Der Wassermensch

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Der Wassermensch!
John Carter war Meeresbiologe und wie jeder geniale Wissenschaftler hatte er so seine Eigenarten. Johns bestand darin, dass niemand sein Büro betreten durfte und das hatte seinen guten Grund. Vor Jahren war John verheiratet gewesen. Er hatte seine Frau Eileen vergöttert. Eileen war ein sanftes Wesen, sie fertigte Reborn Babys an. Aus Puppen machte sie äußerlich lebensechte Geschöpfe, wer diese Kunstwerke sah, war begeistert.

Dann meldete sich bei den beiden Nachwuchs an. Sie wussten sich vor Freude nicht zu lassen. Täglich dachte John sich eine kleine Überraschung für Eileen aus und wenn sie lächelte war auch er glücklich. Dann kam dieser schreckliche Tag. Es war heiß in Kalifornien und sie waren Eis essen gewesen. Ausgelassen alberten sie herum und dann war es geschehen. Eileen hatte den Bordstein nicht gesehen und war gestürzt, bevor John sie fangen konnte. Unglücklicherweise auf den Bauch. Entsetzt eilte John zu ihr. Mit Tränen in den Augen versuchte sie tapfer ihn anzulächeln, konnte aber ein Stöhnen nicht unterdrücken. Ein Passant hatte schon die Ambulanz gerufen und John begleitete Eileen ins Krankenhaus. Sie kam sofort in den OP und für John begann die schlimmste Zeit seines Lebens. Er betete, er flehte zu Gott, er möge ihm seine Frau lassen. Umsonst, als der Arzt den OP verließ und John ihn fragend ansah, schüttelte er traurig den Kopf. Eileen war verblutet, sie hatte bei dem Sturz einen Gebärmutter Abriss davon getragen und das Kind war in ihrem Blute erstickt. Wie in Trance verließ John die Klinik.

Am nächsten Tage besuchte er seine beiden Liebsten in der Leichenhalle um Abschied zu nehmen. Beide sahen so friedlich und überirdisch schön aus. Mit einer Mischung aus Liebe, Neid und Hass betrachtete John seinen Sohn. Warum hat er seinen Frieden gefunden und ich nicht, dachte er bei sich, er gönnte dem Baby diesen Frieden nicht, es würde an Eileens Seite ruhen und er würde sein Leben in Gram und Kummer weiter führen müssen. In diesem Moment wurde seine Idee geboren, erst vage, doch dann nahm sie Konturen an. Am Tage der Beerdigung bat er die Bestatter mit seinen Lieben einen Moment allein verbringen zu können, um in Ruhe Abschied zu nehmen. Als die Türe leise und diskret hinter ihm geschlossen wurde, ging er zu dem kleinen weißen Kindersarg, entnahm seiner mitgebrachten Tasche eines der Babys, die Eileen einst so liebvoll gefertigt hatte, er legte es an Johns Stelle, er hatte seinen Sohn der Einfachheit halber nach sich selbst benannt. Den Leichnam seines Kindes verstaute er stattdessen in seiner Tasche. Alle Bekannten und Verwandten wunderten sich über seine Gelassenheit. Seltsamerweise war der kleine kalte Körper, den er bei sich trug ein Trost für ihn. Er war nicht allein in dieser leeren kalten Welt.


Nach Hause wollte er danach nicht, mit langen Schritten rannte er mehr, als er ging ins Institut und schloss sich in sein Labor ein. Dort stand von einem Experiment ein kleines Aquarium mit Wasser und Nährlösung, dahinein gab er den kleinen Körper seines Jungen. Als Wissenschaftler glaubte er an die These, dass alles Leben aus dem Wasser kommt. Von Wasser bist du genommen, zu Wasser sollst du werden, sprach er und weinte dabei. Er wendete sich ab und begann ziellos los zu laufen.


Am anderen Tage betrat er sein Labor und wollte den Leichnam des Kindes holen, um ihn im Meer zu entsorgen. Er musste seine Augen zwingen, in diese Richtung zu schauen. Die begannen sich erstaunt zu weiten. Sein Sohn lag ruhig auf der Wasser Oberfläche und blickte ihn an, er konnte es kaum glauben. Vorsichtig berührte er den kleinen Körper, der sich dann zitternd wie ein kleines Kätzchen in seine Hand schmiegte. Entsetzt, als hätte er sie verbrannt zog er sie zurück. Gegen seinen Willen überströmte ihn ein Gefühl der Zärtlichkeit, dass er aber schnell unterdrückte. Das konnte, dass durfte nicht wahr sein. Der Wissenschaftler in ihm gewann die Oberhand. Seine Gedanken arbeiteten auf Hochtouren, wie sollte er die Existenz seines Kindes je erklären? Sollte er sagen, ich habe vor der Beerdigung den Leichnam gestohlen? Dann wäre sein Ruf ruiniert. Langsam bewegte er sich auf das Becken zu und zwang sich das Kind unter Wasser zu drücken. Einige Blasen stiegen auf. Aus ruhigen Augen betrachtete der Junge ihn. Warum wehrte er sich nicht? Warum zappelte er nicht? Er schaute genauer hin und bemerkte den kleinen Spalt hinter den Ohren, der sich nach Kiemenart öffnete und schloss. Das konnte doch nicht wahr sein, er atmete. Atmete unter Wasser, wie ein Fisch. Nun war der Wissenschaftler in ihm endgültig erwacht.

Er begann ihn mit Fischfutter zu füttern und täglich zu wiegen. Welch ein Ironie des Schicksals, er, der Meeresbiologe hatte ein Amphibisches Wesen gezeugt. Einige Jahre zog er ihn auf und beobachtete die Veränderungen des Körpers, die sich langsam und aber beständig vollzogen. Die Haut wurde dicker und bekam einen leicht metallenen Schimmer, in den Zwischenräumen von Fingern und Zehen bildeten sich Schwimmhäute, John junior bekam ein größeres Becken und seine Bewegungen waren harmonisch und elegant. Die Jahre vergingen und John lernte von seinem Vater sprechen, da sein Umfeld begrenzt war, gab es nicht viel über das sie redeten. Irgendwann stagnierte seine Entwicklung und John Senior kam wieder der Irrsinn dieses Experimentes in den Sinn. Er würde dem Ganzen ein Ende setzen, aber wie? Umbringen, wie er es damals versucht hatte konnte er ihn nicht mehr, denn es hatte sich eine Beziehung zwischen ihnen gebildet.

Im Institut gab es zu Versuchszwecken ein Becken mit Piranhas. Er entnahm einige mit dem Käscher und setzte sie zu John junior ins Becken. Dann verließ er sein Labor, am anderen Tage würden die blutgierigen Tiere ihr Werk vollendet haben und er konnte das Skelett entfernen. An diesem Abend ließ er sich volllaufen, aber er konnte die grausigen Szenen, die sich in dem Becken abspielen mussten nicht aus seinen Gedanken verbannen. Der nächste Tag hielt erneut eine Überraschung für ihn bereit. Nichts war geschehen, John schwamm mit seinen Gästen umher, als sei es das natürlichste der Welt. Einem Impuls folgend griff er ins Wasser und hob ihn heraus. Was, wenn sie auf ihn gewartet hatten, um ihr grausiges Werk zu vollenden, wenn sie den Erfinder dieser schrecklichen Idee teilnehmen lassen wollten an der Vollendung? Ein Schmerz ließ ihn zu seinen Fingern blicken. John hatte zugebissen, ein Stück in der Haut seines Zeigefingers fehlte. Entsetzt ließ er ihn ins Becken zurück gleiten. John junior blickte ihn fragend an. „War das falsch“, fragte er mit seiner etwas metallisch klingenden Stimme? „Ich dachte, du hast diese Fische zu mir ins Becken gesetzt, dass ich von ihnen lerne und sie haben mir gesagt, dass ich alles essen soll, was ich bekomme.“ „Du redest mit ihnen“, wollte John fassungslos wissen?“ „Natürlich, ich rede mit dir doch auch, bestätigte John junior. John überlegte, „Ich werde dich in die Freiheit entlassen“, beschloss er. „Freiheit, was ist das“, wollte John junior gespannt wissen. „Heute Nacht wirst du es erfahren“, entgegnete John ihm.

In der Nacht eilte er ins Labor und trug seinen Sohn auf den Armen zum Meer. Wie staunte der, als er die unendliche Weite sah, hatte er bisher doch in seinem engen Becken gelebt. Er schwamm und sprang und freute sich des Lebens. „In der Nacht werde ich hierher kommen und dich besuchen“, versprach John Senior ihm. „Halte dich vom Strand am Tage fern, die Menschen kennen keine Wasser Menschen, du bist etwas ganz besonderes, sie würden dich fangen und einsperren.“ Dabei vergaß er ganz, dass er in den all den Jahren nichts anderes getan hatte. Jede Nacht saß er nun am Strand und hörte die erstaunlichsten Berichte, von den Abenteuern, die sein Sohn täglich in der Meeres Welt erlebte. So vergingen die Jahre. Eines Nachts sprach John junior zu ihm: „Vater, ich habe eine Überraschung für dich, bitte schließe deine Augen.“ Er tat ihm den Gefallen. Als er sie auf Verlangen seines Sohnes öffnete, glaubte er erst zu träumen. An der Seite von John junior schwamm eine wunderbare Nixe. John lächelte. „Das ist Mariella“, stellte John junior sie vor. John riss erstaunt seine Augen auf, dass war eine Nixe, eine leibhaftige Nixe, mit Fischschwanz und allem was dazu gehört und sie war wunderschön, sie hatte Haare in der Farbe eines Gletschers, weiß mit irisierenden Farben darin. Sie lächelte John bezaubernd an und nach der ersten Fassungslosigkeit lächelte er zurück. „Du hast also dein Glück gefunden, dass freut mich sehr für euch mein Junge“, entgegnete er gerührt, „ich hätte nie gedacht, dass es wirklich Nixen gibt.“ Nun trafen sie sich seltener, denn auch John hatte eine neue Frau kennen gelernt und konnte nun schlecht die Nächte am Meer verbringen. Etwa ein Jahr war vergangen und in John juniors und Mariellas Begleitung schwammen zwei süße kleine Nixenbabys, ein Mädelchen mit Fischschwanz, wie die Mutter, die auf den Namen Mara hörte und ein niedlicher Meerjunge mit Beinen und dem Namen John Boy. John freute sich über seine Enkelchen, auch wenn nie jemand von ihnen erfahren würde, künftig trafen sie sich nur noch an jedem ersten des Monats, denn mit den Kleinen war es zu gefährlich geworden und entdecken sollte man sie nie.
© By Gitte
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23 Kommentare
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Herbert Lödorf aus Gelsenkirchen | 09.09.2016 | 08:47  
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 09.09.2016 | 11:44  
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Renate Smirnow-Klaskala aus Essen-Nord | 09.09.2016 | 13:37  
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Gitte Hedderich aus Herten | 09.09.2016 | 14:15  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 11.09.2016 | 22:57  
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Gitte Hedderich aus Herten | 12.09.2016 | 06:16  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 12.09.2016 | 13:44  
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Gitte Hedderich aus Herten | 12.09.2016 | 14:50  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 13.09.2016 | 11:29  
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Gitte Hedderich aus Herten | 13.09.2016 | 14:48  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 13.09.2016 | 23:16  
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Gitte Hedderich aus Herten | 14.09.2016 | 07:45  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 14.09.2016 | 09:47  
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Gitte Hedderich aus Herten | 14.09.2016 | 17:20  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 14.09.2016 | 17:23  
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Gitte Hedderich aus Herten | 14.09.2016 | 17:40  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 14.09.2016 | 17:47  
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Gitte Hedderich aus Herten | 14.09.2016 | 20:03  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 16.09.2016 | 03:58  
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Gitte Hedderich aus Herten | 16.09.2016 | 05:51  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 16.09.2016 | 08:40  
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Gitte Hedderich aus Herten | 16.09.2016 | 14:16  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 16.09.2016 | 19:48  
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