Das Nein Kind

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Das Nein Kind!
Im Buch des Lebens stand geschrieben, Angelika Wagner, Alter 32 Jahre, ledig, keine Kinder.
Nun wollte Angelika aber unbedingt ein Kind und sie betete jeden Tag, ohne Unterlass zum Herrn. Den rührte dieses kindliche Vertrauen nach einer Weile sehr und so beschloss er ihr das heiß ersehnte Kind zu geben. Alle Kinder waren aber schon verplant und warteten als kleine Engel auf ihre Mutter. Nur Rosemarie stand traurig abseits. Sie war in ihrem vorigen Leben ein leichtsinniges Ding gewesen und nun dazu verurteilt eines von diesen nicht beliebten Nein Kindern zu werden.

Was ein Nein Kind ist, wollt ihr wissen, ich will es euch erklären. Ein Nein Kind ist nicht bereit etwas zu glauben, wenn man ihm sagt Lauf, sagt es: „Nein, warum denn?“ So muss es alles mühsam und schmerzhaft lernen, was andere Kinder von ihren Müttern annehmen.

Angelika lernte nun einen Mann kennen und nach einer flüchtigen Affäre war sie schwanger. Sie weinte dem Mann keine Träne nach, als er sie verließ, denn ihr sehnlichster Wunsch hatte sich erfüllt, sie war schwanger. Als Rosemarie zur Welt kam, war sie Mitte dreißig und die Geburt war schwer. Stunde um Stunde kämpfte sie sich von einer Wehe zur nächsten, aber dann war es geschafft, sie hielt Rosemarie in den Armen und betrachtete überglücklich das wunderschöne, winzige Mädchen. Äußerst ungewöhnlich dieses Kind, staunten Hebamme und Arzt, sie weint nicht. „Sie ist eben ein ganz besonderes Kind“, glaubte Angelika zu wissen und sie ahnte nicht mal, wie Recht sie damit hatte.

Ein Jahr verging und Rosemarie wurde täglich schöner, sie sah aus wie ein kleiner Engel, sie hatte weißblondes Lockenhaar, eine reine helle Haut und stahlblaue Augen, die allerdings oft kritisch in die Welt schauten. Sie war ein ungeheuer schwieriges Kind, das die Nahrung stets verweigerte und fast Zwangsernährt werden musste. Nun begann Angelika damit sie auf die Füße zu stellen, damit sie laufen lernte.

„Nein“, ertönte es und später kam ein „Rosi will nicht“ dazu. Angelika versuchte ihr zu erklären, dass man laufen muss und dass es Spaß macht sich fort bewegen zu können. Allein Rosi wollte nicht. Sie ließ sich auf den Po Plumpsen und war nicht dazu zu bewegen auf ihren Beinchen zu laufen. Da sie immer mehr an Gewicht zunahm, fiel es Angelika zunehmend schwerer sie zu tragen, sie plagte sich von früh bis spät mit ihr. Rosis Beinchen wurden immer dünner, da ihre Muskeln nicht benutzt wurden, glichen sie bald Streichhölzern und das gefiel Rosi nun auch nicht, so begann sie nun dem Rat der Mutter zu folgen und lernte nun mühsam und schmerzvoll das Laufen, was andere Kinder spielerisch und schnell Lernen war nun harte Arbeit für Rosi und Angelika, denn es mussten sich erst einmal die Muskeln wieder bilden.

Nun konzentrierte sich Rosis nein auf das Essen. Kam Angelika mit einer Mahlzeit, tönte das schon bekannte „Nein, Rosi will nicht“ an ihr Ohr. Angelika seufzte, versuchte es mit Drohungen und Schimpfen, aber nichts half. Eines Tages, bei diesen Bemühungen stieß Angelika mit dem Löffel an eines der kleinen Zähnchen und schwuppdiwupp, lag es auf dem Löffel. Rosi weinte und bekam Angst. „Siehst du es nun“, sagte Angelika, wenn du nicht isst, bekommt dein Körper kein Vitamine und du wirst krank, die Zähne fallen aus, nun ist es also so weit. Nun hätte Rosi gerne gegessen, aber es ging nicht mehr, denn nach und nach verlor sie alle ihre schönen weißen Zähne und ihre Freundinnen lachten sie aus. „Du bist eine zahnlose Oma“ hänselten sie Rosi und die weinte viel und bereute nun, dass sie nie Essen wollte. Angelika besuchte mit ihr einen Zahnarzt und Rosi bekam schon als Kleinkind ein Gebiss, nur gut, dass es ihre Milchzähne waren und die Neunen noch kommen würden. Wieder musste Rosi schmerzhaft lernen, wozu das Essen gut war. Die Jahre vergingen und Rosi wuchs heran.

Als nächstes kamen die Nägel dran. Rosi bewunderte die langen Nägel bei Rita, Angelikas Freundin und fortan erhob sie ein Riesen Geschrei, wenn Angelika mit der Nagelschere kam. Rosis Nägel wuchsen und wuchsen. Irgendwann konnte sie kein Besteck mehr halten und musste wieder gefüttert werden. Dann kam Angelika ins Krankenhaus, ihre Gallenblase musste entfernt werden, nun war niemand da, der Rosi fütterte. Sie besuchte nun täglich eine Fritten Bude. Die Leute wendeten sich angewidert ab, wenn sie mit ihren Nägeln Pommes, oder ein Stück Wurst aufspießte, um es zu verspeisen. Da passierte es, sie hatte nicht Obacht gegeben, weil sie einen Mann, der sie erstaunt musterte die Zunge heraus streckte, sie verfehlte den Mund und ihre Kralle grub sich in ihr Auge. Das Blut rann ihr Gesicht herab. Nun begriff sie, die Nägel mussten ab. Sie rannte heim und da sie keine Schere halten konnte, biss sie mühsam die Nägel ab, gut dass sie mittlerweile wieder eigene Zähne hatte, sonst wäre das nicht zu schaffen gewesen. Sie säuberte ihr Gesicht von dem mittlerweile geronnenen Blut und ging endlich in sich.

Was hatte ihr ihre Haltung eingebracht, außer Verdruss? Das Laufen war schwer geworden, sie hatte als kleines Kind schon ein Gebiss tragen müssen und ihre Krallen hätten sie fast ein Auge gekostet, Außerdem war ihre Mutter, die sie auf ihre Art liebte krank geworden. Rosi beschloss sich zu ändern. Sie kaufte einen Blumenstrauß und wollte ihre Mutter im Krankenhaus besuchen.


Als sie über den Flur ging, sprach sie die Schwester an. „Bitte kommen sie ins Arztzimmer Fräulein Wagner“, sagte sie und Rosi folgte ihr. In ihrem Magen schien ein Stein zu liegen. „Bitte nehmen sie Platz“, forderte der Arzt sie auf. „Leider muss ich ihnen mitteilen, dass ihre Mutter eine Embolie hatte, sie verstarb vor einer Stunde, es tut mir sehr leid.“ Rosi wurde schwarz vor Augen. Der Arzt sprang hinzu, bettete sie auf eine Liege und versuchte sie wieder zu beleben. Allein, ihr Körper war durch die erlittenen Tortouren so geschwächt, dass er es nicht schaffte.

Seite an Seite wurden Angelika und Rosemarie begraben.

Seite an Seite erschienen sie vor dem Herrn. Beide strahlten und waren geläutert. „Du hast deine Sache gut gemacht“, lobte er Angelika. „Andere Mütter hätten das Kind abgegeben, du aber, die nie ein Kind haben solltest hast dein Leben gegeben, denn wenn du nicht solchen Ärger gehabt hättest, hättest du auch keine Gallensteine bekommen.“ Als Rosi das hörte weinte sie bitterlich. Der Herr nahm sie in den Arm und tröstete sie, „Weine nicht, es war deine Bestimmung und du hast dein letztes Leben gesühnt, ich werde euch beide als Zwillinge in die Welt zurück geben und dieses mal bekommt ihr ein wundervolles Leben geschenkt, dass ihr dann auch zu schätzen wisst, denn nur wer das Leid kennt, kennt auch die Freude.
© By Gitte
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6 Kommentare
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Herbert Lödorf aus Gelsenkirchen | 07.04.2017 | 11:33  
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 07.04.2017 | 13:35  
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Gitte Hedderich aus Herten | 07.04.2017 | 20:04  
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Renate Smirnow-Klaskala aus Essen-Nord | 08.04.2017 | 11:19  
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Gitte Hedderich aus Herten | 08.04.2017 | 13:11  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 17.04.2017 | 02:23  
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