Hexe

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Hexe!
Es dauerte lange, bis Katharina es merkte. Als Kind schon hatte sie sich oft gewundert, dass immer alles nach ihren Wünschen lief.

Da war die Sache mit Nati. Katharina wurde Kati gerufen, Renate nannte man Nati. Kati und Nati waren Nachbarskinder und spielten daher häufig miteinander. Eigentlich ließ Nati Kati immer mitspielen, denn erstens war sie ein Jahr älter, zweitens hatte sie weitaus mehr Spielzeug und durfte auch zu Hause erheblich mehr als Kati. Kurz gesagt, Kati wurde sehr eifersüchtig auf Nati.

Dann kam Natis fünfter Geburtstag heran. Schon Tage vorher fraß sich der Neid in Katis kleinem Herz. Ganz sicher würde es wieder ein tolles Fest geben, mit jeder Menge Schokoladenkuchen und Limonade, alle würden sich schmutzig machen und nur Kati würde danach Schimpfe bekommen. Am Vortage seufzte Kati, es war so gemein … diesmal will ich einen schönen Geburtstag haben … wünschte sie sich ganz fest.

Am nächsten Morgen klopfte es früh an der Türe. Es war Natis Mutter, sie sah verweint aus. „Ich will nur schnell Bescheid geben“, sagte sie. „Der Krankenwagen hat Nati gerade abgeholt, es besteht der Verdacht auf Diphtherie, die Geburtstagsfeier fällt leider aus“.
Verwundert hörte Kati zu. Nati tat ihr sehr leid.
„Mama, können wir Nati nicht besuchen fahren“, fragte sie.
„Das hat keinen Zweck, sie liegt auf der Isolierstation“, erklärte Natis Mutter.
„Wir fahren trotzdem hin“, entschied Katis Mutter, „vielleicht machen sie dort an ihrem Geburtstag ja eine Ausnahme.

Am Nachmittag fuhren alle in die nächste Stadt zur Kinderklinik, in die man Nati gebracht hatte. Nein, man dürfe sie leider nicht zu ihr lassen, aber man wolle ihnen das Fenster zeigen, hinter dem Nati lag, sagte man ihnen dort. So standen sie alle in den Krankenhausanlagen und sahen zu Natis Fenster hinauf. Nati erschien hinter der Scheibe, ihr Zimmer lag im zweiten Stock. Sie sah sehr blass und unendlich traurig aus und Kati schämte sich ein wenig, dass sie so eifersüchtig gewesen war und es ihrer besten Freundin nun so schlecht ging.

Nati blieb noch lange im Krankenhaus, beinahe sechs Wochen. Danach war sie noch sehr angegriffen. Man feierte ihren Geburtstag zwar nach, aber nur im kleinen Kreise, es wurde keine große Feier wie sonst. Katis Geburtstag kam heran. Sie hatte sich ja gewünscht, dass es in diesem Jahr so ein tolles Fest werden würde, wie sonst Nati es immer hatte. Als sie am Morgen erwachte, hörte sie Musik. Verwundert schaute sie sich um, ihre Mutter hatte den Plattenspieler bedient, denn sie hatte ihr die Platte von den zwei Königskindern geschenkt, außerdem bekam sie noch eine Märchenplatte mit Rotkäppchen darauf. Beim Frühstück stand ein Schokoladenkuchen auf dem Tisch und der Tag hielt, was er am Morgen versprochen hatte: Er war voller Überraschungen. Sie bekam eine wunderschöne Puppe, die sie wegen ihrer wunderbaren blauen Augen Aquamarina taufte. Ihre Tante kam vorbei und lud sie in die Eisdiele ein, dort konnte sie bestellen, so viel sie nur wollte und von Nati bekam sie ein wunderschönes Märchenbuch geschenkt. Katis Welt war wieder in Ordnung. Fürs erste……


Zwei Jahre später wurde Kati eingeschult. Sie bekam eine sehr strenge Lehrerin. Fräulein Stecher war schon alt und sie hielt noch an der Prügelstrafe fest. Benahm sich ein Kind daneben, sauste das allseits gefürchtete Lineal auf dessen Hand. Eines Morgens hatte Kati während des Unterrichts geschwätzt. Fräulein Stecher wieselte herum und holte mit dem Lineal weit aus. Aus Schreck geweiteten Augen sah Kati das Lineal auf ihre Hand niedersausen. Fortziehen nütze nichts, dann musste man die Hand ausstrecken und der Schlag war noch viel heftiger. Im gleichen Moment, als das Lineal auf ihre Hand herab sauste, dachte Kati bei sich „Der liebe Gott sollte Dir die Hand brechen, damit du damit nicht mehr schlagen kannst!“
Gottergeben schloss sie ihre Augen und erwartete den Schmerz. Doch …… der blieb aus.
Die Ereignisse überschlugen sich. Fräulein Stecher hatte in ihrer Wut den Stuhl übersehen, der in der Bank vor Kati stand. Die Wucht ihres Schlages wurde abrupt gebremst, als das Handgelenk der Lehrerin auf dessen Lehne aufschlug. Nun war es Fräulein Stecher, die vor Schmerzen schrie. Kati riss die Augen auf. Es gab ein schreckliches knackendes Geräusch, als das Handgelenk brach, die Hand stand nun in einem seltsamen Winkel und das Lineal entfiel ihren gefühllos gewordenen Fingern. Fräulein Stechers Hand heilte in Folge ihres Alters nicht gut, sie ging daher in Rente. Wieder ging es Kati gut.

Die nächste unhaltbare Situation folgte bald darauf, Katis Mutter hatte einen Freund und verließ die Familie. Kati kam zu einer Tante. Heinz, so hieß der neue Freund von Katis Mutter war Busfahrer von Beruf und war ein sehr gut aussehender Mann – fast wie ein Schauspieler.
Katis Vater konnte da nicht mithalten.

Kati überlegte nun, wie sie dem neuen Freund ihrer Mutter Schaden zufügen könnte……. Wenn er doch nur nicht so gut aussähe….dann wäre ihre Mutter nicht so verliebt in ihn und würde sicher wieder zum Vater zurückkehren und sie könnten wieder eine richtige Familie sein…...

Beiläufig erkundigte sie sich nach seinen Dienstzeiten.
Als sie sicher sein könnte, dass Heinz am Steuer seines Busses saß, zog sie sich in ihr Zimmer zurück und stellte sich vor, wie er auf dem Fahrerstuhl saß und den Bus lenkte. Dann ließ sie in Gedanken ein Kind auf die Straße rennen, sie sah, wie das Gesicht von Heinz sich verzerrte, sie ließ ihn auf die Bremse treten, durch die Vollbremsung rammte sein Gesicht die Scheibe, die zerbarst in tausend Scherben und zerschnitt sein einst so schönes Gesicht.
Langsam kehrte Kati in die Gegenwart zurück, ihre Tante rief sie zum Abendbrot. Den Abend verbrachte sie in seltsamer Gespanntheit.

Am späten Abend klingelte das Telefon, Katis Tante nahm ab und wurde immer blasser. „Das ist ja furchtbar“, sagte sie nur, bevor sie auflegte. Kati erwartete gespannt ihren Bericht. „Das war deine Mutter“, sagte ihre Tante schließlich, „ihr Freund Heinz hatte einen schrecklichen Unfall“. „Den hat er auch verdient“, entgegnete Kati ungerührt. Ihre Tante sah sie entsetzt an. „Das ist nicht dein Ernst“, meinte sie geschockt. Kati besann sich, sie würde besser auf das aufpassen müssen, was sie so sagte……
„Was hat er denn“, erkundigte sie sich nun scheinbar teilnehmend. „Sein Gesicht ist total zerschnitten“, berichtete Katis Tante. „Der Arme“, sagte Kati bedauernd. Dann ging sie zu Bett und malte sich aus, wie es war, wenn ihre Mutter zurückkam. Sie hatte die Familie gerettet und keiner wusste es.

Doch das Schicksal wollte es anders, nun musste Kati schmerzhaft lernen, dass zwar ihre Wünsche das Schicksal beeinflussen konnten, aber es oft doch anders als geplant kam.
Katis Mutter kam nicht zurück. Zum einen war sie zu stolz, zum anderen hatte sie Mitleid mit dem entstellten Heinz. Außerdem glaubte sie, dass sei die Strafe für ihren Ehebruch. Dieses Mal ging es Kati nicht gut, sie hatte versagt.

Die Spannungen zwischen ihrer Tante und Kati wurden nach diesem Vorfall immer größer, immer häufiger stritten sie. Die Tante hielt Kati für gefühlskalt und versuchte, sie mit wachsender Strenge zu erziehen.

Eines Tages, als sie wieder einmal besonders heftig aneinander geraten waren, murmelte Kati …. „Ich wünsche Dir die Pest an den Hals….“
Sie hatte nicht einmal nachgedacht dabei.

Es kam, wie es kommen musste, am anderen Morgen als ihre Tante nach dem Aufstehen in den Spiegel sah, schrie sie auf, ihr Hals war von einem ekeligen Ausschlag bedeckt. Der Hautarzt, den sie damit konsultierte, steckte sie sofort in eine Klinik auf die Isolierstation und nur Kati wusste warum.
Sie kam nun zu ihren Großeltern. Das wäre nicht nötig gewesen, sagte sie sich und nahm sich vor, in Zukunft vorsichtiger zu sein.

Als Kati acht Jahre alt war, trat das nächste Mal der Neid an sie heran. Christiane war ihre Klassenkameradin. Sie lud Kati zu sich nach Hause ein. Als Kati vor ihrem Haus stand, staunte sie sehr, welch ein wunderschönes Haus. Es passte alles, Christiane war ein hübsches Mädel, sie wohnte in einem schicken Haus, das einen traumhaften Garten besaß. Als sie geklingelt hatte, öffnete Christianes Mutter, sie war eine schöne Frau, herzlich begrüßte sie Kati und führte sie zur Terrasse, dort wartete Christiane schon auf sie, es war ein schwüler Tag und es würde ein Gewitter geben. Während sie Mensch ärgere dich nicht spielten, ärgerte sich Kati mächtig…..

Warum besaß Christiane alles und sie nichts, ob diese überhaupt eine Ahnung hatte, wie es sich in einer engen drei Zimmer Wohnung lebte? Heimlich sah Kati sich um, überall Überfluss, die Blumen im Garten, welch eine Pracht. So ein altes Haus brannte sicher leicht, überlegte sie so vor sich hin. Wenn nun der Blitz einschlug, dass sollte es ja geben…

Der Himmel wurde immer dunkler und es sah aus, als braue sich ein mächtiges Unwetter genau über ihnen zusammen. Plötzlich zuckte ein greller Blitz auf und es folgte ein ohrenbetäubender Donner. Christianes Mutter kam gelaufen.


„Schnell, in den Garten mit euch und legt euch auf die Erde“, schrie sie, sie selbst rannte zum Gartenschlauch und hielt ihn in das Küchenfenster, aus dem es schon flackerte, denn der Blitz hatte die Kabel in Brand gesetzt und schnell verbreitete sich das Feuer in der Küche. Die Nachbarn eilten zu Hilfe und bald hörte man auch die Feuerwehr nahen. Es war nicht viel zu retten, es war ein trockener Sommer gewesen und das Feuer hatte sich blitzschnell ausgebreitet. Christiane und ihre Mutter weinten. Kati ging zu ihnen und sagte.“ Christiane kann mit zu mir, sie kann heute bei mir schlafen“.
Müde strich Christianes Mutter Kati übers Haar. „Du bist ein gutes Kind, ich danke dir“, sagte sie und Kati hatte ein schlechtes Gewissen. Sie nahm Christiane mit zu ihren Großeltern, Natürlich konnte sie bleiben.

Trotzdem war es nicht so, wie Kati es gewollt hatte, sie hatte gehofft, Christiane würde die Nase rümpfen, aber dazu war sie gar nicht in der Lage. Sie war viel zu geschockt von den Ereignissen des Tages. Heute Morgen war ihre Welt noch in Ordnung gewesen, und nun saß sie hier, in einem Nachthemd, das nicht mal ihr gehörte.

In Kati sah es ähnlich zerrissen aus, in ihr stritten das schlechte Gewissen und das Mitgefühl mit Triumph und Sieg, das Schicksal beeinflussen zu können. Aber, wie schon so häufig in der letzten Zeit, erreichte sie nicht ihr Ziel, denn Christianes Eltern waren hoch versichert gewesen und sie bauten ein neues Haus, viel größer und schöner als das alte. Da Kati die arme Christiane aber immer an diesen schrecklichen Tag erinnerte wurde sie nie wieder dort eingeladen.

Es ist halt nicht einfach, eine Hexe zu sein. Da sie aus den letzten Ereignissen gelernt hatte, dass die Hexerei oft nach hinten losgeht, beschloss Kati, künftig keine Verwünschungen mehr zu äußern.
Aber wer weiß, vielleicht überlegt sie es sich ja noch einmal…

© By Gitte
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8 Kommentare
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 13.01.2017 | 08:03  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 13.01.2017 | 08:27  
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Herbert Lödorf aus Gelsenkirchen | 13.01.2017 | 08:45  
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Luzie Schröter aus Fröndenberg/Ruhr | 13.01.2017 | 13:27  
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Gitte Hedderich aus Herten | 13.01.2017 | 13:46  
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Renate Smirnow-Klaskala aus Essen-Nord | 13.01.2017 | 18:28  
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Gitte Hedderich aus Herten | 13.01.2017 | 20:14  
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Christiane Bienemann aus Kleve | 15.01.2017 | 16:25  
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