Anton der Hase

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Anton der Hase

Anton war mein Großvater und er war ein Wilderer. Für mich allerdings war er ein Jäger, denn als ich zur Welt kam war er schon pensioniert. Er marschierte jeden Morgen in der ersten Dämmerung mit seiner Flinte, seinem Rucksack, Proviant für den Tag und seinem Jagdhund Terry in den Wald.

Zuvor packte Oma in der Frühe seinen Rucksack, der enthielt eine Thermoskanne voller Kaffee und belegte Brote. Opa schulterte ihn, pfiff nach Terry, seinem Jagdhund und zog im Morgengrauen los in die Wälder. Uns Kindern war es streng verboten die Wälder zu betreten, angeblich wegen der Bergschäden in dieser Region, vielleicht aber auch deshalb, damit uns nicht eine von Opas Kugeln traf.

Wenn er heimkam, lag sein Gewehr auseinander genommen im Rucksack, unter dem Wildbrett. Das Wild wurde im Wäschekeller geräuchert, wenn der Qualm herausdrang und wir Kinder fragten was das sei, sagte man uns Oma kocht die Wäsche.

In den Keller durften wir nie, das war streng verboten. Auch was es Sonntags zu Essen gab fragte man nicht. Das Betreten des Speichers war uns ebenfalls untersagt, angeblich war der Boden marode und es war zu gefährlich. Ab und zu hörten wir ein Rumoren dort.
„Mäuse.“ sagte Opa und zwinkerte uns zu.
Erst viel später erfuhr ich, dass Opa dort Frettchen hielt; diese bekamen selten zu fressen und waren daher sehr blutrünstig. Sie wurden von Opa in einem Sack mitgenommen und in die Fuchsbauten geschickt. Dort bissen sie den Fuchs, wenn der dann genügend Blut verloren hatte und geschwächt war, schickte Opa den Hund rein, der ihn heraus holte.

Meine Großeltern wohnten mitten im Wald, für uns Kinder war es ein Paradies.
Doch nun zur eigentlichen Geschichte.

Alle sorgten sich um Anton, seine Geschwister, seine Frau, seine Kinder, ach eigentlich alle, die ihn kannten.
„Das kann nicht gut gehen.“ meinten sie.
Indes, Jahre vergingen und Anton wurde nie erwischt. Seine Wilderei wurde entsprechend immer frecher und dreister. Oma trug nun beim sonntäglichen Kirchgang die schönsten Fuchspelze um den Hals, die wir Kinder immer sehr bewunderten, denn sie besaßen kleine Gesichter mit Glasaugen und am anderen Ende kleine Pfötchen mit Krallen. Oft ging Anton nun auch los, wenn die Sonne schon am Himmel stand, er wurde immer unvorsichtiger.
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Die von ihm erlegten Tierscharen klagten nun bei Gott dem Herrn.
„Mich hat er erschossen!“ jammerte eine Füchsin, „Meine drei Jungen sind elend verhungert.“
Eine ganze Herde Kaninchen kam herbei: „Wir sind auf dem Mittagstisch gelandet, dabei lebten wir so gerne!“
Einige Frettchen waren auch darunter: „Uns hat er verhungern lassen, wir konnten mit so wenig Nahrung nicht auskommen“.
Etliche Rehe und Hirsche traten hinzu: „Auch wir wurden erschossen und nicht aus Not, etliches Fleisch blieb im Walde liegen, weil er es nicht tragen konnte!“
Nur eine Ricke sprach für Anton: „Mir hat er bei lebendigen Leib den Bauch aufgeschlitzt, aber er wollte mein Kitz retten, doch es war nicht lebensfähig. Eine kleine Lock hatte mich erfasst, doch weil ich das Kitz trug, konnte ich nicht so schnell springen.“

Die Klagen nahmen kein Ende.

Gott hörte das alles an und sprach: “Ihr seit die Geschädigten, also steht es euch an, das Urteil zu sprechen, was schlagt ihr also vor, soll mit Anton geschehen?"

Alles redete durcheinander und der Herr gebot ihnen Ruhe.
Einer der Füchse trat vor:
„Mach ihn zu einem Fuchs und erzähle den anderen Füchsen was er getan hat, dann werden sie ihn zerreißen.“
„Glaubst du, das ist lehrreich?“, sprach der Herr „Eine Grausamkeit mit einer anderen zu vergelten?“
Beschämt trat der Fuchs zurück.
„Du hast Recht Herr“, sagte er und neigte das Haupt.

Die Rehe und Hirsche traten hervor.
„Nun?“ fragte Gott, „was schlagt ihr vor?“
„Wie wäre es, wenn er sich bei seinem Pirschgang im Wald verirrt und nicht heimfindet, so dass er grausam verhungern muss?“
„Sind nicht etliche von Euren Kindern verhungert und ihr habt sie beweint, da wünscht ihr einem anderen, mag er auch noch so grausam sein ein solches Schicksal?“
Beschämt traten auch die Rehe und Hirsche zurück.

Vier Falken flogen herbei. „Wir könnten ihn hacken und sein Gesicht entstellen“, schlugen sie vor.
„Dann würden sich vor allem die entsetzen, die um ihn sind. Seine Kinder bekämen Angst und nicht nur vor Anton, sondern auch vor der Natur, die solche Grausamkeit möglich macht und sein Weib würde sich vor ihm ekeln. So würdet ihr eher andere Strafen statt ihn.“
Beschämt senkten die Falken die Köpfe.

„Nun?“, wandte Gott sich an die Hasen. „Welchen Vorschlag hättet ihr zu machen?“
Die anderen Tiere blickten erstaunt auf. Was konnte von den kleinen und nicht besonders angesehenen Hasen schon kommen fragten sie sich? Wenn selbst die schlauen Füchse, die stolzen Rehe und Hirsche, die majestätischen Falken keinen vernünftigen Rat wussten?
Ehrfurchtsvoll rückten die Hasen näher:
„Wie wäre es denn, wenn Du Anton für eine Weile zu einem von uns machen würdest? Er könnte dann lernen, wie es ist, sein Leben auf der Flucht verbringen zu müssen und vor fast allen Kreaturen fliehen zu müssen, denn wir sind klein und haben weder Zähne, noch Klauen, die andere das Fürchten lehren, uns bleibt nur die Flucht, wenn wir unser Leben behalten wollen.“

Gott blickte nachdenklich auf den kleinen Sprecher. „Mir scheint, das ist ein sehr guter Rat, was meint ihr dazu“, wandte er sich an die anderen Tiere.
Die schauten verblüfft, stimmt das war gut, sehr gut sogar genau genommen und das Ganze war eine beschlossene Sache.

Sie marschierten in den so genanten Erdenraum, von dort konnte man hinunter sehen. Gott gab Anton in die Suchmaschine ein und außerdem alle seine persönlichen Daten. Da tauchte er auch schon auf dem Bildschirm auf. Anton saß unter einer riesigen Eiche und schlief, er hatte sein Vesperbrot verzehrt und machte nun ein Nickerchen auf einer Lichtung im Schatten des Baumes.

„Es sei“, sprach Gott und aus Anton wurde ein kleiner Mümmelmann. Alle Tiere blickten gespannt. Anton erwachte, er hob seine Vorderpfötchen, denn er glaubte es seien seine Arme, um sie zu strecken. Wumps landete er auf dem Rücken. Auch Männchen machen will gelernt sein. Verwundert riss er seine kleinen Augen auf und betrachtete erst seine Pfoten, dann seinen behaarten Bauch und zu guter Letzt schüttelte er den Hasenkopf, als könne er so den bösen Alptraum verscheuchen. Aber o Weh, alles blieb wie es war und die Tiere im Himmel lachten Tränen über sein verdutztes Gesicht. Anton sah sich um, er hockte in einem Kleiderberg, der einmal der seine gewesen war. Plötzlich hörte er ein gefährliches Knurren. Er schrak zusammen und drehte sich vorsichtig um. Am Baum nebenan war sein Hund Terry angebunden, der nun wie wild knurrte und Anstalten machte, sich auf Anton zu stürzen. „Aus“, wollte Anton schreien, aber es kam nur ein Fiepsen heraus. Entsetzen breitete sich in ihm aus, das KONNTE einfach nicht sein!
Vorsichtig hoppelte er erst einmal aus Terrys Reichweite, denn wenn das Seil riss, dann Gnade ihm Gott. Gott, dachte er. Genau, nur das konnte es sein, es gab ihn also doch und nun zeigte er es ihm, Anton.

In Anton stritten Reue und Wut miteinander. Er hatte allerdings wenig Zeit, seinen Gedanken nachzuhängen. Es geschah genau, was er befürchtet hatte: Das Seil zerfranste und Sekunden später war Terry frei.

Mit wütenden Gebell stürzte er auf Anton zu, der rannte, wie er noch nie in seinem Leben gerannt war, wenn Terry ihn erwischte, gab es keine Gnade, Anton hatte ihn gut abgerichtet. Anton versuchte sich alles ins Gedächtnis zu rufen, was er über Hasen wusste, das ist nicht leicht, wenn man um sein Leben rennt. Er spähte nach einer rettenden Höhle aus.

„Oh nein“, rief eines der Häschen im Himmel, „das ist ja die Lichtung in der mein Bau liegt.“
„Keine Bange“, beruhigte ihn Gott. „Es ist ja nur der Hase Anton und er ist ganz allein und fürchtet sich sehr.“
„Meine Frau, meine Frau, sieh nur!“, rief der kleine Hase aufgeregt und richtig, auf der Lichtung erschien ein zweiter Hase und winkte Anton zu sich, der flitze zu ihm und in letzter Sekunde erreichten sie gemeinsam den schützenden Bau.

Im Bau ließ Anton sich außer Atem fallen.
„Wer bist du?“ fragte die Häsin. “Dich habe ich hier noch nie gesehen.“ „Mein Name ist Anton, ich bin gerade erst angekommen“, erzählte Anton und gelogen war das ja nun nicht.
„Das sind meine Kinder“, stellte Marga, die Häsin, ihre Kleinen vor.
„Wo ist denn denn dein Mann?“ wollte Anton wissen.
„Den hat der Jäger erwischt“ ,weinte Marga und blanke Tränen rollten über ihre Fellbäckchen.
Anton wurde ganz schlecht. „Das wollte er sicher nicht, er wusste bestimmt nicht, dass der Hase Familie hat“, sagte er.
„Na hör mal“, sagte Marga entrüstet, „wir haben alle Familie, er hat die Hälfte davon ausgerottet. Heute müssen wir aus der Vorratskammer essen. Der Hund wird sicher nicht so schnell aufgeben und wenn sein Herr kommt, ist es um uns geschehen, der kennt keine Gnade!“
„Vielleicht ist er davongelaufen und sein Herr kommt nicht.“ meinte Anton verlegen.
Sie mümmelten schweigend.
„Wie komme ich hier nur raus“, überlegte Anton.
Ihm war alles sehr peinlich, man muss sich das nur mal vorstellen, sie die Witwe des von ihm getöteten Hasen, war nun seine Gastgeberin und Retterin.
„Gefällt es dir nicht bei uns“, wollte Marga ein wenig gekränkt wissen. „Doch, doch.“ beruhigte Anton sie.
„Ich weiß, es ist nur ein drei Zimmer Bau, aber uns reichte es immer.“ „Nein“, sprach Anton, „das ist es nicht. Die meinen werden sich Sorgen machen, ich muss nach Hause!“
„Das verstehe ich“, meinte Marga, „komm mit, ich zeige dir den Hinterausgang.“
Sie durchquerten etliche verwinkelte Gänge und endlich sah Anton den Himmel über sich.
„Leb wohl,“ meinte Marga zum Abschied, „und pass auf dich auf.“
„Das mache ich“, erwiderte Anton und strich mit der Pfote über Margas Wange: „Vielen Dank für alles, du ahnst nicht, wie sehr du mir geholfen hast“.
Sprach’s und machte sich traurig auf den Weg.
Wo soll ich nur hin, dachte er bei sich, keiner würde ihn in diesem Zustand erkennen, er weinte und schluchzte vor sich hin.
Auch einige der Tiere, die ihn vom Himmel aus beobachteten bekamen nun Mitleid mit ihm. Eine Weile blickte der Herr in die Runde. Dann sprach er: „Was meint ihr, war das Strafe genug“? Die meisten der Tiere nickten und der Herr gab Anton seine menschliche Gestalt wieder.

Der fiel auf die Nase und als er sich aufrappelte, lag er nackt, wie Gott ihn geschaffen hatte im Gras. Eine Weile sann er schweigend vor sich hin, er war nackt, also war es kein Traum gewesen. Als er sich so betrachtete sah er ein Cent großes Stück Fell auf seinem großen Zeh, das war ihm von seinem Abenteuer geblieben.
Anton erhob sich und pfiff nach Terry, der auch sogleich hocherfreut angesaust kam.
„Such Terry, such Herrchens Sachen!“, wies Anton ihn an und Terry, der kluge Hund, führte seinen Herrn zu den zurückgelassenen Kleidungsstücken. Anton zog sich an und ging heim.

Seine Frau beobachtete ihn eine Weile schweigend.
„Du bist so verändert!“ meinte sie.
„Was hältst du davon, wenn ich die Wilderei aufgebe?“ wollte Anton wissen.
„So plötzlich?“, wunderte sich Maria.
„So plötzlich!“, bestätigte Anton lächelnd – und er lächelte selten.
Maria staunte nur und Anton hielt Wort, er vergrub seinen Stutzen im Wald und wilderte nie wieder.
Als Maria eines Tages das Stück Fell auf seinem Zeh entdeckte wunderte sie sich sehr.
„Vielleicht eine Alterserscheinung“, meinte Anton und lächelte wieder so seltsam, wie oft in der letzten Zeit und Fleisch essen wollte er plötzlich auch nicht mehr.

© By Gitte
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4 Kommentare
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Gitte Hedderich aus Herten | 19.03.2016 | 08:03  
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Gitte Hedderich aus Herten | 19.03.2016 | 11:19  
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 19.03.2016 | 12:13  
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Gitte Hedderich aus Herten | 19.03.2016 | 14:24  
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