Der Januskopf

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Der Januskopf!
Kennt ihr einen Januskopf? Es handelt sich dabei um ein Doppel Gesicht, eine Missbildung, oder Behinderung, wenn man so will. Nun meine Freundin Katrin hatte ein solches Gesicht und ich will ihre Geschichte hier erzählen, die zeigen soll, dass man ein solches Schicksal bejammern kann, oder einfach das Beste daraus macht.

Als Katrin geboren wurde, sah sie aus, wie jedes andere Baby. Monika, ihre Mutter war stolz, auf ihr hübsches Töchterchen. Katrin hatte lediglich zwei Anomalien, ihr Köpfchen war ungeheuer beweglich und ihr Hinterkopf wies eine kleine Beule auf. Das verwächst sich, meinten die Ärzte.

Es verwuchs sich nicht, in Gegenteil, die Beule wuchs sich mit der Zeit zu einem kleinen Höcker aus und darüber fiel die Haut an zwei Stellen ein, es entstanden Augenhöhlen, in die langsam, aber unaufhaltsam Augen hineinwuchsen. Unter dem Höcker passierte das Gleich an einer Stelle und es bildete sich ein Mund. Monika beobachtete das Ganze mit Faszination und Entsetzen. Sie kaufte eine Puppenperücke, die sie Katrin aufsetzte, um das Gesicht, das sich nun mehr und mehr bildete zu verdecken. Die Gesichter waren verschieden, aber beide sehr reizvoll. Katrin hatte eine helle Haut, braune Augen und einen schönen Mund. Karin, wie Monika das zweite Wesen bei sich nannte, war ein wenig dunkler, hatte hohe Wangenknochen und blaue Augen. Zu Hause ließ Monika Katrin so wie die Natur sie gestaltet hatte, wenn es aber schellte, setzte sie ihr die Perücke auf. Fragen nach dem warum beantwortete sie stets mit dass Kind hat einen schlimmen Ausschlag.

Mit zwei Jahren hatte Katrin zwei perfekte Gesichter und wenn man weiß, wie ein Mutterherz schmilzt, wenn das Kind lächelt, kann sich vorstellen, wie es ist, wenn gleich zwei Gesichter lachen, aber es gab natürlich auch die Kehrseite und dann weinten beide. Etwa zu dieser Zeit, als Katrin ihre Welt mehr und mehr entdeckte, beobachtete Monika, wie sie ihren Kopf mit beiden Händen fasste und ihn einfach herumdrehte, etwa um Karin etwas zu zeigten, ohne sich herum drehen zu müssen.

Monika ließ der Natur ihren Lauf, Gott würde sich schon etwas dabei gedacht haben, ihr ein solches Kind zu schenken. Keinesfalls würde sie Ärzte hinzuziehen, Katrin sollte fröhlich und unbeschwert leben. Diese begriff auch sehr gut, dass sie anders war als andere Kinder und niemals ihre Perücke vergessen durfte, Monika hatte ihr erklärt, dass sie ein besonderes Kind war und das andere Kinder erschrecken, wenn sie davon erfuhren.

So verstrichen Jahre. Katrin war ein sehr intelligentes Kind. Monika hatte allerdings begonnen zu trinken, nicht übermäßig, aber manches Mal musste sie einfach dem Druck entfliehen. Eines Tages war Elfi, Monikas Freundin zu Besuch. Katrin bemerkte, wie sie Monika immer öfter sinnend betrachtete, da kam ihr eine Idee.

Sie verabschiedete sich, ging in ihr Zimmer und zog sich um. Dann drehte sie ihren Kopf verließ durch die Hintertür das Haus und schellte als Karin an. Monika setzte fast das Herz aus, als sie sah, wer da unschuldig vor der Türe stand. „Guten Tag, Frau Betsinka“, grüßte Karin freundlich, „ist Katrin zu Haus?“ „Nein, leider nicht“, rang sie sich zu einer Antwort durch und versuchte durch Gesten ihre Tochter zur Umkehr zu bewegen. „Es macht ihnen sicher nichts aus, wenn ich auf sie warte“, fragte Karin und betrat die Wohnung. Monika musste nun mitspielen, ob sie wollte, oder nicht. „Das ist meine Freundin Elfi“, stellte sie vor „und das ist Karin, eine Freundin von Katrin.“ Katrin setzte sich zu den beiden Frauen und beteiligte sich an ihren Gesprächen. Als Monika später in die Küche ging, um neuen Kaffee zu brühen, beugte sich Elfi vertraulich zu Karin. „Kennst du Katrin schon lange“, wollte sie wissen? „Schon eine Ewigkeit“, entgegnete Karin. „Bist du oft zu Besuch“, fragte Elfi weiter? „Sicher, aber meist sind wir in Katrins Zimmer“, gab Karin bereitwillig Auskunft. „Sag mal, trinkt Frau Betsinka häufig“, wollte sie nun wissen und ihre Augen glitzerten neugierig? „Ab und zu“, erwiderte Karin, „wie ist es denn mit ihnen?“ Elfi schwieg nun beleidigt und verabschiedete sich relativ schnell und missgelaunt.

Karin nahm die Perücke ab und verwandelte sich wieder in Katrin. Sie berichtete ihrer Mutter nun, dass ihre gute Freundin versucht hatte sie aus zu horchen und das sicher nicht um zu Helfen. Monika war sehr enttäuscht, aber die Idee war geboren, Karin wurde wenn sie auftauchte erfahren, was man Katrin nicht sagte und umgekehrt, nicht lange, da wurde Katrin 18 Jahre alt und würde ihr Studium beginnen und zwar das Sommersemester als Katrin und das Wintersemester als Karin.


Essen verfügte über eine große Universität und Katrin schrieb sich dort ein. Sie wohnte im Studenten Wohnheim und richtete sich ihr kleines Zimmer dort gemütlich ein. Als Studienfach wählte sie Biologie und Sprach Wissenschaften, denn sie wollte das Geheimnis ihres Andersseins auskundschaften. Mit ihren Mitstudenten- und Bewohnern verstand sie sich sehr gut, man begegnete sich in der Gemeinschafts-Küche, schwatze, kochte, lachte und diskutierte zusammen. Mit einigen freundete sie sich auch an. Da war Evi aus Duisburg, Susi aus Düsseldorf und auch Bodo aus Gütersloh gehörte zu den etwas engeren Bekanntschaften. Katrin hatte schon berichtet, dass sie nur dass Sommer Semester absolvierte und dass im Winter ihr Zimmer von ihrer Freundin Karin benutzt werden würde. Es wird schwer werden, mit nur einem Semester im Jahr den Anschluss zu schaffen, gaben alle zu Bedenken, aber Katrin war da ganz zuversichtlich.
Die Zeit raste vorbei und im Wintersemester übernahm Karin Katrins Part. Evi und Susi staunten sehr, wie schnell sie mit Karin warm wurden, sie glich in fast allen Sachen ihrer Freundin Katrin. Bodo allerdings, der fast ein wenig mehr als ein Freund geworden wäre, blickte Karin oft und tief in die Augen und je mehr diese abblockte, umso mehr legte er sich ins Zeug. Er redete von Liebe und Karin fiel es furchtbar schwer, nach dem Wintersemester Katrin das Feld zu überlassen.
Ein Jahr war nun vergangen und Katrin staunte nicht schlecht, als Bodo ihr wieder sein Herz überlassen wollte, so war das also, er nahm, was er bekommen konnte. „Sag mal, Karin schwärmte doch so von dir, willst du etwa uns beide“, fragte sie ihn unumwunden. „Ach Karin, die ist doch langweilig“, tat Bodo mit einer verächtlichen Handbewegung ab. Gut, dass Katrin Bescheid wusste, er hätte ihr, dem naiven Mädel sonst das Herz gebrochen.

Etwas allerdings beunruhigte Katrin, Karins Gesichts Konturen wurden flacher. Die Perücke saß immer lockerer, die Nase bildete sich zurück, die Augen wurden kleiner, der Mund ebenso. Gegen Ende des Semesters war kaum noch ein Gesicht vorhanden, Katrin beschloss nun Katrin zu bleiben und dass Winter Semester auch als diese zu absolvieren.
Nun, nach wiederum einem Jahr gab es nur noch Katrin, ihre Haare begannen zu wachsen und die Zeit mit dem Janus Kopf war vorbei, sie ist nun eine ganz normale junge Frau, einen Freund hat sie auch gefunden, der beständiger in seinem Charakter ist, als Bodo.


© By Gitte
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7 Kommentare
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Herbert Lödorf aus Gelsenkirchen | 21.07.2017 | 08:02  
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 21.07.2017 | 08:57  
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Luzie Schröter aus Fröndenberg/Ruhr | 21.07.2017 | 10:34  
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Gitte Hedderich aus Herten | 21.07.2017 | 14:13  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 21.07.2017 | 20:07  
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Gitte Hedderich aus Herten | 21.07.2017 | 20:31  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 22.07.2017 | 00:55  
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