Der alte Dachboden

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Der alte Dachboden!
Kennt ihr ihn noch, den alten Dachboden, auf dem die Wäsche früher getrocknet wurde? In dem alten Haus, indem ich aufwuchs hatten wir noch so einen. Wir wohnten in der ersten Etage und von dort führte eine steile Holztreppe hinauf, auf den Dachboden. Solange ich klein war, durfte ich die steile Treppe nicht hinauf und so hatte der Dachboden für mich immer etwas Geheimnisvolles.

Etwa vier Jahre war ich alt, als meine Mutter meinem Betteln nachgab und mich mit hinauf nahm, auf den Boden. Es war Sommer und eine unbeschreibliche Hitze schlug uns entgegen, als meine Mutter die Falltüre in der Decke öffnete. Nie werde ich die Atem raubende Gluthitze vergessen. Man bekam kaum Luft und Körper und Gesicht überzogen sich fast Augenblicklich mit einem feuchten Schweißfilm. Das Licht war gedämpft, durch das kleine Dachfenster fiel es schräg herein. Tausend kleine Staub Partikel tanzten in den Strahlen. Neugierig sah ich mich um, bemerkte den Bretterboden, die unverputzten Wände und die Dachpfannen, die etwa in Schulterhöhe begannen. Zwei Säulen stützten das Ganze. Knapp über Mutters Kopf waren Leinen gespannt. Amüsiert betrachtete sie mich. „Na, nun weißt du wie es hier aussieht, enttäuscht“, wollte sie wissen? Oh nein, enttäuscht war ich nicht, für mich war es ja eine fremde Welt, die ich noch nie hatte betreten dürfen. Wir stiegen wieder hinunter und Mutter schloss die Luke, während sie mich an der Hand hielt. Sie schärfte mir ein, niemals die steile Stiege alleine hinauf zu klettern.

Die Jahre vergingen und der Speicher gehörte zu meinem Leben, er wurde jeden Monat gereinigt und alle drei Monate war meine Familie damit an der Reihe. Im Sommer versprengten wir erst einmal Wasser, um den Staub zu binden, bevor gefegt wurde. Er hatte seine Faszination verloren, man ging genauso ungern hinauf, wie in den Keller hinunter, was wohl an der Abgeschiedenheit liegt, die einen überfällt, wenn man sich isoliert fühlt.

Zu meinen Eigenheiten gehört es, dass ich auf Grund eines frühkindlichen Erlebnisses immer Angst vor dem Alleinsein habe. Meine Eltern hatten einmal die Großeltern besucht und ich war erwacht, ich fürchtete mich und weinte, dass hörte unsere Nachbarin und versuchte mich zu beruhigen, indem sie mit mir sprach. Da ich nur ihre Stimme hörte, sie aber nicht sah, wurde meine Angst immer größer und als meine Eltern heimkamen, fanden sie mich völlig aufgelöst vor.

Als ich zwölf Jahre alt war, begannen meine Eltern mich am Abend allein zu lassen, ich durfte lesen und zu meiner Beruhigung hatte ich ein Brotmesser neben meinem Bett liegen, was meinen Vater ungemein belustigte. Eine Weile ging es ganz gut, dann eines Abends hörte ich zum ersten Mal die leisen Tritte über mir. Die Angst paralysierte mich, ich hatte mit Angriffen von allen Seiten gerechnet, jemand kletterte über den Balkon, knackte das Schloss der Wohnungstüre, aber an den Speicher hatte ich nicht gedacht, dort konnte sich jemand verstecken, um dann in der Nacht, wenn jeder schlief in aller Ruhe einzubrechen. Vor Angst verkroch ich mich bis an die Nasenspitze unter der Decke, was wenn er nicht wartete und gleich zu mir kam? Die Gedanken rasten in meinem Kopf. Tatsächlich hatten in der letzten Zeit einige Einbrüche in unserem sonst so beschaulichen Dorf für Unruhe gesorgt. Entsetzt lauschte ich auf die Geräusche im Hausflur, ich bewaffnete mich mit dem Messer und stellte mich hinter die Türe, so leicht würde ich es dem Einbrecher nicht machen. Gut, das ich meine Mutter lachen hörte, ehe sie die Türe aufschloss, wer weiß, was sonst passiert wäre? Meine Eltern starrten mich entgeistert an, wie ich da im Schlafanzug schweißnass mit dem Brotmesser in der Hand auf sie wartete. Dann begannen sie zu lachen und ich heulte, heulte die ganze Anspannung heraus. Mein Vater nahm mich in den Arm, bis ich mich beruhigt hatte und ich berichtete ihm alles. Er meinte zwar, ich habe mir das alles nur eingebildet, aber ich bestand darauf, dass er nachschauen ging. Der Dachboden besaß kein Licht, um mich zu beruhigen, stieg er mit einer Taschenlampe bewaffnet hinauf und leuchtete dort herum, er fand nichts. Am nächsten Tag sah ich selbst noch einmal nach, aber auch ich entdeckte nichts.

Die Trittgeräusche hörte ich noch einige Male, aber aus Angst mich wieder zu blamieren schwieg ich nun. Es vergingen so zwei Jahre und ich hatte meinen ersten Freund. Am Wochenende waren meine Eltern immer bei den Großeltern zu Gast und ich begann Reiner, meinen Freund zu mir nach Hause einzuladen. Unser Hauswirt Ehepaar, das nach vorne heraus wohnte, hatte die Angewohnheit von dreizehn bis fünfzehn Uhr Mittagsschlaf zu machen, dann erwartete ich ihn und ließ ihn leise ins Haus. Gegen achtzehn Uhr saßen sie vor dem Fernseher und er verschwand ungesehen. Wieder einmal saßen wir schmusend in meinem Zimmer, als ich plötzlich meine Eltern auf der Treppe hörte, Mutter schimpfte lautstark, sicher hatte sie mal wieder mit ihrem Bruder gestritten und so kamen sie gegen ihre Gewohnheit früher heim. Entsetzt bedeutete ich Reiner sich still zu verhalten und ging meinen Eltern im Treppenhaus entgegen, denn mein Zimmer war klein und besaß keine Möglichkeit jemanden zu verstecken. Gut, dass es einen separaten Eingang besaß und nicht mit der Wohnung verbunden war, die alte Nachbarin, deren Stimme mich als kleines Kind so in Panik versetzt hatte, hatte hier gewohnt, ehe sie ins Altenheim zog und ich ihr Zimmer bekam. Meine Mutter schimpfte immer noch, als sie unsere Wohnung betreten hatte und ich hörte mit halben Ohr zu, dabei überlegte ich fieberhaft, wie ich Reiner aus der Wohnung bekam, ohne aufzufallen. Dann endlich hatte ich eine Idee, ich verabschiedete mich von meinen Eltern mit dem Vorwand noch ein wenig lesen zu wollen. Mit dem Finger auf den Lippen bedeutete ich ihm stumm mir zu folgen, drückte ihm ein Buch in die Hand und zeigte auf die Speicherluke. „Versteck dich da“, flüsterte ich ihm zu, „gegen achtzehn Uhr kannst du wie immer verschwinden, ich schaue, dass auch meine Eltern vor dem Fernseher sitzen.“ Er seufzte leise, schlich aber hinauf. Die Stiege knarrte überlaut und wir hielten den Atem an.
Erleichtert sah ich, wie sich die Luke hinter ihm schloss.

Lange dauerte die Erleichterung allerdings nicht an, denn kaum hatte ich die Türe hinter mir geschlossen, hörte ich einen lauten Schmerzensschrei von oben. Meine Eltern stürzten aus der Türe und sahen mich an. Verlegen schlug ich die Augen nieder und bekam einen roten Kopf. Mein Vater sagte kein Wort und begann hinauf zu steigen, von oben war nun Stöhnen zu hören, ich schlich hinter ihm her. Reiner saß auf dem Boden und sein Fuß steckte in einem Loch zwischen den Bodenbrettern. Mit schmerzverzerrtem Gesicht begrüßte er meinen Vater. „Guten Tag, ich bin der Freund ihrer Tochter.“ Mein Vater schmunzelte: „Wirklich, sehr originell, ihr Einführung.“ Dann wurde er ernst. „Bitte bewegen sie sich nicht, vielleicht ist der Knöchel gebrochen, ich hole einen Arzt.“ Derweil waren schon die anderen Bewohner des Hauses zusammen gelaufen. Auch der Schwiegersohn des Hauswirtes kam hinzu, als er sah, was geschehen war, wurde er totenblass und verschwand wieder. Das registrierte ich allerdings nur im Unterbewusstsein, denn die Sorge um Reiner und mein schlechtes Gewissen beschäftigten mich vollauf.


Der Arzt traf ein und vorsichtig befreite er den verletzten Knöchel aus dem Loch. Danach untersuchte er ihn unter leisem Stöhnen des Verletzten. Er diagnostizierte nur eine schwere Stauchung des Gelenks, mit schmerzhaften Hautabschürfungen und legte einen Stützverband an. Plötzlich hielt er inne. Durch die Dachluke war ein Sonnenstrahl auf das Loch gefallen und hatte etwas darin auf glitzern lassen. Nachdem er nun seinen Patienten versorgt hatte, fasste er hinein und beförderte eine glänzende Halskette zu Tage. Immer wieder griff er hinein und brachte Schmuckstück um Schmuckstück zu Tage. Man kann sich sicher unsere erstaunten Gesichter vorstellen. „Das ist wohl ein Fall für die Polizei“, bemerkte er, „oder bewahrt jemand von ihnen hier seinen Familienschmuck auf?“

Als die Polizei eintraf, klärten sich die Diebstähle in unserem Dörfchen endlich auf. Der Schwiegersohn unseres Hauswirtes hatte sein Heil in der Flucht gesucht, aber er wurde geschnappt, als er versuchte die Grenze zu überqueren, um das Land zu verlassen. Er kam für Jahre hinter Gitter und da wir bald darauf umzogen, sah ich ihn nie wieder.
© By Gitte
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6 Kommentare
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Herbert Lödorf aus Gelsenkirchen | 12.01.2018 | 07:30  
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 12.01.2018 | 13:40  
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Gitte Hedderich aus Herten | 13.01.2018 | 06:06  
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Uwe Schönberger aus Gelsenkirchen | 13.01.2018 | 11:47  
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Renate Smirnow-Klaskala aus Essen-Nord | 13.01.2018 | 16:59  
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Gitte Hedderich aus Herten | 13.01.2018 | 19:45  
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