gemeinsames „Guten Morgen Vater“, ertönte und „Guten Morgen Herr“, schloss Sarah sich an, was ihr einen wohlgefälligen Blick des Patriarchen eintrug. Ihre Gedanken rotierten. Resi? Resi hatte ihr Großmutter geheißen und ach du Schreck, ihre Geschwister Fritz, Franz, Marie und Elsa. Das bedeutete? Richtig, Sie war in der Vergangenheit, im Hause ihrer Urgroßeltern und ihre Oma war ein kleines Mädchen. Gedankenverloren betrachtete Sarah sie. „Nicht träumen, das Tagwerk hat begonnen“, die Stimme des Urgroßvaters weckte Sarah auf und sie wollte nach einer Scheibe Brot langen. Das brachte ihr einen Klapps auf die Finger ein und die Kinder kicherten. „Wer wird denn da so gierig sein, zuerst wird gebetet“, wies ihr Urgroßvater sie zurecht. Mit knallrotem Kopf blickte Sarah auf ihre gefalteten Hände nieder und hörte Urgroßvaters Gebet, das hier schon vor langer Zeit gesprochen worden sein musste. „Komm Herr Jesus sei unser Gast und segne was du uns bescheret hast, Amen.“ Sarah hielt sich nun zurück und der Herr des Hauses nahm als erster sein Brot, danach bediente sich die Hausfrau und dann bekam Sarah als Gast und ältestes der hier Anwesenden Kinder ihren Teil. Was machte sie hier, was sollte das? „Kalt habt ihr es“, sagte sie. „Du bist zu Gast hier, aber du musst dich benehmen, Kinder reden nicht bei Tisch“, wies ihr Urgroßvater sie erneut zurecht, „Wo kommst du nur her, du hast wohl keine Erziehung genossen.“ Wieder wollte Sarah aufbegehren, aber ein strenger Blick des Urgroßvaters hielt sie zurück. Was sollte sie nur machen? Hier war alles so anders, das war ihre Familie und sie kannten sie nicht, würde man ihr glauben dass sie aus der Zukunft kam? Wie sollte sie zurückkommen in ihre Zeit. Sie musste doch wohl nicht hier bleiben, in dieser strengen, kalten unbequemen Zeit. Lieber Gott nur das nicht, betete nun auch sie. Schweigend ging das bescheidene Mahl zu Ende. Das Brot war nur dünn mit Margarine bestrichen und dazu gab es Wasser, in das jedes der Kinder einen kleinen Schluck Milch gemengt bekamen. Die beiden Erwachsenen hatten eine Art Kaffee Ersatz vor sich stehen, nach dem es Sarah auch nicht verlangt hätte. Nach dem Essen verteilte Urgroßvater die Aufgaben. Fritz, du gehst heute zum Kohlenhändler und fragst, ob er dich brauchen kann. Franz, du trägst die Wäsche zu den Leuten, die Mutter gebügelt hat, aber gib gut Acht, das du nichts verschmutzt und freundlich bist. Marie, du nimmst dir mit der Mutter die Wolle vor, Frau Kleinschmitt hat zum Weihnachtsfest für alle Socken bestellt, es ist nicht mehr lange hin und die Arbeit soll sauber und ordentlich sein. Elsa, du gehst mit Resi in den Wald, Holz sammeln, damit wir am Abend eine Suppe kochen können. Sarah, was machst du“, wollte er zum Schluss wissen? Verständnislos blickte Sarah ihn an. „Ich weiß nicht, ich bin arbeitslos, ich trage Zeitungen aus“, fiel ihr gerade noch rechtzeitig ein. Missbilligend wurde sie von allen angeblickt. „Kannst du denn gar nichts“, wollte ihre Urgroßmutter fassungslos wissen? Plötzlich schämte sich Sarah und als es ihr bewusst wurde, schämte sie sich weil sie sich schämte. So viele Gedanken hatte sie sich nie gemacht. Stimmt, was konnte sie eigentlich? Eigentlich gar nichts, wenn sie ehrlich war. Ihr Großonkel Fritz, so klein er war packte mit an und schaufelte den Leuten ihre Kohlen in die Keller. Ihr Großonkel Franz trug die Wäsche aus, die ihre Großmutter geplättet hatte. Ihre Großtante Marie fertigte Socken an, die sie für einige Euro ohne darüber nachzudenken im Kaufhaus holte. Großtante Elsa und ihre Oma suchten Holz im Wald, damit gekocht und geheizt werden konnte und sie? Sie hatte bisher nur in den Tag hinein gelebt, ein Schmarotzer und plötzlich schämte sie sich sehr, vor diesen armen, aber fleißigen Leuten, die ihre Vorfahren waren und die ihr hartes Leben ohne Murren jeden Tag annahmen. Beschämt senkte Sarah den Blick. Dann straffte sie sich und sah ihrer Urgroßmutter in die Augen. „Es ist doch sicher nicht zu spät, ich bin jung und gesund und kann lernen, was soll ich machen?“ „Recht so“ ihr Urgroßvater legte ihr anerkennend die Hand auf die Schultern und verabschiedete sich mit einem „Macht es gut meine Lieben, bis zum Abend.“ „Wo geht er hin“, wollte Sarah wissen? „Er arbeitet auf der Zeche Untertage“, gab Urgroßmutter Auskunft. Richtig, Sarah erinnerte sich, Uropa Anton war schon relativ jung an Steinstaub gestorben. Sie schob die trüben Gedanken beiseite und ging nun ihrer Urgroßmutter zur Hand. Sie lernte ein Feuer im Ofen zu entfachen, die Treppe zu scheuern, das Geschirr in einer Blechschüssel zu spülen, mit Wasser das so heiß war, das die Hände krebsrot wurden. Sie lernte die Wäsche auf einem Waschbrett zu scheuern, zu wringen und schließlich nach dem Trocknen zu Plätten. Das Bügeleisen war ungeheuer schwer und sie verbrannte sich daran, aber sie gab nicht auf. Sie lernte an diesem Tage mehr, als in ihrem ganzen Leben, jedenfalls erschien es ihr so. Vor allem lernte sie dass ein frohes Gemüt und Freude am Leben die Arbeit wesentlich erleichtert und dass man am Abend müde, aber glücklich auf ein geleistetes Arbeitspensum zurück schauen kann. Ihr Leben erschien ihr plötzlich viel sinnvoller. Als der Urgroßvater am Abend müde und gebeugt von seiner schweren Schicht nach Hause kam, eilte Sarah ihm entgegen, nahm seine Tasche ab und freute sich mit den anderen, das die Familie nun wieder vereint war und man den Feierabend zusammen verbringen konnte. Sie ließ sich auch Strickzeug geben und wollte wie die Urgroßmutter und Marie mithelfen Strümpfe zu fertigen, aber bei der Arbeit fielen ihr die Augen zu, die ungewohnte körperliche Arbeit hatte sie völlig ausgelaugt.

Sarah erwachte in ihrem Bett unter ihrer Daunendecke. War das ein seltsamer Traum gewesen, den sie gehabt hatte. Sie reckte sich. Au, das tat weh, sie hatte einen Muskelkater. Nun wollte sie es aber genau wissen. Ihr Handgelenk, tatsächlich, eine kleine Brandwunde, sie hatte also nicht geträumt, sie hatte einen Ausflug in die Vergangenheit gemacht. Auf ihrem Nachttisch lag Strickzeug mit einer angefangenen Socke. Nicht perfekt, oh nein, aber sie lernte ja noch. Oh ja, sie würde es lernen, Socken stricken und noch viel, viel mehr, ab Heute würde sie ihr Leben in ihre eigenen Hände nehmen, Hände die viel mehr vermochten, als untätig zu ruhen, die ihr ganzes Leben enthielten, wenn sie es nur wollte. In Windeseile zog sie sich an. Die Faulenzerei hatte nun ein Ende. Der Beamte am Arbeitsamt kannte sie nicht wieder. „Ist der Putzjob noch zu haben“, bestürmte sie ihn „und was haben sie noch für mich? Schließlich bin ich jung und gesund und haben zwei Hände.“ Verwundert sahen die Menschen sie an und Sarah lächelte nur. Mit Volldampf stürmte sie in ein neues Leben, voller Tatkraft und Energie. Wenn dir in deiner Putzkolonne ein Mädchen begegnet, das nicht missmutig guckt, sondern fröhlich ihrer Arbeit nachgeht, dann bist du ihr begegnet und wie sie gelernt hat, lernst vielleicht auch du und wenn das Schule macht, begegnet man demnächst nur fröhlichen Menschen, die ihrer Arbeit freudig nachgehen. Wäre das nicht schön?
© By Gitte
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8 Kommentare
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 20.05.2016 | 07:21  
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Gitte Hedderich aus Herten | 20.05.2016 | 08:08  
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Herbert Lödorf aus Gelsenkirchen | 20.05.2016 | 08:18  
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Renate Smirnow-Klaskala aus Essen-Nord | 20.05.2016 | 10:44  
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Luzie Schröter aus Fröndenberg/Ruhr | 20.05.2016 | 11:17  
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Gitte Hedderich aus Herten | 20.05.2016 | 12:03  
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Elisabeth Jagusch aus Schermbeck | 20.05.2016 | 12:18  
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Gitte Hedderich aus Herten | 20.05.2016 | 12:20  
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