Ich bin unschuldig!

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Ich bin unschuldig!
Mein Geburtstag begann so viel versprechend. Schon einen Tag vorher war ich bei meiner Freundin Susi eingeladen. Wie immer wenn ich bei ihr war hatten wir eine Menge Spaß. Ziemlich erschöpft traf ich am frühen Abend zu Hause ein, mit einem Paket beladen, das mein Geburtstags Geschenk enthielt und das ich am folgenden Tag öffnen durfte. Dieses Mal hatte sie sich etwas ganz besonderes einfallen lassen behauptete Susi und ich konnte es kaum erwarten.

Am anderen Tag weckte mich mein Mann mit einem dicken Kuss. „Herzlichen Glückwunsch zu deinem sechsundfünfzigsten Geburtstag mein Schatz, auf die nächsten sechsundfünfzig Jahre“, wünschte er mir. „Oh ne lass mal, Hundertzwölf möchte ich lieber nicht werden“, lachte ich und hüpfte mit einem Sprung aus dem Bett. „Warum denn nicht, wenn es uns dann immer noch gut geht“, meinte mein Mann. „Ja wenn“, antwortete ich, „aber das ist eher unwahrscheinlich und nun komm, ich will Geschenke auspacken.“ „Geschenke“, mein Mann zog ein entsetztes Gesicht und fasste sich an seine Stirne. „Verflixt, ich wusste es doch das ich was vergessen habe.“ „Du hast meinen Geburtstag vergessen“, fragte ich streng? Daraufhin flitzte er ins Bad, zog schnell seinen Jogging Anzug über und rannte mit einem: „Bin gleich wieder da“, hinaus. Was wurde das jetzt? Minuten später war er wieder da und überreichte mir einen Strauß roter Rosen. „Die hatte ich in der Garage deponiert“, klärte er mich auf und kassierte einen gerührten Kuss von mir. „Bitte stell sie ins Wasser, ich kleide mich rasch an“, bat ich ihn und ging ins Bad. Anschließend deckte ich den Tisch, während mein Mann sich zurecht machte. Auspacken würde ich nach dem Frühstück. Gerade wollte ich in mein Brötchen beißen, als es schellte. „Na das geht ja heute früh los“, seufzte ich und betätigte den Türöffner.

Meine ersten Gäste waren zwei Polizisten, ein Mann und eine Frau. „Donnerwetter, nun kommt schon die Polizei gratulieren“, fragte ich verblüfft? „Frau Gitte Hedderich“, vergewisserte sich der Beamte? Worauf ich nickte. „Sie sind vorläufig festgenommen, wegen Mordes an Frau Susanne Reinardi“, bekam ich zur Antwort. „Wie bitte? Ich war erst gestern bei meiner Freundin und als ich ging, da war sie putzmunter.“ Wie vom Donner gerührt ließ ich mich auf einen Stuhl sinken. „Das kann nicht sein, das ist doch ein dummer Scherz, oder“, fragte ich nach. „Leider nicht“, entgegnete der Beamte, „bitte machen sie keine Schwierigkeiten und kommen sie mit.“ Mit diesen Worten zog er ein Paar Handschellen hervor und legte sie mir an. Allerdings spürte ich, dass die linke Seite nicht einrastete. Seine Kollegin hatte einige Papiere in der Hand und rief nach ihm. Beide verließen das Haus. „Wir müssen eben noch etwas besprechen, nicht weglaufen“, warnte man mich. Durch die Milchglasscheibe sah ich sie vor der Türe stehen. Mein Mann stand bewegungslos, wie erstarrt. Nun kam Leben in mich. Linke Hand aus der Fessel, Rucksack geschnappt, ins Schlafzimmer einen dicken Pulli und Socken rein. Jacke aus dem Schrank und Geldbörse eingesteckt. Schnell gab ich meinem Mann einen Kuss und wollte vorsichtig die Wohnung verlassen, als er mir mein Handy in die Hand drückte. „Nur für Notfälle“, warnte er mich, denk dran, man kann es orten.“ „Danke“, hauchte ich und schlich langsam die Treppe in den Keller hinab. Die beiden draußen diskutierten immer noch, so konnte ich unbehelligt durch die Hintertüre und den Garten entwischen. Meine Gedanken waren fast ausgeschaltet, ich reagierte völlig mechanisch, nur weg hier. Wer immer Susi umgebracht hatte, ich war es nicht, aber wie es aussah, war ich eine der Letzten die sie lebend gesehen hatte und das reichte oft schon, also erst einmal Flucht und dann nachdenken. Wenn es mir gelang in die Großstadt zu kommen hatte ich sicher gute Chancen, wenn man eine Fahndung ins Fernsehen gab, würde das sicher in den Nachrichten ausgestrahlt werden, bis zum Abend musste ich irgendwo unter geschlüpft sein. Meine Cousine fiel mir spontan ein, sie hieß auch Susi, vielleicht würde sie mir helfen.
Mein Herz klopfte wie verrückt und ich musste permanent gegen den Impuls zu Rennen ankämpfen. Das würde mich noch mehr verdächtig machen. Scheinbar ruhig überquerte ich den Friedhof und begab mich zügig ans Ende des Dorfes, zur Bushaltestelle, der würde mich dann zum Hassler Bahnhof bringen. Immer wieder spähte ich nach Polizeiwagen aus, doch ich erreichte unbehelligt die Haltestelle und auch den Bahnhof. Als ich im Zug saß beruhigte ich mich ein wenig. Allerdings rotierten meine Gedanken. Wer konnte Susi das angetan haben. Wie war sie überhaupt ums Leben gekommen? Sicher würde ich alles in den Nachrichten am Abend erfahren, dann würde bestimmt eine Fahndung nach mir ausgestrahlt. Oh Gott und was dann? Konnte ich meiner Cousine das überhaupt zumuten, dass sie mich versteckte? Sie machte sich ja auch strafbar. Aber was sollte ich sonst machen? Wenn sie sich weigerte würde ich in irgendeiner Kaschemme absteigen, in der man nicht nach dem Ausweis fragte. Über alle diesen Gedanke war der Zug in Essen angekommen. Nun musste ich suchen, welche Linie nach Stoppenberg fuhr. Ach je und wenn sie nicht zu Hause war, was dann? Das würde ich dann entscheiden, also erst einmal dorthin beschloss ich.

Endlich stand ich mit klopfendem Herzen vor ihrem Haus und schellte. Sofort schlug Zero an und dann hörte ich Schritte, die sich näherten. Sie war zu Hause, eine ganze Steinlawine löste sich von meinem Herzen. „Du“, fragte Susi, als sie die Türe öffnete? „Was ist passiert? Man, siehst du grottig aus!“ „Na danke, das brauche ich jetzt“, antwortete ich und brach in Tränen aus. Susi erschrak. „So schlimm, komm rein.“ Sie schob mich ins Wohnzimmer. Ängstlich blickte ich mich um. „Bist du allein?“ „Wen hast du erwartet, meinen Hausfreund“, frotzelte sie? Wurde aber gleich wieder ernst, als sie sah wie sehr ich durch den Wind war. Aufgeregt sprudelte ich die ganze Geschichte hervor. „Wenn du mich wegschickst kann ich das verstehen“, fügte ich an. „Wofür hältst du mich, wir sind doch eine Familie und die muss zusammen halten“, antwortete sie. „Ach Susi“, ich fiel ihr um den Hals und heulte wieder, meine Nerven machten einfach nicht mehr mit.

„Komm mit“, bat sie mich und brachte mich einige Häuser weiter. Dort gingen wir in den Garten und da stand ein Geräteschuppen. „Meine Freundin ist ausgezogen und nur ich habe die Schlüssel, hier kannst du fürs Erste bleiben“, informierte sie mich und dankbar ließ ich mich in eine Ecke sinken. „Ich komme gleich wieder, ich hole dir einiges, damit du es ein wenig gemütlicher hast“, sagte sie und kam kurze Zeit später mit einer Luftmatratze, einer Decke, einer Flasche Sprudel, einer Taschenlampe und einigen Broten wieder. Sie hatte wirklich an alles gedacht. „Versuch ein wenig zur Ruhe zu kommen“, bat sie mich. „Mal sehen was in den Nachrichten kommt, ich komme dann wieder und berichte es dir.“ Mit diesen Worten ließ sie mich allein und ich fiel völlig erschöpft in einen unruhigen Schlaf.

Die Nachrichten brachten nichts, kein Wort über einen Mord in Düsseldorf, über eine flüchtige Mörderin aus Herten. Rein gar nichts. Susi überlegte, wollte man es geheim halten? Aber wieso? Wenn eine Mörderin flüchtete bat man doch gewöhnlich die Bevölkerung um Mithilfe. Harald kam ihr in den Sinn. Harald war bei der Polizei und er würde sich erkundigen können. Sofort wählte sie seine Handynummer. „Sag einmal, kannst du mir einen Gefallen tun? Bitte erkundige dich doch einmal ob heute etwas Ungewöhnliches in Herten vorgefallen ist.“ „Susi, sag mal von Schweigepflicht hast du noch nie was gehört oder“, wollte Harald wissen. „Nun hab dich mal nicht so, du wirst doch einer alten Freundin einen Gefallen tun können“, schmeichelte Susi. „Na mal sehen, wenn es nicht zu kriminell ist, ich melde mich.“ Mit diesen Worten legte er auf. Schon kurze Zeit später rief er zurück und lachte in einer Tour. „Warum gackerst du so blöde“, fuhr Susi auf, „was ist los?“ „Ach kaum etwas, nur in Herten auf dem Polizeirevier sitzt einen aufgelöste Frauenbande aus einem Forum, die wollten ihrer Chefin auf ungewöhnliche Art zum Geburtstag gratulieren und haben sie festnehmen lassen, aber das ist wohl gründlich daneben gegangen. Du kennst sie doch nicht etwa?“ Nun konnte auch Susi sich nicht mehr halten und lachte los. „Danke Harald, du hast uns gerettet, dann werde ich mal die „Mörderin“ bitten sich zu stellen, denn das Gesicht will ich unbedingt sehen.“ „Mach ein Foto“, bat Harald. „Lieber nicht, ich glaube dann verhaut sie uns“, gluckste Susi.

Ängstlich fuhr ich zusammen, als ich hörte wie der Schuppen aufgeschlossen wurde. „Hör mal, ich habe nachgedacht, du solltest dich stellen“, schlug Susi vor. „Und dann? Für Mord gibt es fünfzehn Jahre“, gab ich zu bedenken. „Du warst es doch nicht“, entgegnete Susi. „das weißt du und ich, aber nicht die Polizei“, sagte ich resigniert. „Wie soll es denn dann weitergehen? Du kannst doch nicht immer flüchten, außerdem macht dich das erst recht verdächtig“, meinte Susi. Ich überlegte. Sie hatte ja Recht. „Also gut“, gab ich nach, „bringst du mich hin?“ „Na sicher.“ Susi nahm mich in den Arm und ich konnte ihr Grinsen nicht sehen. Auf der Fahrt war ich völlig in Gedanken und deshalb fiel mir auch da nicht auf, dass Susi dem Anlass gemäß völlig ungewöhnlich sehr fröhlich wirkte.

Als sie vor dem Polizeirevier Herten hielt schaute ich ängstlich. „Soll ich wirklich“, fragte ich sie? Sie nickte und begleitete mich hinein. „Hier ist das Geburtstagskind“, verkündete sie lauthals, als wir die Wache betreten hatten. Da öffnete sich die Türe zum Hinterzimmer und alle meine Forenfreundinnen kamen heraus und sangen Happy Birthday to you. Das konnte ich nicht fassen, mit offenem Mund blickte ich auf meine äußerst lebendige Freundin Susi die das Ganze anführte, auf die sanfte Evi, selbst Jo-Ann war aus Stuttgart angereist. ebenso wie Jutta aus Fritzlar und Dirk aus dem hohen Norden.

Als ich mich gefasst hatte brüllte ich los: „Ihr Schweinebacken, was habt ihr mit mir gemacht“ und wieder heulte ich. An keinem Geburtstag habe ich soviel geheult wie an meinem sechsundfünfzigsten. „Mensch, das konnte doch keiner wissen das du abhaust“, sagte Susi und nahm mich in den Arm. „Oh Mann ist das schön“, schluchzte ich und selbst die Beamten tranken ein Gläschen Sekt mit.
©By Gitte
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4 Kommentare
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Luzie Schröter aus Fröndenberg/Ruhr | 23.09.2016 | 09:11  
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 23.09.2016 | 09:12  
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Gitte Hedderich aus Herten | 23.09.2016 | 11:56  
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 23.09.2016 | 13:10  
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