Der schwarze Mann

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Der schwarze Mann!
Heute will ich euch erzählen, was mir im letzten Jahr an Halloween passierte. Warum ich ein Jahr geschwiegen habe, fragt ihr? Na ich musste die Geschichte selbst erst einmal verarbeiten, schließlich starb da mein Großonkel.

Halloween ist bei uns nur in sofern ein außergewöhnlicher Tag, als das er Allerheiligen voraus geht. Am späten Nachmittag begann ich die Sachen zusammen zu suchen, die ich mit zum Friedhof nehmen würde. Grablicht, Feuerzeug, das Gesteck für das Grab meiner Eltern. Zum Schluss lief ich in den Keller, um Kehrblech und Handfeger zu holen, sicher gab es wieder jede Menge Blätter zu Fegen.

Gerade hatte ich die Sachen gefunden, als mir ein schwarzer Fleck an der Wand ins Auge stach. Bemerkt hatte ich ihn schon öfter, aber nun da ich gerade das Richtige in der Hand hielt, wollte ich den Schmutz abkehren. Kaum näherte sich meine Hand mit dem Kehrbesen, als Bewegung in den Staub kam. Er verdichtete sich und ich hörte ein: „Bitte nicht.“ Verdattert schüttelte ich den Kopf. Was war denn das? Viel Merkwürdiges hatte ich in meinem Leben erlebt, aber sprechenden Staub? Der Staub nahm Gestalt an und plötzlich saß auf meiner Waschmaschine ein kleiner, weißhaariger in altertümliche Sachen gekleideter Mann. Er schlenkerte mit den Beinen und sagte: “Hallo Gitte.“ „Na Hallo“, entgegnete ich, „wer bist denn du?“ „Ich bin der schwarze Mann, hast du schon von mir gehört?“ „Der schwarze Mann ist, wie das Wort schon sagt schwarz, aber dich kann ich erkennen, also raus mit der Sprache, wer bist du?“ „Du willst wirklich meine Geschichte hören“, wollte er wissen? Nickend zog ich mir einen der Balkonstühle heran, die hier überwinterten und hörte zu.

„Zuerst einmal zu deiner Bemerkung, du hast Recht, eigentlich sieht man mich nicht, das kann man nur an Halloween, wenn die Geisterwelt nicht mehr so hermetisch abgeschlossen ist. Du weißt noch nicht wer ich bin, ich bin Eugen, dein Großonkel.“ Eugen? Wer war Eugen? Großonkel? Moment mal, war da nicht die Geschichte? Sinnend betrachtete ich ihn und er nickte. „Genau der, deine Urgroßeltern hatten sechs Kinder, Deine Großtante Anni, deinen Opa Willy, Dorette meine Schwester, die an Diphtherie starb, mich den Eugen, der im Alter von sechs Jahren verschwand und die Zwillinge Ida und Lisette. Als Kind schon war ich irgendwie anders, kaum das mich meine Beine trugen zog es mich auch schon in den Keller. Den anderen machte es Angst in der dumpfen feuchten Dunkelheit, ich fühlte mich dort wohl und geborgen. Während es Willy und Anni schauderte Kohlen dort holen zu müssen saß ich gerne dort in der samtigen Schwärze und wenn sie kamen, erschreckte ich sie, das machte mir großen Spaß. Immer wieder drohte Mutter mir, der schwarze Mann werde mich holen, doch immer wieder zog es mich in den Keller. Sie gaben mir den Spitznamen Assel, doch das störte mich nicht. Immer toller trieb ich es, ich schwärzte mein Gesicht und meine Kleidung mit Kohlenstaub und hockte unsichtbar auf dem Haufen in der Dunkelheit. Kam Willy, oder Anni Kohlen holen blies ich ihnen Kohlenstaub ins Gesicht, oder legte ihnen meine kalte Hand auf den Arm. Wenn sie dann schreiend flüchteten, lachte ich bis mir die Tränen helle Bahnen auf die schwarzen Wangen zogen. Eines Tages trieb ich es wieder so bunt. Anni hatte eine solche Panik, dass sie auf der Treppe stolperte, hinab stürzte und sich das Bein brach. Das war dem Herrn zu viel. Eugen, sprach er zu mir, du bist so gerne im Keller, nun sollst du dort bleiben, mein Körper löste sich in schwarzen Staub auf, der nun an der Wand klebte. Immer wenn jemand in den Keller kam, war ich fortan dazu verdammt ihn zu erschrecken. Wie das mit allen Sachen ist, die man immer hat machte es mir bald keinen Spaß mehr, wie gerne wäre ich wieder Eugen auf Mutters Schoß gewesen, aber ich war der Schwarze Mann.“ „Moment mal, wieso Schwarzer Mann, du warst ein Kind?“ „Stimmt, aber wenn die Dunkelheit ihre Schatten wirft sieht auch der eines Kindes riesig aus. Ach nun begann eine traurige Zeit, mein Bruder Willy weigerte sich den Keller zu betreten, meine Schwester Anni lag mit einem gebrochenen Bein in der Klinik und wenn Vater die Kohlen holte weinte er. Er weinte niemals vor seiner Familie, immer nur im Keller, hier bei mir. Eugen weinte er oft, Eugen wo bist du nur. Es brach mir fast das Herz, wenn ich ihn so jammern hörte, doch wenn ich mich ihm näherte, ihn in den Arm nehmen wollte, dann schauderte er zusammen und verließ seufzend den Keller. So vergingen einige Jahre, dann kam der Krieg. Die Wohnung brannte aus und ich dachte nun hat das Elend ein Ende, aber nein. Das Haus stürzte zusammen und am nächsten Tag begann Willy in der Asche zu wühlen. Das Haus im Kronenberg existierte nicht mehr, aber mit den Kohlen, die Willy dort geborgen hatte trug er mich in den neuen Keller am Schederhof. Wieder saß ich im Keller der Familie, aber ich erschreckte niemanden mehr, es machte keinen Spaß, ich hing einfach an der Wand. Wie lange weiß ich nicht, Jahre? Jahrzehnte? Die Kinder waren groß, der Vater starb und wie der Vater einst weinte Willy als einziger Junge nun nachdem es mich nicht mehr gab im Keller um ihn, ich weinte mit, doch das hörte niemand, ich war allein, entsetzlich allein.“

Bisher hatte ich vor mich hingestarrt und konzentriert zugehört. Ein Schluchzen ließ mich nun aufschauen. Tatsächlich, das Gespenst weinte. Mitleidig strich ich über seine Hand und wieder erwarten fühlte ich sie auch. „Was geschah dann“, wollte ich wissen. Wer weiß wie lange er sich materialisieren konnte und wer hat schließlich Gelegenheit mit einem Gespenst zu reden?

Eugen seufzte. „Willy fand eine Frau und heiratete. Es war Brauch, das der älteste Sohn den Kohleneimer mitnimmt, als Symbol, das ihm nie das heimische Feuer ausgehen sollte, mit dem gefüllten Eimer trag er mich mit sich.“ „Moment mal, heißt das du warst am Pothofsplatz“, wollte ich erstaunt wissen? Eugen nickte. „Oh ja, ich habe erlebt, wie man dort Licht in die Keller legte und oft habe ich die kleine Gitte gesehen, wenn sie vor Angst singend in den Keller kam, in Windeseile zwei Eimer füllte und so schnell sie konnte hinaus hastete.“ Ich fühlte wir mir heiß wurde, sicher überzog gerade glühende Röte mein Gesicht. Eugen grinste und nun tätschelte er meine Hand. „Schäme dich nicht, selbst Männer haben Angst dort und wer weiß das schließlich besser als ich. Weißt du noch, als eure Oma euch hinaus warf und Willy mit dir und der Geige in den Keller kam? Du hast dich auf den Hauklotz gesetzt, er hat den Bi Ba Butzemann gespielt und getanzt. Wenn du nicht dazu geklatscht hättest, hättest du mich sicher weinen hören.“ „Und dann, dann bist du mit Heinz gegangen, als Opa starb“, wollte ich wissen? „Nein, Heinz nahm keine Kohlen mit, aber deine Mutter.“ „Du warst also auch in der Huffmannstraße“, staunte ich? „Oh ja, in der Huffmannstraße, im Wesselswert und als dein Vater starb saß ich auf den Schallack Platten, die er im Keller liegen hatte. Ach ich dachte nun komme ich zu dir in die Wohnung, aber kaum waren wir im Haus, zog es mich in den Keller und seitdem sitze ich hier.“ „Also seit 1979, du Armer, aber warum sehe ich dich Heute?“ „Wenn einen Seele Mitleid mit mir empfindet, dann darf ich mich zeigen, wenn sie dann meine Untaten hört und immer noch so fühlt, dann kann sie mich erlösen.“ Bittend sah Eugen mich an. „Was kann ich tun“, wollte ich wissen? „Nimmst du mich in den Arm? Einmal noch möchte ich menschliche Wärme spüren, dann kann ich gehen.“ Auffordernd breitete ich meine Arme aus und Eugen warf sich mit einem tiefen Seufzer hinein. Augenblicklich löste er sich auf und sein Staub rieselte zu Boden.

Seine Asche fegte ich zusammen und gab sie in einen der Gefrierbeutel, die ich hier aufbewahrte. Den verschloss ich, nahm ihn mit in meine Wohnung und legte ihn in meine Tasche. „Was machst du denn so lange im Keller“, wollte mein Mann wissen? „Ach dies und das“, antwortete ich ausweichend.

Am anderen Tag holten wir Tante Edith ab, deren Mann gerade vor einigen Monaten gestorben war und die gerne mit zum Friedhof wollte. Während ich die Blätter vom Grab suchte öffnete ich meine Tasche und weil Edith sich mit meinem Mann unterhielt, merkte niemand wie ich den Beutel herausnahm und Eugens Asche in die geweihte Erde gleiten ließ. Schnell ein wenig Erde darüber und dann ein kurzes Gebet.

Nun ist die Geschichte zu Ende glaubt ihr? Fast. Denkt euch, im Frühjahr spross es zartes Pflänzchen dort, wo ich Eugen begraben habe und im Sommer erblühte daraus eine wundervolle schwarze Rose. Bestimmt tausend Mal fragte man mich schon, wo ich diese Rose herhabe, aber ich lächle nur. Einige Male hat man wohl auch schon versucht sie zu stehlen, denn manchmal klebt Blut an ihren Dornen, geschafft hat es niemand.
© By Gitte
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 28.10.2016 | 07:21  
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