Kaffeefahrt

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Kaffeefahrt!
Hilde von Braunfels hatte gerade ihr Frühstück genossen und saß nun gemütlich über ihrer Zeitungslektüre, als das Beilagen Blatt heraus fiel. Kaffeefahrt stand dort grell gedruckt und sogleich kam es ihr in den Sinn, was ihre Freundinnen ihr von diesen Fahrten für Horror Geschichten berichtet hatten. Alte Leute wurden mit Versprechungen geködert und dann mehr oder weniger zum Kauf von minderwertiger Ware zu überteuerten Angeboten genötigt. Es musste doch möglich sein, das die alten Leute sich dagegen wehrten. Sie überlegte und nach und nach reifte ein Plan in ihr.

Am Nachmittag traf man sich zum Kartenspielen, ihre Gruppe bestand aus drei Männern und drei Damen. „Habt ihr Lust auf ein Abenteuer“, fragte Hilde und gab preis, was sie sich ausgedacht hatte. Alle waren begeistert. Es traf sich gut, dass einer der Herren ein Elektromeister a.D. war, denn den brauchten sie dringend für die Ausführung des Plans den Hilde ausgeheckt hatte. Es war nur eine Woche Zeit für die Vorbereitungen und außer der immer skeptischen Frau Repelka waren alle dafür, aber ausschließen wollte sie sich auch nicht, wann erlebt man in diesem fortgeschrittenen Alter schon noch mal ein Abenteuer?

Es wurde ein Fond gegründet und da es sich um durchweg betuchte alte Leute handelte in dieser vornehmen Senioren Residenz war auch das kein Problem. Nun war die Zeit des gemütlichen Frühstücks erst einmal vorüber. Gleich anschließend trafen sich die Sechs und gingen auf die Suche nach Obdachlosen. In der nahen Kreisstadt wurden sie schnell fündig. Hilde gab ihnen einen kleinen Almosen, fragte dann ob sie sich noch etwas dazu verdienen wollen und welcher von diesen armen Teufeln wollte das nicht? Alle wurden in drei Tagen zur Residenz bestellt. Wie schauten die vornehmen Kellner als plötzlich etliche dieser nicht in den edlen Rahmen dieser Umgebung passenden Leute in den Speisesaal strömten. Und es wurden immer mehr, denn es hatte sich natürlich in Windeseile herum gesprochen das es hier ein Gratis Essen gab. Es war ein toller Lärm und Hilde bat lautstark um Ruhe. „Wo bleibt das versprochene Essen“, fragte ein Mann und alle fielen ein. „Ja wo ist das Essen“, tönte es aus jeder Ecke und einige schlugen sogar mit dem Löffel gegen das Geschirr. „Ich bitte um einen Moment Geduld“, schrie Hilde von Braunfels gegen den Lärm an. Augenblicklich wurde es still, denn sie besaß eine Menge natürlicher Autorität. „Meine Herrschaften, wie sie sicher schon oft gemerkt haben gibt es im Leben nichts umsonst.“ Unwilliges Gemurmel setzte ein. „Silencium“, bat Frau von Brauneck wiederum. „Wir haben ein Problem, viele meiner Freundinnen haben sich mächtig über diese so genannten Kaffeefahrten geärgert, darum haben wir (mit diesen Worten zeigte sie auf ihre fünf Freunde, die sie umstanden) ausgemacht es diesen Leuten mal zu zeigen und dafür brauchen wir sie.“ Die geladenen Gäste blickten ungläubig drein. „Sie brauchen uns, für was denn bloß“, fragte ein großer ungepflegter zerzauster Mann, der wohl so etwas wie der Sprecher war? Hilde reckte ihre ganzen imponierenden Einen Meter und fünfundsechzig Zentimeter in die Höhe und schmetterte: „Um es ihnen heimzuzahlen.“ „Und wie stellen sie sich das vor“, entgegnete Heinrich, der Sprecher der Gegenpartei?“ „Wir alle hier nehmen an einer solchen Kaffeefahrt teil, sie bekommen ein gratis Essen und die Heizdecken werden sie wohl auch behalten können.“ Hilde lächelte fein. „Heizdecken, was sollen wir mit Heizdecken, haben sie schon mal einen Steckdose auf der Straße bemerkt“, erwiderte ihr Gesprächspartner höhnisch und hatte die Lacher auf seiner Seite. „Natürlich nicht, aber sie können sie ja verkaufen und auch wenn sie nicht angeschlossen werden wärmen sie ja und das Essen nicht zu vergessen“, führte sie ins Feld. „Okidoki“, antworte ihr Partner, „der Deal gilt, auf zum Essen fassen Leute.“ Die Bedienung trug nun ein deftiges gutes Essen auf und dabei ging Hilde herum, reichte jedem die Hand und ließ sich versprechen am kommenden Freitag pünktlich um 6.00 Uhr an Ort und Stelle zu sein, denn in solchen Kreisen gilt ein Handschlag mehr als eine Unterschrift. Hilde hatte sich die Karten aus den Zeitschriften besorgt und außer den Sechsen noch 20 Obdachlose zu der angepriesenen Fahrt angemeldet.

Endlich wurde es Freitag und alle waren erschienen. Heinrich hatte jeden einzelnen geweckt und mitgebracht. Hilde und ihre Begleiter waren angenehm überrascht. Nicht so die Fahrt Begleiter. Angewidert musterten sie ihre illustren Gäste. Heinrich trug sogar eine Margerite am Hutband, einige rochen allerdings sehr außergewöhnlich. Völlig irritiert ließ man die Gäste einsteigen und überreichte ihnen das willkommene Geschenk, ein Frühstück Service was dankend und grinsend in Empfang genommen wurde. Dann begann die Fahrt. Man konnte den Begleitern und den Angestellten des Unternehmens ansehen das ihnen nicht wohl in ihrer Haut war, aber was sollten sie machen, die Fahrt war ordnungsgemäß gebucht und bezahlt. Nach einer Weile holten manche der Leute einen Flachmann heraus und reichten ihn unter den missbilligenden Blicken des Begleit- Personals herum, die Stimmung wurde immer ausgelassener und Heinrich stimmte sogar das Lied Hoch auf dem gelben Wagen an, was Hilde von Braunfels zum Mitsingen animierte. Nach einigen Stunden Fahrt wurde die Gegend immer dünner besiedelt und endlich hielt der Bus an einer Scheune. Lärmend verließen die Fahrgäste den Bus und stürmten in das Gebäude.

Zögernd schritten die Verkäufer nach vorn zum Podium. Nachdem sie ihre Waren aufgebaut hatten erhob sich Heinrich und fragte nach dem versprochenen Essen. „Zuerst einmal findet die Warenpräsentation statt“, bekam er zur Antwort. Der Sprecher nahm eine der Heizdecken und begann sie in den höchsten Tönen anzupreisen. „Was sollen wir damit“, wollte Heinrich wissen, wir leben auf der Straßen und da brauchen wir so was nicht.“ „Was wollen sie dann hier“, wollte der Verkäufer wissen? Heinrich lachte: „Na was schon, warm sitzen, Geschenke bekommen und ein gratis Essen, wie von ihnen angepriesen.“ „So ist das aber nicht gemeint“, antwortete man ihm. „Wir erwarten natürlich dass sie bei uns etwas kaufen.“ „Erstens steht das nirgendwo und zweitens hat keiner von uns Geld, aber zeigen sie mal her das Ding, vielleicht wärmt es ja auch so.“ Sprach es, nahm dem verdutzten Verkäufer eine der Heizdecken aus der Hand, rollte sie auf dem Boden aus und legte sich darauf. Nach einer Schrecksekunde stürmte der Verkäufer zu ihm und versuchte ihn von der Decke zu ziehen. Sein Kollege eilte ihm zu Hilfe. Das war der Moment auf den der Elektromeister a.D. gewartet hatte. Unbemerkt schob er sich an die restlichen Decken heran und schraubte an den Schaltern, in dem allgemeinen Tumult bemerkte das niemand. Endlich hatten die beiden Verkäufer ihre Decke zurück erobert und jammerten: „Wem sollen wir die nun noch verkaufen?“ „Man muss die Ware doch probieren können“, maulte Heinrich und äugte vorsichtig zu Hilde von Brauneck, die ihm fast unmerklich zunickte. Die Präsentation wurde fortgesetzt, nach den Decken kam eine Ringelblumensalbe an die Reihe, der Topf nur“39€“. Heinrich gähnte Unverhohlen, alle begannen zu schwatzen und jemand meldete ein dringendes menschliches Bedürfnis an. „Alle bleiben auf ihren Plätzen, bis die Waren Präsentation vorbei ist und wir einige der Waren verkauft haben.“ „Na also das ist doch Nötigung.“ Die Stimmung verschlechterte sich merklich, drohend erhoben sich einige der Obdachlosen und verkündeten: „Wir gehen jetzt, sie können ja mal versuchen uns aufzuhalten“, mit diesen Worten machten sie Anstalten die Scheune zu verlassen. Die Verkäufer lachten. „Wo wollt ihr denn hin? Diese Veranstaltung liegt meilenweit ab von der Zivilisation, die nächste Haltestelle ist gut 20 KM entfernt, setz dich Opa“, fügte er in menschenverachtendem Ton hinzu. Heinrich, der Sprecher meldete sich zu Wort. „Ach Jungchen“, sagte er in mitleidigem Ton, „was glaubst du warum man uns auch Tippelbrüder nennt, so eine Strecke ist kein Problem für unsereins.“ „Das mag sein“, antwortete einer der Verkäufer, „dann müssen eben die alten Schachteln und Knacker mehr kaufen, um den Verlust auszugleichen.“ Also das war zu viel, Hilde gab Heinrich ein Zeichen und der stürmte nach vorn, packte sich erst den einen und dann den anderen der Beiden. Sie wanden sich unter seinen Fäusten, denen man ansah dass sie zupacken konnten, aber was hatte er gemacht? Geschlagen hatte er sie jedenfalls nicht, trotzdem schienen sie Höllenqualen zu leiden, Sie schüttelten sich, krümmten sich, kratzen sich, bis schlussendlich sie sich die weißen, bis dahin makellosen Hemden vom Leibe rissen. „Na“, lachte Heinrich, „so eine Ladung Juckpulver im Nacken ist fast so angenehm, als wenn man zur Toilette muss und nicht darf, aber das gestatten sie uns nun stimmst?“ Man schubste und stieß die Verkäufer, die nun zu keinerlei Gegenwehr mehr in der Lage waren zu dem mittlerweile wieder ausgerollten und eingeschalteten Wärmedecken. Sie wurden draufgelegt und jammerten bald ohrenbetäubend. „Was habt ihr denn“, wollte der Elektromeister a.D. scheinheilig wissen? Ist es euch zu heiß? Die Schalter waren derart primitiv, das es ein leichtes war den Überhitzungsschutz auszuschalten, sehr gefährlich für alte Leute ohne technisches Verständnis. Sie halfen den jammernden Verkäufern wieder auf die Beine und betrachteten sorgenvoll die gerötete Haut. „Ach du liebe Zeit“, bemerkte Hilde, schaut euch das nur an, wie gut, dass wir jede Menge Heilsalbe zur Verfügung haben.“ Mit Schreck geweiteten Augen betrachteten sie Hildes Hand mit der Creme, doch zu protestieren wagten sie nicht mehr, es hätte wohl auch nichts genutzt. Zuerst kühlte die Salbe, aber dann wurde die schon etwas gerötete Haut feuerrot und schwoll an. „Ach du liebe Zeit, eine allergische Reaktion, ist die Creme für diesen stolzen Preis etwa nicht Allergie getestet? Das ist ja furchtbar.“ Die beiden, die sich da in Qualen wanden taten schließlich allen leid. „Draußen ist ein Brunnen, wascht euch das minderwertige Zeug ab“, riet Hilde den Beiden armen Würstchen, die auf diese Worte hin hinaus stürmten.

„So ich denke das war es“, bemerkte Hilde und reichte Heinrich die Hand in die dieser gerne einschlug. Hier hatten Arm und Reich einmal gut zusammen gearbeitet. Bleibt nur noch zu erwähnen, dass die bedauernswerten Verkäufer sich nach dieser Erfahrung einen neuen Job suchten. Hilde aber rief für alle Taxen mit dem Handy herbei. Alte Leute sind eben doch nicht so hilflos wie es manchmal scheint, vor allem wenn sie zusammenhalten.

Merke also, was du nicht willst, das man dir tu, das füge auch keinem anderen zu.
© By Gitte
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Luzie Schröter aus Fröndenberg/Ruhr | 17.06.2016 | 07:52  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 17.06.2016 | 08:08  
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 17.06.2016 | 09:20  
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Renate Smirnow-Klaskala aus Essen-Nord | 17.06.2016 | 19:55  
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Gitte Hedderich aus Herten | 18.06.2016 | 14:00  
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Melanie Busche aus Menden (Sauerland) | 19.06.2016 | 16:03  
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Gitte Hedderich aus Herten | 19.06.2016 | 19:32  
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Melanie Busche aus Menden (Sauerland) | 19.06.2016 | 19:45  
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Gitte Hedderich aus Herten | 20.06.2016 | 06:09  
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Melanie Busche aus Menden (Sauerland) | 20.06.2016 | 18:07  
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