Der schönste Tag des Lebens

Anzeige
2
Der schönste Tag des Lebens!
Welchen Mut hat man doch als junger Mensch. Meiner äußerte sich dahin gehend, das ich beschloss es dem Schicksal zu zeigen, jung, wie man sagte hübsch und wagemutig hatten mein zukünftiger Ehemann und ich vereinbart als Hochzeitsdatum Freitag den 13. zu wählen. Das hatte in unseren Augen nur Vorteile, keine Wartezeit auf dem Standesamt, relativ leere Straßen, einen Sonderpreis im Lokal, weil sich jeder hütete ein Fest auf dieses Datum zu legen.

Endlich war er da, der große Tag. Schlagartig drang dieser Gedanke in meinen Kopf als ich erwachte. Der Wecker hatte noch nicht geschellt und so sammelte ich mich erst einmal. Was war das für ein Geräusch? Das hörte sich an wie Regen. Oh nein, das fing ja gut an. Langsam zog ich die Rollladen hoch und blickte in die graue Welt. Ach was, ich würde mir diesen Tag auf keinen Fall vermiesen lassen, sicher klarte es bald auf, also erst einmal ins Bad, nach einer heißen Dusche sah die Welt sicher schon ganz anders aus. Als ich trällernd und gut gelaunt aus dem Bad kam, hatte Mutter schon einen herrlichen Frühstückstisch gedeckt und es duftete verlockend nach frischem Kaffee. Na also, angetan mit einem flauschigen Bademantel nahm ich Platz und ließ es mit schmecken. Entsetzt bemerkte ich ein leichtes Kribbeln auf meinem Knie, ganz so, als ziehe sich eine Laufmasche ihre Bahn. Vorsichtig schlug ich den Mantel zur Seite und tatsächlich, ein kleines, aber unübersehbares Loch, von dem sich eine hässliche Laufmasche aufwärts zog. Es waren meine weißen teuren Hochzeitsstrümpfe und natürlich gab es keinen Ersatz. „Scheiße“, fluchte ich aus tiefster Seele. „Aber Kind, das ist doch kein Drama, ich tupfe etwas Nagellack darauf, dann kann sie nicht weiter und unter dem langen Kleid sieht das keiner.“ „Aber ich bin nicht perfekt“, maulte ich, „ich weiß es und der Regen, ach Mutsch, vielleicht war die Idee heute zu heiraten doch nicht so gut.“ Betrübt schaute ich meine Mutter an. „Ach Mädelchen, sieh es mal so, alle Katastrophen die du heute hinter dich bringst bleiben dir in Zukunft erspart.“ Sie meinte es ja gut, aber das machte es nicht besser. Es schellte, die Friseuse war da. Nach einer schnellen Tasse Kaffee begab sie sich daran, mein Haar kunstvoll aufzutürmen, ich bewunderte ihre geschickten Hände, die es schafften mein widerspenstiges Haar in genau die Richtung zu legen, in die es sollte. Die Frisur zumindest saß und das tröstete mich ein klein wenig. Die Friseuse verabschiedete sich und Mutter half mir beim Ankleiden. „Warte einen kleinen Moment, ich tupfe noch etwas Nagellack auf die Laufmasche, sicher ist sicher, mit diesen Worten öffnete ich das Fläschchen, während Mutter mit dem Traum in Weiß schwenkte. Sie streifte meinen Arm, ich schrie doch es war zu spät. Rosa Lack ergoss sich über den Rock. Es war nicht viel, doch es leuchtete in hellem Perlmutt von dem strahlenden Weiß. Hysterie erfasste mich. Heulend sank ich auf den Stuhl. „Das war es, die Hochzeit findet nicht statt.“ Seit wann gibst du so leicht auf“, fragte Mutter, so kenne ich dich ja gar nicht. Marsch ins Bad, hol Nagellackentferner, mal sehen ob wir was retten können.“ „Wie kannst du nur so ruhig bleiben“, staunte ich. „Weil Hysterie nichts ändert und nun ab mit dir.“ Gehorsam schlurfte ich ins Bad und holte die Flasche, während Mutter ein weiches weißes Tuch besorgte. Vorsichtig bearbeitete sie den Fleck und wirklich er wurde blasser, zwar blieb eine matte Stelle in dem empfindlichen Stoff zurück, aber den konnte ich sicher mit einer Falte kaschieren. Dankbar gab ich meiner Mutter einen verdienten Kuss. „Wenn ich dich nicht hätte.“ Das Ankleiden lief dann ohne weitere Komplikationen ab und als die Kutsche kam stand ich bereit als strahlende Braut.

Mit meinen Eltern stieg ich hinein, leider musste das Verdeck wegen des Regens geschlossen bleiben und aus der Triumph fahrt wurde eher eine Zweckfahrt. Mein Gesicht begann zu jucken, zuerst rieb ich ein wenig, aber schließlich hielt ich es nicht mehr aus und kratzte heftig und verzweifelt. Fassungslos sah meine Mutter mich an. „Aber Kind, was hast du denn, nicht kratzen, du zerstörst das ganze Make up.“ „Es juckt höllisch, ich halte das nicht aus“, heulte ich los. „Halten sie an“, befahl Mutter dem Kutscher und „Raus hier“, herrschte sie mich an. Erstaunt blickten Vater und ich sie an, was war nur in sie gefahren? Zuerst entlohnte sie die Kutscher, dann telefonierte sie mit ihrem Handy nach einem Taxi. „Ihre Pferdeallergie“, klärte sie uns danach auf, keiner hat an Gittes Pferde Allergie gedacht. Verdutzt blickten wir uns an, wie hatten wir das nur alle vergessen können? Mittlerweile hatte sich ein Trupp Schaulustiger um uns versammelt. Mutter ließ sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen, sie schob mich unter die Markise eines Mode Geschäftes und begann eine dicke Schicht Make up über mein rotes Gesicht zu streichen. Als das Taxi kam sah ich wieder leidlich aus und so fuhren wir zur Kirche, die Standesamtliche Hochzeit hatten wir am Vortage komplikationslos hinter uns gebracht.

Vor der Kirche warteten schon die Hochzeits-Gesellschaft und ein nervöser Bräutigam. Alle atmeten bei unserem Eintreffen auf. Jürgen blickte besorgt in mein Gesicht und ich sagte: „Frag bitte nicht.“ Er führte die Gesellschaft in die Kirche und dann betrat ich am Arm meines Vaters unter aufbrausenden Orgelklängen die Kirche. Nun würde alles gut werden, dachte ich. Der Pfarrer stand hinter dem Altar und trat nun hervor, zu uns dem Brautpaar, das heißt er wollte es. Sein Bein verwickelte sich unglücklich in der Altardecke und er schoss auf uns zu. Wir fassten beide zu. In seiner Panik erwischte der Pfarrer meinen Schleier und riss ihn herunter. „Freitag der 13.“, lächelte ich unter Tränen. „Es tut mir so leid“, stammelte der Geistliche, „so etwas ist mir noch nie passiert.“ „Das glaube ich ihnen aufs Wort“, tröstete ich ihn. Man glaubt es kaum, aber wir verließen als getrautes Paar die Kirche.

Das Taxi hatte gewartet und fuhr uns nun als Kutschen ersatz in die Gaststätte, in der die Feier stattfinden sollte. Langsam beruhigte ich mich wieder und begann den Tag zu genießen. Das Personal hatte sich Mühe gegeben und die Dekoration war wunderschön. Die Anspannung ließ nach und ich konnte wieder lächeln. Traditionell schnitten wir gemeinsam die Hochzeitstorte an. Während Jürgen noch das Messer hielt, balancierte ich das erste Stück auf den Teller meiner Mutter, das hatte sie verdient. Das heißt ich wollte es, denn im gleichen Moment klammerte sich mein Cousin Jörg an mein Bein. „Jörg auch Kuchen ham“, verlangte er energisch, dabei verlor ich gerade im Drehen begriffen das Gleichgewicht und fiel langsam, sozusagen in Zeitlupe gegen die Torte, die setzte mir auch nicht viel entgegen und der erste Aufbau rutschte herunter. Den lud ich auf einen Teller und setzte ihn meinem strahlenden Cousin vor. „Was guckst du so“, wendete ich mich an den zur Salzsäule erstarrten Gemahl, „ich habe beschlossen mich heute durch nichts, aber auch durch gar nichts mehr aus der Ruhe bringen zu lassen. Musik“, forderte ich und wir eröffneten den Tanz mit dem Brautwalzer.

Danach bat Jürgen, man möge den Saal verdunkeln, die Rollladen surrten herab und Kerzen wurden entzündet. Jürgen kniete nieder und spielte unser Lied, Hollywood von gestern, von Waterloo und Robinson. Danach hatten wir das erst Mal getanzt. Während mich die Rührung übermannte nahm das Unglück wieder Anlauf. Eine Saite der Gitarre riss und schnitt ihm die Wange auf. Blitzschnell schnappte Onkel Heinz den Unglücksraben und fuhr mit ihm in die Klinik. Dort nähte man die Wange und ich bekam den verarzteten Bräutigam mit einer gepflasterter Wange zurück.

In der Zeit hatte ich meinen Kummer ein wenig mit Champagner betäubt und das rächte sich nun. „Bitte begleite mich zur Toilette“, bat ich meine Mutter. Dann standen wir vor den winzigen Toiletten Kabinen und guckten uns verdutzt an. Abwechselnd betrachtete ich den Ort meiner Begierde und meinen ausladenden Reifrock. Beherzt griff meine Mutter zu und drückte den Rock zu einem hoch stehenden Oval zusammen, mit dem Fuß verstellte sie die Türe, damit niemand herein konnte und so konnte ich mir die nötige Erleichterung verschaffen.

Danach erlebten wir endlich einige frohe unbeschwerte Stunden, wie es auf einer Hochzeit sein sollte. Bis in den frühen Morgen tanzten und lachten wir und in dieser ausgelassenen Stimmung brachte das Taxi uns heim, in unser gemeinsames Nest.

Jürgen steckte den Schlüssel ins Schloss und drehte. Er zog und drückte und schwitzte. „Vielleicht haben uns unsere Freunde einen Streich gespielt“, vermutete ich. Jürgen stöhnte, er drehte ein letztes Mal und Knacks, mit verblüfftem Gesicht hielt er den Kopf des Schlüssels in der Hand, während der Bart im Schloss steckte. „Oh nein“, nicht auch das noch. Er bedeckte sein verwundetes Gesicht mit den Händen und sein Körper zuckte. „Mein armer Liebling“, tröstend nahm ich ihn in den Arm und hörte ihn glucksen, er lachte, er lachte bis ihm die Tränen kamen und ich stimmte ein. „Ich liebe dich, aber ich werde dich nie, wirklich nie wieder an einem Freitag den 13. heiraten.“

Energisch schwenkte ich den weiten Rock zur Seite, ließ mich nieder, zog meinen Gemahl neben mich und Arm in Arm verbrachten wir unserer Hochzeitsnacht auf der Treppe. Glücklich schliefen wir in einen Samstag den 14. hinein. Es hätte schlimmer kommen können.
© By Gitte
9
Diesen Mitgliedern gefällt das:
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Lesen Sie auch die Bildkommentare zum Beitrag
9 Kommentare
2.659
Ingrid Geßen aus Essen-West | 02.09.2016 | 08:28  
326
Ursula Boeck aus Alpen | 02.09.2016 | 09:05  
50.481
Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 02.09.2016 | 09:37  
18.979
Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 02.09.2016 | 09:49  
276
Cordula Kirstein aus Bottrop | 02.09.2016 | 10:23  
48.214
Luzie Schröter aus Fröndenberg/Ruhr | 02.09.2016 | 13:16  
4.997
Gitte Hedderich aus Herten | 02.09.2016 | 16:33  
18.979
Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 03.09.2016 | 12:41  
4.997
Gitte Hedderich aus Herten | 03.09.2016 | 20:11  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.