Geister die ich rief!

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Geister die ich rief!
Erinnert ihr euch noch an die Zeit eurer Pubertät? Was habe ich alles angestellt. Eine Sache hab ich noch deutlich in meiner Erinnerung, denn die Geschichte hätte böse enden können.

Damals war ich vierzehn Jahre alt und besuchte die Abschlussklasse der Hauptschule. Unsere Familie war eine so genannte „Spökenkieker“ Familie. Was das ist, wollt ihr wissen? Nun Geister Geschichten, sowie Kartenlegen und übernatürliche Erlebnisse der Mitglieder waren bei uns an der Tages Ordnung. Nun endlich wollte ich, fast Erwachsen, auch meinen Teil daran haben. An diesem Donnerstag waren meine Eltern am Nachmittag bei den Großeltern eingeladen und ich hatte „sturmfreie Bude“ wie wir das nannten. In der Schule steckte ich mit meinen Freundinnen Elvira und Rita die Köpfe zusammen. „Sagt mal, habt ihr auch jemanden, der schon verstorben ist, den ihr gerne wieder sehen würdet“, fragte ich die Beiden? Ihre Augen weiteten sich, aber sie überlegten. „Meinen Großvater Franz“, begann Elvira, „er soll ein toller Hecht gewesen sein und ich hätte ihn gerne kennen gelernt, leider starb er früh.“ „Meine kleine Schwester Lilli“, flüsterte Rita und ihre Augen füllen sich mit Tränen. Lilli war vor einem Jahr mit erst zwei Lebensjahren gestorben. „Habt ihr etwas persönliches von ihnen“, wollte ich wissen? „Eine Taschenuhr“, sagte Elvira. „Eine Windel“, meinte Rita. „Was hast du damit vor“, wollten beide neugierig wissen? „Wir machen eine Seance“, verriet ich ihnen, um vier bei mir.“ Schon beendete die Pausenglocke unser Gespräch und wir machten, dass wir in unsere Klassenräume kamen. Richtig bei der Sache waren wir allerdings nicht. Die beiden aus Neugier und Spannung und ich aus Angst, mich zu blamieren.


Als meine Eltern die Wohnung verlassen hatten, begann ich mit den Vorbereitungen. Ein Mensch ärgere dich Brett überzog ich mit einer doppelten Seite aus der Mitte meines Heftes und klebte es fest. Darauf schrieb ich im Halbrund das Alphabet und in die rechte und linke Ecke Ja und Nein. Pünktlich kamen die Zwei. So richtig Bescheid wusste ich nicht, aber wie sagt man so schön? Probieren geht über Studieren. Elvira gab mir die Uhr ihres Großvaters und Rita die Windel von Lilli, ich legte den Ehering meiner Urgroßmutter Adele dazu. „Was nun“, fragten die beiden? „Nun rufen wir sie“, ordnete ich an. Elvira legte nervös kichernd die Uhr auf das Hexenbrett und rief mit verstellter Stimme: „Großvater, Großvater Franz, hörst du mich, erscheine.“ Natürlich geschah nichts. „Nun du“, sagten wir zu Rita und die folgte Elviras Beispiel. Wieder nichts. „So wird das nichts Mädel“, meinte ich, „wir müssen die Kraft verstärken. Jede legt eine Hand auf seinen Gegenstand und mit der anderen Hand fassten wir uns an und bilden eine Kette. Dann volle Konzentration.“ Drei Mädchenfäuste umklammerten sich, während die anderen Hände auf den Gegenständen ruhten und ich rief mit donnernder Stimme: „Franz, Lilli und Adele, wir rufen euch und befehlen euch zu erscheinen.“ Zitternd warteten wir, aber es geschah nichts, absolut nichts, kein Lichtstrahl, kein Tisch bebte, einfach nichts. Teils enttäuscht, teils erleichtert zuckte ich die Schultern. „Scheinbar haben die Geister um diese Zeit keine Lust“, verkündete ich. Da geschah etwas sehr merkwürdiges. Elvira lachte und es klang viel dunkler als sonst, gleichzeitig sauste ihre Rechte auf meinen Po hinab und versetzte dem einen derben Schlag. „Alle Achtung Adelchen, eine flotte Braut bist du“, sagte sie. Im gleichen Moment flog meine flache Hand auf ihre Wange und auch meine Stimme klang anders, als ich böse rief: „Franz, du alter Lustmolch halt deine Griffel bei dir, ich bin einen verheiratete Frau.“ Rita fing an zu wimmern: „Niss hauen, bitte niss hauen“ Verblüfft blickten wir und an, es hatte funktioniert und besser als wir es uns gedacht hatten, die Geister waren nicht nur gekommen, nein sie hatten auch von uns Besitz ergriffen. Nun war guter Rat teuer, wie wurden wir sie wieder los? Keiner von uns wollte als Uroma oder Großvater existieren. „Kommando zurück“, befahl ich hektisch und wieder krampften sich unsere Fäuste zusammen. „Geister verlasst unsere Körper und geht dorthin, von wo ihr gekommen seid“, befahl ich. Aber nur Rita schaute wieder normal, sie nahm Lillis Windel und verließ uns fluchtartig. Scheinbar war klein Lillis Geist noch nicht so stark wie die anderen. Ungerührt forderte Elvira/Franz mich auf: „Rück mal einen Schnaps raus, so jung kommen wir nicht wieder zusammen.“ „Das ist wieder so typisch“, meckerte Gitte/Adele, nur ans Saufen denken die Kerle. Aber eigentlich hast du Recht, ich könnte auch einen vertragen, ich holte den Wacholder aus dem Kühlschrank und wir genehmigten uns eins, zwei, drei, vier Schnäpse, dann wurden Elviras/Franzens Augen glasig und das letzte was ich vernahm, ehe auch mich der Trunkenen Schlaf übermannte war: „Scheiß Körper, der verträgt ja gar nichts.“ So kam es, dass meine Eltern als sie heimkamen zwei volltrunkene schlafende Teenager fanden. Mit nassen Tüchern und starkem Kaffee holten sie uns zurück in die raue Wirklichkeit und Vater brachte Elvira heim, während ich mich zu Bett begab. Schließlich hatten wir am anderen Tag Schulunterricht.

Als Mutter mir am Morgen das Frühstück vorsetzte maulte ich „Tee? Ich will Kaffee, einen guten starken Kaffee.“ Mutter guckte erstaunt. „Du magst doch keinen Kaffee denke ich?“ „Oh doch, ab Morgen möchte ich bitte Kaffee“, entgegnete ich, woraufhin Mutter die Schultern zuckte und „Okay“, murmelte.

Die folgenden Schulstunden flossen dahin und als bis zur Letzten nichts passiert war, atmete ich auf. Zu früh, wie sich heraus stellte. Ausgerechnet in der Mathestunde geschah folgendes. Unser Direktor, der die Stunde hielt hatte eine komplizierte Aufgabe an die Tafel geschrieben und rief nun mich nach vorne um sie zu lösen. „Na, nicht gelernt“, fragte er mit ironisch hochgezogenen Augenbrauen? Da platzte Adele der Kragen. „Was willst du Schnösel eigentlich von mir? Schließlich habe ich schon ein dutzend Kinder geboren.“ Die Klasse brach in schallendes Gelächter aus und auch der Direx konnte sich das Schmunzeln nicht ganz verkneifen, während ich zur Salzsäule erstarrt war. „Dann können gnädige Frau uns ja an ihrem reichen Erfahrungs- Schatz teilnehmen lassen“, meinte er lachend. Da schaltete sich Elvira/Franz ein. „Du alter Rüpel, lass die Frau in Frieden.“ Das war zu viel, die Hand des Direktors sauste klatschend auf sein Pult. „Ihr beiden schreibt bis Montag einen dreiseitigen Aufsatz zu dem Thema: Wie benehme ich mich in der Schule.“ Erschrocken zogen wir die Köpfe ein, das konnte ja noch heiter werden. Die beiden hatten viel stärkere Persönlichkeiten als wir und wann immer sie sprechen wollten, konnten wir es nicht verhindern. Betroffen gingen wir heim.

Zu Hause bereitete Mutter den Rotkohl für das Sonntagsgericht zu. „Du musst einen Apfel und einen Löffel Kirsch Marmelade dazugeben“, riet ich ihr. „Woher nimmst du deine Weisheiten“, fragte sie spitz und da kamen mir die Tränen. Bestürzt hielt sie inne, nahm mich in den Arm und fragte behutsam: „Was ist geschehen.“ Die ganze unselige Geschichte sprudelte nur so aus mir heraus und es erleichterte mich ungemein. Mutter wusste Rat. Sie schickte mich sofort los, Elvira holen, während sie meinen Großvater herbrachte. Die beiden fassten sich wie wir zuvor an ihren Händen und sprachen:
„Widerrechtlich habt ihr diese Körper genommen
Geht wieder dahin, woher ihr gekommen.“
Zuerst geschah nichts, außer das wir uns unwohl fühlten, aber die Beiden sprachen den Satz immer und immer wieder und wurden lauter und fordernder. Endlich erfasste mich ein Gefühl unsagbarer Leichtigkeit. Wir waren befreit, die Beiden hatten die Geister besiegt. Heulend versprach ich nun künftig die Finger von der Zauberei zu lassen, zumindest ohne Anleitung.
Ach ja, Rotkohl essen wir nun immer mit Apfel und Kirsch Marmelade und denken dabei an Uroma Adele.
© By Gitte
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6 Kommentare
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Christiane Bienemann aus Kleve | 02.04.2016 | 09:55  
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Gitte Hedderich aus Herten | 02.04.2016 | 18:10  
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Melanie Busche aus Menden (Sauerland) | 02.04.2016 | 20:51  
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Gitte Hedderich aus Herten | 03.04.2016 | 06:32  
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Elisabeth Jagusch aus Schermbeck | 04.04.2016 | 17:05  
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Gitte Hedderich aus Herten | 04.04.2016 | 18:37  
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