Das Geheimnis des Waldes

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Das Geheimnis des Waldes!
Es war ein wundervoller Tag. Geli und ich hatten ihn bisher in vollen Zügen genossen. Früh am Morgen waren wir losgefahren, in meine Heimatstadt Essen-Werden. Wir hatten uns vorgenommen auf den Spuren der Vergangenheit zu wandeln und machten für mein Forum eine Fotostory. Als letzte Station dieses Tages hatten wir uns den alten Juden Friedhof vorgenommen. Nach dem Essen nahmen wir den Aufstieg zum Pastoratsberg in Angriff. Immer wieder regnete es, aber wir ließen uns die Laune nicht verderben. Es war spannend nach so langer Zeit wieder einmal hier zu sein und forsch schritten wir aus. Der Regen ließ nach und die Sonne schien wieder, also zogen wir die Regenjacken wieder aus. Als erstes kamen wir an einem kleinen Häuschen vorbei und ich erkannte entzückt das kleine Garten Restaurant, indem Großvater und ich immer eine Rast eingelegt hatten. Der Anstrich war abgeblättert und die Fassade völlig verschossen. Na da hatte ich die Jahre eindeutig besser überstanden. Steil ging es bergauf und ich hoffte wie vor einigen Jahren an dem Friedhof vorbei zu kommen. Immer wieder verschnauften wir und dann standen wir plötzlich vor der Jugend Herberge. „So ein Mist, wir müssen irgendwo verkehrt abgebogen sein“, schimpfte ich. „Ist doch nicht so schlimm“, tröstete mich Geli, „wir fragen nach, sie kennen sich doch sicher hier aus.“ „Gute Idee“, lobte ich sie und wir rannten zur Rezeption, denn es begann schon wieder zu regnen. Der Angestellte konnte uns nicht helfen und schickte uns zu einem Restaurant, das in der Nähe lag. „Das verstehe ich nicht, der Friedhof muss doch ganz in der Nähe sein“, moserte ich. „Macht doch nichts“, meinte Geli, „der Tag war wunderschön und mit dem Wetter hatten wir auch Glück, siehst du es ist schon wieder trocken“ und zum xten Male schälten wir uns aus unseren Regenjacken. „Du hast mal wieder völlig Recht“, meinte ich getröstet, „wir lassen uns die Laune nicht verderben, schauen wir mal, entweder finden wir ihn, oder eben nicht.“ Lachend und scherzend marschierten wir drauf los. Schon wieder eine Abzweigung, vor Jahren ging es einfach immer den Weg entlang.

Plötzlich blieb ich stehen und zeigte schräg nach unten. „Schau mal“, rief ich begeistert. „Da schimmert ein Grabmal durch die Bäume.“ „Au ja, komm wir rutschen den Abhang hinunter“, schlug Geli vor. „Auf gar keinen Fall“, lehnte ich ab. „Nicht mal die Leute in der Jugend Herberge wussten wo dieser Friedhof ist, wir haben zwar Handys, aber stell dir vor uns passiert etwas, was sagen wir dann? Sie finden uns im Wald, bei dem alten Friedhof?“ „Wie kommen wir dann dahin“, wollte Geli ratlos wissen? „Es gibt sicher irgendwo eine Abzweigung, komm wir suchen mal“, forderte ich sie auf. Suchend wie Jagdhunde liefen wir im großen Bogen um den Grabstein herum und kamen ihm immer näher. Bald schälten sich auch die Konturen anderer Steine heraus und dann standen wir vor einem hölzernen Schlagbaum. Wir umrundeten ihn und endlich waren wir auf dem richtigen Weg, der zum Friedhof führte. Als ich das erste Mal hier war, vor über zehn Jahren umgab ein Maschendrahtzaun das Gelände. Damals bin ich durch ein Loch hinein gekrochen und habe Fotos gemacht, die leider nichts geworden sind, denn ich verfügte noch nicht über eine Digital Kamera und hier im Wald war es einfach zu dunkel. Heute war der Zaun nieder gerissen und wir konnten ohne Schwierigkeiten den Friedhof betreten.

Staunend und ehrfürchtig standen wir still vor den alten Gräbern und studierten die Aufschriften. Die Jahrgänge lagen zwischen 1933 und 1945, Kriegsgräber also, welche Schicksale mochten hier begraben sein? Die morbide Ausstrahlung bedrückte uns ein wenig. Manche Steine waren umgestürzt und zerbrochen, die Einfriedungen ebenso. An manche musste man nahe herantreten, denn sie waren kaum noch zu lesen und Moos bewachsen. Wind, Regen und Sonne hatte sie ausgeblichen und verwittern lassen. Wieder begann es leise zu regnen und wir zogen unsere Regenjacken wieder an. Etwas unheimlich war mir, als ich die Kapuze auf dem Kopf hatte und so nicht mehr aus den Augenwinkeln beobachten konnte, ob sich eventuell jemand von hinten nähert. Trotzdem ließ uns dieser Ort nicht los. Schaudernd, aber dennoch fasziniert wanderten wir von Grab zu Grab und lasen, betrachteten die kunstvoll gemeißelten Steine, von denen manche mehr als mannshoch waren. „Schau dir das hier mal an“, forderte Geli mich auf und strich über ein kunstvoll geschmiedetes Gitter, mit dem eines der Gräber eingefasst war, ich trat hinzu und fasste es auch an, da neigte sich das gesamte Gestänge und fiel auf uns herab. Wir schrien auf und sprangen erschrocken zurück, doch zu spät, eine Spitze des Gitters hatte sich in mein Bein gebohrt. „Au verdammter Mist“ fluchte ich und versuchte vorsichtig nach hinten zu rutschen. Es schmerzte sehr, aber ich biss die Zähne zusammen. Als die Spitze heraus glitt, blutete die Wunde. Geli hatte ein Halstuch dabei und damit verbanden wir sie. „Kannst du aufstehen“, wollte sie wissen?

Gleich darauf entfuhr ihr ein erstauntes „Guck mal:“ Aufgeregt bückte sie sich und hielt plötzlich etwas Glänzendes in der Hand. Erstaunt starrte ich auf einen Ring mit einem herrlichen, funkelnden Smaragd. „Wo hast du den denn her“, fragte ich begriffsstutzig? „Na er lag hier.“ Sie deutete auf die Stelle, an der das Gitter aus dem Boden gebrochen war, ich vergaß meinen Schmerz und kroch näher. Ein wenig grub ich mit der Hand in der Erde herum, dann zog ich einen Fetzen hervor, der vermutlich einmal ein kleines Leinen Säckchen gewesen sein musste, das sich nun zersetzt hatte, oder von den Mäusen zerfressen worden war. Aufgeregt grub ich weiter und förderte ein Schmuckstück nach dem anderen zu Tage. Offenbar hatte hier jemand diesen Schmuck versteckt und vergraben. Staunend und fassungslos betrachten Geli und ich Stück für Stück. Es gab herrliche Ketten und Armbänder und hier in dieser grauen trostlosen Umgebung funkelte es gleich doppelt. Fassungslos sahen wir uns an. Plötzlich brach Geli in Jubel aus. Sie umarmte mich und schrie: „Wir sind reich, wir sind unermesslich reich.“ Sie lachte und schüttelte mich. „Sag doch was, bitte sag endlich was.“ Wie aus einem Traum fuhr ich hoch. „Aber nur, wenn wir es geschickt anstellen, sonst wird das Zeug konfisziert und seinem Eigentümer übergeben. Komm, wir teilen es auf und stecken es ein und dann erst einmal weg von hier.“ Ängstlich blickte ich mich um, aber da war niemand, der uns beobachtet hatte. Hektisch teilte ich den Schmuck, eins du, eins ich. „Lass doch mal gucken“ bat Geli, doch ich fuhr sie an: „Jetzt nicht, erst einmal nach Hause, da können wir ihn in aller Ruhe ansehen, wenn uns niemand stört. Wir stopften alles in unsere Rücksäcke und auf Geli gestützt versuchte ich auf die Beine zu kommen. Die Wunde schmerzte entsetzlich. Endlich klappte es und ich humpelte zum Ausgang. Einen ganz kleinen Moment hatte ich nicht aufgepasst und da passierte es, ich war zu nahe an den Abhang gekommen und glitt auf den nassen Blättern aus. Reflexartig fasste ich nach Geli und versuchte mich festzuklammern. Das brachte sie aus dem Gleichgewicht und wir stürzten den Hang hinunter.

Er war steil und nass und wir streiften im Fallen einige Steine, was mörderisch schmerzte. Endlich blieben wir an Ende des Hanges liegen. Geli stöhnte. „Was ist“, fragte ich entsetzt, „was hast du?“ „Mein Bein, es tut so weh“, heulte sie los. Langsam raffte ich meine Schmerzenden Knochen zusammen und tastete nach ihrem Bein. Plötzlich schrie sie gellend auf. Ach du grüne Neune, das schien was Ernstes zu sein. „Kannst du dich aufrichten“, wollte ich wissen, aber ich ahnte die Antwort schon, ich brauchte nur in ihr schmerzverzerrtes, totenbleiches Gesicht zu sehen. „Okay, ich telefoniere jetzt und bestelle uns Hilfe“, entschied ich. „Aber du hast doch gesagt………“, begann sie. „Papperlapapp, wir sind doch nicht am Ende der Welt, sie finden uns schon“, schnitt ich ihr das Wort ab und tastete in der Tasche nach meinem Handy. Was war denn das, wo war es nur? Entsetzt begriff ich, dass es mir beim Sturz aus der Tasche geglitten sein musste. „Was ist“, stieß Geli stöhnend hervor. Ratlos blickte ich sie an. „Verloren“, erwiderte ich. „Bitte gib mir deines.“ Erleichtert war mir eingefallen das auch sie eins besaß. „In meiner Tasche“, presste sie hervor und gleich darauf hielt ich es in meinen Händen. Entsetzt starrte ich auf das Display. „Was“, fragte Geli. Kein Netz stand da und wortlos hielt ich es vor ihr Gesicht. Dann sank ich neben sie und wir zermarterten beide unser Hirn um eine Lösung zu finden. Die Zeit verging und ich hörte Gelis Magen knurren, aber auch der meinige meldete sich plötzlich schmerzhaft. Zudem fing meine Wunde an zu pochen und schmerzte ebenfalls höllisch. Als ich mich aufrichtete entdeckte ich dass das Bein geschwollen war und geriet in Panik. Verzweifelt begannen wir um Hilfe zu schreien, doch niemand hörte uns in dieser Einsamkeit, ich rutsche ein Stückchen und dort stand ein Brombeerstrauch, leider war es erst Anfang Juli und ich fand nur sechs reife Früchte, die pflückte ich und teilte sie mit Geli. Erschöpft und frierend klammerten wir uns aneinander und dämmerten trotz der Schmerzen ein wenig ein.

Als ich erwachte dachte ich ich stünde in Flammen, so heiß war mir. Was hatte mich geweckt? Da hörte ich es wieder ein Hund bellte. „Geli“, schrie ich „wach auf, da kommt ein Hund und ich brüllte aus Leibeskräften um Hilfe. Da sauste auch schon ein kleiner zotteliger Dackel heran, gefolgt von einem schimpfenden Frauchen. Als sie aber dann uns beiden Jammergestalten in der Tiefe erblickte, lobte sie den kleinen Kerl und rief mit ihrem Handy einen Krankenwagen herbei. Es dauerte noch eine Weile, aber die Aussicht auf baldige Rettung verlieh unseren Lebensgeistern neue Kraft. Als die Sanitäter eingetroffen waren, wurden wir notdürftig versorgt und dann schaffte man uns ins Krankenhaus. Nur nicht ohnmächtig werden hämmerte ich mir ein, wenn man in unseren Rucksäcken nach unseren Papieren suchte würde man den Schmuck finden und dann war er verloren. Geli hatte mittlerweile das Bewusstsein verloren. Im Krankenhaus zerschnitt man das Bein meiner Hose und versorgte die Wunde nun richtig, es sah schlimm aus, ich hatte Fieber und bekam eine Antibiotika Infusion. Geli wurde ebenfalls behandelt, sie hatte einen Trümmerbruch erlitten und die Ohnmacht hatte ihr die schlimmsten Schmerzen erspart. Als wir dann sauber in unseren Betten lagen nahm eine Schwester unsere Personalien auf und man rief meine Mann und Gelis Eltern an. Unser Aufenthalt dauerte eine Weile und wir vergingen fast vor Ungeduld, doch wir ließen den Schmuck wo er war.

Nach einigen Wochen wurden wie entlassen und dann saßen wir endlich vor unserem Schatz. Wir beschlossen behutsam vor zu gehen und jeweils nur ein Stück bei immer einem anderen Juwelier zu verkaufen. Nach und nach häufte sich so auf einem eigens dafür angelegtem Konto ein ansehnlicher Betrag. Ein Stück behielt jede von uns zum Andenken an dieses Abenteuer. Von dem Geld kauften wir uns ein Häuschen ganz in der Nähe des Friedhofes, auf dem wir unser Glück gefunden hatten.
©By Gitte
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5 Kommentare
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 06.10.2017 | 07:51  
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Herbert Lödorf aus Gelsenkirchen | 06.10.2017 | 09:17  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 06.10.2017 | 09:56  
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Gitte Hedderich aus Herten | 06.10.2017 | 12:15  
60.350
Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 06.10.2017 | 16:43  
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