Das Treppenhaus!

Anzeige
2
Das Treppenhaus!

Gitta ist glücklich, sie hat ihn gefunden den Mann ihrer Träume. Doch schauen wir erst einmal wie es dazu kam. Gitta ist gelernte Verkäuferin, sie hat in einem kleinen Geschäft in ihrem Heimatdorf die Lehre gemacht. Nun steht ihre Prüfung bevor. Ihr Chef, Herr Rauch, ist der Vorsitzende der Prüfungskommission. Er hat ihr geraten, als Wahlfach etwas anzugeben von dem sie so gut wie keine Ahnung hat und ihre starke Seite, die Miederwaren, als Nebenfach zu wählen, denn man würde immer die Hauptfragen dem Nebenfach geben, weil man sehen wolle wie gut die Verkäuferin sich allgemein auskenne. Das kam Gitta zwar seltsam vor, aber er musste das ja wohl wissen und ihm war sicher nicht daran gelegen, dass ausgerechnet sein Lehrling die Prüfung nicht schaffte. So wählte Gitta als Hauptfach Socken, von denen sie überhaupt keine Ahnung hatte und ihr Fachgebiet, die Miederwaren, als Nebenfach.

Die Prüfung fand im Gebäude der Industrie und Handelskammer statt. Acht bibbernde Nervenbündel warteten vor dem Prüfungszimmer. „Oh man, was gäbe ich nun für eine Zigarette“, stöhnte Gitta. „Das geht mir genauso, komm, wir rauchen eine“, gab ihr ein sehr hübsches Mädchen Antwort. „Mein Name ist übrigens Elke“. „Ich bin Gitta, aber hier steht kein ein Aschenbecher“, gab Gitta zu bedenken. „Wir öffnen einfach das Fenster und wenn sie uns holen, lassen wir die Zigaretten fallen“, wusste Elke Rat. Die anderen Mädchen hätten auch gerne geraucht, trauten sich aber nicht. Gitta und Elke stellten sich an das geöffnete Fenster und ließen sich ihre Zigaretten schmecken. Das war eine Wohltat für die gereizten Nerven.

Nach einiger Zeit wurden die Mädchen herein gerufen. Schon die Vorstellung ging daneben. „Ihr Name“, wollte Gittas Chef wissen? „Den kennen sie doch“, gab sie zur Antwort und erntete einen bösen Blick, dass fing ja schon gut an. Nach der Vorstellung wurde sie an einen Tisch geführt und sie bekam einen riesigen Schreck, denn da lagen Socken. Hat dieser alte Mistkerl mich doch reingelegt, dachte sie wütend und betrachtete den Prüfer, der ihr aufmunternd zunickte verzweifelt. Er deutete ihren Blick richtig und fragte, „Na nicht genügend gelernt? Keine Sorge, ich reiße ihnen nicht den Kopf ab.“ „Gitta entschloss sich zur Wahrheit und erzählte ihre Misere. „Fangen wir an, ich helfe ihnen wo ich kann“, meinte er dann. „Wie werden Strümpfe hergestellt“? „Maschinell“, riet Gitta. „Prima, es geht doch“, lächelte der Prüfer. „Wie kommen sie aus der Maschine“, fragte er weiter. Gitta war verzweifelt. Seine Augen lenkten ihren Blick auf seine Hände, die formten einen Kreis. „Rund“, riet sie weiter drauf los. „Richtig“, hörte sie und atmete auf. „Das Beste ist, wir lassen es und ich gebe ihnen eine wohlwollende vier“, riet der nette Prüfer und Gitta atmete auf.

Bei den Miederwaren konnte sie glänzen und bekam eine zwei Plus. Das schlechte Ergebnis der Strumpf Prüfung konnte sie auf Wunsch mit einer mündlichen Zusatz Prüfung verbessern. Nach der Prüfung verließen die Mädel erleichtert den Raum. „Wer geht mit Feiern“, wollte Elke wissen? „Leider muss ich später zur Arbeit“, antwortete Gitte. „Bei welchem Krauter arbeitest du denn, wollte Elke wissen“ und Gitte seufzte nur. „Na schön“, gab sie nach, ein Stündchen muss drin sein und die Mädchen marschierten in die nächste Gaststätte, wo Elke für alle Sekt bestellte. „Sag mal, ich mag dich sehr gut leiden, magst du nicht auch bei Bosen anfangen“, wollte Elke wissen? „Keine schlechte Idee“, gab Gitta zurück, „ich überlege es mir“. Dann trennten sich ihre Wege und Gitta fuhr in ihren Ort zurück, um zur Arbeit zu gehen.
Auf dem Heimweg kam sie an ihrer Stammkneipe vorbei und auch dort warteten ihre Freunde mit Sekt auf sie. „Woher wusstet ihr denn überhaupt, dass ich bestehe“, wollte Gitta lachend wissen. „Das war doch keine Frage“, bekam sie zur Antwort.

Gitta hatte eine Stinkwut auf ihren Chef und das ließ sie ihn auch merken, scheinbar hatte er es darauf angelegt, dass sie die Prüfung nicht schaffte, denn dann hätte er ihr ja weiter das Lehrlings Gehalt zahlen können. Von Tag zu Tag ärgerte sich Gitta mehr und als die Senior Chefin, die Mutter von Herrn Rauch , sie mal wieder anranzte, “Hier, wo ich stehe, haben sie mal wieder nicht gesaugt“, hatte sie eine solche Wut, dass sie ihr mit dem Staubsauger über die Füße fuhr. Herr Rauch bestellte sie daraufhin in sein Büro und legte ihr eine einvernehmliche Kündigung nahe. Das war ganz in Gittas Sinne, sie bewarb sich bei Bosen und bekam die Stelle.

Der erste Tag war sehr spannend, es gab eine Stempeluhr, so was kannte sie bis dahin nicht. Man hatte sie auf ihren Wunsch hin in der Strickwaren Abteilung eingesetzt. Als sie Charly, den Abteilungsleiter, sah, verschlug es ihr den Atem. Was für ein Mann, groß, stattlich und gepflegt und wenn sie sich nicht täuschte, flirtete er auch gleich mit ihr. Gitta stürzte sich mit Elan in die Arbeit, einerseits weil es ihr Freude machte, denn sie liebte den Umgang mit Menschen, andererseits, weil sie Charly beeindrucken wollte, der sie kaum aus den Augen ließ.

Die Zeit verging wie im Fluge und plötzlich stand Elke vor ihr. „Du bist also tatsächlich auch hier, willkommen“, begrüßte sie Gitta. „Machst du auch jetzt Mittag“? „Keine Ahnung, da muss ich den Abteilungsleiter fragen“, entgegnete Gitta. Sie durfte gehen und Elke zeigte ihr einen der etlichen Raucher Treffpunkte die es gab, unter anderem einen großer Waschraum, hinter dem Speisesaal. „Im Sommer können wir von hier aus auf das Dach gehen und in der Sonne sitzen“, erklärte Elke. „Sag mal, dass riecht hier so seltsam, was ist das“? Gitte rümpfte ihr Näschen. „Ach, dass ist nur Lilo, die raucht hier immer ihren Joint“, erläuterte sie Gitta, die sie fassungslos ansah. Elke lachte. „Du bist hier in der Großstadt und nicht auf dem Dorf“, fügte sie zu, so etwas ist hier Gang und gebe. „Am besten du gewöhnst dich daran.“ Sie setzten sich.

„Nun, wie gefällt es dir hier“, wollte Elke wissen? „Prima, besonders der Abteilungsleiter“, antwortete Gitta, die darauf brannte Elke einzuweihen. Elke pfiff leise durch die Zähne. „Wenn ich dir einen guten Rat geben darf, lass die Finger vom schönen Charly, er flirtet mit jeder und wenn eine Neue anfängt, gibt er keine Ruhe, bis er sie herum bekommen hat.“ Gitta war etwas verschnupft, ob Elke am Ende eifersüchtig war? Sie wechselte das Thema und war froh, als die Pause vorbei war. Charly empfing sie mit einem Lächeln. „Na, schon ein wenig eingelebt“, wollte er wissen? „Wenn du magst, zeige ich dir morgen Mittag, wo die meisten hier ihre Pause verbringen, es ist eine Gaststätte, nicht weit von hier, sie heißt: Der halbe Hahn.“ „Gerne!“ Gitta willigte freudestrahlend ein.

Gleich am ersten Tag ein Date mit dem Abteilungsleiter, das sollte ihr mal einer nachmachen. Gitta fieberte dem nächsten Tag entgegen. Die Mittagspause erfüllte ihre Erwartungen, dass Essen war gut, Charly witzig und charmant und die anderen Kollegen sehr nett und gut gelaunt. Die Pause verging wie im Fluge. Am nächsten Morgen lag an ihrem Arbeitsplatz eine Tafel Schokolade, Charly wusste, wie man Frauen beeindruckt. Jeden Morgen fand Gitta eine Kleinigkeit, mal eine Praline, mal eine Blume und später dann sogar eine rote Rose. Nach einigen Tagen sagte Charly zu ihr:“ Komm ich zeige dir mal den Platz für die Verliebten hier. Fahre mit dem Fahrstuhl in den dritten Stock und warte in der Damen Konfektion auf mich.“ Gitta bekam weiche Knie, sie lächelte und ging betont langsam zum Fahrstuhl, obwohl sie lieber gerannt wäre. Sie sah sich nicht um, deshalb entging es ihr auch Charlys spöttisches Lächeln und die mitleidigen Gesichter der Kolleginnen.

Sie wartete in der Damen Konfektionsabteilung. Charly kam. „Komm mit“, forderte er sie auf und Gitta folgte ihm mit klopfendem Herzen. An der Wand hing ein schwerer Vorhang, wie man ihn früher manchmal als Windschutz in Wirtschaften fand. Gitta dachte, er sei Dekoration, wie staunte sie, als Charly ihn beiseite schob und sich dahinter ein schmaler Gang verbarg, an dessen Ende sich eine massive Eisentüre befand. Unter der Fußmatte lag der Schüssel. Charly schloss die Türe auf und zeigte der erstaunten Gitta ein Treppenhaus. „Was ist denn das“, wollte sie wissen. „Das ist ein uraltes Treppenhaus, man hat nachträglich das Neue eingebaut und deshalb kommen hier nur Eingeweihte her“. Er blickte ihr in die Augen, legte den Arm um sie und küsste sie. Endlich. Gitta schob ihn noch einmal weg, was ist, wenn jemand kommt, sicher kennen das noch mehr Leute, oder“, wollte sie wissen. „Nur ganz wenige“, beruhigte Charly sie, aber wenn es dir lieber ist, gehen wir ein Stockwerk tiefer, dann hören wir, wenn jemand kommt, denn diese Türe ist die einzige, die sich öffnen lässt“. „Und die Fenster“, wollte Gitta wissen? „Die führen in einen geschossenen Hof, die Nachbargebäude stehen lange leer, du siehst, her stört uns keiner.

Nun war Gitta beruhigt und genoss seine Zärtlichkeiten. Sie stahlen sich nun täglich eine Stunde und verbrachten sie hier und es störte sie niemals jemand. Scheinbar wusste außer Charly niemand mehr von diesem Versteck. Mit der Zeit merkte Gitta beunruhigt, dass Charly nicht mehr so viel Zeit mit ihr im Treppenhaus verbrachte, oft kam ihm was dazwischen. Eines Tages fing eine neue Verkäuferin an, sie hieß Romy und war ein ausgesprochen apartes Mädchen. Gitte bemerkte, dass Charly anfing sie zu ignorieren und nun war es Romy, die Süßigkeiten und Blumen an ihrem Platz fand. Auch wenn Gitta nun todunglücklich war, verbot es doch ihr Stolz, sich etwas anmerken zu lassen. Charly und sie trafen sich nun nicht mehr im Treppenhaus, ihre Zeit war vorbei.

Eines Tages wurde Gitta zum Chef gerufen. „Wir planen ein neues Projekt“, sagte dieser zu ihr. „Wir wollen in der Konfektionsabteilung eine extra Abteilung mit junger Mode eröffnen, trauen Sie sich zu, diese selbstständig zu führen?“, wollte er von Gitta wissen. Sie überlegte nicht lange, sicher hatte sie es Charly zu verdanken, dass er sie abschob, aber es war eine gute Chance für sie und sie nahm das Angebot gerne an. Es stand viel Arbeit an, die Kollektion musste zusammenstellt werden, Accessoires beschafft werden, die Präsentationsflächen bestimmt und die neue Abteilung aufgebaut werden. Zudem hatte der Chef eine tolle Idee. „Sie werden die Sachen vorführen“, meinte er. „Sie suchen sich am Morgen aus, was ihnen gefällt und ziehen es den Tag über an.“ Gitta war von der Idee sehr angetan. Sie trug Verantwortung und war völlig zufrieden. Jedenfalls solange, bis eines Tages Romy bei ihr erschien. „Besuchst du mich hier, das ist aber nett“, freute sie sich. „Nein, ich warte auf Charly, er möchte mir etwas zeigen.“ Gitta erstarrte innerlich, er wagte es doch tatsächlich hier vor ihren Augen mit Romy das Treppenhaus zu besuchen. „Hast du was?“, hörte sie Romys Stimme. „Nein, es ist nichts, ich habe sicher zu wenig gegessen“, beruhigte sie Romy. Die grinste abfällig. „Du bist seine Verflossene, ich weiß, aber er liebt mich“, verkündete sie selbstsicher. Charly erschien, grinste ihr zu, nahm Romys Hand und verschwand mit ihr hinter dem Vorhang. Fassungslos sah Gitta zu, geschmackloser und rücksichtsloser ging es ja wohl nicht mehr.

Einige Tage ging das so, Romy strahlte und Charly sonnte sich in dem Gefühl seiner Unwiderstehlichkeit. Dann schlich Gitta ihnen eines Tages nach, es war bereits kurz vor Feierabend, was sie genau wollte, wusste sie selbst nicht, sie ging bis zu der Eisentüre, drehte den Schlüssel herum, zog ihn ab und legte ihn unter die Matte. Warum sollte sie den beiden nicht mal einen gehörigen Schreck einjagen. Am nächsten Tage hörte sie in ihrer Abteilung leise Geräusche, als wenn jemand in weiter Ferne ruft und klopft. Sie ging in das Chefbüro und unterbreitete dem Chef eine Idee. „Was halten sie von Musik, in einer Abteilung für junge Mode käme das sicher sehr gut an.“ Der Chef war begeistert, Gitta besorgte einen geschmackvollen Stuhl und stellte ihn vor den Vorhang, darauf kam eine Schaufensterpuppe, modern gekleidet, mit Sonnenbrille und Kofferradio, wenn das Radio spielte, verschluckte es auch die leisen Geräusche. Einige Male waren nun auch schon Polizeibeamte bei Loosen gewesen und hatten Angestellte befragt, die Charly und Romy kannten, die beiden waren spurlos verschwunden und was besonders seltsam war, keiner von ihnen hatte persönliche Sachen mitgenommen. Jeden Tag nahm sich Gitta vor: Heute lässt du sie hinaus. Aber dann kam ihr Charlys Grinsen in den Sinn und sie tat nichts. Tag um Tag, Woche um Woche verging. Nun hörte man keine Geräusche mehr. Gitta schloss die Türe wieder auf und deponierte den Schlüssel wie früher unter der Matte.


Einige Monate später traf Gitta im Zug auf dem Heimweg eine Bekannte, die ihr berichtete, ihre Firma suche Personal, sehr gute Bezahlung, bessere Arbeitszeiten und am Samstag Dienstfrei. Gitta bewarb sich dort und wurde angenommen.
Jahre vergingen, Gitta hatte inzwischen geheiratet und eine Tochter bekommen. Nach etwa 15 Jahren stand in der Zeitung eine Meldung, die Firma A&C hatte Bosen übernommen, bei den Sanierungsarbeiten hatte man ein uraltes Treppenhaus gefunden, in dem zwei Skelette lagen, man vermutete, dass es sich dabei um die vor Jahrzehnten verschwundenen Angestellten Charly H. und Romy W. handelte, warum sie das Treppenhaus nicht verlassen hatten konnte sich niemand erklären, denn die Türe war nicht verschlossen, hatte sie geklemmt?
Bis der Tod euch scheidet, dachte Gitta und ein Schauer rann über ihren Rücken, wer wohl zuerst gestorben war, liebte er sie auch noch, ungewaschen, abgemagert und dem Wahnsinn nahe? Wer hätte Charly eine solche Beständigkeit zugetraut, 15 Jahre an der Seite einer Frau, wenn auch nicht ganz freiwillig.
© By Gitte
7
Diesen Mitgliedern gefällt das:
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Lesen Sie auch die Bildkommentare zum Beitrag
9 Kommentare
9.166
Herbert Lödorf aus Gelsenkirchen | 16.04.2016 | 08:52  
18.693
Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 16.04.2016 | 09:18  
13.604
Christiane Bienemann aus Kleve | 16.04.2016 | 11:13  
4.939
Gitte Hedderich aus Herten | 16.04.2016 | 12:47  
12.690
Melanie Busche aus Menden (Sauerland) | 16.04.2016 | 15:52  
8.650
Eckhard Schlaup aus Gladbeck | 16.04.2016 | 15:55  
4.939
Gitte Hedderich aus Herten | 16.04.2016 | 17:45  
12.690
Melanie Busche aus Menden (Sauerland) | 17.04.2016 | 12:32  
4.939
Gitte Hedderich aus Herten | 17.04.2016 | 12:49  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.