Das Wort

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Das Wort!


………und am Anfang war das Wort Gottes und das war Heilig.


Als ich am zweiten Weihnachtstag die Rollladen hochzog sah ich dass in der Nacht Schnee gefallen war. Warum nur? Am heiligen Abend hätte es schneien sollen, drei Tage herrliches Weiß vor dem Fenster und nur wenn man wollte konnte man spazieren gehen. Aber so? Morgen hatte uns der Alltag wieder, es musste eingekauft werden und man musste sich hektisch bewegen um seine Arbeit zu schaffen, keine Zeit für Genuss, ich seufzte, warum nur kam immer alles zur falschen Zeit?


Der letzte geruhsame Tag verging wieder einmal viel zu schnell und schon war es Montag. Putzen, einkaufen, hetzen. Als ich mit meinem Einkaufsroller in die Stadt flitzte glitt ich aus und als ich schimpfend am Boden saß, bemerkte ich die kleine zarte Spur neben mir. Irgendetwas war neben mir hergegangen und verharrte an meiner Seite. Vorsichtig blickte ich um mich, ich war allein auf der Straße, es war noch früh. „Hallo“, sagte ich leise und zaghaft. „Hallo ist da jemand?“ „Hier neben dir“, hörte ich ein zaghaftes Stimmchen, aber sehen konnte ich niemanden. „Wer bist du, ich sehe dich nicht, du musst auch ziemlich klein sein, deiner Spur nach zu urteilen.“ „Ich bin das Wort“, bekam ich eine Antwort. „Was für ein Wort“, hakte ich nach. „Gottes Wort“, sagte es. „Und warum gehst du neben mir her“, wollte ich wissen? „Ich will dich infizieren.“ „Weißt du was, wir gehen heim, einkaufen kann ich immer noch, aber wenn man mich hier Selbstgespräche führen hört sieht, das sicher nicht gut aus“, entschied ich und kehrte um.

Zu Hause angekommen setzte ich erst einmal Wasser für eine Kanne Tee auf, denn es war ziemlich kalt. Danach setzte ich mich an den Tisch und bat meinen unsichtbaren Gesprächspartner zu reden. „Also wer, oder was bist du und wie kommst du hierher“, begann ich, bemüht einen vernünftigen Anfang in diese Geschichte zu bringen. „Das Ganze begann so“, berichtete nun mein Gegenüber. „Gottes Wort ist heilig und weil es das ist darf keines verloren gehen. Vor seinem Thron steht eine goldene Kiste und jedes Wort, das der Herr spricht fällt dort hinein und wird aufbewahrt, denn keines der heiligen Worte soll verloren gehen, denn in ihnen liegen die Gesetze der Welt.“ „Moment mal“, unterbrach ich. „Warum bist du dann nicht in der Kiste sondern hier?“ „Weil ich einen Schluckauf bekommen habe, ich musste hicksen und schwups war ich über den Rand hinaus und fiel und fiel, bis ich irgendwann in dieses weiße Zeug plumpste, ich hatte Angst und dann sah ich dich und dachte mir, der Herr macht nichts ohne Grund, sicher bin ich hier um dir eine Gabe zu geben.“ „Welche Gabe“, fragte ich neugierig nach? „Wir, die Worte Gottes können und vermögen viel zu sehen, was du nicht wahrnehmen kannst, wenn du magst gebe ich dir davon ab.“ „Natürlich möchte ich das, keine Frage“, entschied ich spontan. „Gib mir deine Hand“, forderte das Wort und ich streckte meine Handfläche aus. Es war ein Gefühl, als halte ich einen warmen Wattebausch in der Hand. Von dort aus sprang es direkt in meinen Mund und breitete sich dann sogleich in meinem Gehirn aus. Es war ein wohliges Gefühl, Liebe und Geborgenheit durchströmten mich. Wolf mein Hund kam angetrabt und leckte meine Hand.

„Na du Stromer“, sagte ich zärtlich und wuschelte ihn. Er wendete sich ab und holte wie gewohnt sein Bällchen, das er mir in den Schoß legte. „Lass doch mal das ewige Schmusen“, sagte er, „mal ist das ja ganz nett, aber ich will lieber öfter spielen.“ „Du kannst sprechen“, fragte ich nicht gerade intelligent? „Natürlich kann ich sprechen, aber du kannst nun hören, das ist der Unterschied“, belehrte er mich. „Wie wäre es wenn wir nun zu meiner Freundin gingen, sicher wartet sie schon auf mich, mit der mag ich nämlich schmusen und noch viel mehr.“ Bedeutungsvoll sah er mich an. Ich merkte wie ich rot wurde. „Ja sag mal“, begann ich. „Papperlapapp“, schnitt er mir das Wort ab. „Du nimmst dir doch auch was du willst und ich muss dann hinaus.“ Also da hörte sich doch nun alles auf, ich musste mich erst einmal sammeln und da war es keine schlechte Idee mit dem Hund Gassi zu gehen.

Im Hausflur begegneten wir dem Nachbar, der uns nicht leiden konnte. In meinen Gedanken vernahm ich laut und deutlich die Worte: „Da ist ja die alte Kuh. Sie geht wieder mit ihrem dämlichen Köter spazieren. Na warte, draußen ist es glatt und sie hat das Schneebuch, ich werde mich fallen lassen und behaupten sie hat nicht gestreut, dann rufe ich das Ordnungsamt an und sie bekommt endlich ihr Fett, mit dem Köter bin ich ihr ja leider nicht bei gekommen.“ Erstaunt schaute ich ihm in sein Gesicht, das nur ein hämisches Grinsen trug. Also konnte ich seine Gedanken lesen kombinierte ich messerscharf. „Na, da haben sie sich ja wieder einmal eine schöne Gemeinheit ausgedacht, aber das funktioniert wieder nicht, das versichere ich ihnen“, gab ich ihm Bescheid und ließ ihn verdutzt stehen. So ein alter Fiesling, aber nun war ich vorbereitet, nicht schlecht so ein Frühwarnsystem und das ich meinen Hund nun verstehen konnte hatte auch etwas für sich, wenn er nun krank war, konnte er mir sagen was ihm fehlte.

Unterwegs konzentrierte ich mich auf die Gedanken der Leute, aber ich vernahm nichts. Lautlos fragte ich in meinen Gedanken das Wort, das ja nun in mir wohnte danach. „Du hörst nur, was dich betrifft und das ist auch gut so, stelle dir einmal eine Veranstaltung vor und du hörst die Gedanken von jedem Menschen, das würde dich wahnsinnig machen.“ Stimmt, soweit hatte ich noch gar nicht gedacht.

Der andere Tag war ein Dienstag und ich machte meinen Krankenhaus Dienst. In Zimmer drei lag ein Patient dem es sehr schlecht ging, es wunderte mich sehr, dass sein Besuch am Kopfende des Bettes stand. Flüchtig betrachtete ich den ernsten jungen Mann, seltsam war er angezogen und zu bemerken schien er mich auch nicht. Freundlich wendete ich mich an ihn. „Guten Tag, ich bin Gitte.“ Nun hob er den Blick und ich schaute in die strahlensten Augen, in die ich je geblickt hatte. „Du siehst mich“, fragte er erstaunt?“ „Selbstverständlich sehe ich…..“, ich verstummte, der Mann hatte sich zu dem Kranken gebeugt und im Profil konnte ich Flügel auf seinem Rücken erkennen. „Lebe wohl“, sagte er und ich bemerkte, wie sich von dem Kranken sein Astralkörper löste und mit dem Mann ging, sie schwebten gemeinsam zur Decke und glitten hindurch. Bewegungslos hatte ich gestanden und war ihnen mit meinen Augen gefolgt. „Das war der Todesengel“, hörte ich das Wort in meinem Kopf sagen. Langsam löste sich meine Erstarrung und wie in Trance drückte ich den Alarmknopf. Nach einer Weile kam meine Kollegin und ich deutete auf den Leichnam. Sie nahm mich in den Arm und führte mich ins Schwesternzimmer. „Willst du heimgehen“, fragte sie mich? „Das war sicher ein Schock für dich?“ „Es geht schon, ich trinke eine Tasse Kaffee und dann mache ich weiter, für den Patienten war es eine Erlösung.“ „Das denke ich auch“, antwortete sie und ging wieder an ihre Arbeit. Dann bekamen wir einen Neuzugang. Es war ein Kind nach einem Autounfall. Sie sollte auf die Intensiv Station, kollabierte aber im Flur, so wartete man nicht bis sich die Schleuse öffnete, sondern rannte nach dem Notfallkoffer. Gerade in diesem Moment verließ ich das Stationszimmer und……..sah ihn wieder, ich weiß nicht ob es der Gleiche war, aber er sah genau so aus wie der andere Todesengel. „Nein“, schrie ich, „nein das ist zu viel, ich will das nicht sehen, geh zurück zum Herrn.“ Dann wurde es schwarz um mich. Als ich nach einer Weile zu mir kam lag ich mit meinem Kopf auf dem Tisch. Mein Mann rüttelte an meiner Schulter. Du bist eingeschlafen, vielleicht solltest du in Zukunft länger im Bett bleiben“, lachte er.
©By Gitte
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4 Kommentare
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Herbert Lödorf aus Gelsenkirchen | 14.07.2017 | 09:10  
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 14.07.2017 | 09:27  
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Franz Firla aus Mülheim an der Ruhr | 14.07.2017 | 12:20  
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Gitte Hedderich aus Herten | 14.07.2017 | 13:36  
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