Halloween

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Halloween!
Bald ist es wieder soweit, der Sommer neigt sich dem Ende zu und der Herbst beginnt. Dann habe ich Geburtstag, genau auf Halloween. Immer wieder kommt die Erinnerung hoch an jenen Geburtstag vor einigen Jahren, an dem ich sechzehn Jahre alt wurde und meine Freundinnen sich eine ganz besondere Überraschung für mich ausgedacht hatten.

Die Idee dazu hatte Marion, seit fünf Jahren meine Freundin und Vertraute. Was hatten wir schon gemeinsam erlebt. Die letzten zwei Jahre hatten wir Seite an Seite im Krankenhaus gearbeitet. Während meiner Katchumänen und Konfirmanden Zeit hatte ich dort Sonntagsdienst gemacht, als Kirchenersatz. Das gefiel mir so gut, dass ich es beibehielt. Marion besuchte die Realschule und drückte zwei Jahre länger die Schulbank als ich. Mit vierzehn Jahren begann ich eine Lehre als Verkäuferin und ging weiter an meinem freien Mittwochnachmittag ins Krankenhaus. Marion begleitete mich. Wir waren auf der gleichen Station und hatten auch sehr viel Spaß miteinander. Beide himmelten wir einen hübschen Pfleger an und suchten oft seine Nähe, bis er das erste Mal mit uns sprach und dabei heftig lispelte. Wir holten den riesigen Essenswagen aus dem anderen Haus, verteilten, reichten an, räumten ab, lernten die Leute über den Flur zu begleiten, Spitzen sterilisieren und vieles mehr. Gemeinsam fuhren wir nach Düsseldorf und erkundigten uns nach einer Ausbildung zur Krankenschwester, doch während meine Freundin sich für diesen Beruf entschied, waren mir die Regeln zu streng. Außerdem wollte ich nicht zu Hause ausziehen. Marion war einige Monate älter als ich und hatte im April ihre Ausbildung begonnen und sie hatte die Möglichkeit alles für diesen Plan zu besorgen, den sich die Clique für mich ersonnen hatte.

Marion war klein und besaß schon früh eine weibliche Figur, sie hatte eine sehr schöne glatte zarte Haut und trug ihre dunkelblonden Haare mittellang. Oft kleideten wir uns gleich, obwohl ich spindeldürr war bewunderten uns gegenseitig, aber ich hätte gerne mit Marion getauscht.
Monika war Marions Cousine und unsere gemeinsame Freundin, sie war bildschön und wir bewunderten sie sehr. Sie besaß lange glatte blonde Seidenhaare, eine wundervolle schlanke biegsame Figur, große Augen von einem herrlichen Himmelblau. Sie trug oft Trenchcoats, Baskenmützen und pastellfarbene Ballerinas, auf Schal und Mütze abgestimmt, viele hielten sie für eine Französin, sie war Tres chic.
Dann gab es da noch eine zweite Monika, wegen ihrer vorstehenden Schneidezähne Häschen genannt, sie hatte dichtes schulterlanges gewelltes Haar, richtige Wolle, die jede von uns gern gehabt hätte.

Wir vier feierten nun in meinen sechzehnten Geburtstag hinein, es war ein Donnerstagabend und den anderen Tag hatten wir uns frei genommen. In dem Haus von Marions Eltern gab es einen Partykeller, den hatte man uns zur Verfügung gestellt. Meine Freundinnen warfen sich immer wieder verstohlene Blicke zu und ich ahnte schon, das sie etwas im Schilde führten. Argwöhnisch betrachtete ich sie der Reihe nach, aber wenn sie es bemerkten, setzten sie betont harmlose Gesichter auf. Es gab eine Feuerzangenbowle, die wir allerdings mit Orangensaft entschärft hatten. Irgendetwas war seltsam an jenem Abend, ich war schläfrig, sehr schläfrig, ich wunderte mich noch darüber dass meine Freundinnen albern kicherten und dann sackte ich weg.

Wie lange ich geschlafen habe weiß ich nicht, aber als ich erwachte wunderte ich mich über die herrschende Stille. Mein Kopf brummte und hämmerte, vorsichtig richtete ich mich auf. Benommen schaute ich nach meinen Freundinnen. Langsam, ganz langsam erfasste mein Gehirn die Bilder, die meine Augen sendeten und weigerte sich zu glauben was es da sah. „Marion“, stammelte ich erst fassungslos. „Marion“, schrie ich entsetzt. Völlig fassungslos betrachte ich die blutverschmierten Gestalten meiner Freundinnen. Als mein Blick an mir entlang glitt, bemerkte ich, dass auch meine Kleider blutgetränkt waren, auch an meinen Händen klebte Blut. Was hatte ich getan? Wir hatten doch völlig harmlos zusammen gesessen, hatte ich etwa meine Freundinnen umgebracht? Sicher hatten sie mir etwas ins Getränk getan, aber was? Rauschgift? Hatte das mich so enthemmt, dass ich sie getötet hatte? Aber warum? Das alles war eine Sache von Sekunden, dann drehte ich mich auf dem Absatz herum und hetzte aus der Wohnung. Deshalb sah und hörte ich auch nicht, wie sich meine Freundinnen erhoben hatten und nach mir riefen.

Voller Panik hetzte ich davon. Mörderin, tönte es in meinem Kopf, du bist eine Mörderin. Wo sollte ich nur hin? So blutverschmiert konnte ich nicht nach Hause gehen, was sollte ich meinen Eltern sagen? Trotzdem schlug ich instinktiv den Weg nach Hause ein. Als ich am Friedhof vorbei hetzte, kam mir der Gedanke mich an einem der Brunnen notdürftig zu säubern. Wenigstens das Blut meiner Freundinnen wollte ich von meinen Händen waschen. Mein Eigenes brauste in meine Ohren. Hektisch begann ich unter dem Hahn meine Hände zu reiben, Leiser Singsang tönte an mein Ohr und ich lachte bitter. Halloween, ich war nun sechzehn Jahre alt und stand hier auf dem Friedhof voller Panik, war in dieser Nacht zur Mörderin geworden und befand mich in der Gesellschaft von Freaks, die hier ihre perversen Partys feierten. Ein völlig irres Gelächter stieg in meine Kehle, das ich gewaltsam unterdrückte, wenn ich mich dem Lachreiz überließ, würde ich völlig abheben, das spürte ich. Die Anstrengung und der genossene Alkohol ließen Übelkeit hochsteigen, ich schwankte zwischen irrem Gekicher und würgen. Ein Ton drang an mein Ohr und ließ mich erstarren. Mein Handy klingelte. Langsam, als drohe mir auch von ihm Gefahr, öffnete ich es und starrte auf das Display. Das Singen hatte aufgehört, sicher hatten die Feiernden Angst bekommen und beobachteten mich nun. Marion ruft an stand da geschrieben. Marion? Marion war tot, genau wie Monika und Häschen. Ob Monika nach einem Jahr unter der Erde immer noch schön war? Sicher nicht. Wie konnte Marion mich anrufen? Sicher hatte man die Leichen gefunden und die Polizei suchte schon nach mir, wenn ich mich meldete verriet ich mich sicher, ich warf das Handy fort und hetzte erneut in Panik durch die Nacht, Nach Hause dröhnte es in meinem Kopf, nach Hause.

Derweil waren meine Freundinnen genau so entsetzt von Ausgang der Party wie ich. Marion hatte aus dem Krankenhaus Labor eine Blut Konserve gestohlen und mir KO Tropfen in mein Glas gegeben. Als ich hinüber war hatte sie meine Freundinnen, sich selbst und mich mit dem Blut eingeschmiert. Sie wollten mein entsetztes Gesicht sehen und dann Happy Halloween rufen, waren aber selbst eingeschlummert und erst das Zuschlagen der Türe zum Partykeller hatte sie geweckt. Eigentlich wollten sie mit nachlaufen, besannen sich aber im letzten Moment, vier panikartige blutbeschmierte Frauen würden Jedem auffallen. So liefen sie schnell in Marions Wohnung, wuschen sich und zogen sich in Windeseile um. Marion war in Minutenschnelle fertig und versuchte mich anzurufen um den daneben gegangenen Scherz aufzuklären. „So ein Mist, sie geht nicht ran“, teilte sie den anderen mit und betroffen machten sich alle auf der Suche nach mir.

Mein Gehirn arbeitete wieder, ich würde nicht aufgeben, ich würde auch nicht ins Gefängnis gehen, schließlich hatte ich ja das Rauschgift nicht freiwillig genommen, war also auch nicht für die Folgen verantwortlich, ich würde Aussagen, das ich früher gegangen war, weil mir nicht gut war. Keiner durfte mich bemerken, zuerst musste ich ungesehen in unsere Wohnung kommen, dann die Kleidung verschwinden lassen, ich würde sie in den Keller legen, unter die Kartoffeln. Im Keller roch es immer muffig das würde nicht so schnell auffallen und das Licht war auch nicht gut. Dann konnte ich in Ruhe überlegen wo ich sie entsorgte, damit man sie nicht fand. Vielleicht im See. Das war gut, in einer Plastiktüte im See, mit Steinen beschwert damit sie nicht wieder hoch kam und wenn das Wasser abgelassen wurde? Quatsch, warum sollten sie das tun? Weil der See verschlammt und sie ihn ausbaggern müssen, wie vor Jahren schon einmal. Blödsinn, weg mit den Gedanken jetzt erst mal das Nächste erledigen.

Leise schloss ich die Haustüre auf und schlich mich die Treppe hinauf in mein Zimmer. Meine Hände zitterten dermaßen, das ich glaubte ich schaffe es nicht die Türe aufzuschließen. Ruhig atmen rief ich mich zur Ordnung. Gut das mein Zimmer einen separaten Eingang besaß. In Windeseile entledigte ich mich meiner Kleidung und zog mir andere an. Die alte stopfte ich in eine Plastiktüte und schlich mich damit in den Keller. Gerade begutachtete ich mein Werk, als mich Stimmen im Hausflur über mir erneut erstarren ließen. Das hörte sich an wie Marion und ich hatte gedacht ich hätte mich wieder im Griff. Dann antwortete meine Mutter und danach redeten mehrere Personen durcheinander, was sich anhörte als schnatterten meine Freundinnen aufgeregt. Da kamen mir die Tränen. Nie wieder würden wir zusammen schnattern oder gackern. Ach du liebe Zeit, Schritte näherten sich der Kellertüre, sie öffnete sich und Marion schaute hinunter, geradewegs in meine Schreckgeweiteten Augen, ich war wie paralysiert. Dann schrie ich: „Geh weg, geh bitte weg“ und bedeckte mein Gesicht mit den Händen. Plötzlich fühlte ich mich umarmt und es fühlte sich genau wie Marions Umarmung an, mehr noch, es roch auch wie Marion und ich öffnete vorsichtig die Augen. „Es war doch ein Scherz“, sagte sie und weinte ebenfalls. „Mein Gott, wenn ich geahnt hätte was ich damit anrichte, bitte verzeih mir.“ Zuerst konnte ich es nicht fassen und griff nach ihr. „Ihr lebt“, fragte ich ziemlich begriffsstutzig nach. „Natürlich zu Schäfchen“, antwortete sie und zog mich hinter sich her nach oben zu den anderen. „Happy Halloween“, tönte es ziemlich kleinlaut.

Bleibt nur noch zu erwähnen, dass die anderen späteren Geburtstage verhältnismäßig langweilig abliefen.

© By Gitte
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13 Kommentare
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Christiane Bienemann aus Kleve | 14.10.2016 | 06:20  
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Herbert Lödorf aus Gelsenkirchen | 14.10.2016 | 07:30  
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 14.10.2016 | 08:14  
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Gitte Hedderich aus Herten | 14.10.2016 | 08:37  
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 14.10.2016 | 10:34  
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Renate Smirnow-Klaskala aus Essen-Nord | 14.10.2016 | 17:29  
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Gitte Hedderich aus Herten | 14.10.2016 | 20:08  
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Hanni Borzel aus Arnsberg | 14.10.2016 | 23:16  
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Gitte Hedderich aus Herten | 15.10.2016 | 06:22  
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Christiane Bienemann aus Kleve | 15.10.2016 | 10:21  
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Gitte Hedderich aus Herten | 15.10.2016 | 10:46  
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Eckhard Schlaup aus Gladbeck | 18.10.2016 | 17:00  
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Gitte Hedderich aus Herten | 19.10.2016 | 08:31  
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