Auf Abwegen

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Auf Abwegen!
Trotz des schaurigen Nieselregen machte Horst pfeifend seine Runde. Erst kurze Zeit war er Wachmann. Gelernt hatte er den Beruf des Anstreichers, aber er hatte es satt Anderen die Wohnung zu renovieren und außer einem miesen Lohn ständig im Schmutz zu Arbeiten, mit Staub in den Haaren, wenn er Wände abschliff, mit Kleister an den Händen beim Tapezieren, mit Farbe an Körper und Sachen beim Streichen. Entweder er roch danach, oder nach Terpentin. Allein wie ausgelaucht die Haut seiner Hände aussah und dann noch die ständige Nerverei der Familie, als wenn er keine anderen Hobbys hätte als allen in seiner ohnehin knapp bemessenen Freizeit für einen Hungerlohn die Wohnungen zu renovieren. Kurz entschlossen hatte er sich bei einer Objekt- und Personenschutz Firma beworben. Nun lief er mit seiner schicken Uniform am frühen Abend durch das kleine Dörfchen und war trotz des schlechten Wetters mit sich und der Welt zufrieden. Wenn man ihn nun fragte, ob er am Wochenende schnell mal Tante Gerdas Wohnung tapezieren könne, konnte er sagen er dürfe das nicht, Schwarzarbeit sei nicht gestattet und dass er seinen Job riskierte, das konnte nun wirklich niemand von ihm verlangen.

Letzte Woche hatte er angefangen und schon am nächsten Tag lernte er Inga kennen. Auf seiner Route lag eine Spielhalle die er kontrollieren musste und dort arbeitete sie hinter der Theke. Ein angetrunkener Rocker stritt mit ihr, weil sie ihm kein Bier mehr geben wollte und Horst brachte das Bürschchen zur Raison. Endlich war er wer, eine Respektsperson, wie bewundernd sie ihn angesehen hatte. Das tat dem Ego so gut. Zu Hause respektierte man ihn auch, sogar so sehr, das die Gespräche mit der Zeit verstummt waren. Irmi seine Frau war immer still gewesen, sie hatte meist widerspruchslos getan was er verlangte und seine beiden Söhne hatten auch früh gemerkt, das es besser war seinen Anordnungen zu folgen. Alles lief zwar nun nach seinen Vorstellungen, aber das war auch langweilig. Totale Routine, kam er Heim standen seine Pantoffel parat, schweigend servierte Irmi die von ihm bestellte Mahlzeit und auch seine Zeitung lag neben dem Teller. Die Kinder verzogen sich in ihr Zimmer weil er seine Ruhe brauchte, kurz er hatte alles im Griff. Danach schaltete er den Fernseher ein. Was gab es schon zu reden? Einmal bat Irmi vorsichtig um ein Gespräch, sie wollte Arbeiten gehen, so etwas Undankbares, sollte sie doch froh sein das sie daheim so ein Leben führen konnte, wie sähe das denn aus, so als verdiene er nicht genug. Dann dieser Bettelblick mit dem sie ihn ansah. Nachher stand nicht mal das Essen mehr pünktlich am Feierabend auf dem Tisch, ein Knopf war nicht angenäht, oder gar ein Hemd nicht sorgfältig gebügelt, nicht mit ihm das hatte er nachdrücklich klar gemacht, er hatte sie schließlich geheiratet um versorgt zu sein. Liebe pah was war denn das?

Und nun war da Inga, sie war sehr attraktiv, wie man es von einer Angestellten in einer Spielhölle erwartet. Zu schade, dass er keine Schusswaffe tragen durfte, aber auch ein Elektroschocker beeindruckte Inga wie es schien. Trotz seiner Angst baute er sich vor dem Störenfried auf und sagte lässig: „Verzieh dich.“ Gott sei Dank war der zu Betrunken um seine Chancen reell einzuschätzen, denn Horst war von eher schmächtiger Statur. Nachdem der Kerl sich verzogen hatte bot Inga Horst einen Drink an, zum Dank wie sie meinte. Dabei schaute sie ihm tief in die Augen, so tief, das Horst sich traute sie zu fragen, ob sie sich einmal treffen könnten und nun war es soweit. Auch Inga war verheiratet und so hatten sie sich in einem der leer stehenden Häusern verabredet, die die Stadt für Ausländer bereitgestellt hatte, die nun aber wieder daheim waren und die Häuser musste Horst nun kontrollieren.

Die Straßen waren bei diesem Wetter Menschenleer, was ihm nur Recht sein konnte und außerdem erhöhte es den Nervenkitzel der Situation. Trotzdem blickte Horst sich um und erst als er niemanden bemerkte holte er den Schlüssel aus seiner Uniform Jacke. Aufatmend betrat er das kleine Haus und schaute sich darin um. Na prima, da stand noch ein einsames verlassenes Sofa, genau das Richtige für ein Schäferstündchen. Dafür hatte die Stadt Geld, er hätte auch gerne ein Haus besessen, aber dafür hatte es nie gereicht. Nervös brannte er sich eine Zigarette an. Wegen des schlechten Wetters herrschte diffuses Dämmerlicht, aber besser er schaltete kein Licht ein, sonst wurde noch jemand aufmerksam, das in dem leeren Haus jemand war. Wo nur Inga blieb? Da klopfte es leise. „Horst“, hörte er ihre leise Stimme fragen und öffnete aufatmend die Türe. Fast hatte er es nicht geglaubt, dass sie kommen würde. „Da bist du ja“, seufzte er erleichtert und schloss sie in ihre Arme. Er war viel zu aufgeregt zu bemerken, dass sie im Gegensatz zu ihm merkwürdig cool blieb. „Ich hab uns etwas mitgebracht“, sagte sie und holte aus ihrer Umhängetasche eine Flasche Sekt. Eigentlich war er kein Freund von diesem Kribbelwasser, aber sicher machte es sie ein wenig locker. Immerhin war es Alkohol, wenn auch mit wenig Prozenten. Er öffnete die Flasche und in Ermanglung von Gläsern tranken sie Beide gleich daraus. Dann wollte er Inga in den Arm nehmen, doch sie sträubte sich. „Warte, lass mich erst ins Bad, mich ein wenig erfrischen“, bat sie ihn. Er lachte. Weiber sie waren doch alle gleich. Genießerisch betrachtete er ihre einladende Rückfront und befeuchtet voller Vorfreude genießerisch seine Lippen mit der Zunge. „Schau dir das mal an“, bat Inga als sie zurückkam, „ganz tolle Fliesen und Armaturen haben die gehabt und das für eine so kurze Zeit. Bald werden die Häuser abgerissen.“ Neugierig ging Horst ins Bad. Darauf hatte Inga nur gewartet. In Windeseile zog sie ein kleines braunes Fläschchen aus ihrer Handtasche und kippte den Inhalt in die Sektflasche. Gerade noch rechtzeitig konnte sie es verschwinden lassen, da kam Horst zurück mit einem Sieger lächeln auf den Lippen. „Prost“ sagte Inga und hielt ihm die Flasche entgegen. „Trink mein Schatz.“ „Stimmt, ich bin auf einmal furchtbar durstig“, bestätigte Horst und trank in großen Schlücken. Dann reichte er ihr die Flasche zurück. „Hast du keinen Durst“, wollte er wissen? „Zuerst hätte ich gerne einige Streicheleinheiten“, antwortete Inga und zog ihn neben sich auf das Sofa. Horst folgte nur zu gerne und ließ sich niedersinken. Aber was war das, ihm wurde so schummrig zu Mute, irgendwie war sein Blick vernebelt, doch nicht von dem winzigen Schlückchen Sekt. Während er noch erstaunt darüber nachdachte was da mit ihm geschah, versank er in einen tiefen Schlaf. Inga lachte.

„Hast du wirklich geglaubt, ich fahre auf so einen eingebildeten Möchtegern Angeber ab, der eine Ablenkung aus seinem langweiligen Alltag sucht“, wollte sie wissen und tätschelte seine Wange. Dann lief sie summend zur Türe. Hätte Horst sehen können, wer da hereinkam, es hätte ihm die Kinnlade hinunter fallen lassen. Da stand nämlich der Rocker den er in der Spielstätte hinausgewiesen hatte und grinste. Der nahm nun Inga in den Arm und küsste sie. „Na ist der Heini hinüber“, wollte er wissen? Inga grinste zurück. „Alles nach Plan gelaufen Süßer“, berichtete sie. „Nun haben wir endlich einen Dummen, den wir der Polizei präsentieren“, lachte Ronny „und wir zwei Süßen machen von dem Geld das wir für die Ware bekommen einen langen Urlaub in der Sonne. Mit der falschen Fährte haben wir die Bullen eine Weile beschäftigt.“ Dann holte er einen kleinen Plastikbeutel aus der Tasche seiner Lederjacke und riss ihn auf. Das feine weiße Pulver das er enthielt verteilte er über Horst und auf dem Boden vor ihm. Dann lachte er gehässig. „Schade dass ich nicht dabei bin, wenn er versucht die Situation zu erklären.“ Er nahm sein Handy und rief die Polizei. „Komm Liebling“, sagte er Inga hinter sich her ziehend, „machen wir dass wir wegkommen.“

Ronnys Gelächter und das Klappen der Türe ließ Horst stöhnend erwachen. Immer noch wallte Nebel vor seinen Augen, aber der lichtete sich schnell. Horst sah sich um, wo war Inga, was war das für ein Staub auf ihm? Er war zwar noch benommen, aber dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte sagte ihm sein Gefühl, sein Magen fühlte sich an wie ein Klumpen Blei und seine Beine schienen aus Gummi zu bestehen. Man hat mich reingelegt sagte ihm sein Instinkt. Nicht wie weg hier. Das Fenster des Zimmers in dem er sich aufhielt ging nach hinten hinaus. Dort standen noch zwei Reihen mit je zwei Häusern und dahinter befand sich ein winzig kleiner Grüngürtel, daran grenzte ein Abhang der zum Mühlbach führte. Instinktiv kletterte Horst aus dem Fenster, er ließ sich den Abhang hinunter gleiten und sprang in den Bach, was immer das für ein Zeug war, wenn es das war für das er es hielt, musste er es loswerden und das klappte am besten hier im Wasser. Er hörte wie sich ein Auto näherte und ganz in der Nähe anhielt. Horst kletterte nun ziemlich verdreckt aus dem Bach und den Abhang wieder hoch. Dann schlug er seinen Kopf an einen Baum. So zugerichtet lief er zum Haus zurück, wo er wie erwartet auf zwei Beamte der Polizei traf. „Man hat scheinbar hier eingebrochen, mich bei meinem Rundgang niedergeschlagen und dann in den Bach geworfen“, berichtete er. „Ich erinnere mich nur noch daran, dass ich verdächtige Geräusche gehört habe, als ich dann aufgeschlossen habe schlug man mich bewusstlos.“ Ein Arzt wurde verständigt, der Horst Blessuren verarztete, dann fuhr man ihn heim zu seiner Frau. Irmi erschrak mächtig, als sie Horst mit verbundenem Kopf sah und er ließ sich nur zu gerne von ihr bedauern und von seinen Söhnen als Held feiern.

Währenddessen war Ronny mir Inga hinter sich auf seiner Maschine zum Bahnhof der nächsten Stadt gebraust. Als er jedoch die Tasche mit dem Rauschgift aus dem Schließfach holte klickten nachdem er sich aufgerichtet hatte die Handschellen um seine Gelenke. „Was soll das“, fauchte er Inga an. Die grinste und zog ihren Polizei Ausweis aus der Tasche und hielt ihn ihm unter seine Nase. „Oh nein“, stöhnte er. „Du hast mich gelinkt.“ „Ganz Recht mein Lieber, der Käufer den du angeheuert hattest hat gesungen wie ein Vögelchen als wir ihn festnahmen.“

Ronny erhielt seine wohlverdiente Strafe und Horst? Inga besuchte ihn zu Hause. „Ihr Mann hat geholfen einen Drogendealer zu fassen“, berichtete sie der erstaunten Irmi. Horst warf sich in die Brust, als Inga ihm aber dann einen amüsierten Blick zuwarf schämte er sich wohl doch ein wenig, was ihn nicht davon abhielt sich später von seiner Familie feiern zu lassen. Charakter ist eben Glückssache.
© By Gitte
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6 Kommentare
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 01.09.2017 | 07:10  
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Herbert Lödorf aus Gelsenkirchen | 01.09.2017 | 08:39  
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Gitte Hedderich aus Herten | 01.09.2017 | 16:21  
3.400
Renate Smirnow-Klaskala aus Essen-Nord | 02.09.2017 | 14:10  
6.655
Gitte Hedderich aus Herten | 03.09.2017 | 07:57  
3.400
Renate Smirnow-Klaskala aus Essen-Nord | 03.09.2017 | 09:55  
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