Ajax

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Ajax
Heute war der große Tag. Heute hatte Ajax eine Audienz bei Wotan, dem Gott der Hunde. Seit 50 Jahren weilte er nun hier, in dem Land hinter der Regenbogenbrücke. Man hatte ihn gewaltsam hierher befördert. Bösartig ist er hatte es geheißen, die Tollwut hat er hatte man gesagt. Ajax dachte zurück.

Als er das Licht der Welt erblickte hatte er nicht ahnen können was das Schicksal für ihn bereithielt. Er war ein Prachtkerl von einem Schäferhund Welpen und weil man seiner Rasse besondere Wachsamkeit nachsagte hatte sein Herr, den man Pleitgen rief ihn ausgesucht. Er wurde in einen Zwinger gesteckt und als Wachhund erzogen. Der Zwinger war kalt und hatte einen Betonboden. Am Tage kam er auf die Wiese hinter dem Haus um zu Arbeiten. Es gab ein Gerüst, das durch einstecken von Brettern immer mehr erhöht wurde und wenn er nicht springen wollte wurde er geschlagen. Wartet nur bis ich groß bin hatte er gedacht, dann zeig ich es euch, ich werde euch das Fürchten lehren. Bald musste er das Grundstück bewachen. Pass auf Ajax hatte sein Herr gesagt. Hatte er denn wissen können dass die dunkle Gestalt, die in der Nacht den Weg zum Plumpsklo im Garten suchte die alte Frau Bellenberg war? Er hatte sie gestellt und als ich fortlaufen wollte hatte er ihren Arm festgehalten. Ein Kratzer nur, aber was gab das für einen Ärger. Sein Herrchen war nicht stolz, er sperrte ihn zum Dank wieder in den verhassten Zwinger. Ein armseliges Leben für einen großen, stolzen Hund. Sein Frauchen hatte große Angst vor ihm, sie trug seinen Futternapf hoch über ihrem Kopf und als er dachte, er solle danach springen ließ sie ihn schreiend fallen. „Er hat mich angegriffen“, schrie sie außer sich vor Angst. Ajax verstand die Welt nicht. Der einzige Lichtblick war die Familie, die oben im Haus wohnte. Der Mann, Herr Wientjes wurde er gerufen ging manchmal mit ihm spazieren und am schönsten was es, wenn seine Tochter die kleine Gitte dabei war. Was hatte man für einen Spaß miteinander. Hören musste er, Ajax freilich das hatte der nette Herr ihm beigebracht. Als er einmal nicht aus dem Wasser kam als er gerufen wurde, hatten sich die Beiden einfach versteckt. Was hatte er für eine Angst ausgestanden, aufgeregt hatte er gesucht und geschnüffelt, bis er sie endlich hinter einem Baum entdeckt hatte. Von da an rannte er nur noch bis zur Sichtweite, sie verbrachten herrliche Tage, Gitte warf Stöckchen und Ajax brachte sie zurück. Aber das war auch dass einzige Schöne in seinem Leben. Einmal wollte das junge Fräulein Helga mit ihm spazieren gehen, sie war die Tochter seines Herrchens und stellte sich das so schön vor, sie die elegante Dame in dem roten, engen Kostüm und den hohen Schuhen, daneben dieser riesige schwarze Schäferhund. Herr Wientjes stand mit Gitte auf der Veranda. „Wenn das nur gut geht“, sagte er ein um das andere Mal. Aber Ajax lief brav neben Fräulein Helga her. Herr Wientjes wunderte sich sehr, nach kurzer Zeit kam ein Mann den Weg her herauf gehetzt. „Schnell, das Fräulein braucht Hilfe, sie hängt am Ende der Straße an einer Laterne und ruft immer „Nicht Ajax, halt Ajax“ und dabei lachte er, dass ihm die Tränen aus den Augen rannen. „Entschuldigung“, sagte er, „aber das sieht einfach zu komisch aus.“ So schied auch Fräulein Helga als Betreuerin für Ajax aus. Herr Wientjes wurde immer mehr in Ajax Erziehung eingebunden, wen wundert es, dass er auch die Prüfungen mit dem Tier ablegen musste. Herr Pleitgen konnte sagen und befehlen, was er wollte, Ajax stellte sich taub, kam Herr Wientjes mit folgte er aufs Wort, auch ohne Schläge, was Herrn Pleitgen immer mehr ergrimmte. „Verfluchter Köter“, hörte man nun oft und ärgerlich von ihm. Sehr oft stand nun die kleine Gitte vor dem Zwinger und schaute in Ajax traurige Augen, dabei kamen ihr selbst oft die Tränen. Sie begann die Wurst ihres Frühstücks Brotes zu stibitzen, in der Tasche ihres Kleidchens brachte sie sie zu Ajax, der die Wurstscheiben unendlich vorsichtig aus den kleinen Fingern nahm. Danach leckte er die kleine Hand dankbar und wurde ein wenig gestreichelt, mehr als drei Fingerchen passten ja nicht durch die engen Maschen des Zaunes. Nach einiger Zeit wurde sie dabei von Frau Pleitgen beobachtet, die sofort ein riesiges Geschrei erhob. Auch Gitte wurde nun bös und sagte ihre Meinung, dass der arme Hund ihr noch niemals etwas getan habe und das es gemein und böse war ihn einzusperren und zu schlagen. „Herr Pleitgen kam dazu. „Was weißt du denn schon“, schalt er. „Das ist ein gefährliches Tier, ein ausgebildeter Wachhund, der kann dir den Arm durchbeißen wenn er will.“ Gitte stampfte mit ihrem kleinen Füßchen auf. „Ajax ist nicht gefährlich“, nahm sie ihren Freund in Schutz, gucken sie nur in seine Augen.“ Herr Pleitgen gab aber nichts auf die Meinung kleiner Mädchen, er ging zu Gittes Papa und verlangte, dass dieser dafür sorgte, dass seine Tochter nicht mehr an den Zwinger ging. „Lieber Papa, bitte, bitte kauf ihn doch“, bat klein Gitte unter heißen Tränen, doch so gerne er es gewollt hätte, in der winzig kleinen Wohnung hätte man keinen Schäferhund halten können, das musste sogar Gitte trotz allen Kummers einsehen. Eines Tages, als Gitte heimkam, war der Zwinger leer, man hatte Ajax eingeschläfert, weil er angeblich bösartig war. Gitte weinte sehr um ihren Freund und sie setzte sich ein Lebensmotto, eines Tages würde sie sich einen Schäferhund holen und den würde sie mit sehr viel Liebe erziehen, in Gedenken an den armen unglücklichen Ajax.

Als Ajax aufwachte, stand er auf der Regenbogenbrücke die in ein herrliches Land führte, den Hundehimmel. Er machte gewohnheitsmäßig erst einmal ein grimmiges Gesicht, seines Auftrages als Wachhund eingedenk, aber hier war nichts zu beschützen, oder zu verteidigen. So hatte er sich zu den anderen Hunden auf die herrliche Wiese begeben und tobte, spielte und schmuste mit ihnen. Das Schmusen hatte er freilich erst lernen müssen und als das erste Mal sich eine Hündin an ihn schmiegte stand er stocksteif, eine vage Erinnerung an seine Mutter kam auf und bald genoss er es. Von den anderen Hunden erfuhr er, was es mit dem Hundehimmel auf sich hatte. Zuerst gab es nur Wotan, ein riesiger schwarzer Wolf, der allerdings nun mit den Jahren schneeweiß geworden war. Eines Tages war zu Wotan ein Menschlein gekommen, Adam hatte er geheißen und er fragte an, ob der Gott der Hunde nicht auch wie der Gott der Menschen Geschöpfe schaffen konnte, er hätte so gerne einen Gefährten für die Jagd, denn seine Frau die Eva fürchtete sich und begleitete ihn nie. Wotan hatte dann aus Erde einen Hund geschaffen und ihm genau wie der Menschengott Leben eingehaucht. Eine Gefährtin hatte er auch gemacht und so kam der Mensch zum Hund. Wotan regierte nun schon so lange das Land hinter der Regenbogenbrücke. Nun waren seit Ajax Tod fünfzig Jahre vergangen und er sollte das erste Mal Wotan sehen. Ein wenig bange war ihm schon, als er in dem großen Saal vor dem goldenen Vlies stand und in die weisen Augen Wotans blickte.


„Nun Ajax, du bist nun fünfzig Jahre hier und kannst heute entscheiden, ob du ein neues Leben haben möchtest“, so sprach der Herrscher. Ajax blickte erschrocken. Er klemmte seine Rute zwischen die Hinterbeine und Angst ließ sein Herz zittern. „Zurück“, jaulte er auf. Wotan zog die Lefzen zurück und lächelte. „Weißt du, ich habe von dem Menschengott gelernt, er hält das auch so, du kannst heute durch das Himmels Fernrohr auf die Erde schauen und danach kannst du entscheiden ob du ein neues Leben möchtest. Immer noch ängstlich folgte Ajax seinem Herrn. Der führte ihn und hieß ihn dann hinunter auf die Erde schauen. „Wen möchtest du sehen“, wollte er wissen? „Herrn Pleitgen“, leise ganz leise hatte Ajax den Namen geflüstert. „Der lebt lange nicht mehr, seine Frau auch nicht, sie werden bezahlt haben für das was sie dir angetan haben. „Herrn Wientjes, oder die kleine Gitte“, fragte Ajax weiter. „Das ist eine gute Idee, der Herr Wientjes ist auch bei seinen Ahnen, aber die kleine Gitte, ja die gibt es noch, Schau nur.“ Ajax schaute und seine Augen wurden immer größer. Seine kleine Freundin war nun erwachsen und wer schritt an ihrer Seite? Ein Schäferhund, ein großer schöner Schäferhund. Ajax konnte gar nicht genug schauen. Er beobachtete ohne Unterlass und Wotan ließ ihn. Als der Abend kam, zitterte sein Herz, nun würde der Hund auch in einen grässlichen Zwinger kommen. Aber wie staunte er, als sich Wölfchen, so heißt das stolze Tier auf einer flauschigen Decke vor dem Bett seiner Herrin zur Ruhe begab. Er wurde gestreichelt und dann schliefen die beiden wie Kameraden ein. Ajax weinte als er das sah. So ein Leben hätte er auch gerne gehabt. Er beschloss mit Wotan darüber zu reden. Beide wählten einen Hund, der in der Nähe von Gitte und Wölfchen lebte.


Eine Weile danach fragte mich meine Freundin Marlies, ob ich ihr nicht helfen könne, sie liebte meinen Wolf sehr und hatte sich nun entschlossen sich auch einen Schäferhund zuzulegen. Zufällig hatte ich gerade gehört, dass die Schäferhündin vom Bäcker im Nachbarort trächtig war. „Bitte komm mit“, bat mich Marlies und gerne erfüllte ich ihr diesen Wunsch. Wie staunte ich allerdings, als ich die Welpen sah. „Ajax“, entfuhr es mir. Neugierig wollte Marlies wissen, wie ich auf diesen Namen kam und ich erzählte ihr die Geschichte des Hundes, der diesem hier auf das Haar glich. „So wird er heißen“, entschied sie dann und ich freute mich sehr darüber. Bleibt nur noch zu erwähnen, dass der neue Ajax seinem Frauchen nur Freude bereitet und auch Wölfchens allerbester Freund ist. Wenn sie zusammen über die Felder toben geht mir das Herz auf.
© By Gitte
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14 Kommentare
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Herbert Lödorf aus Gelsenkirchen | 03.02.2017 | 07:21  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 03.02.2017 | 08:10  
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 03.02.2017 | 09:34  
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Luzie Schröter aus Fröndenberg/Ruhr | 03.02.2017 | 11:38  
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Manuela Burbach-Lips aus Dortmund-City | 03.02.2017 | 16:15  
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Gitte Hedderich aus Herten | 03.02.2017 | 17:23  
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Renate Smirnow-Klaskala aus Essen-Nord | 03.02.2017 | 18:21  
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Gitte Hedderich aus Herten | 04.02.2017 | 06:14  
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Melanie Busche aus Menden (Sauerland) | 05.02.2017 | 18:31  
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Gitte Hedderich aus Herten | 06.02.2017 | 06:26  
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Melanie Busche aus Menden (Sauerland) | 07.02.2017 | 06:17  
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Gitte Hedderich aus Herten | 07.02.2017 | 07:25  
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Eckhard Schlaup aus Gladbeck | 07.02.2017 | 15:11  
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Gitte Hedderich aus Herten | 07.02.2017 | 16:29  
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