Familientreffen

Anzeige
Familientreffen!
An einem trüben Januartag hatte Mama eine tolle Idee. „Was denkt ihr, es gibt so viele von uns und manche habe ich seit Jahrzehnten nicht gesehen. Sollen wir nicht ein Familientreffen machen? Wir haben doch Verwandten in der ganzen Welt.“ Sie reckte sich und blickte einen nach dem Anderen triumphierend ins Gesicht. Nun musst ihr wissen wir sind eine Hasenfamilie und haben daher eine riesige Verwandtschaft. Vater Hase strich sich über seine langen Barthaare. „Zu Ostern“, überlegte er laut. „Wenn hier das Osterfeuer aufgeschichtet ist, dann machen wir vorher eine Party, wir tanzen um den Osterfeuerhaufen.“ Dann strahlte er und umarmte Mama Hase. „Frau du bist die Größte“, dabei schmatzte er ihr ein Küsschen auf die schwarze Nase, was Mama Hase prompt verlegen erröten ließ.

Wir wohnen in Herten müsst ihr wissen, in einem kleinen Waldstück in der Nähe eines großen Bauernhofes. Die Bäuerin hat ein Herz für Tiere und deshalb keinen Hund der uns jagt. Ein ideales Gelände. Ab und zu legt sie einen Bund Möhrchen für uns aus und neben eben diesem stellte sich nun unser kleiner Bruder und bat alle Häschen die Futtern kamen darum bei unseren Eltern vorstellig zu werden zwecks Kontrolle der Ohren. Warum wollt ihr wissen? Ja das ist nun so. Hasen besitzen ja kein Briefpapier, aber sie haben zum Teil sehr große Ohren und das ist auch gut so. Mittags saßen die ersten auserwählten Häschen in der guten Stube und Mama Hase schrieb hochkonzentriert, die Zungenspitze zwischen die Schneidezähne geklemmt, auf die langen Löffel die Einladungen. Dann wurden sie in die Welt hinausgeschickt. Gegen Mittag war ihr Gesicht hochrot angelaufen und der Schweiß stand ihr auf dem Stirnpelz.

Jeder von uns bekam ein Möhrchen mit den Worten „Heute bleibt die Küche kalt.“ Wir knabberten und mümmelten und ich wollte wissen wie viele Häschen nun schon unterwegs waren. Mama schaute strafend. „Babsi, heute geht hier zwar alles drunter und drüber, aber das heißt nicht, dass wir mit vollem Mäulchen sprechen.“ Verlegen blickte ich auf meine Pfötchen und knabberte zu Ende, obwohl mir ein Kloß im Hals saß und ich Tränen in den Augen hatte wegen der Rüge. Mama schmunzelte schon wieder und erleichtert atmete ich auf. Es ist schlimm wenn die Eltern enttäuscht oder böse sind stimmt es?

Die Tage gingen dahin und die erste Zeit hielten wir immer wieder Ausschau ob schon jemand von den Verwandten eintraf. Bald aber erlahmte das Interesse und alles ging wieder seinen gewohnten Gang. Dann, etwa 6 Wochen später tauchte eine merkwürdige Gestalt auf. Es war ein Hasenmädchen wie ich, allerdings hatte sie hellblondes Fell und komische Holzschuhe an die bei jedem Schritt klapperten. Als sie mich sah rief sie: „Ik hau van jau.“ Vorsichtshalber ging ich in Stellung und ballte die Pfötchen, schlagen lassen würde ich mich von dieser merkwürdigen Person nicht. Verdutzt blickte sie mich an, dann lachte sie schallend. „Ich bin Inken“, sagte sie, „deine holländische Cousine und ich habe gesagt ich liebe dich.“ Sie sprach als stecke ihr ein Möhrchen im Hals. Nachdem sich meine Verdutztheit gelegt hatte jubelte ich los. „Hurraaaaaaaa du bist die Erste, herzlich Willkommen, dabei fiel ich ihr um den Hals, das sie beinahe aus ihren Holzpantinen gekippt wäre. Dann brachte ich sie zu Mutter. „Hast du nicht ein paar weiche Puschen für sie bat ich, sicher hat Cousinchen Inken Blasen von den unbequemen Schuhen. „Oh nein, das ist Gewohnheitssache lachte das Cousinchen und machte sogleich einige zierliche Tanzschritte. Dann bat sie allerdings sich ausruhen zu dürfen.

Danach ging es Knall auf Fall. Cousinchen lag und träumte, da kam ein äußerst merkwürdiger Geselle daher. Er war schlank und drahtig, hatte einen dünnen schwarzen Bart und auf dem Kopf einen schrägen schwarzen Teller. Vorsichtshalber versteckte ich mich. Meine Mutter allerdings hüpfte auf ihn zu, umarmte ihn und rief immer wieder Ügo, Viginie was für eine Freude. Als sie mich sah winkte sie mich heran und stellte mit Vetter Hugo aus Frankreich vor. In seinem Rucksack hatte er eine lange Stange die er nun herauszog. Er gab sie Mutter und meinte: „Ihr eine Baguette zu die Abendbrot und eine Rotwein aus Fronkreisch.“ Dann verbeugte er sich vor mir und meinte: „allo Madmoisellchen ich brauche ein Bett für die Ohr.“ Das klang lustig und ich fing an Onkel Ügo ins Herz zu schließen. Tante Viginie sah wunderschön aus, sie trug einen kurzen Rock und weiße Stiefelchen und war wunderschön geschminkt. Ihre Wimpern fielen fast bis auf die Nase. Vater fielen fast die Augen aus dem Kopf. Mutter wurde rot und schaute bitterböse, da blickte Vater ertappt zu Boden. „Tante Viginie ist Tänzerin“ erklärte Onkel Ügo, dann verzogen sich auch die Beiden ins Heu.

Kaum einige Zeit später, kam wieder ein verwegener Geselle daher. Er trug ein leuchtend weißes Hemd, enge schwarze Hosen bis grade unterm Knie und um die Taille eine rote Schärpe. Mutter stieß mich an, denn mein Mäulchen stand staunend offen. Das ist unhöflich flüsterte sie in meine Löffel, begrüße Onkel Guiseppe, er kommt aus Italien. Dort steht alles unter Wasser und sie fahren den ganzen Tag in Booten. „Das glaub ich nicht, wo verstecken die denn die Eier? Im Wasser etwa?“ „Das kannst du Onkel demnächst alles fragen, aber lass ihn erst einmal ankommen. „Oh Signorina“, begrüßte er mich. „Ich hatte ganz vergessen welche hübschen Mädchen es hier gibt. Ich lachte und konnte mir nicht verkneifen zu fragen : „Sind deine Hosen eingelaufen von der Feuchtigkeit?“ Er lachte mit und zeigte blitzende schneeweiße Zähne, während Mama mir einen strafenden Blick zuwarf so dass ich mich lieber verkroch.

Zwei Tage lebten wir einträchtig miteinander, dann um die Mittagszeit tönte ein unbekanntes Lied durch die frühe Frühlingsluft. Ein neues merkwürdiges Hasenwesen näherte sich. Sie trug rote zierliche Lack Stiefelchen an den prallen Fellbeinchen und über dem niedlichen Po wippte ein hauchdünnes Röckchen. Sie hatte langes Haupthaar zu Zöpfchen geflochten die mit bunten Bändern verziert waren. Abwechselnd sang und spielte sie auf einer Flöte. Als sie vor uns stand klatschten alle begeistert Beifall. Das anmutige Persönchen verneigte sich und erklärte uns das es sich um Sugallo, ein ungarisches Volkslied handelte. Als sie ihre Möhren Ration gereicht bekam holte sie aus einer Felltasche ein Gläschen mit rotem Puder das sie darüber streute. „Piroschka liebt Paprika“, merkte sie an. Guiseppe verschlang sie mit seinen Augen und merkte kaum das er das angebotene Pulver benutzte. Als er herzhaft in sein Möhrchen biss kamen ihm die Tränen. Uns auch, aber vor Heiterkeit und am lautesten lachte Base Piroschka.

Zu guter Letzt nun kam ein Gast der den weitesten Weg hatte, Onkel Nikita aus Russland. Er kam aus Wladiwostok was uns wie ein Zungenbrecher erschien. Seine Erscheinung war nicht minder sehenswert als die der anderen Verwandten. Onkel Nikita trug derbe Stiefel, Pluderhosen, und einen Wams über dem Hemd. Auf seinen Kopf eine dicke Fellmütze. Ein übers andere Mal wischte er sich die Stirne. „Warm habt ihr es Towarisch“, begrüßte er meinen Vater. „Hast du nicht eine kleine Stärkung für das Onkelchen? Dann schnupperte er und lief zielstrebig auf das Fass mit dem Likör für die Likör Ostereier zu. Einfachheitshalber steckte er den Kopf hinein und soff. „Ahhhhhhhhhhh gut“, meinte er und rieb sich den Bauch. „Nastrowje“, schrie er und tauchte wieder. Mutter schnappte ihn sich und verfrachtete auch ihn ins Heu, er schlief drei Tage lang.

Mittlerweile war es Anfang April geworden und das Osterfest stand vor der Türe. Als Mutter am Morgen den Bau verließ entdeckte sie eine herrliche zierliche Lichterkette aus Papiermöhren. Dabei lag ein Brief der Bäuerin. Ich habe gesehen das sie viel Besuch bekommen haben und denke daher sie möchten ein Frühlingsfest veranstalten, Morgen bringe ich Möhrenkuchen und Möhren Brot vorbei und wünsche ein frohes Fest. Das war eine Freude. Alle halfen beim dekorieren und am folgenden Abend fand es statt unser Vorosterhasenfamilienfest. Es wurde unvergleichlich und wir werden es nie vergessen. Das holländische Cousinchen führte einen Holzschuhtanz vor.
Viginie tanzte für uns und ihren Hugo einen wilden Cancan.
Guiseppe ließ danach seine Geige schluchzen.
Piroschka erfreute uns mit einem wilden Cardasz.
Nikita zeigte uns den berühmten russischen Hocktanz, landete aber öfter mal auf seinem Hosenboden, denn er hatte alle Likör Vorräte geplündert.
Er sehnte sich nach daheim, denn in Russland werden die Eier mit Wodka gefüllt, wie ich nun weiß.
Wir aßen und tranken, tanzten und lachten, wir erzählten und tauschten Adressen aus. Dann kam die Zeit des Abschieds und für uns begann die Arbeit, denn Ostern stand vor der Türe und die Kinder warteten auf ihre Ostereier.
Jedenfalls haben wir eine Tradition ins Leben gerufen und im nächsten Jahr feiern wir das Vorosterhasenfamilienfest bei unseren Verwandten in Amsterdam aber diese unbequemen Holzpuschen werde ich nicht tragen.
©By Gitte
4
Diesen Mitgliedern gefällt das:
9 Kommentare
12.931
Herbert Lödorf aus Gelsenkirchen | 14.04.2017 | 09:05  
38.287
Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 14.04.2017 | 10:50  
7.769
Gitte Hedderich aus Herten | 14.04.2017 | 13:16  
12.155
Bernfried Obst aus Herne | 15.04.2017 | 11:05  
7.769
Gitte Hedderich aus Herten | 16.04.2017 | 07:40  
66.631
Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 17.04.2017 | 02:11  
66.631
Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 17.04.2017 | 02:12  
7.769
Gitte Hedderich aus Herten | 17.04.2017 | 17:42  
66.631
Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 17.04.2017 | 21:22  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.