Besuch

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Besuch!
Auf dem Friedhof habe ich ihn entdeckt, diesen seltsamen Strauch. Wenn du ihn auch bemerkst, bitte fasse ihn nicht an, ich will versuchen ihn zu beschreiben. Er ist mit drei verschiedenen Blüten bestückt. Unten sind sie grün und wirken wie eingekerbte Erbsen. In der Mitte satt rot und die oberen sehen aus wie Brombeeren. Neugierig betrachtete ich ihn und es war, als zöge es mich zu ihm hin. Vorsichtig näherte sich mein Finger einer dieser prallen Beeren und als ich sie berührte brach sie auf. Nach einer Schrecksekunde riss ich meine Hand zurück, aber es war schon zu spät. Etwas war herausgeschlüpft und huschte meinen Arm hinauf. Es sah aus, wie eine Raupe, war aber erheblich flinker. Der Ekel schüttelte mich und ich versuchte das haarige Ding abzuschütteln, ich schlug nach ihm und tanzte wie verrückt herum, doch so sehr ich mich auch bemühte, ich fand es nicht mehr, es war fort. Sicher ist es zu Boden gefallen und dann in die Wiese gekrochen, versuchte ich mich zu beruhigen, doch ein Unbehagen blieb. Immer noch meine Kleidung absuchend setzte ich meinen Weg fort. Zu Hause zog ich meine Sachen aus und stieg in die Badewanne, danach war ich beruhigt, ich hatte nichts entdecken können, keine Rötung und keinen Insektenbiss an meinem Körper.

Seltsames ereignete sich in der Nacht. Als ich schlief und mein Körper eine Weile unbeweglich verharrte erwachte Etwas in mir. Dieses Ding, das mich befallen hatte war durch meinen Gehörgang gekrochen und hatte sich im Innenohr festgesetzt, dort wartete es ab, bis mein Körper sich eine Weile im Ruhezustand befand. Es war ein Mehrzeller, der sich nun teilte. Ein Teil wanderte in mein Gehirn, der zweite huschte zum Ohr hinaus und wurde von einem anderen menschlichen Organismus angezogen, dem meines Mannes, der neben mir lag. Etwas hatte von uns Besitz ergriffen und da wir Beide befallen waren, kam es uns auch nicht seltsam vor, denn wir reagierten gleich.

Nur geringfügig änderte sich unser Leben, plötzlich konnten wir unterscheiden zwischen Gut und Böse, es war als hätten die Leute ein Schild umhängen, wir sahen ihre Aura, bei den Bösen leuchtete sie flammend Rot, bei den Guten Lichtblau. Gleichzeitig überlegten wir, wie wir die Bösen „Entsorgen“ könnten, sie mussten weg das wussten wir genau. Auffallen durften wir aber nicht, wir waren plötzlich so etwas wie eine Art Geheimpolizei. Am Abend saßen wir beieinander und das weiße Vorband unseres Tonbandgerätes riss, ich spielte mit dem Stück, zog es lang und wunderte mich über seine Reißfestigkeit. „Sieh nur“, teilte ich meinem Mann meine Entdeckung mit. Seine Augen begannen zu leuchten. „Damit kann man jemanden erdrosseln“, merkte er an. Ich nickte zufrieden, er hatte verstanden. Beide steckten wir wortlos ein solches Stück in unsere Hosentasche.

Der Erste war der Nachbar meiner Tante. Seit Jahren ärgerte er sie, wo er nur konnte. In ihrem Keller kam es dann zum Eklat. Wütend schimpfte er wieder einmal los und blickte dann verblüfft in mein lächelndes Gesicht. „Nun sind sie endgültig bekloppt geworden“, waren seine letzten Worte als ich immer noch lächelnd das Stück Band aus meiner Tasche zog und um seinen fetten Hals schlang. Er war viel zu verblüfft um sich zu wehren, ich zog zu und das fadendünne stabile Band schnitt sich tief ein. Dicke Wüste bildeten sich über und unter dem Strang. Er sank röchelt in die Knie. Der Zeitpunkt war günstig, denn es war Vormittag und die Frauen des Hauses waren zum Einkauf in der Stadt. Als er sich nicht mehr wehrte und ich in seine gebrochenen Augen blickte schlug ich seinen Kopf gegen die Kellerwand. Die Haut seiner Stirne platzt auf und Blut rann über sein Gesicht und die Wand. Dann legte ich eines der hier geparkten Fahrräder auf den Boden und stieß seinen Fuß hinein. Anschließend band ich eine Wäscheleine los, die ich in die Wunde an seinem Hals legte. Armer Nachbar, es sah aus, als sei er über ein Fahrrad gestolpert, mit dem Hals in der Wäscheleine gelandet und dann noch mit dem Kopf gegen die Wand geprallt. Um das Ganze glaubwürdig wirken zu lassen löschte ich das Licht, nun sah es aus als wären ihm im Dunkeln diese Missgeschicke geschehen. Mein Werk war getan, ich hatte die Welt von einem unnützen Monster befreit.

In meiner Wohnung nahm ich das dünne Band und fädelte Perlen darauf. Eine Menge weiße und eine rote. Der Tot unseres Nachbarn erregte Aufsehen, richtig traurig war allerdings niemand. Man sah es als einen tragischen Unfall an.

Es war, als habe mich ein Fieber befallen, ich überlegte wer es noch verdient hatte und nach nicht allzu langer Zeit fiel mir auch jemand ein, der mich seit einigen Jahren mit seinem Hass verfolgt und mir das Leben sauer gemacht hatte.

Mein Mann blickte mich an. „Denkst du das Gleiche wie ich“, wollte er wissen? „Markus“, antwortete ich und er nickte. Morgen fahren wir hin, beschlossen wir. Markus kam immer als der liebe, nette, gefühlsbetonte Mann rüber, dabei spielte er mit den Menschen, wie mit Schachfiguren. Wie hatte ich nur auf ihn reinfallen können? Wer hatte mich nicht alles gewarnt. Smart war er, das ließ sich nicht leugnen und Charisma hatte er auch. Meine Freundin Carla hatte mich in sein Forum eingeladen und am Anfang konnte ich ihn zwar gut leiden, aber nur als Mensch, als Mann war er mir zu unmännlich. „Er würde eine tolle Freundin abgegeben“, sagte ich zu Carla. Nach und nach bekam ich allerdings mit, dass gerade dies seine Masche war. Meine Freundin Gaby erlag seinem Charme zuerst. Es sollte nur ein kleiner Abstecher sein auf dem Weg zu ihrem Urlaubsziel, aber dann sahen wir im Forum diese Bilder. Eine lauschige Nacht am Weiher, Gaby und Markus mit glückstrahlenden Gesichtern und die traurigen ihrer Ehegatten dahinter. „Sieh nur“, bat ich Jürgen, meinen Mann. „Das gibt Ärger.“ So kam es dann auch. Gaby berichtete mir wie glücklich sie sei, sie werde sich von ihrem Mann trennen. Die Beiden trafen sich dann hin und wieder und Gaby schwebte auf Wolke sieben. Nicht lange allerdings dauerte es und Markus bekam kalte Füße. Seine Frau hatte ihm klargemacht, dass die Eigentums Wohnung ihr gehörte und da war es mit der großen Liebe vorbei. Markus schaffte es allerdings Gaby in das Licht eines liebestollen Weibes zu rücken und stand am Ende als rechtschaffen da. Das Kapitel Gaby war abgeschlossen, sie verließ das Forum und auch von mir zog sie sich enttäuscht zurück.

Am folgenden Tag fuhren wir in die Eifel, wo er wohnte. In der kommenden Nacht bezogen wir vor seinem Haus Posten. Er war Krankenpfleger und verließ das Haus gegen drei Uhr in der Nacht. Schon von weitem sahen wir den roten Schein seiner Aura leuchten, wir hatten also Recht gehabt, er war durch und durch böse. Die Perlen meiner Kette lagen im Hotelzimmer und die Schnur hielt mein Mann. Als Markus das Haus verließ, schubste ich ihn in seine Richtung und Jürgen schlang dem Verblüfften das Band um den Hals und zog zu. Das Ganze war schnell und sicher geschehen. Man hatte nur einen leichten überraschten Seufzer vernommen. Im Hotel fädelte ich die Kette wieder auf und fügte eine neue rote Perle hinzu. Dabei grinsten wir uns verständnisinnig an, danach begaben wir uns auf die Heimreise.

Am Abend schauten wir die Nachrichten im Fernsehen an und hörten, dass es überall auf der Welt zu Unglücken und Morden kam. Die Polizei kam mit ihrer Berichterstattung nicht mehr nach und stellte Listen mit den Namen der Verblichenen ins Netz, wo sich jeder informieren konnte.

Nur noch ein Verhasster stand auf unserer Liste, unser Onkel. Er hatte unserer jüngsten Cousine den Kopf verdreht, er log, erpresste und betrog wo er nur konnte. Mit fünfzehn Jahren hatte Angie ihn kennen gelernt und war gleich fasziniert von ihm. Wir allerdings durchschauten ihn rasch, aber egal was wir sagten, sie hielt zu ihm und zuallerletzt heiratete sie ihn sogar. Wir begannen die Beiden zu beobachten. Wie schon erwartet leuchtete seine Aura in einem satten Dunkelrot, die unserer Cousine in einem giftigen Gelb, sein Einfluss begann zu wirken. Fast wären wir verzweifelt, so oft wir auch Stellung in der Nähe ihrer Wohnung bezogen, immer war sie dabei. Dann kam mir ein Gedanke, ich rief ihn an und bot ihm Geld, allerdings ohne das Angie etwas davon erfuhr. In Gedanken sah ich sein schmieriges Grinsen vor mit, er fühlte sich als Sieger, denn diesen Vorschlag hatte er mir vor Jahren gemacht und nun ging ich zum Schein darauf ein. „Erst das Geld“, forderte er. „Okay, wir treffen uns heute Abend im Dunkeln auf dem Spielplatz nahe eurer Wohnung“, bot ich an und er sagte zu.

Diesen Job erledigten wir Beide. Jürgen hatte sich im Gebüsch versteckt und siegessicher kam der Kerl auf mich zu. Als er neben mir Platz genommen hatte und auch noch seinen Arm jovial um meine Schulter legen wollte, schlang Jürgen ihm das Band um seinen Hals. Er zog zu und gab mir ein Ende. Es war ein Genuss nun lächelnd in sein verblüfftes und dann von Panik gezeichnetes Gesicht zu blicken. Er zappelte und wehrte sich, aber er hatte keine Chance, unser Hass verlieh uns Bärenkräfte. Meine Kette bekam eine weitere rote Perle.

Als das erledigt war kam eine unbeschreibliche Ruhe über uns, wir hatten unsere Aufgabe erfüllt und unseren Bekanntenkreis gereinigt. Eines Nachts erwachte ich dann von einem seltsamen Gefühl, etwas kitzelte mich. Eine leuchtende Substanz kroch über das Bett in Richtung Fenster. Moment Mal, nicht eine, nein zwei Punkte bewegten sich wie große Glühwürmchen. Von draußen drang auch Licht durch die Spalten der Rollladen. Leise schüttelte ich Jürgen wach und gemeinsam sahen wir hinaus. Ein ganzes Meer von kleinen leuchtenden Punkten wanderte über die Straße Richtung Marktplatz. Blitzschnell zogen wir uns etwas über und folgten ihnen. Schon bald konnten wir das Ziel erkennen. Vor dem Rathaus parkte ein Raumschiff dessen Türen geöffnet waren und in das die Wanderer nun einflossen wie ein leuchtender Teppich. Ein kleiner Mann aus Metall wartete geduldig ab bis alle darin verschwunden waren. Hatte ich Angst gehabt, wollte ich mir nun die Gelegenheit nicht entgehen lassen zu erfahren was hier vor sich ging. „He du, sie“, schrie ich und rannte zu ihm hin, als er gerade die Türe des Raumschiffes schließen wollte. „Was willst du“, antwortete eine Metallisch klingende Stimme. „Was habt ihr hier gemacht“, wollte ich wissen? „Die Welt gesäubert“, antwortete er. „Der Herr versprach euch keine Sintflut mehr zu schicken, von Außerirdischen hat er nichts gesagt.“ Obwohl es nicht sein konnte, hatte ich das Gefühl er lächelte dabei. Dann hob er winkend seine Hand und schloss die Türe. Lange standen wir da und blickten in den Himmel.
©By Gitte
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4 Kommentare
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 08.09.2017 | 08:52  
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 08.09.2017 | 12:04  
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Herbert Lödorf aus Gelsenkirchen | 08.09.2017 | 14:20  
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Gitte Hedderich aus Herten | 08.09.2017 | 16:45  
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