Samstagabend

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Samstagabend!
Es war ein Samstag, wie sie schon viele erlebt hatte. Angelika saß in ihrem kleinen Zimmer und zog Bilanz. Wie viele Hoffnungen und Träume hatte sie gehabt. Sie seufzte.

Geli hatte ihre Mama sie zärtlich gerufen. Behütet war sie heran gewachsen, dann hatte ihre Mutter diesen grauenvollen Unfall gehabt und ihr Leben hatte eine Wende genommen. Sie war erst zwölf Jahre alt gewesen und ihre Kindheit war von diesem Zeitpunkt an unwiderruflich zu Ende. Eine Weile hatte ihr Vater getrauert, doch dann hatte er eine neue Frau kennen gelernt und lebte von da an sein eigenes Leben. Doch sie war jung und stark. Als sie mit vierzehn Jahren die Schule abgeschlossen hatte, suchte sie sich eine Stelle und zog zu Hause aus. In ihrem winzigen Mansarden Zimmer saß sie und schmiedete Pläne für ihre Zukunft. Sie war hübsch und nicht dumm, es musste ihr doch gelingen etwas aus ihrem Leben zu machen. In diesem Zimmer würde man sie nicht finden, sie musste sich der Welt zeigen, zeigen dass es sie gab. Von ihrem mageren Verkäuferinnen Gehalt kaufte sie sich preiswerte, aber geschmackvolle Garderobe, die ihren Typ vorteilhaft unterstrich. Sie übte das Schminken, lange stand sie vor den Spiegel und probierte Mimik und Haltung. Sie begann am Abend auszugehen und nannte sich nun Angie. Irgendwann würde sie jemanden kennen lernen, der zu ihr passte und der ihrem Leben einen neuen Sinn gab. Angie war begeisterungsfähig und unerfahren, oft glaubte sie das ist sie nun, die große Liebe, aber nach einer Weile stellte sie fest, das sie sich wieder einmal getäuscht hatte. Es vergingen Monate, Jahre und immer noch war sie allein. Nach und nach verschwanden Hoffnungen und Illusionen. Mehr und mehr schrumpften ihre Träume. Hatte sie zuerst nach einem gut aussehenden und nicht unvermögenden Mann ausgeschaut, suchte sie danach nur noch nach einem der sie verstand. In der kleinen Stadt begann man zu munkeln und bald betrachtete man sie als Freiwild.

Schließlich nahm sie den ersten Besten, der sie wollte. Warum er sie wollte, begriff sie erst danach. Jo sah nicht schlecht aus und sie war auch noch stolz gewesen, als er sie nach kurzer Zeit bat sie zu heiraten. In der kleinen Wohnung zeigte er ihr dann, was er unter einer Ehe verstand, wenn sie am Abend heimkam, musste sie die Wohnung putzen und danach für das Abendessen sorgen während er es sich auf dem Sofa vor dem Fernseher gemütlich machte. Wenn sie danach müde ins Bett sank, ging er aus und gab ihr sauer verdientes Geld aus. Vom Arbeiten hielt er nichts. Angie litt und schwieg, sie war nur noch ein Schatten ihrer selbst, als sie ihren Jo mit einer anderen Frau sah. Die beiden waren so beschäftigt, dass sie sie nicht einmal wahrnahmen. Hatte sie seine Eskapaden bisher immer geduldet, rastete sie nun komplett aus. Wie eine Furie ging sie auf die beiden los. Da verpasste Jo ihr eine Ohrfeige. Schluchzend sank sie zusammen und Jo ging mit der anderen lachend davon. Still lief sie nach Hause. Nach Hause, bitter lachte sie auf. Sie packte einige Sachen in eine Tasche und startete in ein neues Leben.

In einer kleinen Pension nahm sie ein Zimmer. Morgen würde sie sich nach einer Wohnung umsehen. Erschöpft schlief sie ein. Am nächsten Morgen überdachte sie ihr bisheriges Leben. Die Zeit der behüteten Geli war vorbei und auch die der Angie, die die Welt zu erobern gedachte. Sie war um einige Illusionen ärmer, aber noch war sie relativ jung und würde ihrem Leben eine neue Wende geben. Angelika schminkte sich fortan dezent und verlegte ihre Energie auf den Beruf. Sie bewarb sich bei der Kassenärztlichen Vereinigung und arbeitete sich mit viel Elan und Energie hoch. Sie machte Überstunden und der Beruf wurde ihr Leben. Wenn sie besonders viel Stress hatte, trank sie am Abend ein Glas Wein, aus einem wurden schnell mehrere und bald konsumierte sie eine ganze Flasche, ohne die konnte sie nicht einschlafen und wenn sie nicht schlief, konnte sie ihren Job nicht gut machen. Irgendwann begann sie damit am Morgen zum Kaffee einen Wodka zu trinken, der beruhigte und machte keine Fahne. Die Zeit eilte dahin und immer öfter fragte sie sich, ob das denn alles gewesen war. Ihre Gedanken machten sich immer öfter selbstständig und dann passierte ihr dieser Fehler. Als Abteilungsleiterin der Rechnungsstelle oblag es ihr die Unterlagen einer letzten Prüfung zu unterziehen. Sie übersah eine Kommastelle und aus Achtzig tausend Euro wurden Achthundert tausend Euro. Als man sie damit konfrontierte kam der Zusammenbruch. Sie bekam einen Schreikrampf und erwachte daraus erst in der Psychiatrie wieder. Einige Monate verbrachte sie dort auf Entzug. Nach ihrer Entlassung suchte sie sich ein Zimmer, ihren Job hatte sie verloren und weil der einst so hohe Betrag auf ihrem Konto durch die laufenden Kosten sehr geschrumpft war, musste sie sich nun einschränken. So saß sie nun hier und zog Bilanz.


Sie war nun nicht mehr jung, voller Pläne und Hoffnungen, sie war auch nicht alt. Mit Männern hatte sie kein Glück gehabt und ihre Karriere hatte sie selbst in den Sand gesetzt, was nun? Wollte sie noch einmal von vorn beginnen? Hatte sie die Kraft dazu? Sie kam zu dem Schluss ihrem Leben ein Ende zu setzen. Schon seit einiger Zeit hatte sie Schlaftabletten gesammelt, der Arzt wusste, sie hatte einen verantwortungsvollen Job und mit Mitarbeiterinnen der KV legte man sich besser nicht an. Der jahrelange Kampf hatte sie zermürbt. Angelika zog sich noch einmal gut an, schminkte sich sorgfältig und ging in die Stadt. Dort besorgte sie sich alles, für einen letzten schönen Abend. Eine Dose Leberpastete, Krabbensalat, Baguette, Salat, exotische Früchte und eine gute Flasche Wein. Bis auf einige Euro gab sie ihr Geld aus. Zu Hause bereitete sie sich ein Festmahl zu. Nie in ihrem Leben hatte sie so mit Bedacht gegessen, nie war ihr eine Mahlzeit köstlicher erschienen. Keine Sentimentalität altes Mädel, rief sie sich selbst zur Ordnung, du hast den Entschluss gefasst, nun steh auch dazu. Nach dem Essen trank sie den Tabletten Cocktail, Danach schminkte und frisierte sie sich noch einmal nach, sie wollte schön sein, wenn man sie fand. Sie schaltete den Fernseher ein und trank dabei den Wein. Ihr wurde warm und leicht. Das Gerät war nicht allzu laut eingestellt und das sanfte Gemurmel hüllte sie ein. Einmal schreckte sie noch auf. Die Lottozahlen kamen. Sie kicherte, einmal würde sie dieses Samstags Ritual noch durchführen. Schwankend holte sie Schein, Block und Kuli und geistesabwesend verglich sie die Zahlen. Zwei Richtige, wie schon oft, wieder kicherte sie. Drei, Vier, Fünf, ihr Herz begann zu rasen, da nun die letzte Zahl. Obwohl schon alles was sie erblickte hinter wabernden Schleiern verschwand sah sie die Zahlen überdeutlich. Sechs Richtige, sie hatte sechs Richtige, es war noch nicht zu spät, das Leben gab ihr eine neue Chance. Hitze stieg in ihr auf und nahm ihr fast den Atem, der Schweiß rann ihr über das Gesicht, sie musste Hilfe holen und das schnell. Voller Panik suchte sie das Telefon, sie hatte das Handy am Mittag achtlos irgendwo hin geworfen, es war egal, sie glaubte es nicht mehr zu brauchen. Auf allen vieren kroch sie weinend durch die Wohnung, so lange, bis sie erschöpft niedersank und alles hinter einer samtenen Schwärze versank.
© By Gitte
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7 Kommentare
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 31.03.2017 | 07:38  
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Christiane Bienemann aus Kleve | 31.03.2017 | 07:50  
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Gitte Hedderich aus Herten | 31.03.2017 | 08:05  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 31.03.2017 | 08:09  
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 31.03.2017 | 08:33  
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Gitte Hedderich aus Herten | 31.03.2017 | 11:27  
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 31.03.2017 | 11:41  
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