Die Roggenmuhme (Märchen/Sage)

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Begegnung mit der Roggenmuhme!
Es war ein brüllend heißer Sommertag und ich spielte mit meiner Freundin Renate. Sie war zwei Jahre älter als ich und ich war ihr sicher manches Mal lästig. Wenn dieser Zeitpunkt erreicht war, erzählte sie mir meist eine Geschichte, die mich beschäftigte und mir oft Angst einjagte. So hatte sie mir über den Vater einer Freundin, der bei einem Unfall einen Finger verloren hatte berichtet, den hätte der Teufel ihm zur Strafe abgebissen, weil diese Freundin immer noch am Daumen lutschte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich auch am Abend hin und wieder am Daumen gelutscht, aber das änderte sich nun schlagartig, mein Vater sollte seine Finger behalten. Unbewusst leistete sie meinen Eltern so wertvolle Erziehungsbeihilfe. Da ich viel Last mit Verstopfung hatte, sollte ich möglichst nur wenige Bananen essen und als Renate mir erzählte, dass man große Spinnen in ihnen entdeckt hatte, löste sich auch dieses Problem.

Nun zurück zu diesem heißen Sommertag, ich war vier Jahre alt und Nati, wie ich sie nannte sechs. Wir besuchten eine Tante von ihr in dem benachbarten Ort und kamen dabei an Kornfeldern vorbei. Begeistert betrachtete ich die blauen Kornblumen und den roten Klatschmohn. „Warte, ich nehme meiner Mutti einen Strauß davon mit“, rief ich und pflückte begeistert. Schon bald hielt ich einen beachtlichen Strauß in Händen. Mit glühenden Wangen kamen wir endlich erhitzt bei Natis Tante an und stürzten uns auf die eiskalte Limonade, die sie uns servierte. „Die armen Blumen, sie lassen schon die Köpfe hängen“, stellte sie fest und richtig, mit einem Blick sah ich ebenfalls, das sie schon erschlafften und einige Mohnblumen verloren bereits ihre herrlichen, aber sehr empfindlichen Blütenblätter. Natis Tante holte einen Krug mit Wasser und stellte die Blumen hinein. Einige große Kamillenblüten hatte ich auch gepflückt und es war ein schöner bunter Wiesenblumenstrauß. Wir bekamen Kuchen und unter Lachen, Erzählen und Scherzen flog die Zeit dahin. Nati erschrak, als sie auf die Uhr sah. „So spät schon, wir müssen uns beeilen, gleich kommt Vater von der Arbeit und dann wird gegessen.“ Schnell verabschiedeten wir uns und machten uns auf den Heimweg.

Fast die Hälfte des Weges hatten wir geschafft, wir waren gerade bei den Feldern, als es mir einfiel. „Nati ich hab die Blumen vergessen, ich pflücke schnell Neue.“ Nati seufzte. „Komm schon, wir haben keine Zeit mehr, sonst bekomme ich Ärger daheim“, drängte sie mich zur Eile. „Du hättest ja auch daran denken können“, gab ich trotzig zurück und blieb stehen. „Du kannst jetzt keine neuen Blumen pflücken, weil………“, begann sie. „Weil“, fragte ich? „Weil am Rande keine mehr stehen und wenn du in das Feld hinein läufst, dann holt dich die Roggenmuhme.“ Erlöst atmete sie auf, da war ihr ja gerade noch mal das Richtige eingefallen. Sie wollte mich am Arm vorwärts ziehen, aber ich war wie elektrisiert stehen geblieben. Misstrauisch sah ich sie an. „Roggenmuhme, wer ist das denn“, wollte ich wissen? „Du kennst die Roggenmuhme nicht“, erstaunt sah Nati mich an. Sie hatte es geschafft, neugierig geworden folgte ich ihr artig, wie ein Hündchen und hing in Erwartung einer Geschichte an ihren Lippen. „Die Roggenmuhme ist eine alte Frau, die Acht gibt, dass niemand das Getreide niedertritt. Früher sind oft Kinder in die Felder gelaufen, haben Verstecken gespielt, oder wie du Kornblumen gepflückt. Einige von ihnen sind nie wieder gefunden worden, aber einmal hat sich ein Kind los reißen können, die Roggenmuhme hatte schon ihr Bein umklammert, aber dann musste sie niesen und das Kind konnte ihr entkommen, deshalb wissen wir nun, wie sie aussieht, Ihr Haar besteht aus Strohhalmen, mit Ähren am Ende, ihr Gesicht ist alt und runzelig. Sie wohnt in einer Höhle unter dem Acker und wenn ein Kind hineinläuft, schellt bei ihr ein kleines Glöckchen, dann eilt sie herbei und zieht das Kind in ihr unterirdisches Reich. Man sagt, sie lässt sie dann für sich arbeiten, sie kommen nie wieder ans Licht. Weil aber die Roggenmuhme unsterblich ist, die Menschen aber alt werden, braucht sie immer wieder Neue.“

Erschöpft hielt Nati inne. Das viele Erzählen, beim Laufen und bei der Hitze hatte sie sehr angestrengt, aber sie hatte erreicht was sie wollte, ich hielt den Mund und dachte nach. Es musste doch möglich sein mehr zu erfahren, waren nicht Hänsel und Gretel auch der Hexe entkommen? Vati hatte einen Foto Apparat, eine Box, die würde ich mitnehmen, ich die kleine Gitte würde in das Feld laufen und wenn die Roggenmuhme kam würde ich ein Foto von ihr machen und dann würden alle Leute wissen wie sie aussieht. So in Gedanken versunken kamen wir heim. An diesem Abend ging ich früh zu Bett. Als ich am anderen Tag erwachte, schien die Sonne schon wieder brennend heiß vom Himmel. Als Mutter einkaufen war, holte ich einen Stuhl und nahm den Foto Apparat aus dem Schrank. Vorsichtshalber steckte ich ihn in eine alte Handtasche meiner Mutter und verließ damit die Wohnung. Auf Zehenspitzen schlich ich an der Nachbar Wohnung vorbei, in der Nati und ihre Familie wohnte, dieses Mal konnte ich die Freundin nicht brauchen. So schnell mich meine kleinen Beine trugen, lief ich den gestrigen Weg zum Kornfeld. Erst dort verschnaufte ich und setzte mich an den Rand. Mit den Händen schob ich die Ähren auseinander. Nichts zu sehen, ein ganz normales Feld. Ob sie in der Mitte darunter hauste? Oder eher am Rande? Mein Herz schlug vor Aufregung bis zum Halse. Entschlossen nahm ich die Box aus der Handtasche, diese ließ ich einfach liegen, sie würde mich nur behindern.

Vorsichtig, aber zielstrebig ging ich Fuß für Fuß in das Kornfeld hinein. Ängstlich, aber entschlossen tastete ich mich immer weiter. Nichts geschah. Langsam beruhigte ich mich. Die Ähren schlugen hinter mir zusammen und die Hitze nahm mir den Atem. Staubtrocken war es hier und ich musste husten. Mucksmäuschenstill wartete ich, aber es geschah nichts. Der Schweiß lief mir in Strömen über den Körper. Eine dicke schillernde blauschwarze Fliege, vermutlich angelockt durch meinen Schweiß Geruch sirrte Ekel erregend um mich herum, ihre kitzelnde Berührung löste bei mir Panik aus, ich schlug nach ihr und rannte schreiend ein Stück weiter. Zitternd hielt ich inne. Das Korn hatte mich verschluckt, ich drehte mich herum, um aus dem wogenden goldenen Meer heraus zu kommen, ich lief zurück, in die Richtung aus der ich gekommen war. Was war das, ich hätte längst wieder am Rande sein müssen, aber nichts, nur schwankende Ähren um mich herum. Die Tränen liefen mir aus den Augen, ich hatte mich verlaufen, ich hatte keine Ahnung in welche Richtung ich gehen musste. Der Foto Apparat entglitt meinen Händen, ich versuchte zu springen um über das Korn sehen zu können, aber ich schaffte es gerade bis zu den Spitzen, nicht darüber hinaus. „Hilfe“, begann ich nun aus vollem Halse zu brüllen. „Hilfe, hört mich niemand?“ Oh wie ich es bereute, das ich hier ins Feld gelaufen war und niemand ahnte wo ich steckte. Keiner würde mich finden, ich würde verhungern und verdursten, erst wenn man das Feld mähte, würde man mich finden, aber dann war es zu spät. Nun war es an der Zeit das zu machen, was man mich geleert hatte, ich setzte mich hin, faltete meine Hände und betete. „Lieber Gott, bitte hilf mir, ich bin oft ungehorsam, ich habe den Foto Apparat genommen, obwohl ich weiß, dass es verboten ist. Renate hat mich gewarnt und ich bin in dieses Feld gelaufen, ich habe dabei Ähren zertreten, aus denen Brot werden sollte und ich habe Strafe verdient, kannst du noch einmal Gnade vor Recht ergehen lassen und mich den Weg hinaus finden lassen?“ Erschöpft schloss ich die Augen und schlief ein.


Ein meckerndes Lachen weckte mich bald wieder auf. „Wen haben wir denn da?“ Dürre knochige Finger griffen nach meinem Arm. „Du willst sicher zu mir? Na klar, zu wem denn sonst, sonst wohnt ja hier keiner außer mir, der Roggenmuhme.“ Eiseskälte ließ mich erstarren. Fast hätte ich nicht mehr geglaubt, dass es sie gab, aber nun war sie hier. Vorsichtig, nur einen kleine Spalt breit öffnete ich meine Augen, aber dann riss der Schreck sie ganz weit auf. Ein hässliches Weib stand vor mir und lachte meckernd. Tatsächlich, ihre Haare bestanden aus staubigem Stroh und wenn sie wie jetzt gerade lachte, zitterten die vergammelten Ähren an ihren Enden. Sie trug einen schwarzen Mantel, löcherig wie der einer Vogelscheuche und sie war klapperdünn. Ihre roten Augen glitzerten tückisch. „Nun komm schon, du willst hier doch nicht festwachsen, oder“, herrschte sie mich an und schleifte mich am Arm hinter sich her. Es half kein Wehren und kein Schreien, kein Bitten und kein Flehen, sie war viel stärker als ich und ihr Modergeruch lähmte mich auch noch. Wie der Wind fegte sie mit mir durch das Feld und dann plötzlich standen wir vor einem Loch in der Erde. Sie stieß mich in den Rücken und ich stürzte hinein. Als ich mich aufgerappelt hatte stand sie schon wieder hinter mir. „Ich habe euch Verstärkung mitgebracht“, brachte sie mit schriller Stimme hervor und ich blickte entsetzt in zwei völlig apathische, totenbleiche Gesichter. Ein Mädchen und ein Junge, nicht viel älter als ich. Würde ich nach einiger Zeit in diesem unterirdischen Gefängnis genauso aussehen? Die Alte beachtete uns nicht weiter und ließ sich auf ein knorriges Wurzelgeflecht sinken, es war wohl einst der Fuß eines großen Baumes. Als ich nach der Lichtquelle sah, bemerkte ich eine Art Käfig, mit rostigem feinmaschigen Draht bespannt, indem einige Lichtpunkte hin und her sausten, andere dagegen still auf einem Fleck saßen. „Glühwürmchen“, flüsterte das Mädchen, als sie meinen fragenden Blick sah. „Sie hält sie genauso gefangen wie uns.“ „Ruh dich aus“, schrie mich die Roggenmuhme an. „Morgen geht es an die Arbeit, hier wird nicht gefaulenzt.“ Sie wies auf einen Sack, der in der Ecke der Höhle lag. Es schien ein alter Getreidesack zu sein und das Stroh darin stach an manchen Stellen durch das Gewebe. Wäre ich nicht so unendlich erschöpft gewesen, ich hätte mich zu Tode geekelt, dicke Käfer krochen an den Wänden entlang, ich sank auf den Sack nieder, schloss die Augen und versuchte zu verdrängen, wo ich mich befand.

"Pst", hörte ich plötzlich. Ich wollte es ignorieren, weiterschlafen, mich nicht der schaurigen Realität stellen. Wieder tönte es "Pst." "Ja", flüsterte ich zaghaft? "Ich sitze in deinem Ohr, ich bin entwischt", wisperte es. Da riß ich die Augen auf und sah..........nichts. "Warte", tönte es und dann bemerkte ich einen winzig kleinen Lichtpunkt. "Komm schon, wir müssen hier weg", kam es leise, ganz leise. Es war eines der Glühwürmchen und ich tastete mich verzweifelt durch die Dunkelheit. Es ging durch zahlreiche Gänge. Irgendwann verließen mich meine Kräfte und ich sank zu Boden und schlief ein.


Als ich wieder erwachte sah ich durch meine geschlossenen Lieder Helligkeit. Wie konnte das sein? In der Höhle herrschte fast Dunkelheit. Vorsichtig öffnete ich die Lieder, die durch die Getreideabsonderungen gereizt und gerötet waren. Tatsächlich, es war hell und eine feuchte Zunge fuhr begeistert durch mein Gesicht. „Wer bist denn du?“ Lachend und weinend umarmte ich die kleine Promenaden Mischung vor mir. „Struppi, Struppi, wirst du wohl hören und herkommen, wo steckst du denn nur?“ Ein begeistertes Bellen gab Antwort. „Lauf nicht weg, bitte bleib.“ Voll erneuter Panik stolperte ich hinter dem Hund her, der mich gefunden hatte. Als ich endlich aus dem Getreidefeld heraus brach, starrte ich in das erst entrüstete, dann betroffene Gesicht des Bauern. „Aber Kind, wie siehst du denn aus?“ Er nahm mich kurz entschlossen auf seine Arme und trug mich ins Haus. Seine Frau setzte mich erst einmal in die Badewanne und danach reichte sie mir mit Borwasser getränkte Wattebäusche für meine entzündeten Augen und danach berichtete ich ihnen sie ganze unglaubliche Geschichte. Die Bauernleute sahen sich bedeutungsvoll an. Sie schickten ihren Sohn zu meinen Eltern und ließen ihnen ausrichten, dass sie mich wohlbehalten abholen konnten.

Als ich mich am nächsten Tage erholt hatte und Nati das ganze Abenteuer berichtet hatte konnte sie es kaum glauben und sie schaute ganz schön neidisch. Wir liefen wieder zum Feld, aber betreten würde ich es nicht mehr. Als wir ankamen, hatte der Bauer es fast vollständig abgemäht. Verwundert schauten wir uns an, wie er Struppi über das Feld jagte und „Such Struppi, such rief. Der Hund jagte hierhin und dorthin und dann begann er aufgeregt zu graben. Plötzlich gab die Erde nach und dann überschlugen sich die Ereignisse, der Bauer zog zwei klapperdürre, wachsbleiche Kinder ans Licht, die er nicht mehr aus seinen Armen ließ. Die Bäuerin rannte herbei und nahm eines der Kinder entgegen. Ein flatterndes schwarzes Etwas, ähnlich einer riesigen Krähe flog zeternd in die Luft und raste davon in Richtung eines Getreidefeldes am Horizont. Die Kinder wurden ins Haus gebracht und dann erschien der Bauer noch einmal um es uns zu erklären. Seine beiden Kinder, ein Junge und ein Mädchen waren im vergangenen Jahr verschwunden, man hatte sich gedacht, das die Roggenmuhme sie entführt hatte, aber wo man sie suchen sollte, das wusste man nicht, nun hatte man sie gefunden und die Muhme vertrieben, sie würde nun woanders ihr Unwesen treiben müssen. Seit nun gewarnt und lauft um keinen Preis in ein Getreidefeld
© By Gitte
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13 Kommentare
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 03.06.2016 | 07:15  
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Herbert Lödorf aus Gelsenkirchen | 03.06.2016 | 08:04  
4.951
Gitte Hedderich aus Herten | 03.06.2016 | 08:11  
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Christian Tiemeßen aus Emmerich am Rhein | 03.06.2016 | 08:54  
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Gitte Hedderich aus Herten | 03.06.2016 | 13:32  
12.693
Melanie Busche aus Menden (Sauerland) | 03.06.2016 | 18:40  
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Gitte Hedderich aus Herten | 03.06.2016 | 19:24  
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Melanie Busche aus Menden (Sauerland) | 03.06.2016 | 19:29  
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Renate Smirnow-Klaskala aus Essen-Nord | 04.06.2016 | 14:36  
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Christiane Bienemann aus Kleve | 04.06.2016 | 19:36  
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Gitte Hedderich aus Herten | 05.06.2016 | 06:25  
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 06.06.2016 | 15:42  
8.651
Eckhard Schlaup aus Gladbeck | 07.06.2016 | 21:18  
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