Abschied

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Abschied!
Wie oft heißt es im Leben Abschied nehmen? Aber das es mir einst erging wie Hiob hätte ich mir nicht träumen lassen, aber halt das stimmt nicht, denn mir blieb ja mein Mann.

Der erste Abschied war der von meiner unbeschwerten Kindheit. Meine Mutter verließ die Familie und so fing für mich der Ernst des Lebens bereits mit sechs Jahren an.

Der zweite Abschied war der von meinem Heimatdorf und der stimmte mich gar nicht traurig. Jahre hatte ich danach gefiebert hier herauszukommen aus der Enge des kleinen Dörfchens, indem jeder jeden kannte und man keinen Schritt unbeobachtet machen konnte. Da war ich zweiundzwanzig Jahre alt.

Der dritte und bis dahin schlimmste Abschied war der von meiner Mutter, die mit nur fünfundvierzig Jahren starb. Wir hatten nie ein besonders inniges Verhältnis und ich hätte nicht vermutet, dass es mich so sehr traf.

Mit sechsundzwanzig Jahren endete meine erste Ehe, wieder kein großer Verlust.

Als ich achtundzwanzig Jahre alt war, starb mein Vater, er hatte lange gelitten und ich gönnte ihm seine Ruhe.

2008 gab es dann die große Wirtschaftskrise. Jeden Tag hörte man weitere schlimme Nachrichten. Es begann in Amerika und wie fast alles von drüben schwappte auch sie über den großen Teich. Ein neuer Abschied stand bevor, der Abschied vom Wohlstand. Die Preise wuchsen ins Unermessliche. Zuerst versuchten wir es zu ignorieren, dann kam der Tag an dem ich beschloss meine Puppen zu veräußern. Allerdings brachte das nicht wirklich viel, denn alle Leute brauchten Geld und die Preise waren im Keller. Es folgten mein Schmuck und dann diverse Elektro-Geräte. Hatten wir bisher versucht die Krise auszusitzen mussten wir nun feststellen so leicht war das nicht. Mit großen Schritten rannte die Wirtschaft in die Inflation und es dauerte und dauerte. Schon sah man die ersten Leute auf der Walz. Auch wir würden nicht mehr lange die horrende Miete zahlen können und wenn unser Hauswirt die Geduld verlor, na dann gute Nacht. Es kam der Tag. Lange schon lebten wir von der Hand in den Mund und auch die Leute die gespart hatten waren nicht wirklich besser dran als wir. Nur die mit Grundbesitz hatten wenigstens noch ein Dach über dem Kopf. Meine Freundin Susi gehörte zu jenen Glücklichen und sie bot mir an uns aufzunehmen. Ein Auto besaßen wir nicht mehr und da wir die letzten Groschen nicht für die Fahrt ausgeben wollten, machten wir uns zu Fuß auf den Weg begleitet von unserem treuen Schäferhund Wolf. Mit ihm teilten wir brüderlich was wir hatten und das war manches Mal wenig genug.

Die wenige wirklich notwendige Habe verteilten wir in unsere Rucksäcke und dann machten wir uns auf in eine mehr als ungewisse Zukunft. Einmal noch blickte ich zurück, denn man sagt ja dass man dann wiederkommt. Dreißig schöne Jahre hatten wir hier verlebt. Seufzend machten wir uns eines Morgens auf den Weg. Wenigstens regnete es nicht, es war früher Herbst nicht zu kalt und nicht zu warm, ideal also zum Wandern. Einerseits waren wir ziemlich gut durchtrainiert durch unseren Hund, doch wir waren keine zwanzig mehr und nach einigen Stunden erlahmten unsere Kräfte merklich. Dabei waren wir erst in Gelsenkirchen und wir hatten uns vorgenommen es bis zum Abend bis Essen-Kray zu schaffen. Hier hatte mein Mann Jahrzehnte lang gearbeitet und viele Bekannte, bei einem von ihnen hofften wir für die Nacht Unterschlüpfen zu können. Es dämmerte bereits als wir Gelsenkirchen-Rotthausen erreichten. Eine ziemlich herunter gekommene Gegend, allerdings grenzte sie bereits an Essen-Kray und so kämpften wir uns tapfer weiter. „Eine kleine Pause“, bat ich Jürgen in der Nähe des Marktplatzes und wir ließen uns nieder. „Das ist gefährlich“, warnte Jürgen, „danach wird es doppelt schwer wieder in Gang zu kommen.“ Beim Bäcker fragte ich nach altem Brot und wir bekamen einen Kanten. Wasser hatten wir in einer Flasche dabei, damit weichten wir das harte Brot auf und aßen, nachdem wir es in drei Teile gebrochen hatten. Plötzlich begann Wolf zu knurren. Als wir uns umdrehten bemerkten wir zwei abgerissene Gestalten, die sich heran herangepirscht hatten und unsere Rucksäcke gestohlen hätten, wäre nicht unser wachsamer Wolf gewesen. Der eine der Beiden warf böse einen Stein nach ihm, aber er verfehlte ihn. Das Erlebnis brachte uns schnell wieder auf die Beine und wir marschierten weiter.

Als wir nach einiger Zeit Essen-Kray erreichten, funkelten schon die ersten Sterne am Himmel und es wurde merklich kühler. Wir freuten uns unser Ziel erreicht zu haben, aber wie staunten wir als wir durch die kleine Vorstadt gingen. Porky, einst eine beliebte Imbissbude war geplündert. Ebenso Lebensmittelgeschäfte, Metzger und Bäcker. Hier war es noch um einiges schlimmer als bei uns in dem kleinen Ort Westerholt. Eigentlich logisch, hier wohnten noch mehr Leute die satt werden wollten. Überall wo Jürgen die Klingelschilder nachsah, bei Bekannten schüttelte er traurig den Kopf, niemand mehr hier den wir kannten und vom dem wir uns Nachtlager und Hilfe erhoffen konnten. Das reine Entsetzen packte uns als wir an dem ortsansässigen Altenheim vorbei kamen. Alte und kranke Leute lagerten auf der kleinen Wiese die das Anwesen umgab. Sie stöhnten und jammerten vor Kälte, Angst, Schmerz und Hunger. Ungläubig betrachteten wir das Szenario. „Das kann doch nicht sein, oder“, wollte ich entsetzt wissen? „Du weißt doch, Alte und Kinder trifft es immer zuerst“, antwortete Jürgen. „Es wird keiner mehr da sein, der zahlt und wie uns unser Vermieter hinaus gehetzt hat, wird das hier auch geschehen sein.“ Ohne groß zu überlegen was wir taten, liefen wir zum Gebäude der Telekom. Hier hatte Jürgen lange Jahre seinen Dienst versehen. Es brannte Licht im Büro und wir schellten.

„Was wollt ihr“, knurrte ein Mann, der uns geöffnet hatte unfreundlich an? „Mensch Jürgen“, der Mann wurde beiseite geschoben und Michael, ein ehemaliger Kollege zog uns hinein. „Rückt zusammen, der gehört zu uns“, ordnete er an. Die Räume waren voller Menschen, Mitarbeiter hatten den gleichen Gedanken gehabt und hier Zuflucht gesucht, denn es war trocken und warm hier. Allerdings war die Luft zum Schneiden. Büro, Zählerraum und sogar die Toiletten waren belegt. Wie es aussah konnten wir nicht wählerisch sein. Wolf allerdings sollte im Flur schlafen. Da wir ihn nie alleine ließen legten wir uns zu ihm. Hier war es nicht so warm, aber dafür war die Luft besser. Eigentlich hatte ich mir Gedanken machen wollen, wie ich den alten Leuten helfen konnte, aber wir waren so erschöpft das wir sofort auf dem harten Boden einschliefen.

Am anderen Morgen brauchten wir eine Weile um unsere steifen Knochen wieder bewegen zu können. Wir dankten für das Nachtlager und machten und wieder auf den Weg. Über unser Ziel verloren wir allerdings kein Wort, sonst hätte sich bestimmt eine Völkerwanderung aufgemacht und Susi bot sicher noch mehr Verwandten und Freunden Zuflucht, so dass dort auch kein Platz mehr zu haben war. Wir begannen die zweite Etappe unserer Odyssee und machten uns auf nach Essen-Rüttenscheid. Von da aus nach Essen-Bredeney und dann nach Kettwig. Hier wohnte meine Tante Edith und bei der verbrachten wir die zweite Nacht. Sie hatte im Golfclub gearbeitet und eine Turngruppe geleitet, in der Turnhalle wohnte sie nun außerdem verfügte sie über ausgezeichnete Kontakte und es gelang ihr auch immer wieder etwas Essbares aufzutreiben. Sie beherbergte auch etliche Leute, denn sie ist sehr hilfsbereit.

Am dritten Tag schlugen wir uns dann nach Neuss durch. Völlig erschöpft trafen wir bei meiner Freundin ein. Vor ihrer Türe im Stadtpark waren etliche Lager entstanden. Daher wunderten wir uns, dass sie relativ ruhig öffnete. Als sie uns sah rief sie: „Ja habt ihr es denn noch nicht gehört?“ Verständnislos blickten wir sie an. Sie zog uns hinein. Nachdem sie uns auf Stühle verfrachtet hatte, sagte sie: „Ihr könnt wieder heim, seit gestern Abend gibt es eine neue Währung, alles wird gut. Vermieter müssen ihre Mieter wieder aufnehmen und dürfen sich nicht bereichern.“ Fassungslos sahen wir uns an, hätten wir nur noch zwei Tage ausgeharrt. Nun nachdem alles überstanden war, musste ich doch noch heulen und konnte lange nicht aufhören.

Diesmal sind wir noch einmal davongekommen.
©y Gitte
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10 Kommentare
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 27.01.2017 | 09:35  
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Renate Smirnow-Klaskala aus Essen-Nord | 27.01.2017 | 12:41  
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Gitte Hedderich aus Herten | 27.01.2017 | 14:03  
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Melanie Busche aus Menden (Sauerland) | 27.01.2017 | 20:57  
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Gitte Hedderich aus Herten | 28.01.2017 | 06:18  
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Melanie Busche aus Menden (Sauerland) | 29.01.2017 | 19:32  
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Gitte Hedderich aus Herten | 30.01.2017 | 05:52  
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Melanie Busche aus Menden (Sauerland) | 02.02.2017 | 19:03  
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Gitte Hedderich aus Herten | 03.02.2017 | 17:21  
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Melanie Busche aus Menden (Sauerland) | 05.02.2017 | 19:10  
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