Noch mal davon gekommen

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Noch mal davon gekommen.
Endlich! Endlich hatte ich mein Traumhaus gefunden, nicht zu klein und nicht zu groß, mit einem eben solchen Garten. Das einzige was mich störte, gleich hinter dem Garten, durch einen Maschendrahtzaun getrennt waren die Gräber des kleinen Dorffriedhofs.

Inga hatte von dem, was um sie herum vorging nichts, aber auch gar nichts mitbekommen. Weder das sie beim Staubsaugen umgefallen war, noch das man sie ins Krankenhaus brachte, auch nicht das der Notarzt den Exitus feststellte. Inga lag in einem tiefen komatösen Schlaf. Keiner konnte das verstehen, Inga war noch jung, keine dreißig Jahre alt. Gehirnschlag hatte der Arzt diagnostiziert, kommt vor auch in jungen Jahren lautete sein magerer Trost für Ingas Eltern und ihren Mann Klaus. Alle waren untröstlich, mit dem Unterschied, dass es bei Klaus nur gespielt war. Längst hatte er bereut sich so früh gebunden zu haben. Nach außen hin spielte er allerdings den trauernden Ehemann perfekt. Nur, wer näher hinsah, wie Ingas Eltern ahnten wie es wirklich hinter seiner Fassade aussah.

Am Abend, dem ersten Abend allein feierte Klaus jedoch seinen Abschied von den Ehefesseln. Als er heimkam feuerte er als erstes seine Schuhe quer durch die Diele. Einen Moment verharrte er und wartete instinktiv auf den Ruf, bitte stell sie ordentlich hin. Der unterblieb natürlich, denn wer hätte rufen sollen? Inga war tot. Pfeifend ging er ins Wohnzimmer, krempelte die Hemdsärmel hoch, schenkte sich einen Cognac ein und lümmelte sich auf das Sofa. Er zündete sich eine Zigarette an und den Aschenbecher deponierte er vor der Couch. Nun war niemand da, der ihn an ranzte wenn ein wenig daneben fiel, was machte das? Er hatte Ingas fanatische Ordnungsliebe nie verstanden. Es schellte. Seufzend begab er sich zur Türe um zu öffnen und blickte geradewegs in die vorwurfsvollen Gesichter seiner Schwiegereltern. „Was“, fragte er aggressiv? Seine Schwiegermutter glitt an ihm vorbei. Wortlos sammelte sie seine Schuhe ein und stellte sie ordentlich nebeneinander unter die Garderobe. Im Wohnzimmer stellte sie den Aschenbecher auf den Tisch. Klaus betrachtete sie finster. „Glaub nur nicht, dass du hier Ingas Regiment übernehmen kannst“, stellte er gleich richtig. „Keine Sorge“, antwortete Ingas Mutter, „wir sind hier, um die Beerdigungs-Formalitäten zu erledigen, danach bist du uns los.“ „Hat das nicht Zeit“, meinte Klaus? „Wenn du willst übernehmen wir das für dich“, boten sie ihm an. „Das wäre sehr nett, ich bin noch gar nicht richtig zu mir gekommen“, erwiderte Klaus. „Das sehen wir“, antwortete seine Schwiegermutter mit einem sprechenden Blick auf das Glas mit dem Cognac. Klaus grinste nur, seine Schwiegereltern verabschiedeten sich von ihm. „Du kommst sicher allein zurecht“, meinten sie noch spitz. „Natürlich“, entgegnete Klaus, „bin ich ja vorher auch.“ Wieder allein fletzte er sich wieder gemütlich auf die Couch und ergab sich in Träumereien über seine Zukunft, die nun wieder frei und strahlend vor ihm lag.

Drei Tage später trafen sie sich auf Ingas Beerdigung wieder. Inga sah wunderschön aus, als sie da im Sarg lag, als schliefe sie und fast wollte Klaus so etwas wie Bedauern ankommen, aber dann dachte er an die Damenwelt, die nun wieder seiner harrte und so ging die sentimentale Anwandlung schnell wieder vorbei. „Der Sarg ist ja nicht die beste Qualität“, flüsterte er seiner Schwiegermutter zu. „In Anbetracht unserer finanziellen Lage und das du keinen Pfennig dazu gegeben hast, konnten wir uns einen besseren nicht leisten“, gab diese traurig und entsetzt zur Antwort. Klaus tätschelte beruhigend ihre Hand. „Das verstehe ich doch“, meinte er großzügig. Seine Schwiegereltern wendeten sich empört ab. Als Klaus sich dann mit Inga allein glaubte, trat er nahe heran. Verflixt, der verdammte Ring ging nicht so einfach ab. Sollte der Diamantring, den er ihr als Vorsteckring spendiert hatte etwa unten mit ihr verrotten? Hinter ihm räusperte sich sein Schwiegervater. „Du wirst ihr doch wohl den Ehering gönnen? Scheinbar schreckst du vor nichts zurück“, meinte er abfällig. „Natürlich, was denkst du denn von mir?“ Klaus zupfte nervös an dem Sargkissen herum.
Sein Schwiegervater ließ ihn nun nicht mehr aus den Augen. Innerlich fluchend sah er schließlich zu, wie der Sarg geschlossen wurde. Mit ohnmächtiger Wut saß er dann im Trauer Gottesdienst und die Predigt floss ungehört an ihm vorbei.

Langsam kam Inga zu sich. Sie öffnete die Augen und wunderte sich. Völlige Dunkelheit umgab sie. Sie versuchte sich zu erinnern. Sie hatte gesaugt und dann wurde ihr schwarz vor Augen. Aber nun, warum war es dunkel und zwar so sehr, das sie nicht einmal Schemen erkennen konnte und wo war sie? Sie tastete um sich herum, aber weit kam sie nicht, knapp neben ihren Körper fühlte sie eine Begrenzung. Das fühlte sich an wie Seide, seit wann hatte sie seidene Bettwäsche? Im Krankenhaus gab es das auch nicht. Sie führte die Hand nach oben und machte die gleiche Erfahrung und dann hörte sie es. Etwas fiel auf sie herab, es polterte wie….. ja wie? Das war ja………das hörte sich an, als ob man Erde………nein, nein bitte lieber Gott, sie lag doch wohl nicht in einem Sarg und man war dabei sie zu begraben? Ingas Herz begann heftig zu schlagen, der Schweiß brach ihr aus den Poren und dann schrie sie, schrie, wie sie in ihrem ganzen Leben noch nicht beschrieen hatte. Das Gepolter hörte einen Moment auf. „Habt ihr das gehört“, wollte der Arbeiter wissen, der gerade dabei war das Grab zu zuschütten? In diesem Moment begannen die Glocken zu läuten. Es war Mittagszeit. Die anderen Arbeiter hatten einen Moment inne gehalten, aber ihre Arbeit dann fortgesetzt. Diese Arbeit verführt zu Halluzinationen scherzten sie.

Während Klaus mit seinen Schwiegereltern und einigen Freunden beim Essen saß begannen für Inga die qualvollsten Stunden ihres Lebens. Ruhig ermahnte sie sich selbst, jetzt nicht die Nerven verlieren, Wenn du noch eine winzige Chance hast darfst du nicht in Panik verfallen. Ein Werkzeug, sie brauchte ein Werkzeug. Sie tastete herum und fühlte den Ring an ihrem Finger. Erleichtert atmete sie auf. Man hatte ihr den Ring gelassen, nun musste sie nur noch herausfinden, wo sie mit den Ritzen des Sarges beginnen musste, direkt über ihr würden ihr die Späne ins Gesicht fallen. An den Seiten konnte sie die Arme wenig ausstrecken und hatte deshalb nicht viel Kraft. Sie schob die Arme über ihren Kopf. So konnte sie ausgestreckt arbeiten und die Kraft ihres Körpers mit einsetzen. Immer und immer wieder fuhr sie mit dem Ring die gleiche Fläche entlang. Nach einer Weile tastete sie mit dem Finger dorthin und atmete auf, sie fühlte deutliche eine Furche, die der Ring gegraben hatte. Allerdings war sie Schweiß überströmt, wie lange mochte es dauern, bis sie durch das Holz war? Weg mit den sinnlosen Fragen, ermahnte sie sich selbst, anderes blieb ihr nicht übrig, wenn sie hier heraus wollte. Von dem kleinen Erfolg angespornt arbeitete Inga wie besessen. Ihre Arme zitterten und fühlten sich gefühllos an, als seinen sie aus Brei, aber endlich splitterte das Holz. Es war nur ein kleiner Sieg, denn die Erde umschloss sie unnachgiebig und zäh. Wie lange mochte die Luft reichen? Noch dazu bei der Anstrengung, aber kapitulieren war nicht Ingas Ding, also fort mit den nutzlosen Gedanken und weiter gearbeitet. Mühsam, aber stetig vergrößerte sie das Loch. Ihre Finger fühlten sich feucht an. Das wird Blut sein folgerte Inga, von dem Holz. Sie zog ihr Hände heran und umwickelte die mit Streifen der Seide, die sie von der Seiten Bespannung des Sarges abriss, ihre Hände waren ihre Hoffnung, wenn sie die nicht mehr gebrauchen konnte war es aus. Als das Loch groß genug war, nahm Inga Erde und schob sie in ihren Sarg nach unten, immer und immer wieder fasste sie zu, buddelte und schob die Erde in den Sarg. Wie ein Maulwurf, aber viel ungeschickter arbeitete sie sich Zentimeter um Zentimeter schräg in die Höhe. Sie vergrößerte dabei das Loch im Sarg Stückchenweise und konnte nach einer Weile mit der ganzen Hand arbeiten. Immer schwerer wurde ihr Atem, aber sie hatte Erfolg. Ständig wollte sich Panik einstellen, aber sie ignorierte sie, nur ihre Arbeit musste ihren Sinn ausfüllen. Mit beiden Händen riss sie am Holz und schließlich konnte sie mit ihren beiden Händen arbeiten, eine um die andere Handvoll Erde und Holzstückchen wanderten um ihre Beine, Zentimeter um Zentimeter rutschte sie hinauf. Endlich konnte sie ihren Kopf aus dem Holz des Sarges herausschieben. Wenn sie gedacht hatte, nun Erleichterung zu fühlen, war das ein Fehler, denn die Erde die sie umschloss löste selbst bei ihr der Gesunden ein Gefühl der Klaustrophobie aus. Nicht denken, graben beschloss sie und arbeitete wie ein Roboter. Der Einfachheit halber behielt sie die Richtung bei, schräg nach oben. Längst hatte sie alles Gefühl in den Armen verloren, mechanisch arbeitete und wühlte der Lebensdrang in ihr sich hinauf. Einmal kam ihr der Gedanke, wie lange sie schon um ihr Leben grub, Stunden, Tage? Sie konnte es nicht sagen. Der Gang wurde immer enger, vielleicht steckte sie bald fest, sie hatte die Erde nicht weit genug nach unter gestopft. Am besten sie ergab sich in ihr Schicksal. Ein allerletztes Mal noch fasste sie nach, dann wollte sie sich fallen lassen, Schlafen, sie war todmüde, einfach einschlafen und nicht mehr erwachen. Doch dieses letzte Mal elektrisierte sie. Sie fühlte plötzlich keinen Widerstand mehr. Luft? War ihre Hand etwa an der Luft? Mit ihren allerletzten Kräften grub sie ihre Arme und ihren Kopf heraus. Gierig sog sie die frische Luft ein.

„Mami, Maaaaaaaaaaaaaaaaaami, haben Salatköpfe auch Gesichter?“ Was meiner Tochter immer so einfiel. Anna war gerade vier Jahre alt und ich hatte mit ihr den Garten bearbeitet. „Aber sicher“, ging ich auf ihre vermeintliche Fantasie ein. „wenn die Sonne scheint, dann lachen sie auch. „Mama am Zaun liegt ein großer Salatkopf“, berichtete sie mir. Nun musste ich doch einmal nachsehen, was sie dort gefunden hatte, Salat hatte ich gleich neben dem Friedhof nicht gepflanzt, allein der Gedanke schüttelte mich. Schnell eilte ich zu der Stelle, die meine Tochter so beschäftigte und erstarrte. Das war tatsächlich ein Kopf, der Kopf einer Frau, kaum zu erkennen unter Dreck und Erde, aber es war ein menschlicher Kopf, Hände und Arme lagen auch da, aber der Rest steckte in der Erde. „Nicht anfassen“, rief ich Anna zu, dann eilte ich ins Haus und rief einen Krankenwagen. Der Notarzt packte selbst mit an und man grub die unglückliche besinnungslose Frau aus und brachte sie auf dem schnellsten Wege in die Klinik.

Als Inga wieder zu sich kam, lag sie in einem weißen sauberen Bett. Sie seufzte laut, sie schien es also geschafft zu haben. „Fühlen sie sich stark genug uns einige Fragen zu beantworten“, wollte der Arzt wissen?“ Inga nickte schwach. Sie nannte ihren Namen und erzählte kurz unter welchen Umständen sie erwacht war. Fassungslos holte der Arzt die Papiere. Richtig, die Patientin war vor drei Tagen hier verstorben. „Wir werden ihrem Mann Bescheid geben“, erbot sich der Arzt.

Böse begab sich Klaus zur Türe, schon wieder wollte jemand etwas von ihm, konnte man ihn nicht in Ruhe lassen? In seinem Bett wartete ein blutjunges Häschen darauf mit ihm zu spielen. „Wer ist da“, fragte er ungnädig. „Bitte öffnen sie, ich komme vom Krankenhaus“, erhielt er Antwort. „Ich gebe nichts, gehen sie“ Klaus wendete sich schon zum Gehen. „Öffnen sie, es ist wichtig, ihre Frau lebt.“ Als Klaus das vernommen hatte bekam er plötzlich keine Luft mehr. „Hilfe“, gurgelte er noch und dann sank er in sich zusammen. „Liebling, Liebling, wo bleibst du“, tönte es. Es raschelte und eine Leicht bekleidete junge Frau kam aus dem Schlafzimmer. „Bei Klaus Anblick riss sie die Augen auf. „Was hast du denn“, fragte sie hilflos und nicht gerade intelligent Da polterte es schon wieder an der Türe. „Aufmachen.“ Völlig verstört öffnete sie. Der Arzt kam herein und übersah sogleich die Situation. Er forderte einen Krankenwagen an.

Inga hatte sich ein wenig erholt. Da ging die Türe auf und man schob ein Bett herein. „es tut mir sehr leid, ihr Mann hat bei der Aufregung einen Schlaganfall erhalten. Im Moment ist er gelähmt und kann nicht sprechen“, informierte der Arzt Inga. Mühsam schob sich Inga aus dem Bett und ging zu ihrem Mann. Gerade in diesem Moment kam Klaus wieder zu Bewusstsein. Er schlug die Augen auf und sag Inga. Er gurgelte etwas Unverständliches und sank wieder in eine gnädige Ohnmacht © By Gitte
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6 Kommentare
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 12.08.2016 | 10:07  
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Luzie Schröter aus Fröndenberg/Ruhr | 12.08.2016 | 11:37  
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Herbert Lödorf aus Gelsenkirchen | 12.08.2016 | 12:09  
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Renate Smirnow-Klaskala aus Essen-Nord | 12.08.2016 | 12:12  
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Gitte Hedderich aus Herten | 12.08.2016 | 12:27  
18.901
Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 12.08.2016 | 17:17  
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