Das Mahnmal!

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Das Mahnmal!
Schon das erste Mal, als ich diesen abgelegenen verschwiegenen Biergarten entdeckte war ich entzückt. Der alte Bahnhof war schon seit Jahren außer Betrieb und in seinem Hof befand er sich. Vier Tische nur unter lauschigen Kastanienbäumen, eine kleine Bar mit bunten Lampions und einen plätschernden Springbrunnen fand man dort. Einige Jahre vergingen und dann kam auch für die Gaststätte das Aus. Sie wurde verkauft. „Können wir nicht das Haus kaufen“, bat ich meinen Mann? „Direkt an der Bahnlinie, also ich weiß nicht“, gab er zu bedenken. „Wir haben doch so oft dort gesessen und es kamen nur selten Züge vorbei“, erinnerte ich ihn. „Du hast Recht“, gab er zu. „Weißt du was, wir sehen ihn uns einmal an“, schlug er vor und dafür bekam er einen Kuss von mir.

Als wir es dort waren rutschte mir doch das Herz in die Hose, es gab viel zu tun wenn es auch nur annähernd Wohnlich werden sollte. Wir erbaten uns Bedenkzeit und ich mobilisierte Freunde und Verwandte. Etliche erklärten sich bereit uns zu helfen und so wagten wir es. Fast zwei Monate schufteten wir wie die Berserker, dann zogen wir in unser Puppenhaus wie ich es nannte, ich war restlos glücklich, wenn auch erschöpft. Nach der Einweihungsfeier genossen wir unser kleines Reich. Etwas nur machte mir Sorge, unsere kleine Tochter Jasmin war fasziniert von den Zügen die ab und zu hinter unserem Garten dahin brausten. Immer wieder wenn sie mich aufgeregt holte um mir die Eisenbahn zu zeigen schärfte ich ihr ein das sie niemals und unter keinen Umständen den sicheren Garten verlassen dürfe. Die Zeit verging und die Züge gehörten zu unserem Leben, selbst der Eine der immer mitten in der Nacht vorbei fuhr, ich glaubte genug getan zu haben um meine kleine Tochter die gerade ihren dritten Geburtstag gefeiert hatte, geschützt zu haben.

Es war ungefähr ein halbes Jahr später als wir mitten in der Nacht erwachten weil ein Zug kreischend vor unserem Haus bremste. Voller Panik stürzten wir hinaus wobei ich aufatmend registrierte, dass mein Mann die Haustüre auf schloss. Jasmin konnte den schweren Schlüssel nicht drehen, sie musste in ihrem Bettchen sein. Leider hatte ich die Neugierde und den Ideenreichtum eines kleinen Menschen unterschätzt. Jasmin hatte mit der Zeit gemerkt, dass in der Nacht ein Zug kam, die Eltern dann im Bett lagen und nicht schimpfen können. Sie war in den Keller gegangen und durch das kleine Fenster in den Hof gekrochen wie wir später anhand des offenen Kellerfensters erkannten. Im Moment sah ich nur den stehenden Zug, den geisterhaft bleichen Lokführer und das weiße Hemdchen mit den roten Fleckchen auf den Gleisen. Dann sah ich gnädiger Weise nichts mehr. Die Beerdigung unseres kleinen Sonnenscheins bekam ich nicht mit, weil ich mit Nervenfieber im Krankenhaus lag. Mit der Zeit ging es mir körperlich besser, aber das Lachen war aus unserem Leben verschwunden. Ich weinte fast nur und zermarterte mich ob ich etwas versäumt hatte. Hätte der Zaun höher sein müssen? Hätten wir alles besser sichern müssen? Zu spät ich konnte nichts mehr tun. Wie ein Roboter verrichtete ich meine Arbeit, irgendwann würde ich wieder bei meinem Kind sein, ich würde mein Leben einfach absitzen. Dass mein Mann auch litt merkte ich kaum. Ich hatte hohe Wände um mich errichtet. Fast so hoch wie der Zaun, den wir nun um unseren Garten errichtet hatten damit wir diese verdammten Züge nicht mehr sehen mussten.

Ein halbes Jahr war vergangen und der Geburtstag unserer Tochter stand bevor. Morgen wäre sie vier Jahre alt geworden und ich weinte mehr denn je. In dieser Nacht erwachte ich von einem Pfiff. Lautes Stampfen zeigte an das wohl wieder ein Zug vor unserem Haus hielt. Mein Mann schlief tief und fest. Schnell schlüpfte ich in meine Pantoffeln und verließ leise das Haus. Dann lief ich um den Zaun herum und da stand sie, die Lok. In der offenen Türe stand mein Mädchen und streckte seine Arme nach mir aus. Nachdem ich den Schreck überwunden hatte lief ich wie ein Blitz zu ihr und riss sie in meine Arme. Aber oh Schreck, was war das? Ihr schönes weißes Kleidchen war ganz nass. Auf das kleine Garten Mäuerchen setzte ich mich, mein Kind in den Armen. Nach unendlich langer Zeit war ich glücklich. „Warum ist dein Kleidchen so nass“, wollte ich schließlich wissen? „Weil du so viele Tränen über mich bringst“, antwortete die Kleine. „Weißt du die Reise in die Ewigkeit ist lang und wenn man dort erschöpft und heiß ankommt kühlen die Tränen der Zurückgebliebenen, dann sind sie ein Labsal, aber wenn sie nicht aufhören zu weinen werden die Kleidchen nie trocken. Es ist so schön dort, den Zug der mir das Leben genommen hat der gehört nun mir, das Schicksal nimmt, aber es gibt auch etwas dafür, ich habe alle meine Freunde mitgebracht damit du sie kennen lernen kannst“, plapperte Jasmin. „Alle herkommen“, bat sie und da erfüllte ein Raunen und Schnattern die Luft. Aus dem Zug rannten und purzelten kleine zauberhafte Engelchen wie mein Kind nun auch eines war. Ihre Kleidchen waren aber trocken und sie tollten durch unseren Garten. „Gleich ist es ein Uhr, dann müssen wir gehen“, erinnerte mich Jasmin daran, dass unsere Zeit nur begrenzt war. „Kommst du wieder“, wollte ich wissen und merkte, dass meine Augen schon wieder feucht wurden. Schnell wischte ich darüber und versuchte tapfer ein kleines noch verunglücktes Lächeln. Jasmin lächelte zurück. „Nein, das ist nicht vorgesehen, unsere gemeinsame Zeit ist vorüber, aber ich schenke dir etwas, wenn du es siehst soll es dich trösten.“ Sie zog meinen Kopf zu sich hinab, strich den Pony zur Seite und hauchte einen Kuss auf meine Stirne. Dann winkte sie noch einmal, rief ihre Freunde und die kleine Schar stieg in den Zug. Noch einmal hupte er zum Abschied und dann fuhr er davon. Lange blickte ich ihm nach, dann drehte ich mich um und begab mich wieder zu Bett.

Am anderen Morgen stand dieser Traum noch glasklar in meinem Gedächtnis. War es Wahrheit, oder nicht? Schnell lief ich ins Bad und strich den Pony zur Seite. Nichts. Was hatte ich erwartet? Plötzlich fand ein Sonnenstrahl den Weg durchs Fenster und traf genau meine Stirn. Da sah ich es, ein goldener Fleck zierte sie. Vorsichtig rieb ich daran, aber er blieb bestehen. Danke mein Kind schickte ich einen stillen Gruß in die Ewigkeit, dann begab ich mich in die Küche. Als mein Mann aufstand fand er nach langer Zeit mal wieder einen schönen gedeckten Tisch und einen zu recht gemachte Frau vor, deren Gesicht sogar ein Lächeln schmückte als sie ihm einen guten Morgen wünschte.
©By Gitte
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16 Kommentare
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Herbert Lödorf aus Gelsenkirchen | 22.04.2016 | 08:45  
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Luzie Schröter aus Fröndenberg/Ruhr | 22.04.2016 | 08:48  
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Renate Smirnow-Klaskala aus Essen-Nord | 22.04.2016 | 10:03  
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Gitte Hedderich aus Herten | 22.04.2016 | 11:47  
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Hanni Borzel aus Arnsberg | 22.04.2016 | 12:31  
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Gitte Hedderich aus Herten | 22.04.2016 | 14:37  
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Renate Smirnow-Klaskala aus Essen-Nord | 22.04.2016 | 14:55  
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Hanni Borzel aus Arnsberg | 22.04.2016 | 16:04  
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Gitte Hedderich aus Herten | 22.04.2016 | 16:21  
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Hanni Borzel aus Arnsberg | 22.04.2016 | 16:26  
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Renate Smirnow-Klaskala aus Essen-Nord | 22.04.2016 | 18:13  
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Christiane Bienemann aus Kleve | 22.04.2016 | 19:00  
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Gitte Hedderich aus Herten | 22.04.2016 | 19:17  
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Melanie Busche aus Menden (Sauerland) | 24.04.2016 | 16:47  
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Gitte Hedderich aus Herten | 24.04.2016 | 17:27  
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Melanie Busche aus Menden (Sauerland) | 24.04.2016 | 18:42  
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