Ahoi

Anzeige
Ahoi!
Es war ein sonniger Maisonntag Mitte der 50ger Jahre und Jürgen hatte denkbar schlechte Laune. Wütend kickte er einen Stein über die Straße. Bergmann sollte er werden, ausgerechnet. Einmal war er mit seinem Vater Walter Untertage gewesen und die feuchte Kälte dort unten ließ ihn in Gedanken immer noch schaudern. Aufgewachsen war Jürgen hier in Essen-Werden, einem lauschigen Dörfchen an der Ruhr, mitten im Kohlenpott. Für die Idylle hatte er allerdings keinen Blick. Düstere Gedanken kreisten in seinem Gehirn. Hier galten noch die alten Regeln. Ein Sohn wurde das was sein Vater ist, er hatte zu glauben was sein Vater glaubte und er hatte das zu wählen was sein Vater wählte. Dabei war er doch ein eigener Mensch, mit eigenen Gefühlen, Wünschen und Sehnsüchten. Er musste etwas ändern, aber wie? Keinesfalls wollte er hier versauern. Fünfzehn Jahre war Jürgen alt, im nächsten Jahr würde er die mittlere Reife haben und dann gab es kein Entkommen mehr. Da war auch noch die Kirche. Jürgens Eltern gehörten einer Sekte an. Eine sehr strenge Kirche die das Leben ihrer Schäfchen total bestimmt. Oh ja, er sah es schon vor sich. Morgens in aller Herrgottsfrühe zum Pütt, mittags heim, essen, schlafen und dann Leute einladen oder Gesangstunde, Jugendstunde ect. Irgendwas gab es immer zu tun, nur keinen zur Ruhe kommen lassen, man könnte ja zu Denken anfangen, mit dem Denken kam dann die Kritik und die wurde nicht geduldet. Selbst sein geliebtes Radrennen hatten sie ihm fast verleidet, weil die meisten Rennen Sonntags stattfanden. Sein Leben war und würde immer fremdbestimmt bleiben, er musste da raus, aber wie? Ganz in Gedanken hatte Jürgen den Weg zur Ruhr eingeschlagen. Er schlenderte über die kleine Brücke auf die Brehminsel. Seine Eltern waren nach dem Nachmittags Gottesdienst zu seinen Großeltern gegangen, Routine, ein Tag wie der andere, ein Wochenende wie das davor. Wegen des herrlichen Wetters waren viele Spaziergänger unterwegs. Jürgen wollte allerdings allein sein, so verließ er den Weg und schlug sich durch die Büsche zum Ufer durch, dort setzte er sich ins Gras. Das würde Flecken geben, er konnte Erika, seine Mutter schon keifen hören. Er grinste auch egal, er musste nachdenken. Ein Ausflugsdampfer tutete. Erregung fasste ihn plötzlich, warum nur? Dampfer waren hier normal. Da war sie, die Lösung, es bildete sich ein Gedankenspiel. Schiff, Seefahrt, weite Welt. Langsam befahl er sich im Geiste, doch seine Gedanken eilten ihm davon. Heim, packen, mit dem Zug nach Essen, dann nach Hamburg und fort. Weit fort. Fast willenlos war er aufgestanden und hatte seinen Weg nach Hause begonnen. Immer schneller wurde sein Schritt. Hektisch blickte er auf seine Uhr und atmete auf. Erst fünf Uhr, seine Eltern würden nicht vor acht heimkommen, dann war er längst fort. Als er die Haustüre aufschloss zitterten seine Hände vor Erregung. Er stürmte die Treppe hinauf, zerrte seinen kleinen Pappkoffer unter dem Bett hervor und stopfte seine Sachen hinein. Eine warme Wolljacke, eine Jeans, zwei Pullis zum Wechseln, Unterwäsche und Socken. Sein Sparbuch steckte er in die Tasche seiner Hose. Danach schrieb er seinen Eltern eine Nachricht. Ich werde kein Bergmann, ich nehme nun mein Leben selbst in die Hand, bitte sucht mich nicht, ich melde mich, teilte er seinen Eltern mit. Dann stürmte er aus der Wohnung. Unten öffnete sich die Türe der Hausbesitzer Wohnung. „Willst du verreisen Jürgen“, wollte Frau Suhlke neugierig wissen? „Sie haben es erfasst“, antwortete Jürgen grinsend. Fassungslos schnappte Frau Suhlke nach Luft. „Also da hört sich doch alles auf, diese Jugend“, zeterte sie kopfschüttelnd und schloss die Türe. Jürgen atmete befreit auf. Sie hatte ihn das letzte Mal genervt. Er eilte mit dem Koffer an der Hand zum Bahnhof, dort löste er eine Karte und erwischte gerade noch den Zug nach Essen. Am Essener Hauptbahnhof studierte er den Fahrplan. Bei sich beschloss er das Ziel dem Zufall zu überlassen. Er würde den Zug wählen, der zuerst kam nach Bremen, oder nach Hamburg. Suchend glitt sein Finger über den Fahrplan. Am Wochenende fuhren weniger Züge, aber er würde doch fündig. Kurz nach Zwanzig Uhr fuhr ein Zug nach Hamburg. Er hatte also noch Zeit. Er betrat den Schalterraum, löste eine Karte und ging dann in das Bahnhofskaffee um dort eine Tasse Kaffee zu trinken. Nun begann sein „neues Leben“, die erste Station würde Hamburg sein. Quälend langsam verging die Zeit, aber endlich rückte der Zeiger doch vor und als er dann im Zug saß, dachte er an seine Eltern, die sicher gerade heimgekehrt waren und seine Nachricht gefunden hatten. Nun gab es kein Zurück mehr.





So aufgeregt wie er war, hatte doch das monotone Fahrgeräusch auf ihn eine einschläfernde Wirkung. Er schreckte hoch, als der Schaffner sein Abteil öffnete. Verwirrt erwiderte er den Gruß und fragte als er sich besonnen hatte wie weit es noch bis Hamburg sei. Der Schaffner kontrollierte die Karte und Jürgen erfuhr, dass es noch fünf Stationen wären. Endlich war es soweit und er verließ den Zug. Essen war schon ein großer Bahnhof, aber dieser hier erschreckte ihn dann doch. In der großen Halle blieb er stehen und ließ das Flair der Weltstadt auf sich wirken. Er drehte sich um seine Achse und sein Blick traf sich mit dem eines Mannes, der ihn schmunzelnd musterte. Malerisch sah der aus. Er trug eine blaue Schirmmütze mit einem goldenen Anker, einen dunklen Troyer zu einer Jeans. Sein Gesicht war durchzogen von einem Netz Fältchen und wurde umrahmt von einem lockigen grauweißen Bart, in seinem Mundwinkel hing eine Pfeife. Ein Seebär dachte Jürgen. Kaum angekommen erblicke ich zuerst einen Seebären wie aus einem Bilderbuch, wenn das kein Zeichen ist. „Na min Jong, wo willst du denn hin“, fragte ihn der Fremde. Jürgen zuckte die Schultern. „Mal sehen, kennen sie eine preiswerte Bleibe“, wollte er wissen? Der Alte nickte bedächtig. „Wenn du willst zeige ich dir das Seemannsheim. Dort kannst du preiswert wohnen wenn du nicht zu hohe Ansprüche stellst.“ Jürgen nickte begeistert. „Na dann man tau, ich bin der Hein.“ Eine kleine schwielige Hand streckte sich ihm entgegen, in die er einschlug und seinen Namen nannte, dann machten die Zwei sich auf den Weg.

Als Hein dann stehen blieb und auf den großen roten Backsteinbau deutete bekam Jürgen große Augen. Das war fantastisch, hier würde er Seeleute treffen und Tipps bekommen für seine Reise. Hein ging voran und Jürgen betrat nach ihm den Bau. „Hallo Hein, wann geht es wieder auf Fahrt“, wurde er angesprochen? „Morgen heuer ich an, die Aurora fährt nach Bombay“, antwortete Jürgens Begleiter. „Und du Lütter“, wurde er gefragt? Hein nahm seinen Arm und zog ihn mit sich. „Nu lass ihn doch erst einmal ankommen“, meinte er. Er führte ihn auf sein Zimmer. „Bist du ausgebüxt“, wollte er wissen? Jürgen fühlte wie er rot anlief. Was nun, würde er ihn zurückschicken? Doch Hein grinste. „Keine Angst, gegen Fernweh ist kein Kraut gewachsen. Soll ich mich erkundigen, ob der Kahn noch einen Smutje braucht“, grinste er? Jürgen atmete auf und nickte begeistert. „Stell dir das nicht so einfach vor, das Leben an Bord ist hart und wenn wir erst einmal auf dem Meer sind gibt es kein zurück mehr“, warnte Hein ihn. Ganz kurz dachte Jürgen nach, doch dann nickte er. „Wenn ich das jetzt nicht durchziehe bekomme ich keine Chance mehr“, meinte er. Hein streckte ihm die Hand hin, Jürgen ergriff und schüttelte sie. Ein Kloß saß in seinem Hals. „Du kannst hier schlafen.“ Hein warf ihm einen Schlafsack zu. „Auf der Erde“, grinste er „dann gewöhnst du dich gleich an das harte Leben an Bord, aber nun essen wir erst mal einen Happen“, er ging vor ihm her in den Speisesaal. Hier herrschte ein ziemlicher Lärm, der bei ihrem Eintreten einen Moment lang verstummte. Die Beiden nahmen Platz und Hein bestellte ein norddeutsches Gericht, das Jürgen nicht kannte, es nannte sich Labskaus und schmeckte ihm hervorragend. Nach dem Essen gab es Köm, einen Kümmelschnaps, den Jürgen seinem Vorbild Hein nacheifernd hinuntergoss, was einen heftigen Hustenanfall bei ihm auslöste. Es gab grölendes Gelächter. „Das kann nur eine Landratte sein“, hörte man überall. Zu fort gerückter Stunde begannen dann die Seeleute zu erzählen, Jürgen lauschte mit offenem Mund, so manches dicke Stück Seemannsgarn wurde hier gesponnen. Besonders viele Geschichten handelten von den Gräueltaten des „Bloody Jasper“. Spät gingen sie schlafen. In Jürgens Kopf summte es und lange schwirrte das Gehörte in seinen Gedanken herum. Kaum war er eingeschlafen, als er von Hein gerüttelt wurde. „Rühr dich min Jong“, sagte er, „der Betrieb im Hafen beginnt im Morgengrauen.“ Benommen schüttelte Jürgen den Kopf und in Windeseile zog er sich an. Er war mächtig aufgeregt, ob sie ihn nahmen? Immerhin war er erst fünfzehn Jahre alt. Er schreckte aus seinen Gedanken, als ihn Hein am Jackenärmel zupfte. „Hör mal“, begann er wie es schien ein wenig verlegen, „der Kapitän der Aurora trägt den Spitznamen Bloody Jasper.“ Jürgen zuckte zusammen. „Waaaaaaaaaaaas“, entfuhr es ihm „und das sagst du mir erst jetzt?“ Hein zuckte die Schultern. „Du solltest nicht alles glauben was man so erzählt. Sicher er hat seine Schrullen, aber es gibt schlimmere Kapitäne.“ In der Zwischenzeit waren sie im Hafen angekommen. Jürgen staunte nicht schlecht. Ein toller Betrieb war hier früh am Morgen. Wie in einem Ameisenhaufen wieselten die Leute hin und her. Endlich standen sie vor einem riesigen Segelschiff. „Das ist die Aurora“, klärte Hein ihn auf. „Mittlerweile fahren fast nur noch Motorschiffe Frachten, aber ich ziehe die alte Methode der Seefahrt vor. Gemächlich mit der Kraft von Wind und Wellen über das Meer. Kommst du“, wollte er wissen? Entschlossen nickte Jürgen. Ansehen konnte er sich den Kapitän ja mal. Sie liefen die Gangway hinauf. An Bord fragte Hein einen Matrosen nach dem Kapitän. „Der is achtern“, sagte man ihnen und so begaben sie sich nach hinten. Sie fanden ihn in Gedanken versunken auf die Brandung blickend. Hein räusperte sich und Bloody Jasper drehte sich zu ihnen herum. Jürgen erblickte ein rundliches lachendes Gesicht. Das sollte der schreckliche Bloody Jasper sein und fast hätte er über seine Ängste gelacht. „Kannste uns brauchen Jasper“, fragte Hein? „Einen Matrosen und einen Moses?“ Jasper lachte freundlich. „Aber sicher doch“, entgegnete Jasper und streckte Jürgen seine beeindruckende Pranke hin. Erleichtert schlug der ein und freute sich, die größte Hürde war genommen, er war nun bei der Christlichen Seefahrt gelandet.

„Ich stell dir gleich den Heuerschein aus und dann ab mit dir, in die Kombüse Kartoffelschälen.“ Wie er es in Filmen gesehen hatte stand Jürgen stramm, klappte die Hacken zusammen, legte die rechte Hand an die Schläfe und rief: „Aye aye Kapitän, Moses Jürgen hat verstanden.“ Jasper und Hein grinsten sich an. Auf einen Wink Jaspers eilte ein Matrose herbei und zeigte Jürgen den Weg zur Kombüse. Den mitleidigen Blick sah Jürgen in seiner Begeisterung nicht. Auch nicht, dass Jasper Hein verstohlen einen Geldschein zusteckte bemerkte er nicht. Die Beiden grinsten sich an, mit der Landratte würden sie ihren Spaß haben. Der Koch war ein verschlossener Mann und Jürgen gedachte sich ihn durch Fleiß zum Freund zu machen. Die nächsten Tage waren erfüllt von Arbeit. Deck schrubben, Reling lackieren, Botengänge erledigen und so weiter. Was er nicht gern machte war in die Takelage klettern um die Segel zu reffen, oder noch schlimmer im Ausguck Wache zu schieben. Erst hier bemerkte er, dass er unter Höhenangst litt und noch jemand hatte es gemerkt und den freute es sichtlich. Immer wenn Jasper einen unsicheren, ängstlichen Blick auffing lächelte er. Er war ein Sadist. Wenn er eine Schwachstelle entdeckte, nutzte er das gnadenlos aus. Sein Tag würde kommen, er hatte Zeit und würde der Landratte das Fürchten lernen. Die ersten Abende konnte Jürgen nicht richtig genießen. Nach der Arbeit saßen die Männer bei gutem Wetter an Deck und unter klarem Sternenhimmel erklangen aus rauen Kehlen die alten Shantys. Seemannsromantik pur, aber Jürgen war von der ungewohnt harten Arbeit so müde, das ihm die Augen zufielen. Nach und nach gewöhnte er sich aber ein, sein Körper stählte sich, seine Muskeln wuchsen und seine Haut nahm eine braune Tönung an, was seine blonden Haare fast weiß erscheinen ließ. Die Müdigkeit ließ nach und er gewöhnte sich ein. Es dauerte nicht lange und er sang die alten Lieder aus voller Kehle mit. Der Kapitän, den man den Alten nannte ließ sich nicht sehr oft blicken, meist saß er in seiner Kajüte und studierte Seekarten, oder er las und genehmigte sich dabei den einen und anderen Rum.

Eines Tages geschah etwas Schreckliches. Knut, einer der Matrosen hatte beim Deckdienst scheinbar nicht ordentlich geputzt. Jasper entdeckte einen Schmierfilm und er ordnete Kielholen an. Dabei wird der Mann ins Wasser getaucht und das wird einige Male wiederholt. An sich nicht schlimm bei einem gesunden jungen Mann, denn es war ja Sommer, aber Knut hatte immer schon schreckliche Angst zu ertrinken. Ein wasserscheuer Seemann, das war ganz nach Jaspers Geschmack. Seit Knut an Bord war hatte er sich auf diesen Moment gefreut. Jürgen der dem Ganzen beiwohnte war entsetzt von der Rohheit seiner Kameraden. Scheinbar rührte es keinen, das Knut vor Angst weinte und als er sich kurz bevor er ins Wasser gelassen wurde einnässte johlten alle. Zweimal tauchte man ihn unter, als man ihn dann hoch holte hing er leblos in den Seilen. Jürgen glaubte er sei vor Angst ohnmächtig geworden, doch dann zeigte sich das er tot war. Er hatte einen Herzschlag bekommen in seiner Not. Jürgen blickte Jasper an und konnte es fast nicht glauben, der lächelte. Nachdem Knut ein Seemannsgrab bekommen hatte kehrte schnell wieder der Alltag an Bord ein. Jürgen aber war seit dem Erlebnis sehr still geworden, als er mit Hein über die Grausamkeit von Jasper reden wollte wiegelte der ab. „So was passiert halt, wir sind hier kein Mädchenpensionat“, meinte er nur. In dieser Nacht fasste Jürgen einen Entschluss. So abgebrüht wollte er nicht werden, nach dieser Reise würde er sich in Essen ein Zimmer nehmen, dazu würde seine Heuer reichen und dann würde er einen Beruf erlernen. Mal sehen, Technik interessierte ihn, vielleicht bewarb er sich bei der Telekom. Noch hatte er allerdings einige Wochen an Bord vor sich, aber die würden vergehen. Verloren war die Zeit ja nicht, er sah einiges von der Welt.

Jürgen versah fleißig seinen Dienst, aber die erste Begeisterung war verschwunden. Immer öfter beobachtete Jasper ihn nun. Dann gab es raue See. Ein Sturm kam auf, beinahe schon ein Orkan. „Moses, rauf die Segel reffen“, ordnete Jasper an und registrierte belustigt Jürgens entsetzten Blick. „Aber“, begann der. „Was?“ Jaspers Gesicht kam ihm sehr nahe. „Befehlsverweigerung? Meuterei?“ Jürgen senkte den Blick. Warum nur musste er in diesem Moment an Knut denken? Die Angst lähmte seine Knochen. Dann schüttelte er den Kopf, fasste sich ein Herz und kletterte gewandt hinauf. Enttäuscht, aber trotzdem erregt folgte ihm Jaspers Blick. Fast hatte er es geschafft, dann setzte prasselnder Regen ein. Jürgen arbeitet wie ein Wilder um die Segel zu lösen und dann geschah es. Sein Fuß rutschte an den nassen glatten Seilen ab, er versuchte noch sich mit den Händen zu halten, aber die waren steif vor Kälte und lösten sich wie von selbst. Das Letzte was Jürgen sah war Jaspers Gesicht, das ihn Beobachtete. Seine Augen schienen zu glühen und Jürgen raste im freien Fall auf ihn zu. Ein rasender Schmerz durchfuhr ihn, als er ungebremst auf die Planken schlug, dann war alles still und samtige Schwärze hüllte ihn ein. Allerdings nur einen Moment, dann wurde es strahlend hell. Seltsam bei diesem Wetter dachte Jürgen und erhob sich. Er wollte Jasper fragen ob er noch einmal hinauf sollte, doch der schien ihn nicht zu beachten, sein Blick hing an einer Gestalt, die auf dem Deck lag.

Jürgen folgte seinem Blick und sah sich selbst dort liegen. Wie konnte das sein, er stand doch hier und es ging ihm gut. Du bist tot glitt ein Gedanke durch seinen Kopf. Mausetot. Dein Körper liegt da zerschmettert und sieh nur, wie Jasper lacht. So ein Schwein dachte Jürgen, er freut sich wenn er jemand quälen kann. Neben ihm tauchte eine Art Tor auf, daraus erstrahlte das helle Licht und zog ihn magisch an. Jürgen wehrte sich, er wollte nicht gehen, nicht ehe er Jasper eine Lektion erteilt hatte. „Vergiss es.“ Jemand hatte ihm die Hand auf die Schulter gelegt. War er doch nicht tot? Sah ihn jemand? Er blickte sich um und sah in Knuts Gesicht. „Du bist hier“, fragte er nicht gerade geistreich? „Aus dem gleichen Grund wie du, ich kann nicht in die Ewigkeit gehen mit dieser Wut im Herzen, ich sehne mich nach Rache. „Die werden wir haben mein Freund“, lachte Jürgen und legte Knut den Arm um die Schultern.

Die Mittagszeit war gekommen und alle saßen beim Essen. Jasper wurde von zwei Mann flankiert, die allerdings keiner bemerkte. Grinsend zog Jürgen eine lange Gräte aus dem Fisch, der auf dem Tisch lag und legte diese auf die Gabel, die Jasper gerade zum Mund führte. Hastig schlag er den Happen herunter um gleich darauf zu Japsen und mit den Armen zu schlagen. Sein Gesicht rötete sich, er röchelte und hustete. Seine Kameraden zogen ihn hoch, schlugen ihn auf den Rücken und einer versuchte gar die Gräte aus seinem Mund zu ziehen, aber es half nichts, Jaspers Gesicht wurde violett, dann blau und dann schied er aus dem Leben. Nun waren es Knut und Jürgen, die sein Ableben lachend beobachteten. Gespannt warteten sie, bis sich seine Seele vom Körper löste. Dann war es soweit. Jaspers Seele erhob sich und er blickte völlig entsetzt auf die Beiden Geistern die ihn erwarteten. Abwehrend streckte er ihnen die Hände entgegen. Knut und Jürgen warteten auf das helle Tor, das sich nun öffnen musste, doch es erschien nicht. In der Ewigkeit wollte man Bloody Jasper auch nicht. Scheinbar keinen von ihnen, die Chance war vertan. Die Rache war ihnen wichtiger gewesen, als die ewige Seligkeit und nun mussten sie hier verharren, bis ans Ende aller Zeiten. Hätten sie sich doch früher besonnen.

Die Jahre vergingen. Knut und Jürgen steckten immer zusammen und trieben mancherlei Schabernack, den die ahnungslosen Seeleute dem Klabautermann zuschoben. Jasper hatte Angst vor ihnen und saß einsam und traurig herum. Einmal im Jahr allerdings wiederholten sich die Sterbeszenen von Knut und Jürgen und die konnten alle auf dem Schiff sehen. Immer mehr von der Besatzung heuerte ab, auf einem Gespensterschiff wollte keiner fahren. So lag die Aurora im Hafen vor Anker, eine Touristen Attraktion.


Jahre waren vergangen. Mein Mann und ich hatten silberne Hochzeit. Wir hatten uns eine Reise nach Hamburg gegönnt und besichtigten dort die Aurora von der man viel berichtete. Wie das Schicksal es wollte jährte sich gerade der Tag an dem Jürgen durch Jaspers Schuld verunglückt war. Es war ein strahlend schöner Tag gewesen, doch als wir auf dem Schiff standen ging wie aus heiterem Himmel ein Unwetter nieder. Entsetzt sah ich den Jungen in die Höhe klettern. „Nicht rief ich“ instinktiv, „bleib hier, das ist zu gefährlich.“ Der Junge erstarrte. „Bleib“, rief ich noch einmal. Plötzlich verschwand er vor unseren Augen und tauchte kurz darauf neben mir auf. „Danke das du Mitleid hattest, du hast uns erlöst“, flüsterte er mir zu, dann löste er sich auf.

Kein Gespenst tauchte mehr auf der Aurora auf, nun war es nur noch ein alter Kahn, der langsam vor sich hin rostete. Hoffentlich haben sie ihren Frieden gefunden.
©By Gitte
8
Diesen Mitgliedern gefällt das:
13 Kommentare
15.835
Christiane Bienemann aus Kleve | 10.03.2017 | 08:03  
12.088
Herbert Lödorf aus Gelsenkirchen | 10.03.2017 | 08:06  
34.908
Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 10.03.2017 | 09:29  
52.371
Luzie Schröter aus Fröndenberg/Ruhr | 10.03.2017 | 11:41  
7.442
Gitte Hedderich aus Herten | 10.03.2017 | 16:38  
15.835
Christiane Bienemann aus Kleve | 10.03.2017 | 18:57  
1.341
Volker Bödigheimer aus Oberhausen | 10.03.2017 | 22:16  
7.442
Gitte Hedderich aus Herten | 11.03.2017 | 08:18  
63.979
Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 14.03.2017 | 16:14  
7.442
Gitte Hedderich aus Herten | 15.03.2017 | 10:43  
63.979
Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 15.03.2017 | 22:06  
7.442
Gitte Hedderich aus Herten | 16.03.2017 | 07:54  
63.979
Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 16.03.2017 | 09:08  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.