Hallimasch zu Halloween

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Hallimasch zu Halloween!
In diesem Jahr buchten wir unseren Urlaub schon im Frühling und weil es uns dort im Sauerland so gefiel gleich im Herbst erneut. Als ich meiner Tante Edith davon berichtete und ihr die Bilder zeigte, meinte sie: „Das wäre auch etwas für mich“ und spontan bot ich ihr an: „Komm uns doch einfach übers Wochenende besuchen.“ Sie überlegte kurz und meinte: „Abgemacht.“ Danach suchten wir das Datum aus und entschieden uns schließlich für den letzten Oktobertag.

Die Wochen verstrichen wie in Fluge und dann war es soweit. Am letzten Oktoberwochenende reisten wir dorthin und einige Tage später traf Edith ein. Jürgen holte sie am Bahnhof in Bestwig ab und ich erwartete beide zur Mittagszeit. Wie angenommen was Edith entzückt von dem kleinen Waldhäuschen. Nachdem wir gegessen hatten ruhten wir ein wenig aus und machten dann einen kleinen Erkundungsgang. Was Edith vor allem begeisterte waren die Unmengen Pilze, die dort wuchsen. „Hallimasch“, jauchzte sie. „Sieh nur, jede Menge Hallimasch. Was ist, magst du keine Pilze?“ Meine eher verhaltene Reaktion verwunderte sie, denn eigentlich war ich von allem was so wuchs, kreuschte und fleuchte begeistert. „Ich weiß nicht“, sagte ich lahm. „Weißt du, dass Mutti mal eine schwere Pilzvergiftung hatte?“ Edith legte den Kopf ein wenig schief, wie immer wenn sie nachdachte. „Dunkel kann ich mich entsinnen, wie war das noch“, wollte sie wissen? Ich hakte mich bei ihr ein und beim Wandern berichtete ich ihr: „Mutti aß Pilze für ihr Leben gern, besonders Hallimasch. Irgendjemand hatte ihr das Märchen aufgetischt, das man nur einen silbernen Löffel hineinlegen muss und wenn der nicht anläuft ist kein giftiger Pilz dabei.“ Edith lachte: „Die Legende kenne ich auch, sie hat das doch nicht geglaubt, oder?“ „Leider doch“, berichtete ich weiter. „Zu allem Überfluss hat Oma Maria auch noch ihr Wundermittel, dass Jahre alte Lourdeswasser angewendet. Mutter war zu schwach sich zu wehren, hat sich dann aber Gott sei dank davon übergeben. Vater brachte sie danach in die Klinik und man spülte ihr den Magen aus. Dabei fand man heraus, das ein Knollenblätterpilz dabei gewesen ist.“ „Ach du liebe Zeit“, meinte Edith erschrocken. „da hat sie aber mächtig Glück gehabt.“ „Du sagst es, seitdem waren Pilze, die nicht aus der Dose stammen in unserer Familie ein Tabu.“ „Papperlapapp“, meinte Edith, „ich kenne mich aus, Onkel Wolfgang hat mir das gelernt, hier gibt es jede Menge Hallimasch, ich nehme welche mit, du kannst ja überlegen, ob du mit isst, oder nicht.“ Sie zog einen Beutel aus ihrer Jackentasche und pflückte drauf los.

Wieder daheim wusch Edith die Pilze und dann bat sie mich ihr beim Saubermachen zu helfen. „Der sieht komisch aus“, merkte ich an und zog einen Pilz mit einem dünnen Stiel heraus. „Ach was, der ist noch klein und zart“, tat Edith meinen Einwand ab und Schulter zuckend gab ich ihn dazu. Danach briet Edith Speck und Zwiebeln in Butter an und gab die Pilze dazu. Ein geradezu göttlich leckerer Geruch durchzog die Wohnung und ob wir nun wollten, oder nicht uns lief das Wasser im Munde zusammen. Ungerührt bereitete Edith sich einen Teller zu und merkte schmunzelnd an: „Dir läuft ja schon der Sabber aus dem Mund, wie gesagt, wenn ihr mögt könnt ihr mitessen, es ist genug da.“ Da war es um unsere Willenskraft geschehen, ich flitzte in die Küche und in Windeseile standen zwei Teller mit herrlich duftenden Pilzen vor Jürgen und mir. „Guten Appetit“, wünschte Edith und wir mampften um die Wette. „Boh“, stöhnte ich schließlich und rieb meine prallen Bauch, „bin ich voll.“ Tatsächlich hatten wir die große Pfanne leer gegessen, es hatte herrlich geschmeckt. „Wisst ihr was, ich brauche einen Schnaps“, merkte ich an und holte eine Flasche Obstler aus dem Schrank. „Das ist eine gute Idee, mir bitte auch einen“, bat Edith und so schenkte ich für alle ein.

Draußen begann sich der Himmel zu färben und ein prächtiger Sonnenuntergang leitete den Abend ein. Leise Musik lief und wir genossen träge den Ausblick im Wintergarten. Plötzlich musste ich kichern. Mitten im herrlichen Rosa des Sonnenunterganges erschienen purpurfarbene schillernde Blasen. „Man seht ihr das? Das nenne ich gittig“, hauchte ich hingerissen. Da klopfte es an der Türe. Zuerst sperrte ich Wolf, unseren Schäferhund ein, denn wenn er hier das Weite suchte, würden wir ihn lange nicht finden. Dann öffnete ich die Türe. Draußen stand ein zitterndes Skelett. „Darf ich eintreten“, fragte es höflich und seine Knochen klapperten, so sehr zitterte es. „Es ist Heute sehr kalt draußen“, fügte es an. Natürlich“, antwortete ich, griff nach seinem Unterarmknochen und zog es hinein, dann schloss ich die Türe wieder. Wie erwachend schlug ich gegen meine Stirne. „Stimmt, heute ist Halloween, das hatte ich ganz vergessen.“ Das Skelett nickte und seine Halswirbel knirschten dabei. „Oh ja, heute haben wir Ausgang und wollten natürlich viel erleben, es muss ja für ein Jahr reichen.“ „Armes Skelett“, bedauerte ich es und die Tränen stiegen in meine Augen. „Wie heißen sie eigentlich“, fragte ich nach. „Bitte verzeihen sie meine Unhöflichkeit, ich bin Adalbert, Gustav Drossel.“ Dabei machte er eine angedeutete Verbeugung. „Ich bin schrecklich aufgeregt, nur einmal vor zirka zehn Jahren fanden wir hier Einlass, die letzten Jahren irrten wir an unserem freien Abend nur herum und mussten im Morgengrauen erschöpft und ohne ein erquickliches Erlebnis wieder in unser Grab zurück kehren.“ „Drossel“, überlegte ich laut, „sind sie etwa mit unseren Wirtsleuten verwandt?“ Eifrig nickte das Skelett und dabei löste sich der Kopf und plumpste in den vor ihm stehenden Sessel. „Bitte verzeihen sie, wie ungeschickt. Ich bin der Ur Urgroßvater der heutigen Wirtin und damals ziemlich unspektakulär bei einem Sturz vom Heuboden zu Tode gekommen. Seitdem hält das Genick nichts mehr aus.“ „Das macht doch nichts“, entgegnete ich und reichte ihm seinen Kopf, den er dankbar entgegen nahm und wieder aufsetzte. „Sie haben wir gesagt“, erinnerte ich mich laut, „wer ist denn wir?“ Trotzdem die Gesichtszüge fehlten sah ich, dass er irritiert war. „Sie sagten wir fanden vor zehn Jahren hier Einlass“, erklärte ich. „Oh ja, wir gehen immer zu zweit los, wissen sie die Zeiten sind so unsicher geworden, meine Gattin wartet draußen.“ „Das geht aber gar nicht“, tadelte ich ihn, „ihre arme Frau.“ Schnell öffnete ich die Türe und blickte mich um. Richtig, in der Veranda ecke blinkten weiße Knochen im Schein des mittlerweile aufgegangenen Mondes. „Bitte treten sie ein“, forderte ich das Skelett auf das schüchtern dort gewartet hatte. „Danke sehr, sehr freundlich von ihnen“, flüsterte ein leise devote Stimme. „Nun sind wir eine richtige Gesellschaft geworden“, freute ich mich und nickte Jürgen und Edith zu, „das muss gefeiert werden.“ Zuerst bot ich den Gästen nun einen Platz an und legte fürsorglich ein Kissen in den jeweiligen Sessel, es musste sehr unbequem sein auf diesen spitzen Gesäßknochen zu sitzen und sie sollten sich ja wohl fühlen, dann holte ich noch zwei Stamper aus dem Schrank und goss Obstler nach. „Prosit, zum Wohl“, wünschte ich und wir kippten den scharfen Schnaps hinunter. Die Männer schüttelten sich in wohligem Schauer und wir Frauen husteten ein wenig. Das weibliche Skelett stellte sich nun als Amalie Agathe Drossel vor, sie war kleiner und zierlicher als ihr Mann Adalbert. Es dauerte eine Weile, bis ich merkte das sie das noch auf dem Tisch stehende Brot fixierte. „Wie unaufmerksam“, entschuldigte ich mich. „Sicher haben sie entsetzlichen Hunger, bitte greifen sie doch zu. Edith eilte in die Küche und besorgte Butter und Aufschnitt. Schnell bereitete sie einige appetitlich aussehende Schnittchen und verzierte sie mit kleinen Gurken und Tomaten schnitzen. Die Augen unserer Gäste wurden immer begehrlicher, auch wenn man sich zuerst an das rote Glimmen gewöhnen musste. „Bitte sehr“, Edith reichte die Platte herum und unsere Gäste bedienten sich. Kaum jedoch hatte ein Bissen den Eingang hinter das Gebiss gefunden, rutschte er hinab und lag alsbald auf dem Sessel. Agathe bemerkte es und man sah es war ihr peinlich. Begütigend legte ich meine Hand auf ihren Unterarmknochen. „Das macht doch nichts, wir haben im Alter alle unsere kleinen Macken“, tröstete ich sie. Agathe war verdutzt, doch dann lachte sie fein und leise, es hatte Ähnlichkeit mit Vogelgezwitscher. Verliebt blickte Adalbert sie an und ich konnte verstehen, dass dieses bezaubernde Geschöpf ihn damals in seinen Bann geschlagen hatte. Im Radio ertönte plötzlich ein Tango. Adalbert erhob sich, blickte mich bedauernd an und erklärte: „Der Tango war immer unser Tanz, bitte verzeihen sie, wenn ich zuerst meine Gattin bitte.“ „Aber sicher, bitte tanzen sie nur“, bat ich und freute mich insgeheim, nicht von diesen kalten harten Armen umgriffen zu werden. Adalbert verbeugte sich vor seiner Gattin, diese neigte graziös ihren blanken Schädel und dann legten die zwei einen perfekten Tango auf die Dielen. Träumend sahen wir ihnen zu, sie tanzten und tanzten und die Nacht verrann wie im Fluge. Schließlich ließen sie sich erschöpft nieder und wir tranken noch ein Glas Wein miteinander. Dann zeigte Adalberts langer weißer Finger hinaus und wir sahen am Horizont einen schmaler grauer Streifen. „Es beginnt zu Tagen, wir müssen heim“, meinte er bedauernd. „Haben sie unseren Dank für die unvergessliche Nacht und ihre Gastfreundschaft, vielleicht sehen wir uns im nächsten Jahr wieder?“ Ich hörte die begehrliche Frage heraus und nickte. „So Gott uns am Leben erhält gern“, antwortete ich gedankenlos und erbleichte. „Bitte verzeihen sie, wie unhöflich von mir“, merkte ich an. Doch Adalbert winkte ab. „Wir mussten uns auch erst an diesen neuen Zustand gewöhnen“, meinte er und nun Adieu, schlafen sie wohl.“ Die Beiden verließen uns. „Was für nette wohlerzogene Geister“, freute ich mich und dann gingen wir zu Bett.

Am nächsten Morgen erhob ich mich gähnend. Ich reckte und streckte mich. Als ich aus dem Schlafzimmer kam, ging auch die Türe des Kinderzimmers auf und Edith kam heraus. „Ich hatte einen seltsamen Traum“, sagten wir gleichzeitig und mussten lachen. „Wir leben noch ein Jahr miteinander“, meinte ich, denn so sagt man wenn zwei zur gleichen Zeit dasselbe sagen. Wir gingen in den Wintergarten und was sahen wir? Vier Schnapsgläser standen auf dem Tisch. Verdutzt blickten wir uns an. „Adalbert“, fragte ich. Edith erbleichte „und Agathe“, nickte sie. Schweigend räumten wir auf. An diesem Morgen waren wir ein wenig wortkarg. Nach dem Frühstück blätterte ich in dem ältesten der drei vorhandenen Gästebücher und fand was ich suchte. Letzte Nacht hatte wir liebe Gäste stand da unter 31.10. vor zehn Jahren. Aber das glaubt uns keiner. Am Nachmittag wanderten wir zum alten Dorffriedhof. Ich hatte zwei Rosen mitgenommen und nach einigem Suchen fanden wir auch die Gruft von Adalbert und Agathe. Im Geiste sah ich die Beiden vor mir. Wie schön, Liebe über den Tod hinaus.

Waren es nun die Pilze, oder Halloween, oder Beides? Ach eigentlich egal, jedenfalls ein schönes Erlebnis.
©By Gitte
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8 Kommentare
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Herbert Lödorf aus Gelsenkirchen | 21.10.2016 | 08:14  
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 21.10.2016 | 09:29  
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Gitte Hedderich aus Herten | 21.10.2016 | 10:42  
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 21.10.2016 | 13:24  
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 21.10.2016 | 13:25  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 01.11.2016 | 06:50  
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Gitte Hedderich aus Herten | 01.11.2016 | 14:04  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 01.11.2016 | 14:48  
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